Archiv Naturschutz heute


Totgeglaubte leben länger

Vor einem halben Jahrhundert wurde der Quastenflosser wiederentdeckt

von Gerd von Wahlert


Vor 50 Jahren fand ein Fischdampfer vor Südafrika einen lebenden Vertreter jener Fischgruppe, aus der vor 350 Millionen Jahren die Landwirbeltiere entstanden waren. Deren Fossilnachweis ist aber vor 60 Millionen Jahren abgebrochen. Das war mehr als eine Überraschung: wissenschaftlich war es eine Sensation. Vor 25 Jahren gelangte ein konserviertes Exemplar nach Deutschland, an dem wir im Stuttgarter Naturkundemuseum zeigen konnten, dass seine Quastenflossen Schwimmflossen sind. 1987 hat der Verhaltensforscher Hans Fricke diese Aussage mit spektakulären Filmaufnahmen aus einem Tauchboot bestätigt und durch weitere, 1990 fortgeführte Beobachtungen ergänzt.

Wie aber ist es möglich, dass dieses lebende Fossil noch heute leben kann? Eine Tierart, die uns zunächst Aufschlüsse über den Formwandel in der Stammesgeschichte und deren Verlauf gab, wird damit in die ökologische Betrachtungsweise einbezogen, die in den letzten 50 Jahren für die evolutionsbiologische Forschung unverzichtbar, ja grundlegend geworden ist. Ihr Studium trägt damit zum Ausbau der Ökologie als einer auch historisch fragenden Wissenschaft bei. Nur so kann die ihrer Rolle als Grundlagendisziplin der Umweltforschung und des Umweltlernens gerecht werden. Das ist Grund genug, sie in diesem Heft näher vorzustellen.

Das Exemplar, das Weihnachten 1938 zunächst an die Kustodin des Museums in East London Mrs. Latimer, gelangte, wurde von dem Ichthyologen J.L.B. Smith ihr zu Ehren Latimeria genannt. Smith fand nach 1945 heraus, dass die Tiere bei den Komoren lebten, und dass die Fischer dort sie immer einmal fingen. Sie hatten für sie sogar eigene Kochrezepte. Die Untersuchungen der dann gefangenen Stücke bestätigten, was die fossilen Angehörigen der Gruppe längst gezeigt hatten: die muskulösem Flossen mit dem Innenskelett, aus denen durch Umgestaltungen die Beine der Landwirbeltiere hervorgegangen sind, liegen nicht nur als paarige Brust- und Bauchflossen vor, sondern auch als unpaare After- und Rückenflossen. Das machte die Spekulationen gegenstandslos, mit denen Zoologen erklären wollten, warum die Vorform der Landwirbeltiere mit Vorformen ihrer Beine ausgestattet waren.

Die Zoologen von damals meinten nämlich, sie hätten Kriechflossen gehabt, weil sie am Gewässergrund kröchen wie viele Fischarten das tun. Mit Rückenflossen kriecht man nicht - also müsste es eine andere Erklärung geben.

Rückenflossen zum schwimmen
Als wir 1964 die Kiste mit dem formalinfixierten Exemplar in Stuttgart öffneten, lagen die Rücken und Afterflossen nach hinten geneigt mit einer Breitseite am Körper. Beim Aufrichten drehten sie sich um 90 Grad und gaben dabei flache Flossengruben frei, die sie in der gedrehten Stellung aufgenommen hatten. Flossengruben gibt es bei anderen Fischen für Flossen, die beim langsamen Schwimmen gebraucht und beim schnelleren weggefaltet werden wie Fahrwerke von Flugzeugen. Für uns stand fest: das sind Schwimmflossen.

Wir waren dieser Frage schon seit Jahren nachgegangen, indem wir Verlauf und Ursachen der Stammesgeschichte der Fische untersuchten. Das hatte im Lauf der Zeit zu folgenden Aussagen geführt: Die Wirbeltiere sind im Wasser als Bodentiere entstanden, die das Schwimmen als Fortbewegung über dem Grund erst später ausbildeten. Sie waren nicht von Anfang an die Tiere des freien Wassers, als die wir viele Fische heute sehen. Auch die Vögel haben ja den Luftraum erst allmählich erobert. Flossen sind erst in der Stammesgeschichte der frühen Fische entstanden. Aus den knochig versteiften Flossen einiger paläozoischer Panzerfische waren dabei die mit zentraler Achse und seitlichen Radien geworden.

Knorpel- und Knochenfische sind als Zweige einer einheitlichen Gruppe ausgewiesen. Zweig eins, die Knorpelfische, waren im Meer in mehrere Linien gespalten, die die Bodenbindungen großenteils beibehielten. Die Mehrzahl der kleineren Haie und der Rochen sind bei der Nahrungsaufnahme und der Fortpflanzung noch heute an den Boden gebunden. Einige Linien sind zur Jagd im offenen Wasser übergangen und mit dem Austragen ihrer Eier und Embryonen im Mutterleib auch in der Fortpflanzung vom Boden unabhängig geworden.

Bei den Knochenfischen hat sich eine parallele Entfaltung ergeben, bei der sie aber weitgehend die Beziehungen zur Luft beibehalten haben, die bei den Knorpelfischen keine Rolle mehr spielt. Sie hat ein drittes Flossenpaar.

Das „dritte Flossenpaar"
Quastenflosser und Lungenfische blieben dem Boden verhaftet, wurden aber vom Wasser etwas unabhängiger: Lungenfische können Trockenzeiten im Schlamm überstehen. Die Quastenflosser lernten nach Ansicht des in diesen Fragen maßgeblichen Paläontologen Romer, austrocknende Gewässer zu verlassen und über Land neue aufzusuchen. Sie wurden dabei zu Amphibien. Romer sag sie dabei auf Nahrungssuche. Wir neigen nach Untersuchungen an Schwanzlurchen zur Auffassung, dass sie an Land überwinterten, wie es Molche bis heute tun, und so ausfrierende Wohngewässer besiedeln konnten.

Die Quastenflosser - fast ausschließlich im Süßwasser lebend - wurden im Wasser durch die Knochenfische, amphibisch also in Feuchtgebieten durch Amphibien ersetzt und fielen so ihre eigenen Evolutionserfolg zum Opfer, wie das Romer deutete. Der Übergang zu den Amphibien ist fossil belegt, die Stammgruppe, die Quastenflosser nämlich, galt als vor 60 Millionen Jahren ausgestorben. Deshalb war Latimeria eine so große Sensation.

Unsere Untersuchungen hatten ferner ergeben, dass Fische zwei Antriebssysteme besitzen: das axiale Hauptsystem von Rumpf und Schwanz und haben die Flossen weitgehend rückgebildet wie die Aale. Andere schwimmen vorwiegend oder nur mit ihren Flossen und konnten die Körper versteifen, wie das die Kofferfische zeigen. Die meisten Fische aber haben die Flossen als Steuerorgane beibehalten und unterstützen und kontrollieren mit ihnen den axialen Rumpf- Schwanzantrieb.

Hans Frickes Lebendaufnahmen zeigen das für Latimeria. Sie schwimmt mit den Flossen und mit Bewegungen des großen Schwanzes. Dabei sind Rücken- und Afterflosse als "drittes Flossenpaar" in der Vertikalachse des Körpers tätig, wie man das auch bei Kugel-, Igel- und Kofferfischen sieht. Das verleiht auch Latimeria die elegante Beweglichkeit, mit der sie in jeder Orientierung den massig wirkenden Körper ungemein beherrscht, in jede Richtung wenden und voran bringen oder auch an Ort und Stelle halten kann.

Latimeria lebt in Höhlen auf 200 Meter Tiefe am Sockel der ozeanischen Inselgruppe der Komoren. Nachts gehen sie einzeln auf Nahrungssuche. Die Fische können sich mit geringstem Kraftaufwand treiben lassen und Beutefische durch Wahrnehmung ihrer Aktionsströme orten. Das ist keine Überraschung, nachdem in den letzten Jahrzehnten bekannt geworden war, dass viele Fische schwach elektrische Ströme und Felder erzeugen und wahrnehmen. Latimeria kann mit dem Mund größere Beute einsaugen. Unser Tier hatte einen 30 cm langen Fisch im Magen. Sie steigt zur Nahrungssuche in etwas höhere Wasserschichten, verbringt aber ihre Ruhephasen in kühleren Tieren. So spart sie Energie. Das bietet einen Ansatz für die Antwort auf die Frage, wie ein so großer Fisch in einer Umgebung leben kann, in der die Primärproduktion gering ist und größere Tiere den für die Jagd nötigen Energieaufwand nicht decken könnten, wie Fricke berechnet hat.

Fricke hat feststellen können, dass Latimeria lebendgebärend ist. Das hatte die Fachwelt schon auf Grund der Eigröße angenommen. Auch unser Exemplare besaß einen Eierstock mit Eiern von Tischtennisball-Größe. Sie werden 10 cm groß, und die geschlüpften Jungfische sind über 30 cm; sie ernähren sich im Mutterleib vom Gewebe zerfallener Embryonen, wie dies auch bei den Alpensalamandern und einigen Knorpelfischen der Fall ist.

Brutpflege und Lebensgebären sind Wege, den Nachwuchs gegen Fressfeinde zu schützen. Das führt uns zu der weiteren Frage: Wie hat Latimeria der Konkurrenz anderer Arten widerstanden? Zum Beispiel der der großen Zackenbarsche, denen sie im Habitus so ähnlich sieht. Auch zackenbarsche sind zum guten Teil Boden- und Höhlentiere, die zeitweilig Beutezüge unternehmen. Sie haben, auch vom Süßwasser aus, die warmen Meeresküsten besiedelt. Offensichtlich war für sie der Lebensraum von Latimeria nicht zu abgelegen, sondern einfach zu kalt und zu unwirtlich. Das ist wohl die Deutung, die sich nach den Befunden von Fricke anbietet.

Fricke schätzt den Roten Listen-Bestand der Art bei den Komoren auf 150 bis 400 Exemplare. Ob es noch andere Populationen gibt, ist ungewiss. Latimeria steht inzwischen auf der Roten Liste gefährdeter Arten.

J.L.B. Smith war Chemieprofessor, der im Alleingang die Ichthyologie Südafrikas aufgebaut und unendlich viel für die systematisch Erfassung tropischer Meeresfische geleistet hat. Seine intensive Suche nach Latimeria hat er in einem noch immer lesenswerten Buch beschrieben. Hans Fricke, Verhaltensforscher aus Seewiesen, hat mit vergleichbarer Intensität die Biologie der Fische tropischer Meeresküsten erforscht. Er hat dazu in den 70er Jahren bei Eilat im Golf von Aqaba eine eigene Beobachtungsstation unter Wasser gebaut und dann eigene Tauchboote bauen lassen. Mit zwei von ihnen ist er auf die Latimeria-Suche gegangen, bei der schon große Expeditionen gescheitert waren. Er aber wurde fündig, weil er sich in die Lebensweise der Tiere hineindachte. Er hat die beiden Tauchserien, die ihm diesen Erfolg eingebracht haben, in Fernsehfilmen für ein breites Publikum dokumentiert. Sie zählen zu den eindrucksvollsten Zeugnissen biologischer Meeresforschung, die es gibt.

Quastenflossen sind Schwimmflossen. Beim Übergang zum Land konnten die paarigen Flossen Beine werden, die unpaaren wegfallen. Latimeria konnte als ein "lebendes Fossil" überleben, weil es auf niedrigem energetischen Niveau einen nahrungsarmen und abgelegenen Lebensraum bewohnt. Das sind die Antworten auf die Fragen, die Latimeria vor 50 Jahren erneut oder neu aufgeworfen hat.

Wird Latimeria weiterleben?
Seit dem Fang des zweiten Quastenflossers 1952 wurden ungefähr 130 weitere Tiere gefangen. Sicherlich wurden in Wirklichkeit mehr Tiere gefangen und getötet, die nicht an Land gebracht wurden. Viele der Fische gingen an Universitäten und Museen, und leisteten einen Beitrag zu unseren Kenntnissen über Anatomie und Physiologie. Bedauerlicherweise wächst die Nachfrage nach Latimeria, nicht nur, um den Fisch ausgestopft als Besonderheit in Hotels oder Restaurants zu stellen. Auch die Forschung glaubt, immer mehr Quastenflosser zu brauchen. Einige Museen und Institutionen bieten den Fischern der Komoren hohe Preise. So wird dem Quastenflosser, früher ein zufälliger "Gast" in den Fischernetzen, nun gezielter aufgespürt.

Moderne Fangmethoden und neuere Boote verdrängen die traditionellen Kanus der Komorenfischer und lassen Latimeria immer weniger Chancen, dem Gefangenwerden zu entgehen. Unser bescheidenes Wissen lässt vermuten, dass Latimeria nur kleine Populationen hat und gegen Veränderungen ihrer Umwelt überaus empfindlich ist. Dies und die Tatsache, dass Latimeria ovovipar ist, macht diesen geheimnisvollen Fisch besonders anfällig gegenüber menschlichen Angriffen.

Immerhin hat CITES, die Konvention zum Schutz bedrohter Tierarten gegen den internationalen Handel, den Fisch von Liste 2 in die Liste 1 gesetzt. Das bedeutet, dass nun jegliche Art von Handel mit dem Quastenflosser verboten ist. Wird heute etwa der Mensch einem Tier das Weiterleben verweigern, dem die Erde seit 400 Millionen Jahren einen Lebensraum gewährt hat?

aus: Naturschutz heute, Ausgabe 2/1991, S. 22-23


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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