Archiv Naturschutz heute


Jahresvogel 1996 Kiebitz
Flugkünstler vor dem Absturz

von Peter H. Barthel und Helge May

Kiebitz-Steckbrief * Eier für den Kanzler


Der Kiebitz leidet unter Nachwuchsmangel. Erfolgreiche Bruten sind Mangelware, der bundesdeutsche Kiebitzbestand vergreist. Ohne schnelle Hilfe wird die Zahl der Vögel weiter rapide abnehmen.

Wie die meisten seiner Vorgänger seit 1971 ist der Kiebitz ein Zugvogel, hält sich also nur zeitweise in Deutschland auf. Im Gegensatz zu vielen anderen weit reisenden Arten aus der Watvogel-Verwandtschaft ist der Kiebitz aber ein Kurzstreckenzieher, der je nach Herkunft sehr unterschiedliche Zuggewohnheiten hat. Die in Deutschland brütenden Kiebitze ziehen nach Westen und Südwesten. Sie verbringen den Winter meist an der Atlantikküste Frankreichs, Spaniens und Portugals, teilweise auch in Nordwestafrika, dort vor allem in Marokko. Einige überwintern auch im Süden der Britischen Inseln.

Lange hält es der Kiebitz in den meisten Gegenden Deutschlands nicht aus. Im Februar und März angekommen, machen sich vor allem Männchen kurz nach dem Schlüpfen der Küken schon ab Mai wieder auf den Weg. Dieser "Zwischenzug" führt die Vögel in großen Trupps nach Norddeutschland und an die Kanalküste, wo ruhige Mauserplätze aufgesucht werden. Die flüggen Jungvögel folgen Ende Juni. Die Zwischenetappe im nordwestlichen Mitteleuropa hat einen ökologischen Sinn, denn die Überwinterungsgebiete in Südwesteuropa werden für den Kiebitz erst dann attraktiv, wenn dort der Winterregen den trockenen Boden aufweicht und so die Nahrungssuche erleichtert.

Bei Frost Massenflucht
Im August beginnt der eigentliche Wegzug, der einen so langen Zeitraum umfasst, dass selbst im Oktober und November noch große Kiebitzscharen auf abgeernteten Feldern zu sehen sind. Erst mit dem Einsetzen stärkeren Frostes kommt es zu einer plötzlichen "Massenflucht" vor dem hereinbrechenden Winter. In rastenden Trupps stehen oft alle Tiere wie Wetterfahnen zusammen, etwas geduckt mit dem Kopf gegen den Wind ausgerichtet. In milden Wintern überwintern – insbesondere in Norddeutschland – einige Kiebitze auch bei uns.

Salto mortale über der Wiese
Sobald der Vogel des Jahres 1996 im zeitigen Frühjahr in ihrem Brutgebiet eingetroffen ist, beginnt er mit seiner imposanten Balz: Das Männchen fliegt zunächst eine längere Strecke mit tief ausholenden Flügelschlägen niedrig über den Boden. Dann steigt es plötzlich mit raschen Schlägen fast senkrecht zehn und mehr Meter nach oben und ruft dabei laut und heiser "chää-chwit". Nach einigen Metern Geradeaus-Flug folgt kopfüber ein dramatischer Absturz mit "Salto mortale". Der Kiebitz wirft sich auf den Rücken, schlägt laut rufend ein bis zwei purzelbaumähnliche Rollen in der Luft und fängt den Sturz kurz vor Erreichen des Bodens mit einigen schnellen Flügelschlägen ab.

Bei der Bodenbalz läuft das Männchen mit steifen Schritten und etwas angehobenen Flügeln auf das Weibchen zu und richtet sich hoch auf. Dann wippt es mit dem Körper, zuckt mit den Flügeln und senkt sich vornüber mit der Brust auf den Boden, um das Zeremoniell des "Scheinnistens" einzuleiten. Die weit abgespreizten Flügel werden leicht aufgestellt, die eingeknickten Beine führen scharrende Bewegungen in einer imaginären Nistmulde aus. Nach dem Aufstehen werden ruckartig Grashalme über die Schulter geworfen.

Eine der so entstandenen Nestmulden wird schließlich mit Halmen ausgelegt und beherbergt später das vier Eier zählende Gelege. Männchen und Weibchen bebrüten die Eier etwa vier Wochen lang. Bereits einige Tage vor dem Schlüpfen sind aus dem Inneren der Eier erste Piepslaute zu hören.

Flinke Küken
Die Küken verlassen die Nestmulde, sobald sie nach dem Schlüpfen getrocknet sind. Sie nehmen von Anfang an ihre Nahrung selbst auf, werden von den Eltern lediglich bewacht und in den ersten zwei Wochen vom Weibchen nachts gewärmt. Dem Warnruf der Eltern gehorchend drücken sie sich bei Gefahr sofort flach auf den Boden und vertrauen auf ihre ausgezeichnete Tarnfärbung – oder sie rennen schnell in die Deckung von Pflanzen oder Bodenmulden.

Die Altvögel verteidigen mutig ihren Nachwuchs, wobei sich häufig benachbarte Paare beteiligen. Durch Alarmrufe, Drohgebärden und Angriffsflüge soll der Eindringling verscheucht oder durch das Vortäuschen einer Verletzung fortgelockt werden. Wird man als Spaziergänger von aufgebrachten Kiebitzen umflogen, sollte man auf Kiebitzküken am Boden achten, denn diese verlassen ihr Versteck erst nach der Entwarnung durch die Altvögel. Oft werden die Kleinen von ihren Eltern zu Fuß über Entfernungen von bis zu einem Kilometer in nahrungsreichere Gebiete geführt. Schon im Alter von fünf bis sechs Wochen können die Jungvögel fliegen und werden selbständig.

Einbeinig auf Beutejagd
Kiebitze ernähren sich vor allem von Insekten und deren Larven sowie Schnecken und Würmern. Der Jahresvogel 1996 ortet seine Beute nicht nur mit den Augen, sondern auch akustisch. Das "Bodenklopfen" oder "Fußtrillern" dient zum Hervorlocken von Bodentieren. Den Schwerpunkt auf ein Standbein verlagernd, wippt der Kiebitz mit dem anderen Bein rasch vibrierend auf und ab, ohne die Zehen vom Boden zu lösen. So können Regenwürmer aus Schlammflächen oder blankem Ackerboden getrieben werden.

In den weichen, nahrungsreichen Boden der Feuchtwiesen kann der Kiebitz mit seinem Schnabel leicht eindringen und an Beute gelangen. Auch zur Brut sind diese Flächen geeignet, denn durch die langanhaltenden Überschwemmungen setzt das Pflanzenwachstum erst spät ein, die Vegetation bleibt niedrig und lückig. Hier kann sich auch der frühzeitig eigenständig umherstöbernde Nachwuchs mühelos bewegen.

Ackerbruten aus Verzweiflung
Doch die meisten natürlichen Moore und Sümpfe sind heute längst entwässert. Auch die menschengemachten Kiebitzbiotope der feuchten Wiesen und Weiden, die um die Jahrhundertwende noch weiträumig zu finden waren, haben sich in den letzten Jahrzehnten durch die Intensivierung der Landwirtschaft stark gewandelt. Aus "Verzweiflung" brütet der Kiebitz heute auch auf Äckern, Feldern und intensiv genutzten Wiesen. Hier überleben aber meist nicht genug Jungvögel, um den Fortbestand der Art zu sichern. Die großen Trupps, die bei uns während der Zugzeiten auftreten, sind keine einheimischen Kiebitze, sondern Vögel aus den heute noch weitgehend intakten Feuchtgebieten Osteuropas. Dort sind viele der Kiebitze geboren, die nun bei uns zu brüten versuchen.

Zahlreiche regionale Untersuchungen zeigen übereinstimmend: Die deutschen Kiebitzbestände nehmen stark ab. So nahm die Zahl der Kiebitze auf einer 600 Hektar großen Untersuchungsfläche nahe des holsteinischen Storchendorfes Bergenhusen während der letzten zehn Jahre von 113 auf 24 Brutpaare ab. Im hessischen Landkreis Waldeck-Frankenberg wurde ein Rückgang um 92 Prozent ermittelt. Die Intensivierung der Landwirtschaft, das Trockenlegen von feuchtem Grünland und die Ausweitung von Siedlungen und Industrieanlagen haben dem Kiebitz den Lebensraum genommen.

Treue wird nicht belohnt
Kiebitze sind sehr standorttreu, sie halten an ihrem alten Nistplatz früherer Jahre fest, auch wenn nach ihrer Rückkehr aus dem Winterquartier aus der Wiese ein Getreidefeld geworden ist. Doch auf den Äckern fällt rund ein Drittel aller Nester der Landwirtschaft zum Opfer. Sie werden von Landmaschinen zerstört oder vom raschen Pflanzenwuchs überwuchert. Ausgerechnet die aus Sicht des Umweltschutzes unliebsamen Maisäcker lassen dem Kiebitz eine kleine Chance, da zwischen Aussaat und erster Bearbeitung häufig ein ausreichend langer Zeitraum liegt. Allerdings bieten die Äcker für die Jungtiere nicht ausreichend Nahrung.

Auch auf trockengelegten Wiesen ist die Nahrungssuche erschwert, weil der Boden durch die Entwässerung schnell hart und trocken wird. Aufgrund der starken Düngung stehen die Halme so eng und schießen so schnell in die Höhe, dass die Tiere kaum noch zwischen ihnen hindurchlaufen und über sie hinwegblicken können. Auch werden die Wiesen im zeitigen Frühjahr gewalzt oder geschleppt, gemäht wird heute viel früher – oft schon vor Mitte Mai – und das mit schnell fahrenden Kreiselmähern. Viele Gelege werden zerstört, bereits geschlüpfte Küken werden getötet.

Nachwuchsrate im Keller
Wissenschaftler haben errechnet, dass pro Kiebitzpaar jährlich 1,3 Jungvögel flügge werden müssten, damit die natürliche Sterblichkeit ausgeglichen wird. Jedoch reicht in Deutschland die Nachwuchsrate kaum noch aus, um den Bestand zu erhalten. Einige Vorkommen haben überhaupt keinen Bruterfolg mehr; in den meisten Regionen liegt er zwischen 0,2 und 0,6 Jungvögeln pro Paar. Oft wird mehr als die Hälfte der brütenden Kiebitze eines Gebietes von Zuwanderern gebildet, die sich auf dem Rückzug den hier heimischen Kiebitzen angeschlossen haben. Hinzu kommt, dass Kiebitze bis zu 25 Jahre alt werden können. Einmal erwachsen geworden, versuchen sie jedes Jahr aufs Neue, sich fortzupflanzen – unter Umständen ein Leben lang vergeblich.

Deshalb braucht der Vogel des Jahres 1996 unsere Hilfe. Auenrenaturierung und die Wiedervernässung von Feuchtwiesen leisten hier wichtige Beiträge. Gebiete, die zum rasten und brüten besonders geeignet sind, müssen vor zerstörerischen menschlichen Eingriffen bewahrt werden. Auch naturschonende Bewirtschaftungsformen helfen dem Kiebitz. Der Bruterfolg steigt, wo Weiden mit nicht mehr als einem Rind pro Hektar bestückt sind und wo bei Wiesen auf Mineraldünger und Gülle verzichtet und die Mahd auf ein bis zwei Schnitte pro Jahr reduziert wird. Ökolandbau mit einer geringeren Bodenverdichtung und Beeinträchtigung des Bodenlebens erleichtert ihm die Nahrungssuche.

Die Politik ist gefragt
Langfristig wird der Kiebitz nur dann eine Chance haben, wenn eine generelle Änderung der Agrarpolitik eingeleitet wird. Nicht Überschussproduktion, sondern eine an den tatsächlichen Bedürfnissen orientierte bäuerliche Landwirtschaft ist anzustreben. Umfassende Extensivierungs- und Naturschutzprogramme können diese Entwicklung fördern. Doch nach wie vor wird der umgekehrte Weg beschritten. In Osteuropa, wo der Kiebitz heute noch günstige Lebensbedingungen findet, treibt man mit Geldern der Europäischen Union weitreichende Entwässerungen und die Industrialisierung der Landwirtschaft voran. Bald wird auch von dort kaum noch ein Kiebitz nach Deutschland kommen, um uns vorzugaukeln, es gebe noch eine "heile Kiebitz-Welt".


Kiebitz-Steckbrief

Name
Kiebitz alias Vanellus vanellus aus der Familie der Regenpfeifer. Auch bekannt unter Kiwit, Giwwik, Riedschnepfe, Feldpfau, Geißvogel und Muttergottestaube.

Körpermaße
Mit 28 bis 32 Zentimetern etwa taubengroß und 150 bis 280 Gramm schwer.

Unveränderliche Kennzeichen
Gefieder kontrastreich mit metallisch glänzender schwarzer Oberseite und weißer Unterseite mit schwarzem Brustband sowie abstehender "Federholle" am Hinterkopf. Ruft seinen Namen "kie-witt", bei der Balz im Flug auch gereiht "chie-uit, wit-wit-wit, chää-wit".

Nahrung
Würmer, Insekten und deren Larven, auch Pflanzensamen.

Fortpflanzung
Je nach Witterung von März bis Juni, hauptsächlich im April und Mai. Eine Jahresbrut, bei deren Verlust erfolgen meist Nachgelege. Nest als flache, mit Gras ausgepolsterte Mulde am Boden. Gelege meist vier birnenförmige, olivbraune, schwärzlich gefleckte Eier, rund 25 Gramm schwer. Brutdauer 26 bis 29 Tage. Die Küken sind Nestflüchter und können mit 35 bis 40 Tagen fliegen.

Lebensraum
Offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, also Wiesen, Weiden und Überschwemmungsflächen; in neuerer Zeit verstärkt auf Feldern und Äckern. Rastet zur Zugzeit auf abgeernteten Feldern, gemähten Wiesen, Schlammflächen und an offenen Ufern.

Verbreitung
Von der Atlantikküste im Westen (Irland, Spanien, Marokko) über ganz Europa und Mittelasien bis an die Pazifikküste im fernen Osten Russlands. Dabei bleiben der äußerste Norden Europas und Asiens, das südliche Asien und weite Teile des Mittelmeerraumes ausgespart.

Bestand
In Deutschland zwar nahezu flächendeckend verbreitet, aber in höheren Lagen und im Süden seltener als im Norden; fehlt über 900 Metern Höhe. Deutscher Gesamtbestand knapp 100.000 Brutpaare.

Gefährdung
Im ursprünglichen Lebensraum hauptsächlich durch Entwässerung und frühe Wiesenmahd, auf Äckern und Feldern durch Trockenheit und landwirtschaftliche Arbeiten. Bruterfolg in Deutschland fast nirgendwo mehr zur Bestandssicherung ausreichend; in der bundesweiten Roten Liste ist der Kiebitz in Kategorie 3 als "gefährdet" eingestuft.


Eier für den Kanzler
(aus der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 23.10.95)

"Ein wahrer Feinschmecker findet auch an Verbotenem großen Gefallen. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte jedenfalls keine Bedenken, von 1871 an jeden 1. April genau 101 Kiebitzeier aus dem Friesischen als Geburtstagsgeschenk anzunehmen. Seine Getreuen in Jever sammelten die Leckerbissen regelmäßig wie Nesträuber aus den frischen Gelegen und schickten sie Bismarck als hochwillkommene Delikatesse in preußische Berlin, wo der Griff ins Kiebitzgelege schon lange untersagt war.

1883 hat sich Bismarck mit einem eiförmigen Pokal für das alljährliche Präsent revanchiert. Das gute Stück, das mit einem Kiebitzkopf verziert ist, wird noch heute in Jever in Ehren gehalten. Und wenn der Pokal im 'Haus der Getreuen' gelegentlich besonderen Gästen gezeigt wird, dann klingt schon mal an, dass Kiebitzeier wirklich sehr gut schmeckten, aber leider dürfe man sie den Vögeln ja nicht mehr wegnehmen.

In Holland dagegen ist es noch immer erlaubt, die Nester der prachtvollen Kunstflieger zu plündern. Noch 1993 hat sich das Parlament in Den Haag über alle Bedenken der Vogelschützer hinweggesetzt und die Frist für das Kiebitzeier-Sammeln um drei Tage bis zum 9. April verlängert."


Naturschutz heute, Ausgabe 1/96 vom 19. Januar 1996


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