Archiv Naturschutz heute


Lebendige Friedhöfe

von Kerstin Oerter und Hajo Gehring


Friedhöfe sind weitaus mehr als stumme Totenstätten. Sie sind Orte der Ruhe, der Besinnlichkeit und des Friedens, aber nicht ohne Leben. Schon allein aufgrund ihrer Eigenschaften als eingefriedete, beruhigte und begrünte Bereiche werden Friedhöfe auch zum Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Sie sind damit oft eine der wenigen Möglichkeiten des Stadtmenschen zum alltäglichen Kontakt mit der Natur.

Naturschutz auf dem Friedhof allerdings ist für viele Menschen noch ein recht ungewohnter Gedanke. Der NABU möchte hierzu im Jahr der Nachtigall und auch mit Blick auf das unter dem Motto "Naturschutz außerhalb von Schutzgebieten" stehende Europäische Naturschutzjahr 1995 neue Impulse geben.

Immerhin bedecken die rund 20.000 bundesdeutschen Friedhöfe zusammen gut 250.000 Hektar. An der gesamten Stadtfläche sind sie mit einem Anteil von 1,2 Prozent beteiligt. Auch ist die Grünfläche für Friedhöfe häufig größer als die für öffentliche Parks, weil Friedhöfe konkurrierenden Raumansprüchen eher zu widerstehen vermögen. Vor allem größere Friedhöfe mit einem ausgeprägten alten Baumbestand können in der Innenstadt als "grüne Lungen" fungieren.

Standortvielfalt
Mit ihrem kleinräumigen, engverzahnten Strukturmosaik stellen Friedhofsanlagen in gewisser Weise einen Sonderstandort dar. Neben niedrig wachsenden Grabpflanzen, Rasen- und Wiesenflächen finden sich geschichtete Strauch- und Baumgruppen; Wege und Wegränder bilden offene Rohbodenbereiche; Efeugräber, Gruften und alte Friedhofsmauern, Kompost- und Reisighaufen bieten mannigfaltige Kleinstlebensräume. Gelegentlich findet man auf großflächigen, parkähnlichen Friedhöfen sogar Feuchtbiotope, wie Bachläufe, Tümpel und Feuchtwiesen.

Die Anzahl der spontan auftretenden Pflanzenarten liegt auf großen Friedhöfen deutlich über den Artenzahlen vergleichbarer Garten- oder Grünanlagen. Darunter befinden sich etliche Pflanzen der Roten Liste wie Osterluzei, Schwarznessel oder Wiesen-Goldstern. Besonders interessant sind Friedhöfe für Flechten und Moose, die Mauern, Grabsteine, Wegränder und offene Bodenstellen besiedeln.

Auch die Tierwelt unserer Friedhöfe ist eine nähere Betrachtung wert. Bei den Vögeln können Artenzahl und Individuendichte sehr hoch sein. Dabei handelt es sich nicht nur um anpassungsfähige Kulturfolger, wie Amsel und Blaumeise, sondern auch um weniger häufige Arten. Ein typischer Bewohner alter, parkähnlicher Anlagen ist unser Jahresvogel 1995, die Nachtigall. Auch Fledermäuse kommen auf Friedhöfen vor, wo sie Baumhöhlen (Braunes Langohr) oder Spalten an Gebäuden und Mauern (Zwergfledermaus) als Unterschlupf oder als Wochenstube zur Aufzucht ihrer Jungen nutzen.

Friedhofstypen
Doch allzu häufig sind sie nicht, die alten, beschaulichen Waldfriedhöfe mit ausgedehnten Wiesenbereichen, Heckenzeilen und Baumgruppen, die in enger Einbindung zur umgebenden Landschaft stehen und eine vielfältige Pflanzen- und Tiergemeinschaft beherbergen. Die Palette reicht vom naturgeprägten Friedhof über eine Hervorhebung planerischer und gestalterischer Aspekte bis hin zur Betonung der reinen Zweckbestimmung und der Schaffung von "Friedhofsmonokulturen".

Neueren Friedhofsanlagen fehlen in der Regel die charakteristischen Elemente der gewachsenen Altfriedhöfe. Die wenigen vorhanden Bäume stehen meist einzeln und spenden nicht zuletzt aufgrund ihres geringen Alters nur wenig Schatten. Die intensiv gepflegten Grabfelder sind meist schachbrettartig angelegt, die Wege sind asphaltiert oder mit Verbundsteinpflaster bedeckt. Durch die intensive Pflege und einen hohen Anteil an nichteinheimischen Ziergehölzen ist die Standortvielfalt sehr gering.

Auf den mittelalterlichen Kirchhöfen, die im christlichen Kulturkreis über Jahrhunderte hinweg der vorherrschende Bestattungsraum waren, bestimmten Rasen oder Wiesen das Bild. Der "grüne Friedhof", in Form einer parkähnliche Anlage oder als Waldfriedhof, entwickelte sich erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Die heute übliche blütenreiche Grabbepflanzung war damals unbekannt. Im Kirchhof wurden bestimmte Stauden und Gehölze gepflanzt, denen eine tief glaubensgeprägte kultische Bedeutung zukam. Als Symbole der Ewigkeit und der Unsterblichkeit galten immergrüne Pflanzen, wie Eibe, Buchsbaum und Kleines Immergrün, sowie Pflanzen mit dauerhaften Blütenständen.

Hindernis Friedhofssatzung
Heute ist das Wissen um die ursprüngliche Verwendung von Pflanzen auf dem Friedhof weitgehend vergessen. Auch die üppigste und verschwenderischste Blumenpracht vermag nicht über das rasterhafte und monotone Erscheinungsbild vieler moderner Friedhöfe hinwegzutäuschen. Steinerne Grababdeckungen und anonyme Urnengrabfelder brachten nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine ökologische Verarmung unserer Friedhöfe.

Häufig verhindern zu starre und ordnungsorientierte Friedhofssatzungen eine ökologische und bürgernahe Gestaltung unserer Friedhöfe. Die enge Auslegung der Paragraphen führt zu einer Sterilität, die nicht nötig wäre. Friedhofsgestaltung und -bewirtschaftung sind eng miteinander verknüpft und bestimmen nicht nur den funktionellen, sondern auch den ästhetischen Rahmen einer Friedhofsanlage. Es müssen Bestattungen nach den bestehenden Gesetzen und Verordnungen gewährleistet sein; Wege, Bauten und technische Anlagen müssen funktionsfähig gehalten und in die Grünflächen integriert werden. Der Friedhof soll nicht Gedenk- und Kulturstätte, sondern auch Naherholungszone sein.

Pflege verringern
Ein naturnaher Friedhof ist relativ einfach und vor allem auch recht kostengünstig zu erreichen, im wesentlichen durch eine reduzierte und naturnahe Pflege. Doch nicht jeder besitzt den "ökologischen Blick", für den eine bunte Wiese weitaus ästhetischer ist als ein kurzgeschorener Rasen, eine strukturreiche Hecke aus heimischen Sträuchern anziehender als eine gerade Reihe strammstehender Lebensbäume. Als Kompromiss sollten besondere Repräsentationsflächen, etwa in unmittelbarer Nähe der Kapelle, von den Extensivierungsmaßnahmen ausgenommen werden.

Bei vermindertem Pflegeeinsatz entwickeln sich aus ehemals streng geschnittenen Hecken rasch frei wachsende Gebüsche mit artenreichen Saumgesellschaften. Es entstehen vielfältig strukturierte Gehölzbestände mit stufigem Aufbau und unregelmäßigem Randverlauf. Wünschenswert ist die extensive Pflege aller Wiesenflächen, die dann in der Regel nicht öfter als zwei- bis dreimal im Jahr gemäht werden. Die naturnahe Friedhofspflege kann selbst auf die Grabparzellen ausgedehnt werden, indem einheimische Kleingehölze sowie alte Kultur- und Heilpflanzen wie Ringelblume und Hauswurz den Exoten vorgezogen werden.

Wege und Mauern
Schon bei der Planung ist eine möglichst geringe Oberflächenversiegelung, insbesondere im Wege und Parkplatzbau, anzustreben. Je nach Beanspruchung bieten sich hier Pflaster- und Schotterwege an, bei geringer Nutzung sogar erdgebundene und begrünte Wege. Damit wird die Beeinträchtigung des Bodenlebens und des Wasserhaushalts verringert und es können sich sogar Trittpflanzen-Gesellschaften und Tierarten offener Bodenbereiche wie Laufkäfer und Erdwespen ansiedeln.

Und wenn die Naturschutzwelle schon über die Friedhofsmauern schwappt, so darf sie die Mauern selbst auch nicht auslassen. Alte Mauern sind besonders schützenswerte Sonderstandorte, die eine spezielle Mauerfugenvegetation beherbergen und einer Vielzahl von Tieren Schutz und Zuflucht bieten. Darum muss es ein vorrangiges Anliegen sein, die alten, von Flechten und Moosen bewachsenen Friedhofsmauern zu erhalten. Ist eine Restaurierung notwendig, so sollte diese abschnittsweise erfolgen und keinesfalls das Verschließen von Fugen und Ritzen beinhalten.

Pflanzenverwendung und Abfallbeseitigung
Generell sollten nur einheimische Pflanzen verwendet werden, und dies nicht nur, weil sie weniger Pflege benötigen. Von Bedeutung ist auch, dass sie im ökologischen Wirkungsgefüge der einheimischen Flora und Fauna stehen und somit vielen Vögeln und Insekten Nahrung bieten und unempfindlicher gegenüber Schädlingen sind. Zumindest sollten die Pflanzen einfache, nicht gefüllte Blüten besitzen, da diese von den heimischen Insekten eher genutzt werden können. Auf eine Grab- und Wegepflege mit Hilfe chemischer Mittel sowie auf mineralische Dünger oder Torf sollte grundsätzlich verzichtet werden.

Die Abfallbeseitigung ist auch oder gerade auf Friedhöfen von großer Bedeutung, da der häufig wechselnde Grabschmuck zu wahren Abfallbergen aus Pflanzenresten, Kunststoff, Metall und Glas führt. Zahlreiche Friedhofsträger machen bereits von der Möglichkeit der Kompostierung pflanzlicher Abfälle Gebrauch. Erfreulicherweise hat sich das Gartenbaugewerbe darauf eingestellt und verrottbare Materialien entwickelt, wie Pflanzenschalen aus Altpapier oder Kranzunterlagen aus Stroh.

Naturschutz auf dem Friedhof ist nicht nur möglich, sondern auch nötig. So betrifft die NABU-Forderung, "mehr Natur zulassen" in besonderem Maße auch unsere Friedhöfe. Denn in der heutigen Zeit gewinnen naturnahe Rückzugsgebiete in Städten, Dörfern und Ballungsräumen immer mehr an Bedeutung. Bei der Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen darf jedoch nicht vergessen werden, dass der Anspruch der Trauernden und die Würde des Friedhofs gewahrt bleiben muss. Nur durch eine sensible und phantasievolle Handhabung, durch Einsicht, Kooperations- und Einsatzbereitschaft aller Beteiligten kann ein bedeutendes Kultur- und Naturgut unseres Landes erhalten bleiben oder vielleicht sogar neu geschaffen werden: Lebendige Friedhöfe.


aus: Naturschutz heute, Ausgabe 2/1995, S. 6-7


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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