Archiv Naturschutz heute


Ähnliche Beiträge des Autors zu den Jahresvögeln: Nachtigall (1995), Buntspecht (1997), Goldammer (1999) und Rotmilan (2000)

Jahresvogel Feldlerche historisch
Frühlingsbote im Bratentopf

von Karl Wilhelm Beichert


„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche ...": Mit diesen vom Wunsch diktierten Worten versucht Julia ihren Geliebten Romeo zum Bleiben zu überreden. Doch Romeo, dem bei einer Entdeckung der Tod droht, ist der bessere Ornithologe: „Die Lerche wars, des Morgens Herold, nicht die Nachtigall...". Es war also die Lerche, die, so wie hier für Shakespeare in seiner 1598 erschienenen Tragödie „Romeo und Julia", für viele Dichter vom Mittelalter bis in die Neuzeit die Künderin des Tags war.

Es war auch die Lerche, die den Beginn des Frühlings verkündet: „Es weiß uns dein Gesang den Frühling anzuzeigen, Dein Loblied machet uns den Tag des Morgens kund, Da muss der Feldmann schon vom Bett herunter steigen, Da hüpft vor Freuden auff der tieffen Erden Grund." So Nikolaus Bär im Jahre 1695 in seiner „Ornithophonia".

Und schließlich war es aber auch die Lerche, die man in der Vergangenheit gern als Nahrungsmittel verzehrte. Sich im Frühjahr am Gesang der Lerche zu erfreuen und sie im Herbst zu verspeisen, das empfand man offensichtlich nicht als Widerspruch. Gegessen wurden die Feldlerchen gebraten oder in Pasteten, gewöhnlich samt den Eingeweiden und Knochen, so dass von den gerupften und gebratenen Vögeln nichts als der Magen, der Schnabel und die Füße übrig blieben. Sie gehörten „nach dem Zeugnis aller Leckermäuler" zu den wohlschmeckendsten Vögeln.

Der Lerchenfang war denn auch tatsächlich in manchen Gegenden Deutschlands und Frankreichs in den vergangenen Jahrhunderten ein bedeutender Wirtschaftszweig. In seiner 1749 erschienenen Beschreibung des Saale-Kreises berichtet Johann Christoph Dreyhaupt: „Auch wird in den Feldern zwischen Halle und Schkeuditz, und nach Delitzsch zu jährlich eine große Menge der besten und fettesten Lerchen gefangen, und weit verschickt."

Um welche Ausmaße es sich dabei handelte, erläutert zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Vogelkundler J.A. Naumann: Die im Saale-Kreis gefangenen Lerchen wurden in Leipzig unter dem Qualitätsbegriff „Leipziger Lerchen" verkauft, in der Größenordnung von einer halben Million pro Herbst. Ebenso viele wurden jeweils nach Berlin und Hamburg exportiert, ja sogar bis nach Paris wurden Leipziger Lerchen, in mit Butter gefüllte Kistchen hineingedrückt, verschickt.

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in der Gegend von Köthen Dörfer, wo ein großer Teil der Einwohner im Herbst „Lerchenstreichen" ging. Für den Fang der Lerchen gab es im Wesentlichen drei Methoden: Größere Investitionen erforderte der Fang mit bis zu neun hintereinandergestellten, an Höhe zunehmenden Netzwänden, in die die Lerchen hineingetrieben wurden. Diese Methode brachte allerdings auch den größten Erfolg. Weniger kostspielig war das „Lerchenstreichen", bei dem man bei Nacht ein Netz über die Felder trug, wo man in der Dämmerung das Einfallen der Lerchen beobachtet hatte. Die aufgescheuchten und aufsteigenden Lerchen verfingen sich dann in dem Netz. Hauptsächlich in Frankreich wurde der Lerchenfang mit 1500 bis 2000 auf einer ebenen Feldfläche aufgestellten Leimruten ausgeübt.


Naturschutz heute, Ausgabe 2/98 vom 3. April 1998

Langfassung „Die Lerche in Dichtung und in alten Vogelbüchern"


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