Archiv Naturschutz heuteSeltene Obstfreuden: Maulbeere und Mispel Speierling: Sauer macht lustig von Hans Bahmer, mit Ergänzungen von Helge May
Der Baum oberhalb des Dorfes auf der Streuobstwiese fällt durch seine Größe auf. Ein kurzer Stamm, der sich schon in Mannshöhe in mehrere nach oben aufsteigende Äste verzweigt, die in eine mächtige Krone ausufern. Ein gen Himmel gerecktes Astgewirr, vergleichbar mit dem Mündungsdelta eines großen Stromes. Intuitiv spürt man: Dieser Baum unterscheidet sich von den ihn umgebenden Obstbäumen, denn er ist einer der letzten seiner Art. Dabei ist sein Name durchaus geläufig, zumindest in Gegenden, in denen Apfelwein getrunken wird. Apfelwein mit Speierling gilt, ohne dass man genau sagen kann warum, als ein besonderes Naturprodukt. Aber auch Biertrinker werden mit dem Speierling konfrontiert, seit eine Brauerei auf ihren Bierfilzen Nachhilfeunterricht in Biologie erteilt und dort seltene Baumarten vorstellt. Zwar haben Brauerei und Apfelweinkelterei zur Popularität des Namens Speierling beigetragen, die Pflanze aber, die sich dahinter verbirgt, bleibt unbekannt wie mancher Literaturnobelpreisträger. Überalteter
Baumbestand Der Speierling ist nicht nur selten, sondern die wenigen Exemplare werden oft genug noch mit der engverwandten Eberesche verwechselt. Dabei bilden die längsrissige Rinde, die grünen, fast kahlen, klebrigen Knospen, die Blütenstände und vor allem die Früchte ein unverwechselbares Bild. Als Naturschützer und Naturliebhaber kann man sich nur den Worten J. F. Lippolds in seinem 1824 erschienenen Taschenbuch des verständigen Gärtners" anschließen: Der Speierling eignet sich vortrefflich für Landschaftsgärten, die er im Frühling mit seinen Blüten und seinem schönen grünen Laube verschönert und wieder im Herbste mit seinen grünlich gelben, und roth schattirten Früchten schmückt. Das Holz ist vortrefflich und sehr schön. Es wäre daher zu wünschen, dass man diese Art zu mehren suchen möchte." Schon im Altertum
bekannt Einst wurde der Speierling in vielfältiger Weise genutzt. Das Holz, eines der festesten der einheimischen Bäume, fand mannigfache Verwendung. Unter anderem stellte man daraus Speere her, woran die Namen Speerbaum, Sperbel und Sperwe erinnern. Das Holz besitzt einen guten Brennwert und wurde gern zu Holzkohle verarbeitet. Die Hauptnutzung bestand aber in der Verarbeitung der zwischen Apfel- und Minibirnen liegenden Früchte, die wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes eine adstringierende Wirkung haben, die schon in alten Kräuterbüchern dem Speierling als charakteristisch zugeschrieben wird. Da heißt es: das si ganz sprör und rauch machen im hals" und die Speierling haben eine zusammenziehende Natur". Vitaminreich
und extrasauer In der Volksmedizin wurden die Früchte bei Verdauungsbeschwerden empfohlen, da sie die Durchläuff des Bauchs stopffen". Bei Ruhr und anderen Magen-Darm-Krankheiten soll der Speierling ebenfalls helfen. Aber man konnte die Früchte auch als Trocken- oder Backobst verzehren oder zu Speierlingskonfitüre verarbeiten. Der hohe Pektingehalt lässt Gelees und Marmeladen schnell gelieren. Meistens wurden die Früchte für den Speierlingswein benötigt, den man in Frankreich heute zu einem Branntwein (Sorbette) verwertet. Bei uns dienen die Früchte lediglich als Zusatz bei der Apfelweinherstellung. Speierlingfrüchte klären den Apfelwein und verbessern Geschmack und Haltbarkeit. Doch nur selten findet sich heute Speierling in den gleichnamigen Apfelweinsorten. Im Frankfurter Raum bieten Großkeltereien gut hundert Mark für den Zentner Speierlingfrüchte. Um die Gerbsäure ausnutzen zu können, müssen die Früchte vom Baum gepflückt werden. Abgefallene, nachgereifte Früchte verlieren an Gerbsäure. Heutzutage wird der Geschmack des Apfelweines durch den fast in homöopathischen Dosen zugefügten Speierling nur sehr gering beeinflusst. In Farbe
dem Rheinwein gleich" Den Speierling zu vermehren, ist ein schwieriges Geschäft, zumal 15 bis 25 Jahre vergehen können, bis der Baum überhaupt zum ersten Mal Früchte hervorbringt, aus deren Samen es aber nur selten gelingt, Jungpflanzen zu ziehen. Durch die empfindlichen Wurzeln ist die übliche Verschulung nicht möglich. Der Speierling wird daher am besten in Pflanzcontainern ausgebracht. Die Keimung ist nur möglich, wenn zuvor keimungshemmende Stoffe des Fruchtfleisches völlig entfernt sind. Das passiert bei der Verdauung durch Vögel oder beim Verrotten der Früchte über Winter. Gefährliche
Jugendzeit Durchbruch bei
der Nachzucht Die jungen Speierlinge wachsen auf guten Böden in jedem Jahr rund einen halben Meter in die Höhe und in rund zehn Jahren werden die ersten Früchte der neuen Generation geerntet werden. Musikinstrumentenbauer und Tischler werden noch gut hundert Jahre warten müssen, bis wieder extrahartes Speierlingholz zur Verfügung steht.
Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
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