Archiv Naturschutz heute


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„Dann welcher Vogel kan so schön und lieblich singen?"

Über die Nachtigall in Wissenschaft und Dichtung von der Antike bis zur frühen Neuzeit

von Karl Wilhelm Beichert.


„Dann welcher Vogel kan so schön und lieblich singen?
Wer kan der Stimmen Thon so mannigfaltig bringen
Gleichwie die Nachtigall
die über alle geht
Vor welcher der Gesang der andern nicht besteht;
Die auch der Musen-Chor und Phoebus muss erheben
Und billig ihr den Palm vor allen andern geben
Der Mond verwundert sich
wann diese singt bey Nacht
Die Sterne stehen still
wann Sie ihr Kunst-Lied macht."

So weit die fünfte Strophe eines 111 Strophen umfassenden Lob- und Lehrgedichts auf die Nachtigall, das Nicolaus Baer von der Königlichen Domschule zu Bremen seinem im Jahr 1695 herausgegebenen lateinischen Gedichtzyklus über Singvögel (Ornithophonia) vorangestellt hat. Baer verarbeitet darin alles Wissen, alle Mythen und alle poetischen Formeln, die ihm aus der Wissenschaft und Literatur vergangener Zeiten über die Nachtigall greifbar waren. Als gelehrter Dichter (poeta doctus) nennt Baer die Quellen, aus denen er sein Wissen schöpft, mit äußerster Sorgfalt, darunter sind auch diejenigen älteren Naturforscher, die wir heute als die bedeutendsten Vorläufer unserer modernen Naturwissenschaft einstufen: Aristoteles, Plinius, Albertus Magnus und Conrad Gesner.

Der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.) ist wohl der erste, der sich wissenschaftlich mit der Nachtigall beschäftigt hat. Er beschreibt ihre Gestalt, ihre Fortpflanzung und besonders ihren Gesang. Als Besonderheit ihrer Gestalt gegenüber anderen Vögeln verweist er auf ihre abgerundete Zunge, eine Beobachtung, die von allen Nachfolgern, einschließlich des Stauferkaisers Friedrich II. in seinem Buch „Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen" aufgegriffen wird.

Der Römer Plinius gerät im zehnten Band seiner Naturgeschichte bei der Beschreibung des Nachtigallengesangs richtig ins Schwärmen: „Diesem Vogel gehört wie wenigen unsere Bewunderung. Zuerst eine so große Stimme, ein so lang anhaltender Atem in einem so kleinen Körperchen; dann ihre einmalig vollendete Musikalität: melodisch wird der Klang entwickelt und dann in ununterbrochenem Atem ausgehalten, bald durch Modulieren verändert, bald durch Absetzen gegliedert, durch Triller verbunden, wird er durch Einziehen zurückgenommen und unerwartet gedämpft; zuweilen zwitschert die Nachtigall leise mit sich selbst, dann wieder voll, kräftig, scharf, schnell, gedehnt, je nach Lust schwingend hoch, die Mitte haltend, tief. Kurz, in einer so winzigen Kehle liegt alles, was die menschliche Kunst mit so vielen ausgezeichneten Flöteninstrumenten erdacht hat." Gesner, dem Tierkundler des 16. Jahrhunderts, erschien diese Beschreibung so treffend, dass er sie wörtlich in sein „Vogelbuch" übernommen hat.

Von der Gelehrigkeit der Nachtigall berichtet Plinius, sie sei in der Lage, griechische und lateinische Wörter zu lernen, Melodien einzuüben und abwechselnd mit einem Orchester zu konzertieren. Deswegen erzielten Nachtigallen auch den gleichen Preis wie Sklaven und würden teurer bezahlt als Waffenträger. Eine weiße Nachtigall – offenbar ein Albino –, die man Agrippina, der Frau des Kaisers Claudius, zum Geschenk gemacht habe, habe sogar für 6000 Sesterzen den Besitzer gewechselt.

Auch darauf, dass die Nachtigall in der Sangeskunst mit Artgenossen wetteifere, hat schon Plinius hingewiesen und dann bemerkt: „Unterliegt die eine, so kommt es oft vor, dass sie stirbt, indem ihr eher der Atem ausgeht als der Gesang." Dieser absolute Siegeswille hat die späteren Schriftsteller sehr beeindruckt, ließen sich doch daran allerhand allegorisch-moralische Erörterungen anschließen, die besonders für das Mittelalter kennzeichnend sind. So kritisiert der Regensburger Domherr Konrad von Megenberg (1309-1374) dieses Verhalten als Vermessenheit und Selbstüberschätzung: „Die Nachtigall singt so emsig und vermessen weit über ihre Kraft, dass sie davon so krank wird, dass sie sterben muss." Der heilige Bonaventura indes vergleicht in einem Hymnus die Seele des Frommen mit ihrer Sehnsucht nach dem Himmel mit der Nachtigall, die in der Nacht aus Sehnsucht nach dem Licht singend stirbt.

Die ersten sporadischen Angaben zur Ökologie der Nachtigall finden wir bei Conrad Gesner im Zusammenhang mit dem Neststandort: „Die Nachtigallen machen mehrenteils ihre Nester in den Stauden und Hecken, an einem dunckeln Orth nicht weit von der Erden, sie machen dieselbe aus Laub, Spreu und Moss, und länglicht gestaltet. In ihr Nest, wie auch in der andern kleinen Vögel Nester, legt zuweilen der Guckuck." Dabei ist auch Gesner noch nicht frei von der Sucht älterer Schriftsteller, Kuriositäten über die dargestellten Tiere zu berichten. So erzählt er ausführlich von zwei in einem Gasthaus in Käfigen gehaltenen Nachtigallen, die sich nachts gegenseitig erzählten, was sie tagsüber in der Gaststätte gehört hätten. Eingehend hätten sie sich auch über die Eheschwierigkeiten des Einschenkers unterhalten und sogar Voraussagen über den Verlauf eines Krieges gemacht.

Unerschöpflich sind die Erwähnungen der Nachtigall in der Dichtung von der Antike bis in die Neuzeit. Fünf Grundmotive sind dabei zu beobachten: die Nachtigall als Mutter, die um ihr Kind weint, als Symbol für Dichter und Dichtung, als Sängerin des Frühlings und der Liebe, als Vogel, der das Lob Gottes singt, und als bewundernswerte musikalische Virtuosin. So verschieden die Dichtungen auch sind, eines haben sie alle gemeinsam: Der Gesang der Nachtigall ist ihnen allen wie selbstverständlich präsent. Während Homer die Trauer der Nachtigall noch auf mythische Vorgänge zurückführt, gibt der Römer Vergil als Grund den realen Verlust der Jungen an:

„Klagt doch also die Nachtigall auch im Schatten der Pappel
trauernd über der Jungen Verlust, die der Pflüger, der rohe,
fand und dem Neste entriss, die ungefiederten; sie nun
weint durch die Nacht hin, sitzt auf dem Zweig, verströmt voller Jammer
Lied auf Lied und füllt weithin mit Klagen die Lande."

Das Motiv vom Gesang, der, übertrieben ausgeübt, dem Sänger selbst schadet, finden wir des öfteren im Minnesang des Mittelalters. Als verschwiegener Augenzeuge begegnet uns die Nachtigall schließlich in einem der schönsten deutschen Liebesgedichte, dem Gedicht „Unter der Linde" von Walther von der Vogelweide:

„Unter der Linde
auf der Heide,
wo unser beider Lager war,
da kann man sehen
liebevoll gebrochen
Blumen und Gras.
Vor dem Wald in einem Tal
tandaradei
sang schön die Nachtigall.
Dass er bei mir lag,
wüsste es jemand
(da sei Gott vor!), so schämte ich mich.
Was er tat mit mir,
niemals soll jemand
das erfahren als er und ich –
und die liebe Nachtigall,
tandaradei;
die wird gewiss verschwiegen sein."

Ähnlich wie der zu Beginn erwähnte Nicolaus Baer greift auch der Hamburger Dichter und Ratsherr Barthold Heinrich Brockes (1680-1747) viele Motive der wissenschaftlichen und literarischen Tradition auf und stellt sie in dem Gedicht „Die Nachtigall und derselben Wettstreit gegeneinander" zusammen, nun schon im Original auf deutsch. Im Mittelpunkt steht auch bei ihm der Gesang, den er nach den Einleitungsversen kunstvoll-lautmalerisch nachzuahmen versucht:

„Zwitschern, seufzen, lachen, singen,
Girren, stöhnen, gurren, klingen,
Locken, schmeicheln, pfeifen, zucken,
Flöten, schlagen, zischen, glucken
Ist der holden Nachtigall
Wunderbar gemischter Schall."

Ehrfurcht vor dem Schöpfer und der Schöpfung, mit einem „ökologischen Zungenschlag" will Brockes zum Schluss seines 68 Verse langen Mammutgedichts vermitteln:

„Wer nun so süßen Ton im frohen Frühling hört
Und nicht des Schöpfers Macht mit Brunst und Andacht ehrt,
Der Luft Beschaffenheit, das Wunder unsrer Ohren,
Bewundernd nicht bedenkt, ist nur umsonst geboren
Und folglich nicht der Luft, nicht seiner Ohren wert."

Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren, besonders wenn man auch die Naturdichtung der späteren Jahrhunderte mit einbeziehen würde. Wenn es um Gefährdung und Tod geht, dann handelt es sich allerdings immer um Einzelvögel, nie um die Art. Unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, mit dem Lebensraum der Nachtigall so „aufzuräumen", dass diesem Vogel nach all dem ehrenden Gedenken in der Literatur der Vergangenheit schließlich auch noch die zweifelhafte Ehre zuteil wurde, Vogel des Jahres 1995 zu werden.


Die Sage von Philomela und Prokne

Der thrakische König Tereus heiratete die Tochter des athenischen Königs Pandion, namens Prokne, und das Paar, in Thrakien wohnend, bekam einen Sohn, den sie Itys nannten. Bald bekam Prokne Sehnsucht nach ihrer Schwester Philomela, und Tereus erbot sich, sie in Athen zu einem Besuch in Thrakien abzuholen.
Als er die Schwester seiner Frau erblickte, war er von deren Schönheit geblendet. Er brachte sie deshalb nicht zu ihrer Schwester, sondern auf ein Schloss in einem tiefen Wald, vergewaltigte sie dort mehrmals und riss ihr, damit sie nichts verraten konnte, die Zunge heraus. Seiner Frau Prokne versicherte Tereus jedoch, ihre Schwester sei gestorben.
Philomela allerdings gelang es, ihre Leidensgeschichte in einen Teppich einzuweben und diesen ihrer Schwester zu schicken, die daraus auch die richtigen Schlüsse zog. Mit List gelang es ihr, Philomela zu befreien und in ihren Palast zu holen. Aus Rache töteten sie nun gemeinsam Itys, den Sohn des Tereus, zerteilten die Leiche und setzten sie dem König als Speise vor.
Als die Schwestern dem König eröffnet hatten, was er da gerade gegessen hatte, wollte er sie umbringen. Doch diese konnten sich den Nachstellungen entziehen, indem sie sich verwandelten: Prokne in eine Schwalbe, Philomela in eine Nachtigall (in anderen Sagenversionen auch umgekehrt). Aufgrund ihrer tragischen Vorgeschichte ist das Lied der Nachtigall bis heute ein Klagelied.

aus: Naturschutz heute, Ausgabe 1/1995


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