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Speierling: Sauer macht lustig

Seltene Obstfreuden: Maulbeere und Mispel

von Helge May


Neben dem Speierling sind zahlreiche weitere alte Obstbaumarten heute in Vergessenheit geraten und dadurch in Mitteleuropa fast verschwunden. Eine dieser Arten ist die Schwarze Maulbeere, wie so viele Obstgehölze ein Mitbringsel der Römer. Diese beschmierten mit dem Saft der Früchte angeblich die Rüssel ihrer Kampfelefanten, um sie wegen der Ähnlichkeit des Saftes mit Blut kampfgierig zu machen.

Nördlich der Alpen gerät die Schwarze Maulbeere nicht viel höher als zehn Meter, im Mittelmeerraum können es auch bis zu 25 Meter sein. „Sogleich im zweiten Jahr, sobald er nur seine Krone macht", heißt es in einem alten Obstbuch, „fängt der Maulbeerbaum an zu tragen und reicht acht Wochen lang seine saftigen, säuerlich süßen, weinhaften Früchte, so dass eine ganze Familie an den Früchten eines erwachsenen Maulbeerbaums immer satt zu essen hat."

Die Maulbeerfrüchte – nicht zu verwechseln mit der Weißen Maulbeere, die man auch in Deutschland im 18. Jahrhundert als Futterpflanze für die Seidenraupenzucht anpflanzte – sind tatsächlich so saftig, dass sie beim Pflücken schnell Hände und Hemdsärmel blutrot färben. Ihre Färbeeigenschaft machte man sich schon früh zunutze und schönte damit den Rotwein oder machte aus einem Weißwein einen Rosé. Neben vielen unserer beerenfressenden Vogelarten verschmähen auch Hühner die Früchte nicht. Ihre Eier erhalten dann einen besonders dunkelgelben Dotter. Die kalorienarmen Maulbeeren gelieren sehr leicht und sind deshalb bestens für Konfitüren geeignet.

In den warmen Weinbaugegenden Südwestdeutschlands waren Maulbeeren früher weit verbreitet, heute findet man in Rheinhessen, der Pfalz, im Rheingau und in Baden noch vereinzelte alte knorrige Exemplare mit dicken, teils ausgehöhlten Stämmen. Angesichts ihrer leckeren Früchte hat es die Maulbeere verdient, wieder mehr in Obstwiesen, als Hofbaum oder als Einzelbaum in der freien Landschaft angepflanzt zu werden.

Nicht viel besser als der Maulbeere erging es der Mispel, einer Verwandten von Weißdorn und Birne. Sie kommt heute in allen wärmeren Lagen Süd- und Westdeutschlands vor, ist aber selten geworden. Steht die Mispel alleine, kann sie baumartig zehn Meter hoch wachsen, im Wald wächst sie bei einer Höhe von etwa drei Metern eher in die Breite. Wilde Mispeln sind spärlich mit Dornen bewehrt, Kultursorten wie „Gigantea" und „Macrocarpa" sind dornenlos.

Die gut zentimeterlangen Kelchblätter der weißen Blüten sitzen später an der Spitze der apfelförmigen Früchte und lassen diese weit aufgeklafft erscheinen. Der Volksmund belegt die Mispel deshalb mit Namen wie Hunsääsch oder Drecksäck – letzteres auch wegen des teigigen Zustandes der reifen Früchte. Zuerst bleiben die Früchte jedoch sehr hart. Erst längeres Lagern oder Frost machen die Früchte mürbe und genießbar. Mit maximal fünfzig Jahren haben Mispeln eine kurze Lebensdauer.

Mispelfrüchte schmecken angenehm säuerlich, ihr hoher Gehalt an Pektinen lässt sie leicht gelieren. Mispel-Marmelade gelingt ebenso wie Gelee gemeinsam mit Äpfeln. Die Gerbstoffe wirken konservierend. Ihre bekannteste Verwendung ist deshalb neben dem Rohverzehr der Zusatz zu Wein oder Most, besonders zu Apfelwein. Neben den Früchten enthalten auch Rinde und Blätter Gerbstoffe, die folglich zum Gerben, aber auch gegen Blutungen, Nierensteine und im Gurgelwasser gegen Halsleiden Verwendung fanden. Das gelbliche Holz ist hart und zäh, wegen der Maserung wird es für Drechslerarbeiten geschätzt. „Das Holtz wird gebraucht zu den Jägerspiessen und Geisslen; man macht auch darauss Bengel und Knüttel zum fechten und kämpffen, die sind auch gut, den bösen Weibern damit die Lenden zu schmieren", heißt es in einer alten Quelle.

Die Mispel kann bei uns „nur" als Kulturrelikt gelten. Sie wird heute kaum noch gezielt kultiviert und vermehrt sich weitgehend über Wurzelbrut. In den Wäldern ist die Mispel an vielen Standorten durch die forstliche Dominanz der Buche verdrängt worden. Außerhalb des Waldes können aktive Naturfreunde mit der Pflanzung von Mispeln in Gärten oder Obstanlagen zum Erhalt der Art beitragen.

Naturschutz heute, Ausgabe 1/97 vom 4. Januar 1997


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