Archiv Naturschutz heute


Seltene Obstfreuden: Maulbeere und Mispel

Speierling: Sauer macht lustig

von Hans Bahmer, mit Ergänzungen von Helge May


Auf bundesweit knapp 4000 Bäume war der Speierlingbestand Anfang der neunziger Jahre zusammengeschrumpft. Nun arbeiten Forstwissenschaftler und Naturschützer an der Wiederausbreitung dieser vielseitig nutzbaren Art.

Der Baum oberhalb des Dorfes auf der Streuobstwiese fällt durch seine Größe auf. Ein kurzer Stamm, der sich schon in Mannshöhe in mehrere nach oben aufsteigende Äste verzweigt, die in eine mächtige Krone ausufern. Ein gen Himmel gerecktes Astgewirr, vergleichbar mit dem Mündungsdelta eines großen Stromes. Intuitiv spürt man: Dieser Baum unterscheidet sich von den ihn umgebenden Obstbäumen, denn er ist einer der letzten seiner Art.

Dabei ist sein Name durchaus geläufig, zumindest in Gegenden, in denen Apfelwein getrunken wird. Apfelwein mit Speierling gilt, ohne dass man genau sagen kann warum, als ein besonderes Naturprodukt. Aber auch Biertrinker werden mit dem Speierling konfrontiert, seit eine Brauerei auf ihren Bierfilzen Nachhilfeunterricht in Biologie erteilt und dort seltene Baumarten vorstellt. Zwar haben Brauerei und Apfelweinkelterei zur Popularität des Namens Speierling beigetragen, die Pflanze aber, die sich dahinter verbirgt, bleibt unbekannt wie mancher Literaturnobelpreisträger.

Überalteter Baumbestand
Tatsächlich gibt es nur noch 3500 bis 4000 Vertreter dieser Baumart, von denen nur 100 Stück jünger sind als 40 Jahre. In den letzten 150 Jahren ist der Speierling waldbaulich kaum noch genutzt worden, oft wurde er wegen seiner Langsamwüchsigkeit von den Forstbehörden sogar gezielt ausgerottet. Auch der eingangs beschriebene Speierling am Rande der Wetterau ist bereits 90 Jahre alt, damit aber noch lange nicht im Greisenalter, sondern in der Mitte seines Lebens, kann er doch gut und gerne 200 Jahre alt werden.

Der Speierling ist nicht nur selten, sondern die wenigen Exemplare werden oft genug noch mit der engverwandten Eberesche verwechselt. Dabei bilden die längsrissige Rinde, die grünen, fast kahlen, klebrigen Knospen, die Blütenstände und vor allem die Früchte ein unverwechselbares Bild.

Als Naturschützer und Naturliebhaber kann man sich nur den Worten J. F. Lippolds in seinem 1824 erschienenen „Taschenbuch des verständigen Gärtners" anschließen: „Der Speierling eignet sich vortrefflich für Landschaftsgärten, die er im Frühling mit seinen Blüten und seinem schönen grünen Laube verschönert und wieder im Herbste mit seinen grünlich gelben, und roth schattirten Früchten schmückt. Das Holz ist vortrefflich und sehr schön. Es wäre daher zu wünschen, dass man diese Art zu mehren suchen möchte."

Schon im Altertum bekannt
Die Heimat des Speierlings sind vermutlich die Mittelmeerländer, wo der Baum bereits in der Antike als Nutzpflanze gezogen wurde. Theoprast berichtet darüber schon im 4. Jahrhundert vor Christus. Die Römer brachten den wärmeliebenden und lichthungrigen Baum wahrscheinlich mit über die Alpen. Seine weitere Verbreitung ist den Mönchen zu verdanken, in deren Klostergärten sich die Pflanze bis an die Mittelgebirge vorarbeitete, ihrer nördlichen Verbreitungsgrenze. Früheste mitteleuropäische Quellen sind die Verordnung über die Krongüter Karls des Großen und kurz darauf im Jahr 820 der Klosterplan von St. Gallen.

Einst wurde der Speierling in vielfältiger Weise genutzt. Das Holz, eines der festesten der einheimischen Bäume, fand mannigfache Verwendung. Unter anderem stellte man daraus Speere her, woran die Namen Speerbaum, Sperbel und Sperwe erinnern. Das Holz besitzt einen guten Brennwert und wurde gern zu Holzkohle verarbeitet.

Die Hauptnutzung bestand aber in der Verarbeitung der zwischen Apfel- und Minibirnen liegenden Früchte, die wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes eine adstringierende Wirkung haben, die schon in alten Kräuterbüchern dem Speierling als charakteristisch zugeschrieben wird. Da heißt es: „das si ganz sprör und rauch machen im hals" und „die Speierling haben eine zusammenziehende Natur".

Vitaminreich und extrasauer
Die Eigenschaften hat sich nicht nur in den alten Namen Sporäpfel, Sporbirn niedergeschlagen, sondern ebenfalls im Namen Speierling, der zum Ausdruck bringt, dass nur noch Ausspeien kann, wer in die Frucht hineinbeißt. So dürfte der Kreis der Liebhaber der rohen Speierlingsfrüchte, die sich durch ihren hohen Vitamin-C-Gehalt auszeichnet, immer klein gewesen sein.

In der Volksmedizin wurden die Früchte bei Verdauungsbeschwerden empfohlen, „da sie die Durchläuff des Bauchs stopffen". Bei Ruhr und anderen Magen-Darm-Krankheiten soll der Speierling ebenfalls helfen. Aber man konnte die Früchte auch als Trocken- oder Backobst verzehren oder zu Speierlingskonfitüre verarbeiten. Der hohe Pektingehalt lässt Gelees und Marmeladen schnell gelieren. Meistens wurden die Früchte für den Speierlingswein benötigt, den man in Frankreich heute zu einem Branntwein (Sorbette) verwertet.

Bei uns dienen die Früchte lediglich als Zusatz bei der Apfelweinherstellung. Speierlingfrüchte klären den Apfelwein und verbessern Geschmack und Haltbarkeit. Doch nur selten findet sich heute Speierling in den gleichnamigen Apfelweinsorten. Im Frankfurter Raum bieten Großkeltereien gut hundert Mark für den Zentner Speierlingfrüchte. Um die Gerbsäure ausnutzen zu können, müssen die Früchte vom Baum gepflückt werden. Abgefallene, nachgereifte Früchte verlieren an Gerbsäure. Heutzutage wird der Geschmack des Apfelweines durch den fast in homöopathischen Dosen zugefügten Speierling nur sehr gering beeinflusst.

„In Farbe dem Rheinwein gleich"
Viel wichtiger als die geschmackliche Veränderung des Apfelweins war die klärende Wirkung des Speierlings, der als Scheidesaft gebraucht wurde. Der Pfarrer J. L. Christ schrieb 1802 in seinem Obstlehrbuch: „Einen besonders vorzüglichen Äpfelwein machen die Speierlinge, wenn man nämlich drey Theil Äpfel und ein Theil Speierling zusammenkeltert. Dieser wird an Farbe und Klarheit dem Rheinwein gleich und übrigens gut und stark. Ein Malter Speierling und zwei Malter Äpfel geben ein Ohm sehr vorzüglichen Cyder. Wegen diesem Vorzug ist auch der Baum hier häufig gepflanzt." Aber auch die klärende Wirkung des Speierlings ist heute nicht mehr notwendig, denn die Separation von Wein und Hefe wird durch geeignete Filter erreicht. So dient die Speierlingzugabe oft nur noch der Rechtfertigung des Flaschenetiketts.

Den Speierling zu vermehren, ist ein schwieriges Geschäft, zumal 15 bis 25 Jahre vergehen können, bis der Baum überhaupt zum ersten Mal Früchte hervorbringt, aus deren Samen es aber nur selten gelingt, Jungpflanzen zu ziehen. Durch die empfindlichen Wurzeln ist die übliche Verschulung nicht möglich. Der Speierling wird daher am besten in Pflanzcontainern ausgebracht. Die Keimung ist nur möglich, wenn zuvor keimungshemmende Stoffe des Fruchtfleisches völlig entfernt sind. Das passiert bei der Verdauung durch Vögel oder beim Verrotten der Früchte über Winter.

Gefährliche Jugendzeit
Die komplizierte Vorbehandlung der Samen und der Befall mit Rost- und Schorfpilzen dezimieren die Keimlinge, so dass man von 100 Stück maximal 10 bis 20 zur Weiterkultur erhält. Junge Speierlinge leiden zudem stark an Wildverbiss. Neupflanzungen müssen daher unbedingt für sechs bis acht Jahre mit Drahthosen gesichert werden. Auch Wühlmäuse gehen gern an Speierlinge. Geringe Konkurrenzfähigkeit in seiner Jugendphase und ein langsames Wachstum sind weitere Hemmnisse auf dem Weg zu einem alten Speierling, der sich nach Überwindung seiner Kinderkrankheiten aber als widerstandsfähig gegen Krankheiten und Schädlinge erweist. Die baumschulüblichen zweijährigen Jungpflanzen sind noch schwach im Holz, so dass man sie anbinden muss. Zur Nachzucht aus Wurzelschnittlingen werden fünf bis sieben Zentimeter lange Wurzelstücke von Jungpflanzen Mitte März geschnitten und in einem Torf-Sand-Gemisch zum Austrieb gebracht.

Durchbruch bei der Nachzucht
Der Durchbruch zur erfolgreichen Nachzucht gelang erst vor wenigen Jahren. Heute bieten die Forstverwaltungen und Forstbaumschulen ausreichend Sperlinge an, die man auch für große Gärten und Streuobstwiesen verwenden kann. Zur Ausweitung der Speierlingbestände wurden in den letzten acht Jahren bereits rund eine halbe Million Jungspeierlinge in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Luxemburg ausgepflanzt.

Die jungen Speierlinge wachsen auf guten Böden in jedem Jahr rund einen halben Meter in die Höhe und in rund zehn Jahren werden die ersten Früchte der neuen Generation geerntet werden. Musikinstrumentenbauer und Tischler werden noch gut hundert Jahre warten müssen, bis wieder extrahartes Speierlingholz zur Verfügung steht.


Naturschutz heute, Ausgabe 1/97 vom 4. Januar 1997


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

Themenübersicht Archiv Naturschutz heute * Home