Archiv Naturschutz heute


Ähnliche Beiträge des Autors zu den Jahresvögeln: Nachtigall (1995), Feldlerche (1998), Goldammer (1999) und Rotmilan (2000)

Buntspecht, Vogel des Jahres 1997
Von der Springwurzel und dem Geschmack des Spechtfleisches

von Karl Wilhelm Beichert

Specht-Sagen


In den alten Vogelbüchern steht neben richtigen Beobachtungen, vor allem über das Aussehen und die Anatomie des Buntspechts, auch manches Merkwürdige und Kuriose. So erzählt Plinius der Ältere kurz nach Christi Geburt von einer Verhaltensweise, die später Albertus Magnus (1193-1280) und Conrad Gesner (1516-1565) wieder aufgegriffen wird: Wenn ein Hirte einen Keil in eine Spechthöhle treibe, so falle dieser wieder heraus, wenn der Specht ein bestimmtes Kraut, die „Springwurzel", in die Nähe bringe. Wer dieses Auszieherkraut finde, könne damit Schlösser und Türen öffnen. Noch Clemens Brentano verwendet 1815 die Sage in seinem Gedicht „Die Gründung Prags":

„Der Specht umflog sein Nest mit bangen Schwingen,
das Zwratka, meine kluge Frau, verstopft,
er sollte ihr die starke Springwurz bringen,
von der die Schlösser all, an die sie klopft,
und alle Siegel, alle Felsen springen."

Aber schon im Mittelalter äußert Albertus Magnus Zweifel an dieser Geschichte, indem er darauf hinweist, dass bisher noch niemand dieses Kraut kenne. Ob es sich um einen Buntspecht handelte, geht aus den Schilderungen Ovids und der anderen Autoren nicht eindeutig hervor: Ovids Beschreibung verrät mehr Phantasie als Artenkenntnis. Aber auch bei den Spechtarten, die Aristoteles um 350 vor Christus in seiner Tiergeschichte aufführt, wird eine genaue Zuordnung zu den uns heute bekannten Spezies von den Gelehrten noch diskutiert. Gesner indes bescheinigt Aristoteles die Kenntnis des Buntspechts.

Wie viele Gelehrte vor ihm zeigt sich auch J.A. Naumann in seiner „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands" (1827-1844) von der Schönheit des Spechts fasziniert: „Es sieht herrlich aus, wenn bei heiterem Wetter diese Buntspechte sich von Baum zu Baum jagen, im Sonnenscheine schnell an den Ästen hinauflaufen oder auch an den hohen Spitzen hoher Bäume sich sonnen oder auf einem dürren Zacken, von der Sonne beschienen, ihr sonderbares Schnarren hervorbringen. Sie sind fast immer in Bewegung, dabei sehr hurtig und beleben den Wald, besonders die düsteren Nadelwaldungen, auf eine angenehme Weise."

Naumann lobt den Buntspecht, weil er die „von Bostrychos (dem Borkenkäfer) befallenen Bäume durch Entrinden kennzeichnet" und „durch das Herstellen von Niststätten für andere Höhlenbrüter" Nutzen stiftet. Nützlich war der Buntspecht auch – eine für uns heute schwer nachvollziehbare Vorstellung – als Fleischlieferant. In Zedlers Lexikon von 1743 heißt es: „Das Fleisch der Spechte ist nicht gar zu zarte, sondern etwas zähe, jedoch dabey noch von ziemlichem Geschmacke, sonderlich im Winter, da sie am fettesten sind."

„Sein Fleisch schmeckt ziemlich gut", heißt es lakonisch bei Buffon, der auch von der Jagd auf Buntspechte berichtet: „Im Sommer tödtet man oft zur Zeit der Dürre Buntspechte bey den Morästen, die sich in den Gehölzen befinden und wohin die Vögel zum Trinken kommen. Wenn man ihn auf dem Baum schießt, so fällt er selten bis auf die Erde, wenn noch etwas Leben in ihm ist, denn er hält sich mit seinen Nägeln an den Zweigen fest und man muss ihn oft noch einmahl schießen, wenn er herunter fallen soll."

Sehr genau kennt sich Naumann aus: „Sein derbes Fleisch behält auch beim Braten etwas von jenem, dem Vogel beiwohnenden, widerlichen Geruch, und ist daher kein sonderliches Essen, doch etwas besser das der flüggen Jungen. Diese werden deshalb in waldigen Gegenden häufig von armen Leuten aufgesucht und verspeist."

Weil der Buntspecht sich fast ausschließlich von schädlichen Forstinsekten ernähre, könne er, so Naumann, „ein wahrer Erhalter der Wälder" genannt werden. Deshalb sollten die Forstverwaltungen der Jagd auf den Buntspecht auch einen Riegel vorschieben, weil durch sie „der Vermehrung eines nützlichen Vogels entgegengearbeitet wird". Das ist der Beginn der Schutzbemühungen um den Buntspecht und seines Lebensraums, die in der Erklärung zum Vogel des Jahres 1997 ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden haben.


Specht-Sagen

König Picus
In einer Zeit, als die Götter noch auf der Erde mit den Menschen verkehrten, herrschte als König in Italien Picus, der Sohn des Saturn. Er war ein junger Mann von außergewöhnlicher Schönheit und hatte, obwohl der Schwarm aller jungen Mädchen, nur Augen für seine junge Frau Canens. Als er eines Tages auf der Eberjagd durch die Wälder ritt, erblickte ihn die Zauberin Kirke, die gerade Kräuter für ihre giftigen Mixturen sammelte. Auf der Stelle verliebte sie sich in den schönen jungen Mann und verlangte, direkt wie sie war, umgehend die Verbindung mit ihm. Picus aber weigerte sich.

Die Zurückgewiesene sann daraufhin auf Rache und verwandelte den Spröden: „Da hat er Federn an seinem Leibe entdeckt. Empört darüber, dass er plötzlich als neuer Vogel Latiums Wälder bereichert, pickt er wütend mit hartem Schnabel ins Holz, und zornig verwundet er lange Äste." Der Specht war geboren. So jedenfalls erzählt es uns Ovid um Christi Geburt in seinen Metamorphosen (Verwandlungsgeschichten).

Der Teufel und die Spechte
Eine Sage weiß, dass einst der Teufel die Spechte als Viehhüter benützte. Da sie ihre Arbeit aber nicht gewissenhaft taten, züchtigte er sie. Dem Kleinen schlug er aufs Hinterteil, dem Großen auf den Kopf, und noch heute sind beide an diesen Stellen rot gefärbt. Heute noch suchen sie ihr Vieh: Der Große fliegt mit dem Rufe pru, pru, pru, und wenn er sich auf einen Baum gesetzt hat, schaut er lange nach den Tieren aus und hetzt den Hund auf sie: pih, pih, pih. Ebenso versucht er, in den Bäumen einen Stall zu hämmern, damit sein Vieh hineinlaufe.

Die hartherzige Bäckersfrau
Nach einer Sage aus Pommern bat einst der Herr und Heiland, als er noch auf Erden wandelte, eine Bäckersfrau um Brot. Diese aber war hartherzig und jagte ihn aus dem Hause. Da sagte der Herr, sie solle sich in einen Vogel verwandeln, der seine Nahrung aus dem Holz picken müsse. Alsbald wurde die Frau zu einem Buntspecht, und weil sie gerade eine rote Kopfbedeckung trug, hat auch der Vogel eine rote Kappe auf dem Kopf.

Naturschutz heute, Ausgabe 1/97 vom 4. Januar 1997


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