Archiv Naturschutz heuteBewohner einer fremden Welt Einiges über Biologie, Gefährdung und Schutz unserer einheimischen Süßwasserfische. von Helge May
Fische sind uns auch fremd, weil sie unter Wasser in einer ganz anderen Sinneswelt leben als wir. So ist für die meisten Arten der Geruchssinn weitaus wichtiger als der Gesichtssinn. Elritzen zum Beispiel sind in der Lage, 15 verschiedene Fischarten alleine aufgrund des Geruchs zu unterscheiden. Sie verständigen sich auch mit Hilfe von Gerüchen: Bei Gefahr alarmieren sie ihre Artgenossen mit ins Wasser abgegebenen Schreckstoffen. Mit Hilfe des Geruchsinnes erkennen viele Fische auch ihre Sexualpartner sowie den eigenen Nachwuchs. Gut entwickelt ist bei den meisten Fischen außerdem der Geschmackssinn. Manche Fische tragen Geschmacksknospen auf der ganzen Hautfläche. Besonders dicht gedrängt sitzen diese Sinneszellen an den Spitzen der Barteln, mit denen Welse, Schmerlen und andere Grundfische den Gewässerboden abtasten. Der für uns Menschen fremdartigste Sinn der Fische ist ihr Ferntastsinn, mit dem feinste Schwankungen des Wasserdruckes registriert werden. Aus diesen Druckschwankungen kann der Fisch auf die Anwesenheit anderer Tiere oder von Hindernissen schließen. Die Sinneszellen, die das vollbringen, liegen im sogenannten Seitenlinienorgan, einem seitlich in die Haut eingesenkten Kanal, der mit der Außenwelt durch Poren in Verbindung steht. Fische sind wechselwarme Tiere. Ihre Körpertemperatur entspricht deshalb stets der des umgebenden Wassers. Jede Fischart hat ein Temperaturoptimum. Karpfenartige Fische zum Beispiel bevorzugen warmes, lachsartige Fische kälteres Wasser. Aktivität und Wohlbefinden der Fische sind zudem vom Sauerstoffgehalt des Wassers abhängig, auch hier hat jede Fischart einen arttypischen Sauerstoffbedarf. Fortbewegung
im Wasser Die stärksten Fischmuskeln reichen jedoch nicht aus, um so schnell zu sein wie die Vögel in der viel dünneren Luft. Eine davonschießende Forelle erreicht kaum zwanzig Stundenkilometer und hält diese Geschwindigkeit nur kurze Zeit durch. Für höhere Geschwindigkeiten ist der Wasserwiderstand einfach zu groß. Aber die hohe Dichte des Wassers hat auch ihre Vorteile: Sie macht die Fische nahezu schwerelos. Indem ein Fisch seine gasgefüllte Schwimmblase etwas nachfüllt oder entleert, schwebt er ohne Kraftaufwand höher oder tiefer im Wasser. Er kann also alle Energie für den Vortrieb verwenden und braucht nicht auch noch für den Auftrieb zu arbeiten. Natürlich sind nicht alle Fische schnelle Dauerschwimmer. Es kommt ihnen vielmehr darauf an, auf möglichst effiziente Art zu überleben und sich fortzupflanzen. Brachsen zum Beispiel leben im ruhigen Unterlauf von Flüssen oder in Altwässern und durchwühlen dort den Boden nach Kleintieren. Dazu stellen sie sich im Wasser regelrecht auf den Kopf. Ihr Körper ist also ganz für das geschickte Manövrieren an Ort eingerichtet. Das bedeutet im Reich der Fische: Kurzer Körper, hoher Rücken und bewegliche Brust- und Bauchflossen, die als Ruder, Bremsen und Gleichgewichtsfaktor funktionieren. Dagegen verrät die Körperform des Hechtes den kraftvollen Beschleuniger. Der lange, äußerst muskulöse Körper mit dem nur wenig verengten Schwanzansatz und den weit hinten liegenden Rücken- und Bauchflossen eignet sich hervorragend dazu, mit einem einzigen Schwanzschlag nach vorn zu schießen und eine ahnungslose Beute zu schnappen. Die Fischregionen Fische sind die ältesten Wirbeltiere. Ihre Entwicklungsgeschichte begann vor rund 500 Millionen Jahren. Die heutige Besiedlung unserer natürlichen Gewässer in Mitteleuropa nahm ihren Ausgang nach der letzten Eiszeit. Seit dieser Zeit gab es in den deutschen Binnengewässern rund 70 Fischarten; vier davon, nämlich Ziege, Wandermaräne, Sterlet und Stör, sind ausgestorben oder verschollen wobei im Juni dieses Jahres in der Elbe nahe Hamburg erstmals seit 75 Jahren wieder ein einzelner, vier Jahre alter Stör gefangen wurde. Insgesamt gelten national 55 von 70 Arten als gefährdet, darunter alle Bewohner der Kleingewässer und der Bäche. Besonders gefährdet sind auch Wanderfische und solche, die ihren Laich auf Kies ablegen. Lediglich unter den Fluss- und Binnenseefischen gibt es noch ungefährdete Arten. Hauptursache für den Rückgang der Fischarten ist der Verlust an unverschlammten, überströmten Kies- und Sandbänken, an pflanzenreichen Überschwemmungsbereichen in den Flußauen sowie der durch Wasserbaumaßnahmen versperrte Zugang zu letzteren. Weitere Gefährdungsgründe sind die Überdüngung und Versauerung der Gewässer, direkte Schäden durch Wellenschlag von Schiffen und Uferzerstörung etwa durch Campingplätze und andere Freizeitanlagen. Negativbeispiel
Rhein Doch heute treten diese natürlichen Faktoren hinten den menschlichen Einflüssen zurück. Die Uniformierung der Uferlinien, die Abwasserbelastung, der Schiffsverkehr, Kraftwerke und eine selektive Fischerei zeigen entlang der gesamten Rheinstrecke ihre Wirkung und sind mitverantwortlich für eine nahezu gleichgeschaltete Zusammensetzung der Fischartengemeinschaften in den verschiedenen Rheinabschnitten. Tatsächlich ist etwa die Barbe in der eigentlichen Barbenregion im Ober- und Mittelrhein kaum noch zu finden. Stattdessen dominieren im südlichen Oberrhein Hasel, Rotauge und Laube oder Ukelei. Die gesamte Rheinstrecke vom nördlichen Oberrhein bis zur Mündung wird sogar dermaßen von den Rotaugen dominiert, dass man von einer menschengemachten "Rotaugenregion" sprechen muss. In besonders verschmutzten Flusspartien ist das Rotauge sogar die einzige Fischart. Drei Viertel aller Fische zwischen Basel und dem Meer gehören heute den drei Arten Rotauge, Ukelei und Brachsen an. Die 37 anderen dort noch vorkommenden Arten teilen sich in das restliche Viertel. Dass sich überhaupt noch so viele Fischarten wenn auch in kleinen Beständen im Rhein halten können, ist der ausgleichenden Funktion der Altwässer und Zuflüsse zuzuschreiben. Dorthin können die Fische flüchten, wenn wieder einmal eine Giftwelle den Rhein hinuntergespült wird. Dort finden sie zudem noch vielfältigere Lebensräume, in denen sie sich fortpflanzen können. Fische in der
Nahrungskette Nächste Stufe in der Nahrungskette sind tierische Kleinstlebewesen wie Rädertiere und Wimpertierchen. Diese werden wiederum von größeren Organismen wie Schnecken oder Insektenlarven verspeist, welche ihrerseits von noch größeren Räubern gejagt werden. Fische schalten sich an verschiedenen Stellen in diesen Nahrungsfluss ein. Einige Arten, wie die Rotfeder, leben teilweise direkt von pflanzlicher Kost. Viele Fische des Gewässergrundes ernähren sich hauptsächlich von Insektenlarven, Würmern und Schnecken, so etwa die Schleie. Das überall häufige Rotauge kann mit seinen Schlundzähnchen sogar Wandermuscheln aufknacken. Wieder andere Fische, etwa die Forelle, ernähren sich als Jungtiere von Wirbellosen und werden erst später zu Fischfressern. Sie sind aber ihrerseits als Jungtiere Nahrung von größeren Räubern wie Hecht, Zander und Aal. Folgen der Überdüngung Wenn dann immer mehr tote Algen abfallen, bilden sich in der Seetiefe sauerstofffreie Bereiche, in denen kein höheres Lebewesen überleben kann. Vor allem im Sommer, wenn das Seewasser sich nicht durchmischt, wächst die Atemnot der überdüngten Seen. Nicht auf alle Fische wirkt sich die Überdüngung und der damit verbundene Sauerstoffmangel gleich aus. Viele Karpfenverwandte, besonders das Rotauge, schätzen ein hohes Nahrungsangebot und legen zudem ihre Eier an Uferpflanzen ab, wo auch unter ungünstigen Bedingungen genügend Sauerstoff verfügbar ist. Schlimmer steht es dagegen um jene Fischarten, die auf dem Gewässerboden ablaichen. Ihre Eier können sich ohne Sauerstoff nicht entwickeln und gehen zugrunde. Nun hat die Phosphatbelastung der deutschen Gewässer in den letzten zehn Jahren vor allem dank der veränderten Waschmittel etwas nachgelassen. Gleiches gilt für organische Stoffe und Ammonium. Im Vergleich zu einem einigermaßen naturnahen Zustand ist das Verschmutzungsniveau aber immer noch enorm. Am höchsten mit Schadstoffen belastet von allen deutschen Flüssen ist laut der im Sommer vorgelegten ersten gesamtdeutschen Gewässergütekarte die Elbe mit ihren Nebenarmen, besonders im Raum Leipzig/Halle. Relativ gut entwickelt hat sich dagegen hat sich die Donau doch hier drohen durch die Kanalisierungspläne bekanntlich momentan ganz andere Gefahren. Die meisten Stoffe, die wir in die Umwelt entlassen, werden irgendwann einmal in die Gewässer geschwemmt und dort schließlich von Fischen aufgenommen sei es über die Nahrung oder direkt aus dem Wasser. Der Zustand unserer Fische ist also ein empfindlicher Anzeiger für den Zustand der Umwelt. Fische stehen über die Kiemenatmung und die durchlässige Haut in ständigem Kontakt mit dem Element Wasser. Deshalb finden schon kleinste Giftkonzentrationen ihren Weg in den Fischkörper. Das dringlichste Alarmsignal, das uns Fische geben können, besteht in einem spektakulären Fischsterben. Aber auch das stille Verschwinden gewisser Fischarten aus einem Gewässer kann mangelhafte Wasserqualität anzeigen. Fische können vermehrt durch Krankheiten dahingerafft werden, weil Schwermetalle ihr Immunsystem schwächen, oder sie können sich nicht mehr fortpflanzen, weil die empfindlichen Eier und Jungfische zugrunde gehen. Wiedereinbürgerungen Es muss sicher sein, dass die Art im Aussetzungsgebiet wirklich ausgestorben ist. Eine natürliche Wiederbesiedlung des früheren Siedlungsgebietes muss ausgeschlossen sein. Der Aussetzung muss eine Untersuchung über die Ursachen des Erlöschens der betreffenden Art vorausgehen, denn diese Ursachen müssen natürlich beseitigt werden etwa durch Pflege- und Gestaltungsmaßnahmen. Zur Aussetzung dürfen nur Tiere gelangen, die verwandtschaftlich und ökologisch mit dem ehemaligen Vorkommen identisch oder möglichst ähnlich sind. Das Projekt muss zeitlich eng begrenzt sein, um zu verhindern, dass ohne Chance echter Ansiedlung permanent ausgesetzt wird. Fischarten haben unterschiedliche Ansprüche etwa an Bodensubstrat und Strömungsverhältnisse. Diese Anforderungen können sich im Laufe ihres Lebenszyklusses wandeln. Sollen Artenschutzmaßnahmen erfolgreich sein, müssen all diese Erfordernisse vollständig gegeben sein oder geschaffen werden, nur dann kann von der angestrebten Naturnähe gesprochen werden. Zusätzlich kompliziert wird die Sache dadurch, dass für viele Fischarten, besonders die nicht wirtschaftlich interessanten, die genauen Biotopansprüche wenig bekannt sind. Der Ausweg kann eigentlich nur sein und das gilt fast überall im Naturschutz , der Natur wieder möglichst großflächig Gelegenheit zum weitgehend ungestörten Ablauf natürlicher Prozesse zu geben. So sehr es auch viele Naturschützer reizen mag, im kleinen "Gott zu spielen": Wo immer möglich, sollte dieser Prozessschutz auch in Mitteleuropa Vorrang haben vor allen noch so gut gemeinten, gezielten Planungen und Pflegemaßnahmen zum Erhalt statischer Naturzustände oder einzelner Arten. Immerhin zielt auch die offizielle Umweltpolitik in ihren Ankündigungen in die richtige Richtung. Schon im Umweltbericht 1990 hieß es: "Eine zentrale Bedeutung für den Naturschutz haben die Oberflächengewässer mit ihren Uferbereichen. Durch Rückbau, Wiedervernässung, natürliche Sukzession und Schaffung von Überschwemmungsflächen ist eine Wiederherstellung naturnaher Zustände an allen Gewässern erforderlich." Bliebe also noch die Umsetzung.
Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
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