Archiv Naturschutz heute


Himmelhoch jauchzend

Die Feldlerche ist Vogel des Jahres 1998.

von Brigitte Kempkens

Lerchengesang: Tirilieren ohne Ende


Manche Vögel kann man glatt übersehen. Und wenn man sie sieht, dann sind sie bloß irgendwie braun. Das gilt auch für die Feldlerche: Äußerlich eher unscheinbar, beigebraun gezeichnet und knapp starengroß, muss sie schon den Schnabel aufmachen, um aufzufallen. Wenn wir in einer baum- und strauchlosen Ackerlandschaft einen wirbelnden, jubilierenden Vogelgesang aus der Höhe vernehmen, dann ist klar: Das kann nur die Feldlerche sein.

Mit raschen Flügelschlägen und gefächertem Schwanz steht die Lerche in der Luft und singt und singt, scheinbar ohne Luft zu holen. Zwei bis sechs Minuten dauert es durchschnittlich, bis sie ihren Gesang beendet und wieder zur Erde zurückkehrt, nahezu im Sturzflug: Anfangs gleitet sie mit ausgebreiteten Flügeln hernieder, um sich wenige Meter über dem Boden rasch fallen zu lassen.

Die Feldlerche gehört zweifellos zu den volkstümlichen Vogelarten, besungen in vielen Gedichten und Liedern. Doch die Brutbestände sind in den letzten beiden Jahrzehnten bundesweit um rund ein Fünftel zurückgegangen, in Schleswig-Holstein sogar um die Hälfte. Steuern wir nicht gegen, dann ist damit zu rechnen, dass die Feldlerche in zehn Jahren in Deutschland zu den bedrohten Arten gehört.

Die Feldlerche bleibt das ganze Jahr über bei uns und weicht nur bei größeren schneereichen Kälteeinbrüchen kurzfristig in wärmere Gefilde aus. Ab Mitte April errichtet das Weibchen in einer selbstgescharrten Bodenmulde das Nest, in das sie bis zu sieben Eier legt. Erst bei der Fütterung der nach elftägiger Brutzeit schlüpfenden Jungvögel wird auch das Männchen wieder in die Pflicht genommen. Schon nach sieben bis elf Tagen verlassen die jungen Feldlerchen das Nest, hüpfen zunächst allerdings nur hinter ihren Eltern her und verstecken sich zwischendurch im Gelände. Frühestens im Alter von 15 Tagen beginnen sie zu fliegen. Unter guten Bedingungen brütet die Feldlerche dann ab Mitte Juli ein zweites Mal.

Auf landwirtschaftlich genutzten Flächen sind Lerchennester immer gefährdet, nicht nur durch Maschinen. Auch Rinder können zum Beispiel Gelege zertreten. Auf den Verlust reagieren die Vögel jedoch rasch: Bereits wenige Tage später beginnt das Weibchen eine neue Brut – bis zu sechs Brutversuche im Jahr hat man schon beobachtet.

Immer mehr Wiesen werden allerdings intensiv bewirtschaftet und im Vier-Wochen-Rhythmus gemäht. Dann reicht die Zeit nicht mehr für Eiablage und Jungenaufzucht: Die Küken der Feldlerchen haben keine Überlebenschance. Auf intensiv genutzten Ackerflächen geht es den Vögeln kaum besser: Dicht ausgesät und stark gedüngt wächst etwa Wintergetreide oder Raps so dicht, dass hier kein Platz für Lerchennester mehr ist. Pestizide sorgen zudem dafür, dass die Vögel immer weniger Insekten finden.

Vögel sind als sogenannte Endkonsumenten wichtige Frühwarnsysteme, die uns anzeigen, in welchem Zustand sich ein Ökosystem befindet. Wenn fast alle Vögel der Feldflur auf dem Rückzug sind, dann stimmt etwas nicht mit der Landschaft, die der Feldlerche als Lebensraum und uns als Grundlage unserer Ernährung dient.

Auf ökologisch bewirtschafteten Feldern dagegen ist der Bruterfolg von Feldlerchen deutlich höher, die Jungvögel entwickelten sich besser. Die Gründe liegen auf der Hand: Der ökologische Landbau verzichtet auf den Einsatz von Pestiziden und synthetischen Düngemitteln. Auf ökologisch bewirtschafteten Feldern finden sich infolgedessen mehr typische Ackerkräuter. Zudem wächst das Getreide hier nicht so rasch und so dicht wie auf konventionell betriebenen Feldern. Auch auf eine breitere Fruchtfolge wird geachtet; Sommergetreide und Kleegras werden als Viehfutter angebaut.

Politiker, Landwirte und Konsumenten müssen erkennen, dass unsere Kulturlandschaft nicht ausschließlich Produktionsstandort ist. Sie ist auch Lebensraum spezifischer Tier- und Pflanzenarten und Erholungsraum für den Menschen. Soviel sollte jedoch allen Beteiligten klar sein: Eine Landwirtschaft, die diese Aspekte berücksichtigt, ist nicht zum Nulltarif zu haben. Sie muss von uns allen gefordert, unterstützt und bezahlt werden.

Je mehr Verbraucher auf ökologisch erzeugte Lebensmittel zurückgreifen, desto mehr Landwirte werden auf den biologischen Landbau umstellen. Die gleichen Regeln gelten für unseren Fleischkonsum: Nur wenn für Rindfleisch aus extensiver Weidehaltung eine Nachfrage besteht, werden Mutterkühe, Ochsen und Bullen weiter auf Weiden gehalten und damit wertvolle Lebensräume für die Feldlerche erhalten.


Naturschutz heute, Ausgabe 1/98 vom 7. Januar 1998


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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