Archiv Naturschutz heute


Letzte Chance für die Sumpfschildkröte

Ein NABU-Projekt in Brandenburg

von Norbert Schneeweiß


Mit ihrem urtümlich anmutenden Äußeren legt die Europäische Sumpfschildkröte Emys orbicularis Zeugnis ab für eine Jahrmillionen währende Stammesgeschichte. Schildkröten sind die ältesten Vertreter der heute noch lebenden Reptilien. Älter als die Saurier behaupten sie sich seit fast 200 Millionen Jahren auf der Erde.

Nördlich der Alpen finden wir heute die Europäische Sumpfschildkröte als einzige bodenständige Schildkrötenart. In Deutschland zählt sie zu den hochgefährdeten Wirbeltierarten. Letzte Restbestände leben heute noch in abgelegenen gewässerreichen Regionen Mecklenburgs und Brandenburgs. Der Status einzelner individuenarmer Vorkommen in den Einzugsgebieten von Elbe und Mulde oder im Raum Frankfurt am Main ist noch immer ungeklärt. Erwiesen ist jedoch, dass die meisten Sumpfschildkrötennachweise – insbesondere im Umfeld der Großstädte – auf ausgesetzte Tiere südeuropäischer Herkunft zurückgehen.

Neben den fremdländischen Sumpfschildkröten finden sich immer häufiger Exoten in den heimischen Gewässern. An erster Stelle rangiert hierbei die nordamerikanische Rotwangenschildkröte. Als beliebtes Kinderspielzeug in Fünfmarkstückgröße gekauft, landen die Tiere oft mit zunehmenden Alter und entsprechender Größe ohne Rücksicht auf Überlebenschance geschweige denn Verfälschung der Tierwelt im nächstgelegenen Parkteich oder in der freien Wildbahn.

Einst Fastenspeise, heute fast ausgerottet
Noch im 16. Jahrhundert war die Sumpfschildkröte im Mecklenburger und Brandenburger Raum sowie im Rheingebiet so häufig, dass sie fuderweise abgefischt und gehandelt wurde. So haben wir auch diese Art, wie Wisent oder Stör, zuletzt buchstäblich weggefressen. Ursprünglich diente die Sumpfschildkröte vor allem einfachen Leuten zur Ernährung, später wurde sie beliebte Fastenspeise und mit zunehmender Seltenheit avancierte sie zur Delikatesse am Hof. Neben der Jahrhunderte langen Verfolgung führte auch die Trockenlegung so mancher Wasserläufe, Sümpfe oder Brüche bereits bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu einer erheblichen Dezimierung im Einzugsgebiet des heutigen Deutschland. Unterstützt wurde der großräumige Rückzug der Sumpfschildkröte in Mitteleuropa durch die Klimaverschlechterung nach der Wärmeperiode des Hochmittelalters.

Heute sind die Restbestände der Sumpfschildkröte vor allem gefährdet durch verstärkte Bautätigkeit, touristische Erschließung von Gewässern, Fischerei, Entwässerung oder Verlandung der Wohngewässer und erhöhten Druck der Fressfeinden wie Fuchs und Wildschwein – dem vor allem die Gelege oder Jungtiere zum Opfer fallen. Als schwerwiegend ist auch eine intensive und großflächige Landwirtschaft sowie die Aufforstung sonnenbeschienener Brachflächen in Gewässernähe zu betrachten. In Ermangelung geeigneter Standorte nutzen Sumpfschildkröten dann auch Ackerflächen zur Eiablage. Die meisten dieser Gelege fallen zwangsläufig dem nächsten Ackerumbruch zum Opfer. Unter diesen Bedingungen ist zu befürchten, dass die letzten bodenständigen Bestände innerhalb kurzer Zeit gänzlich ausgerottet werden.

NABU-Artenschutzprogramm Europäische Sumpfschildkröte
Da sich im Land Brandenburg heute die bedeutsamsten Restvorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte innerhalb Deutschlands befinden, initiierte der NABU-Landesverband Brandenburg ein Schutzprojekt, das vom brandenburgischen Naturschutzministerium seit 1994 gefördert wird. Mit von der Partie sind außerdem Verbänden und Institutionen wie die Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), die Naturschutzstation Niederbarnim, das Institut für Zoo- und Wildtierforschung und das Hessische Landesmuseum Darmstadt.

Der dramatischen Bestandssituation der Sumpfschildkröte Rechnung tragend, soll die letzte Chance genutzt werden, um das wahrscheinlich vor allem vom Menschen verursachte Aussterben einer für Deutschland einzigartigen Tierart zu verhindern. Von vornherein war das Vorhaben als Initialzündung eines Landes- und Bundesgrenzen überschreitenden Gemeinschaftsprojektes gedacht. Neben anderen Landesverbänden des NABU (Mecklenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt) beteiligen sich auch polnische Naturschutzverbände. Das Projekt umfasst sowohl Grundlagenerhebungen als auch Schutzmaßnahmen vor Ort.

Grundlagenerhebungen
Der bisherige Kenntnisstand zur heutigen Situation der Art basiert lediglich auf der Auswertung von Zufallsbeobachtungen und genügt meist nicht zur Realisierung effektiver Schutzmaßnahmen. Von den letzten Restvorkommen wissen wir nur wenig über die Anzahl der Tiere, die Altersstruktur und die Wanderwege. Fortpflanzungserfolge von Sumpfschildkröten wurden in jüngerer Zeit nur noch in Einzelfällen bekannt. Nur wenige Angaben liegen auch zu den klimatischen Anforderungen der Vorkommen entlang der nördlichen Grenze des Verbreitungsgebietes vor.

Äußerst problematisch sind Aussetzungen Europäischer Sumpfschildkröten fremdländischer oder ungeklärter Herkunft, wie sie in der Vergangenheit oft praktiziert wurden. Ihre Vermischung mit den individuenarmen bodenständigen Restvorkommen birgt große Gefahren. Besondere genetische Anpassungen an die klimatischen Bedingungen an der nördlichen Arealgrenze könnten verloren gehen. Geringfügige Veränderungen im Reproduktionszyklus, die sich in der zeitlichen Organisation des Paarungsverhaltens, der Eiablage und der Inkubationszeit äußern, würden die Vermehrungsrate erheblich vermindern.

Untersuchungen des Erbguts und körperlicher Merkmale werden nunmehr im Rahmen des Projektes begonnen, um den Vermischungsgrad einheimischer Vorkommen zu untersuchen. Oberstes Ziel ist der Erhalt der bodenständigen Bestände. Auf der Basis jüngster Untersuchungsergebnisse ist schon heute anhand körperlicher Kriterien ein sicheres Auseinanderhalten verschiedener Unterarten möglich. In Ostdeutschland aufgefundene Sumpfschildkröten fremdländischer Herkunft stammen meist aus Bulgarien, Rumänien oder Ungarn. Dort befindet sich ein breiter Übergangsgürtel einer Mittelmeer- und Balkan-Population. Tiere dieser Herkunft lassen sich oft äußerlich nicht von den einheimischen Individuen abgrenzen. Hierfür wird der Einsatz genetischer Methoden erprobt.

Lebensraumschutz
Vorhandene Daten und der Kenntnisgewinn aus den Grundlagenerhebungen werden kurzfristig in möglichst effektive Schutzmaßnahmen umgesetzt. Hierzu zählen Schutzgebietsausweisungen und der Erhalt störungsarmer Gewässer mit ausreichendem Angebot an Sonnenplätzen und Verlandungsmooren. Hierzu sind Betretungs- und Angelverbote im Uferbereich sowie die Sicherung vor touristischer Erschließung unbedingt notwendig. In Schildkrötengewässern dürfen außerdem keine Reusen eingesetzt werden, ebenso wenig Bisamfallen. Um die Überlebenschancen der Restbestände zu erhöhen, sollen als potentielle Gelegeplätze sonnenreiche Trockenstandorte im Umfeld der Gewässer auch neugeschaffen werden. Wichtig ist es, den Umbruch in Ackerland oder die Aufforstung bereits bestehender Flächen zu verhindern, und wo nötig zu mähen oder zu beweiden. Vorhandene Gelegeplätze sollten außerdem zum Schutz vor Fressfeinden eingezäunt werden.

Zuchtgruppe Blumberger Mühle
Neben den Lebensraumschutzmaßnahmen und Grundlagenerhebungen wird derzeit damit begonnen, auf wissenschaftlicher Basis eine Zuchtgruppe bodenständiger Sumpfschildkröten aufzubauen. Hierzu werden ausschließlich Tiere genutzt, die keiner freilebenden Population mehr einzugliedern sind, zum Beispiel durch Zusammenführung von jahrelang in Gefangenschaft gehaltenen Tieren ostdeutscher Herkunft. Fragen nach Erfordernis und Umfang von Zucht und Wiederansiedlung werden mit Hilfe von Populationsgefährdungsanalysen untersucht. Zweifellos ist das Überleben der Europäischen Sumpfschildkröte in Deutschland in erster Linie von den geeigneten Lebensraum- und Klimabedingungen abhängig. Wiederansiedlungsexperimente können nur dann zur Trendwende der dramatischen Bestandssituation und zum Erkenntnisgewinn einen Beitrag leisten, wenn sie in wissenschaftlich fundierte Artenschutzprogramme eingebettet sind.


aus: Naturschutz heute, Ausgabe 2/1995, S. 36-37


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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