Archiv Naturschutz heute


Geheimnisvoller Regenwald
Nach dem verheerenden Bürgerkrieg beginnt im waldreichen Liberia nun auch im Naturschutz der Wiederaufbau.

von Wulf Gatter

Liberia liegt zwischen Sierra Leone, Guinea und der Elfenbeinküste. Mit bis zu 5000 Millimetern Jahresniederschlag gehört es zu den regenreichsten Ländern der Erde. Ursprünglich bedeckte Regenwald fast das gesamte Land, noch 1987 waren es 43 Prozent. Auch während kühlerer Klimaperioden, als sich der Tropenwald auf Restflächen zurückzog, waren in Liberia Regenwälder erhalten geblieben. Solche Rückzugsgebiete beherbergen heute die höchste Artenzahl. Sie sind "Endemismuszentren", in denen eigene Arten entstanden sind.

Zentrum der Artenvielfalt
Über 350 Baumarten sind in Liberia gefunden worden, auf einem einzigen Hektar können 140 Arten vorkommen. In den "Stockwerken" stehen im Unterholz Nachwuchs und Zwergbäume. Die artenreiche Mittelschicht bildet mit 20 bis 35 Meter Höhe ein weitgehend geschlossenes Dach, über das wiederum Baumriesen von 50 Metern und mehr aufragen, eine eigene sonnendurchflutete Welt mit überaus bunten Faltern und Vögeln. Jeweils weit über 100 Farn- und Orchideenarten und als Kuriosität der Altweltkaktus Rhipsalis leben dort als Epiphyten, also Baumaufsitzer, die im Gegensatz zu Parasiten wie etwa Misteln nicht schmarotzen.

Der Erhalt dieses "hot spot" tropischer Diversität gehört heute zu den wichtigsten Aufgaben des Weltnaturschutzes. Innerhalb des westlichen Waldblocks Westafrikas beherbergt Liberia nicht nur die größten unangetasteten Waldreserven, sondern zumindest bei den Vögeln auch die größte Artenvielfalt.

Tropenholzverkauf füllte die Kriegskassen
All dies war erst in den 1980er Jahren erkannt worden. Leider unterbrach der 1990 ausgebrochene Bürgerkrieg die vielen bereits erfolgreich angelaufenen Naturschutz- und Forschungsprojekte abrupt. Die Hälfte der Einwohner floh in die Nachbarländer. 150.000 Tote waren zu beklagen und die Infrastruktur des Landes wurde weitgehend zerstört.

Die "Warlords" der verschiedenen Kriegsfraktionen füllten ihre Kriegskasse mit dem Einschlag von Tropenhölzern auf, und die Nachbarländer, die ihre Waldreserven schon vorher weitgehend genutzt hatten, verdienten kräftig mit. In der Elfenbeinküste, wo überwiegend nur noch minderwertige Hölzer eingeschlagen werden konnten, bewegte sich ein unaufhörlicher Strom von LKWs mit hochwertigen Mahagoni-Stämmen, mit gefälschten Stempeln exportfähig gemacht, zum Hafen von St. Pedro. Die Quelle dieser plötzlichen Qualitätssteigerung waren leicht auszumachen: die Grenzübergänge nach Liberia.

Flucht der Jäger, Rückkehr der Elefanten
Als wir zum Jahreswechsel 1996/97 zum erstenmal wieder durch Liberia reisten, berichteten zurückgekehrte Flüchtlinge von Waldelefanten und Schimpansen im Dorf, in Gegenden, wo seit 20 Jahren keine mehr gesehen worden waren. Die Zunahme der großen Säuger scheint das einzig positive Nebenergebnis des mörderischen Krieges zu sein. Vielen Tierarten hat der Krieg wirklich eine Atempause gebracht.

Vor dem Krieg spielte "Buschfleisch" eine bedeutende Rolle in der Ernährung der ländlichen Bevölkerung. Durch Raubbau, als Folge organisierter Wilderei, die geräuchertes Fleisch in die Städte lieferte, gingen die Bestände rasch zurück. So war es für uns erfreulich, jetzt verschiedentlich wieder Fährten des weitgehend auf Liberia beschränkten Zwergflusspferdes zu finden und die seltenste Waldantilope, den Jentinks-Ducker zu sehen. Beunruhigt waren die Neusiedler nur über die starke Zunahme der kleinen Waldbüffel, die, im dichten Buschwerk überrascht, als unberechenbar gelten.

Auch die Vogelwelt erholt sich
Erfreuliches zeigt sich auch in der Vogelwelt: Die arg dezimierten Riesenturakos (Titelbild von Birds of Liberia, siehe Kasten) und die lokal schon ausgerotteten großen Nashornvögel haben sich in den vergangenen Jahren wieder weite Bereiche zurückerobert. Es sind vor allem ihre posaunenartigen Rufe und das an eine Dampflok erinnernde Flügelgeräusch, die das Stimmungsbild jenes ursprünglichen Regenwaldes ausmachen. Aber auch andere große Vögel, die früher einen Schrotschuss lohnten, wie der Wollhalsstorch und der Palmgeier, haben von der Flucht der Jäger profitiert.

In den 1880er Jahren hatte der Schweizer Johann Büttikofer zusammen mit Franz Xaver Stampfli mehrere Jahre geforscht. Doch erst 100 Jahre nach Erscheinen von Büttikofers zweibändigem Werk "Reisebilder aus Liberia" begann die eigentliche ornithologische Erforschung des Landes. In den letzten 25 Jahren verdoppelte sich die Zahl der im Lande nachgewiesenen Vogelarten auf 600 und innerhalb weniger Jahre konnten drei neue beschrieben werden.

Forschung und Regenwaldschutz
Von der baden-württembergischen Forstverwaltung entsendet, arbeitete der Verfasser in einem Projekt zur Erhaltung des Regenwaldes. Im Labyrinth der Mangrovensümpfe und am Sandstrand überwintern zahlreiche Zugvögel aus Europa, darunter mehrere Millionen Rauchschwalben. Riesige Lederschildkröten kommen aus den Weiten des Atlantiks, um hier ihre Eier im Sand zu vergraben.

Die angrenzenden Wälder sind vom Ausmaß der Niederschläge geprägt, die überwiegend innerhalb von sechs Monaten fallen. Die Gegensätze zwischen Regenfluten und Dürre kennzeichnen Lebenszyklen von Pflanze, Mensch und Tier. Unserem nordischen Winter entspricht hier die Regenzeit. Früchte und Insekten sind knapp und Fische verteilen sich jetzt auf eine tausendfach vergrößerte Wasserfläche. Die während der Regenzeit gigantischen Ströme verwandeln sich in der Trockenzeit, der Brutzeit für alle am Wasser lebenden Vögel, in Savannen, Mosaike aus flachem Wasser, Sand- und Felsinseln.

Im Norden werden die endlosen Wellen bewaldeter Hügel um hunderte von kahlen Felskuppen, die Inselberge, bereichert. Durch das Waldmeer oft seit vielen Jahrtausenden von ihren Nachbarpopulationen isoliert, lebt dort eine eigene Welt von Savannentieren und -pflanzen. Einen krönenden Abschluss bilden die meist wolkenverhangenen, geheimnisvollen, domartig aufragenden Berge von Wologizi, deren Tierwelt vom Verfasser und einem deutschen Ornithologenteam erstmals erforscht wurde.

Kindersoldaten werden zu Naturwächtern
Um diesen Artenreichtum zu erhalten, hat Liberia den 700 Quadratkilometer großen Sapo-Nationalpark gegründet, weitere Großschutzgebiete sind in Planung. Jetzt, wo das Land nach Kriegsende wieder eine demokratisch gewählte Regierung hat, wird mit Eifer an der Reorganisation des Naturschutzes gearbeitet.

Die Landes-Naturschutzorganisation SRNCL fördert derzeit mehrere Projekte. So die Wiederbepflanzung der verwüsteten Hauptstadt Monrovia mit Bäumen und eine Naturschutzkampagne im Radio. Im Sapo-Nationalpark finden ehemalige Kindersoldaten eine Arbeit. Für Verpflegung und ein paar Pfennige öffnen sie überwachsene Grenzlinien und Wege. Die zurückgekehrten Parkranger und Wildbiologen sollen für eine Übergangszeit von der SRNCL eingestellt und bezahlt werden, um ihren Lebensunterhalt zu sichern und ihre Abwerbung durch Wirtschaftsunternehmen zu verhindern. Für all das fehlt Geld, das vorläufig nur aus dem Ausland zu erwarten ist. Auch der NABU wird sich hier beteiligen.

aus Naturschutz heute, Ausgabe 5/97


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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