Archiv Naturschutz
heute
Hummelsterben im
Nektarloch
von Helge May
Alljährlich
im Hochsommer kommt es unter Silber- und Krimlinden zu Massensterben
von Hummeln. Wissenschaftler, Naturschützer und die besorgte Öffentlichkeit
standen lange vor einem Rätsel. Untersuchungen der Universität
Münster bringen jetzt Stück für Stück Licht in die
Angelegenheit.
Lange war das so
auffällige und bereits in den zwanziger Jahren beschriebene Hummelsterben
nur unzureichend erforscht. Erklärungsversuche wurden oft auf wackliger
Datenbasis angestellt. Manche Autoren bezweifelten gar, dass es überhaupt
ein spezielles Hummelsterben unter Linden geben, dieses sei vielmehr
eine Art "optische Täuschung". Die Tiere würden
genauso häufig in Wiesen oder Äckern sterben, fielen dort
aber nicht ins Auge. Nachsuchungen und Zählungen widerlegten diese
Annahme schnell.
Die nächste Hypothese besagte, dass die Blütezeit der Silberlinde
mit der natürlichen Absterbephase von Hummelvölkern zusammenfalle.
Die Hummeln stürben also sozusagen an Altersschwäche oder
würden bereits stark geschwächt zur leichten Beute von Fressfeinden.
Tatsächlich nutzen Kohlmeisen und Fliegenschnäpper, aber auch
bestimmte Falten- und Grabwespen die Ansammlungen sterbender und toter
Hummeln als bequeme Beute. Bei den 1990 begonnenen mehrjährigen
Untersuchungen der Universität Münster wiesen drei Viertel
der knapp 11.000 analysierten Hummeln Fraßspuren auf. Gleichzeitig
stellten die Forscher unter Leitung von Prof. Dr. Bernhard Surholt jedoch
fest, dass die gestorbenen Tiere keineswegs überaltert, sondern
meist im besten Hummelalter waren.
Woran sterben also die Hummeln? 1977 gab es erstmals Hinweise, der Nektar
der spätblühenden Linden könnte Mannose enthalten, ein
einfach strukturierter Zucker, dessen Giftwirkung auf Hummeln und Honigbienen
bekannt ist. Schnell sprachen die Medien von "Todesbäumen".
Stadtparlamente und Gartenämter überlegten ernsthaft, zur
Bekämpfung des Hummelsterbens die "fremdländischen"
Bäume zu fällen.
Krim- und Silberlinde kommen beide in Mitteleuropa nicht natürlich
vor. Die Krimlinde ist ein Bastard, wohl aus der weitverbreiteten Winterlinde
und der im Kaukasus vorkommenden Linde Tilia dasystyla entstanden. Die
Silberlinde hat ihre Heimat in den Laubmischwäldern Vorderasiens
und Südosteuropas bis hin nach Ungarn; während der letzten
Wärmezeit, bis vor gut 4000 Jahren, wuchs sie auch bei uns. Seit
etwa 1770 wird sie in Mitteleuropa angepflanzt, heute besonders gerne
in Städten. Die Silberlinde ist ausgesprochen hitzeverträglich
-- ebenso die Krimlinde -- und hat auch keine Probleme mit Sommertrockenheit.
Doch auch in punkto Mannose kommt aus Münster Entwarnung. Trotz
langwieriger Analysen konnte im Lindennektar nämlich keine Mannose
und auch kein anderer bienengiftiger Zucker gefunden werden, ebenso
wenig in den sterbenden Hummeln. Um den Nektar gänzlich "freisprechen"
zu können, wurden außerdem Hummeln fünf Tage lang ausschließlich
mit dem Nektar jener Silberlinden gefüttert, unter denen große
Mengen toter Tiere aufgefunden worden waren. Die gefütterten Tiere
zeigten keinerlei Schädigungen.
Die weitere Untersuchung sterbender Hummeln brachte endlich die Todesursache:
Massensterben durch verhungern. Die Wissenschaftler maßen die
Zuckerreserven in den Hummelkörpern und mussten feststellen, dass
die Energiereserven weitgehend aufgebraucht waren. Mit Ausnahme überwinternder
Königinnen speichern Hummeln nicht wie andere Insekten Stärke
oder Fette, ihr Energiestoffwechsel greift ausschließlich auf
bestimmte Zucker zurück.
Doch warum verhungern die Hummeln ausgerechnet unter Silber- und Krimlinden
versammelt? Schließlich kann es sich ja kaum um im übertragenen
Sinne "Elefantenfriedhöfe" handeln. Nun blühen Silberlinden
ungefähr zwei bis vier Wochen nach den Winter- und Sommerlinden,
wobei es im einzelnen natürlich zu Überschneidungen kommen
kann. Zum Blühzeitpunkt der Silberlinde ist das sonstige Nektarangebot
sehr gering. Man kann also annehmen, dass viele Hummeln während
dieses Nektarlochs bereits so stark geschwächt sind, dass sie bei
Entdeckung der Linden bereits für die Nahrungsaufnahme zu schwach
sind.
Die vorläufig letzten Erkenntnisse ergab ein Versuch, bei dem der
Nahrungseintrag eines Hummelvolkes wie auch Blühverlauf und Nektarproduktion
der besuchten Silberlinde exakt gemessen und verglichen wurden (die
Hummeln wurden jeweils in einem zum Nest führenden Gang mittels
einer von Lichtschranken aktivierten Computerwaage erfasst). Während
die Hummeln in den ersten drei Tagen reichlich Nektar einflogen und
das Nest bestens versorgen konnten, nahm der Eintrag danach rapide ab,
obwohl die Linde ihre Nektarproduktion erst weitere drei Tage später
drosselte. Aufgrund des sonstigen Nektarmangels bei anderen Pflanzenarten
versuchten immer mehr Hummelvölker die Linde zu nutzen. Die Konkurrenz
am Baum wurde so stark, dass die Tiere des markierten Volkes schließlich
nach neun Tagen mit einem geringerem als dem Ausflugsgewicht ins Nest
zurückkehrten. Die Nahrungsaufnahme verbrauchte mehr Energie, als
sie brachte. Nach elf Tagen waren 32 von 38 Arbeiterinnen des Hummelvolkes
gestorben, nach zwölf Tagen waren alle im Nest verbliebenen Tiere
einschließlich der Königin ebenfalls verhungert.
Hauptgrund für das Hummelsterben ist also der Nektarmangel im Hochsommer,
ausgelöst durch immer steriler werdende Gärten und Grünanlagen
und die weitere Ausräumung der freien Landschaft. Allerdings haben
die spätblühenden Linden offensichtlich eine kurzzeitige hohe
Sogwirkung auf nahrungssuchende Hummeln und Bienen, was möglicherweise
zu einer am Ende tödlichen Ablenkung von kleineren, aber dauerhaften
Nektarquellen führt. Die Untersuchungen zum Hummelsterben führen
so zu einer sehr allgemeinen Forderung zurück: Zum Überleben
unserer Tierwelt brauchen wir möglichst viele ungenutzte oder schonenden
bewirtschaftete Flächen, auf denen sich einen vielfältige
Pflanzenwelt ansiedeln kann -- nicht nur der Hummeln wegen.
aus: Naturschutz
heute, Ausgabe 3/1995
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