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Pinguine: Lieblinge im Frack

von Stefan Bosch

Kleine Pinguin-Parade


Können in Millionenzahl brütende Vögel gefährdet sein? Sicher sind Pinguine nicht akut vom Aussterben bedroht, aber Ozonloch, Meereserwärmung, Fischerei und Ölverschmutzung bringen ihren Lebensraum zunehmend in Bedrängnis.

Mit dem Beiboot sind wir an einem kalten, bedeckten Morgen auf Deception Island gelandet. Es ist kurz vor Silvester, das bedeutet hier Sommer mit Temperaturen wenig über Null. Die Kehlstreifpinguine sind vollauf mit Brüten beschäftigt. 100.000 Paare zählt die Kolonie, Entsprechend umtriebig geht es zu. Soweit das Auge reicht, reiht sich Nest an Nest und fast in jedem Nest sitzen zwei graue flaumige Junge, die auf ihre Ration warten.

Fischduft liegt in der Luft
Ständig sind Scharen von Altvögeln auf einem regelrechten Wegenetz durch die Kolonie unterwegs, um jagen oder füttern zu gehen. Außer der Wegrichtung verrät das Aussehen ihr Ziel: Vom Meer kommende Vögel erstrahlen in sauberem Weiß, die vom Nest kommenden sind mit Kot- und Krillresten bekleckert. Die Luft ist erfüllt von ohrenbetäubendem Rufen aus tausend Kehlen und geschwängert mit Fisch- und Guanoduft.

Die Vulkaninsel Deception im Südpolarmeer zählt zum schmalen Saum der Antarktis, den das Eis im Sommer freigibt. Nur drei Prozent des eisigen Kontinents, der die Fläche von China und Indien einnimmt, sind dann voller Leben. Eisfreie Flächen haben nur spärlichen Bewuchs mit Moosen, Farnen und Gräsern aber ein spektakuläres Tierleben. Wenige Arten kommen in großer Anzahl vor. Dies verdanken sie am Rande des kältesten und lebensfeindlichsten Erdteils dem an Sauer- und Nährstoff reichen Meer. Plankton, Fische und Tintenfische ernähren Pinguine, See-Elefanten, Robben und Wale. Die Schlüsselrolle spielt ein sechs Zentimeter großes Krustentier, dessen Name „Walfutter" bedeutet: Krill. Riesige Schwärme des proteinreichen Planktons bilden die Basis der Nahrungskette im antarktischen Ökosystem.

Ein Mantel aus Fett und Daunen
Extreme Klima- und Lebensbedingungen ermöglichen nur wenigen Landtieren und gerade zwei Blütenpflanzen die Existenz. Dem -2 bis +3 Grad Celsius warmen Meer trotzen Eisfische mit einem Frostschutzmittel im Blut. Pinguine investieren für die Fett-Isolation ein Drittel ihres Gewichtes, um die Körpertemperatur von 37 bis 38 °C zu halten. Darüber wärmt ein Kleid aus Daunen und dachziegelartig geschichteten Federn. Den Nahrungsquellen und der Kälte ist auch ihre Jagdstrategie angepaßt: Stromlinienform und Flügelpaddel ermöglichen energiesparendes Tauchen. Strömungswiderstände von Pinguinen erreichen Minimalwerte, von denen Autokonstrukteure nicht einmal träumen.

Mangels geeigneter Brutplätze und zum Schutz vor Freßfeinden bilden Pinguine Kolonien. Ihr Brutgeschäft variiert nach Art und Ort: Die großen Kaiser- und Königspinguine bebrüten das einzige Ei unter einer Bauchfalte. Kleinere Arten legen zwei Eier auf den kahlen Boden, markieren die Mulde mit Pflanzen oder Steinchen und wärmen die Eier über einen Brutfleck am Unterbauch. Die Brutzeit dauert zwischen 33 und 40 Tagen, die sich die Eltern teilen. Job-sharing im Ein- bis zwei-Wochen-Rhythmus bedeutet: Einer brütet und hungert, der andere jagt und sammelt Kräfte.

Damit die gestreßten Eltern gleichzeitig jagen können, sammeln sich größere Jungvögel in Kindergärten. Im Schutz der Gemeinschaft warten sie auf die Rückkehr der Eltern, die ihre Sprößlinge anhand von Stimme und Geruch unter Tausenden wiederfinden. Gegen Ende des Sommers sind Pinguinkinder oft größer und fetter als die Altvögel. Erst nach der Mauser ist ihr Gefieder so wasserdicht, daß sie selbst ins Wasser gehen können.

Watschelnder Sympathieträger
Obwohl die meisten Menschen Pinguine nie im natürlichen Lebensraum erlebt haben, kennen alle die watschelnden Meeresvögel und bringen ihnen uneingeschränkte Sympathie entgegen. Pinguine sind nicht nur Symbol für die Polarregion, als gefrackte Publikumslieblinge machen sie sogar Werbung für Gefriergeräte, Klimaanlagen, Tiefkühlkost, Zigaretten und Programmzeitschriften. Ihre Beliebtheit verdanken die Pinguine der menschenähnlich aufrechten Körperhaltung sowie dem unbeholfen und lustig wirkenden Watschelgang. Sie sind gesellig und erscheinen obendrein mit ihrer schwarzen Ober- und weißen Unterseite immer vornehm-korrekt gekleidet.

Die Nahrungsgründe schwinden
Doch Beliebtheit ist keine Überlebensgarantie, denn die Antarktis und ihre Lebewesen sind von weltweit ausstrahlenden Gefahren mitbetroffen. Das Ozonloch hat ebenso nachweisbare Einflüsse auf das Plankton und damit die Nahrungsgrundlagen wie die Erwärmung des Meerwassers. Intensive Fischerei kann die Nahrung von Pinguinen, Walen und Delphinen einschränken. An der Antarktischen Halbinsel holen sämtliche Adeliepinguine pro Saison 56.000 Tonnen Krill aus dem Meer, die Fischerei aber rund 105.000 Tonnen.

Die Ausbeutung antarktischer Bodenschätze liegt aufgrund internationaler Abkommen vorerst buchstäblich auf Eis. Doch im Vorfeld der Antarktis boomt die Ölförderung, zum Beispiel nahe den Falkland-Inseln. Für Pinguine kann dies Störungen der Nahrungskette, direkte Vergiftungen und Ölverschmutzung bedeuten. Gelangt Ölschmutz ins Gefieder, erhöhen sich Strömungswiderstand und Energieverbrauch der Tiere. Forschungsaktivitäten und Tourismus können lokale Pinguinvorkommen benachteiligen, wenn Landepisten Kolonien durchschneiden und eierfressende Ratten oder Krankheiten wie jüngst Hühner-Viren eingeschleppt werden. In der Nähe von Antarktisstationen scheinen die Bestände der Adeliepinguine zurückzugehen.


Kleine Pinguin-Parade

Pinguine sind flugunfähige Seevögel, deren Flügel zu Schwimmpaddeln umgebaut sind, mit denen sie sich gewandt unter Wasser fortbewegen. 18 Arten leben nur auf der Südhalbkugel. Nördlich des Äquators kommen Pinguine nur in Zoos vor, Aussetzungen am nördlichen Polarkreis sind gescheitert. Das Pinguinleben spielt sich vor allem im Ozean ab, nur zum Brüten gehen die Vögel an Land. Kaiserpinguine betreten sogar niemals Festland, sie brüten auf dem Packeis. Wir stellen einige Vertreter dieser bemerkenswerten Vogelfamilie vor:

– Der Königspinguin (95 Zentimeter groß, 21 Kilogramm schwer) ist die zweitgrößte Art nach dem Kaiserpinguin. Etwa 1,5 Millionen Paare leben in der Subantarktis. Ein ungewöhnlicher Brutrhythmus läßt nur 2 Junge in 3 Jahren zu. Das einzige Ei wird zwischen den Füßen und einer Bauchfalte bebrütet. Im zweiwöchigen Wechsel lösen sich die Altvögel ab. Die braunen, wollig aussehenden Jungen wurden früher für eine eigene Art gehalten.

– Der Eselspinguin (76 cm, 6 kg) verdankt seinem Eselsgeschrei den Namen. Er taucht sieben Minuten lang, bis zu 100 Metern tief und schwimmt mit 30 Stundenkilometern. Da er zwischen Antarktis und Südamerika vorkommt, baut er je nach Vegetation ein Nest aus Pflanzen oder Kieseln, in dem 2 Junge aufgezogen werden. Trotz der weiten Verbreitung schätzt man seinen Bestand auf nur 300.000 Paare.

– Der Adeliepinguin (76 cm, 5 kg) mit dem eindrucksvollen Augenring ist nach der Frau des Forschers Dumont d´Urville benannt. Adelies benötigen zum Brüten schneefreie Stellen mit Meereszugang. In den letzten acht Jahren ging der Bestand dieser häufigen Art um 40 Prozent zurück.

– Der Kehlstreifpinguin (76 cm, 4,5 kg) ist mit 10 Millionen Vögeln einer der häufigsten Pinguine. Er bevorzugt trockene Brutplätze auf Fels und Stein, die er aggressiv gegen Nachbarn verteidigt. Die Art hat vermutlich vom Walfang profitiert, da den Pinguinen wegen weniger Walen mehr Krill zur Verfügung steht. Australische Forscher haben jüngst aber Rückgänge um 30 Prozent verzeichnet.

– Der Felsenpinguin (63 cm, 2,5 kg) brütet in steilen Klippen subantarktischer Inseln, oft in Gesellschaft mit Albatrossen oder Goldschopfpinguinen. Er ist der kleinste polare Pinguin und watschelt nicht, sondern hüpft behende mit geschlossenen Füßen über die Felsen. Von zwei Eiern ist das erste kleiner und wird meistens nicht erfolgreich ausgebrütet.

– Der Goldschopfpinguin (70 cm, 4,2 kg) mit den gelben Schmuckfedern bildet millionenstarke Kolonien in der Subantarktis und Südamerika. Mit über 11,8 Millionen Paaren ist er der häufigste Pinguin. Brüten bedeutet für alle Pinguine höchsten körperlichen Einsatz: Goldschopf-Eltern verlieren beim 36tägigen Brutgeschäft ein Drittel ihres Gewichtes.

– Der Galapagospinguin (50 cm, 2,5 kg) ist der kleinste und seltenste Pinguin. Kalte Meeresströmungen mit ihrem immensen Fischreichtum ermöglichen ihm ein Leben in tropischen Gewässern. Er besiedelt nur zwei Inseln des Galapagos-Archipels.

– Der Brillenpinguin (70 cm) ist der einzige Pinguin an den Küsten Südafrikas. Auch er profitiert bei der Nahrungssuche von kalten Meeresströmungen. Um sich vor Hitze zu schützen, brütet er in Nischen und ist nachtaktiv. Ölverschmutzung und Sardinenfang reduzierten seine Bestände erheblich.


Naturschutz heute, Ausgabe 4/97 vom 8. August 1997


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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