Archiv Naturschutz heuteLetzte Chance für die Sumpfschildkröte Ein NABU-Projekt in Brandenburg von Norbert Schneeweiß
Nördlich der Alpen finden wir heute die Europäische Sumpfschildkröte als einzige bodenständige Schildkrötenart. In Deutschland zählt sie zu den hochgefährdeten Wirbeltierarten. Letzte Restbestände leben heute noch in abgelegenen gewässerreichen Regionen Mecklenburgs und Brandenburgs. Der Status einzelner individuenarmer Vorkommen in den Einzugsgebieten von Elbe und Mulde oder im Raum Frankfurt am Main ist noch immer ungeklärt. Erwiesen ist jedoch, dass die meisten Sumpfschildkrötennachweise insbesondere im Umfeld der Großstädte auf ausgesetzte Tiere südeuropäischer Herkunft zurückgehen. Neben den fremdländischen Sumpfschildkröten finden sich immer häufiger Exoten in den heimischen Gewässern. An erster Stelle rangiert hierbei die nordamerikanische Rotwangenschildkröte. Als beliebtes Kinderspielzeug in Fünfmarkstückgröße gekauft, landen die Tiere oft mit zunehmenden Alter und entsprechender Größe ohne Rücksicht auf Überlebenschance geschweige denn Verfälschung der Tierwelt im nächstgelegenen Parkteich oder in der freien Wildbahn. Einst Fastenspeise,
heute fast ausgerottet Heute sind die Restbestände der Sumpfschildkröte vor allem gefährdet durch verstärkte Bautätigkeit, touristische Erschließung von Gewässern, Fischerei, Entwässerung oder Verlandung der Wohngewässer und erhöhten Druck der Fressfeinden wie Fuchs und Wildschwein dem vor allem die Gelege oder Jungtiere zum Opfer fallen. Als schwerwiegend ist auch eine intensive und großflächige Landwirtschaft sowie die Aufforstung sonnenbeschienener Brachflächen in Gewässernähe zu betrachten. In Ermangelung geeigneter Standorte nutzen Sumpfschildkröten dann auch Ackerflächen zur Eiablage. Die meisten dieser Gelege fallen zwangsläufig dem nächsten Ackerumbruch zum Opfer. Unter diesen Bedingungen ist zu befürchten, dass die letzten bodenständigen Bestände innerhalb kurzer Zeit gänzlich ausgerottet werden. NABU-Artenschutzprogramm
Europäische Sumpfschildkröte Der dramatischen Bestandssituation der Sumpfschildkröte Rechnung tragend, soll die letzte Chance genutzt werden, um das wahrscheinlich vor allem vom Menschen verursachte Aussterben einer für Deutschland einzigartigen Tierart zu verhindern. Von vornherein war das Vorhaben als Initialzündung eines Landes- und Bundesgrenzen überschreitenden Gemeinschaftsprojektes gedacht. Neben anderen Landesverbänden des NABU (Mecklenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt) beteiligen sich auch polnische Naturschutzverbände. Das Projekt umfasst sowohl Grundlagenerhebungen als auch Schutzmaßnahmen vor Ort. Grundlagenerhebungen Äußerst problematisch sind Aussetzungen Europäischer Sumpfschildkröten fremdländischer oder ungeklärter Herkunft, wie sie in der Vergangenheit oft praktiziert wurden. Ihre Vermischung mit den individuenarmen bodenständigen Restvorkommen birgt große Gefahren. Besondere genetische Anpassungen an die klimatischen Bedingungen an der nördlichen Arealgrenze könnten verloren gehen. Geringfügige Veränderungen im Reproduktionszyklus, die sich in der zeitlichen Organisation des Paarungsverhaltens, der Eiablage und der Inkubationszeit äußern, würden die Vermehrungsrate erheblich vermindern. Untersuchungen des Erbguts und körperlicher Merkmale werden nunmehr im Rahmen des Projektes begonnen, um den Vermischungsgrad einheimischer Vorkommen zu untersuchen. Oberstes Ziel ist der Erhalt der bodenständigen Bestände. Auf der Basis jüngster Untersuchungsergebnisse ist schon heute anhand körperlicher Kriterien ein sicheres Auseinanderhalten verschiedener Unterarten möglich. In Ostdeutschland aufgefundene Sumpfschildkröten fremdländischer Herkunft stammen meist aus Bulgarien, Rumänien oder Ungarn. Dort befindet sich ein breiter Übergangsgürtel einer Mittelmeer- und Balkan-Population. Tiere dieser Herkunft lassen sich oft äußerlich nicht von den einheimischen Individuen abgrenzen. Hierfür wird der Einsatz genetischer Methoden erprobt. Lebensraumschutz Zuchtgruppe Blumberger
Mühle
Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
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