Archiv Naturschutz heute


Fischliebhaber

In Deutschland brüten heute wieder über 200 Fischadlerpaare.

von Daniel Schmidt und Dietrich Roepke


Frischen Fisch frisst der Fischadler zu neunzig Prozent. Auf seine Nahrung bezogen trägt er den Namen also zurecht. Kreisend oder aus dem Rüttelflug in dreißig, vierzig oder noch mehr Metern Höhe über dem Wasser erspäht er seine Beute. Ist ein Fisch entdeckt, legt er die Flügel an und geht in den Sturzflug über. Erst im letzten Augenblick über dem Wasser schnellen seine Fänge voran und er durchbricht in einer aufspritzenden Fontäne die Wasseroberfläche. Kaum jemand kann sich der Faszination dieses Naturschauspiels entziehen.

Sofort taucht der Fischadler wieder auf und mit dem Fisch in den Fängen treibt er mit ausgebreiteten Flügeln kurz auf dem Wasser. Sich dann aus dem Nass zu erheben ist die eigentliche Schwerstarbeit. Ist der Fisch aber noch rechtzeitig in tieferes Wasser geflüchtet, dreht der Greifvogel vorher ab und versucht es erneut. Denn nur nahe unter dem Wasserspiegel kann der "Fisch-Aar" zugreifen, was ihm aber auch ermöglicht, in trüben Wassern zu fischen. Nach erfolgreichem Stoß kann es dann vorkommen, dass ihm ein Seeadler oder ein Milan die Beute abjagt.

Adler oder nicht?
In der Auswahl seiner Beute ist der Fischspezialist nicht sehr wählerisch, aber meist sind es Weißfische mit durchschnittlich 300 Gramm Körpergewicht, die er fängt. Das entspricht auch fast seinem Tagesbedarf, der so gering ist, weil der Fischadler die meiste Zeit ruhend auf einer Sitzwarte verbringt. Dieses Verhalten hat er mit den echten Adlern gemeinsam, ansonsten steht er ihnen in der zoologischen Systematik nicht näher als den Habichten, Bussarden oder Milanen. Einige Besonderheiten im Körperbau, die ganz auf den Fischfang eingerichtet sind, wie die rau verhornten Unterseiten seiner Zehen oder verschließbare Nasenlöcher, und genetische sowie molekularbiologische Befunde sprechen für eine Abgrenzung von seinem Namensvettern, den See-, Stein- oder Schreiadlern. Seinen Adler im Namen trägt er also nicht ganz zu Recht.

Als Zugvogel kehrt der Fischadler ab Ende März aus Westafrika in die ostdeutschen Brutgebiete zurück und besetzt in der Regel seinen angestammten Brutplatz. Der Horst vom Vorjahr wird dann erneuert, wodurch über die Jahre große "Adlerburgen" entstehen können. Auch die Jungvögel gesellen sich für ihren ersten Brutversuch bevorzugt in die Nähe des elterlichen Reviers, weshalb es dort mitunter zu Streitigkeiten um den Brutplatz und gelegentlichen Brutausfällen kommt – ein wichtiger Mechanismus zur Selbstregulation von Greifvogelbeständen.

Strommast-Spezialist
Ihre Horste setzen die Fischadler in Mitteleuropa am häufigsten auf die Wipfel alter, kronendürrer und frei stehender Kiefern. Aber es sind auch Horststandorte an Felsen und als große Ausnahme sogar am Boden bekannt. Seit den dreißiger Jahren haben die Vögel in Ostdeutschland auch Masten von Stromleitungen als stabile Horstunterlage entdeckt. Heute brütet mehr als die Hälfte des Bestandes auf solchen Masten, in Höhen von zehn bis fünfzehn Metern. Überraschenderweise stirbt hier kaum einmal ein Fischadler den Stromtod, was vermutlich an der besonderen Bauweise der alten ostdeutschen Masten liegt. Wenn diese Mastentypen jetzt im Zuge von Renovierungsarbeiten ersetzt werden, gehen viele Horstmöglichkeiten verloren, es sei denn die Elektrizitätswerke sorgen für Ersatz und entsprechende Schutzisolation auch an Nachbarmasten.

Einige dieser auffälligen Mastenhorste befinden sich in kurzer Entfernung zu Straßen oder Ortsrändern, was eine gewisse Anpassungsfähigkeit des Fischadlers an menschliche Aktivitäten erkennen lässt. Für interessierte Vogelbeobachter gibt es inzwischen an mehreren Stellen – so im Müritz-Nationalpark – Beobachtungsstände an solchen Fischadlerhorsten. Keinesfalls dürfen "wilde" Beobachtungen an anderen Stellen erfolgen, da dadurch viele Paare gestört werden können und unter Umständen ihre Brut aufgeben.

Bejagung und DDT
Der Mensch wurde dem Fischadler schon einmal fast zum Verhängnis. Zu Beginn unseres Jahrhunderts führte die direkte Verfolgung durch Bejagung, Eiersammler und Horstzerstörung zur Vernichtung vieler Brutpopulationen. Die Restbestände in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, die diesen auch gegen andere Greife geführten Vernichtungsfeldzug überlebten, konnten sich danach nur wenig erholen.

In den fünfziger und sechziger Jahren führte die Anwendung von DDT zur Vergiftung auch der Greifvögel und damit zu weiteren Bestandseinbrüchen. Erst nach dem DDT-Verbot kam es seit den siebziger Jahren – durch Jagdverschonung und konsequenten Schutz der Art verstärkt – zu einem Wachstum des Fischadlerbestandes, der ab Mitte der achtziger Jahre deutlich zunahm. Die aktuelle Diskussion um eine Wiederzulassung von DDT und anderen Umweltgiften auf EU-Ebene muss unbedingt ein endgültiges Verbot bewirken, wenn es mit dem Fischadler nicht wieder bergab gehen soll.

Heute leben etwa 210 Brutpaare in Ostdeutschland im ursprünglichen Verbreitungszentrum, an den Seen Mecklenburg-Vorpommerns sind es etwas über 90 Paare, im flächenmäßig größeren Brandenburg, das durch die Gebietsreform einige Paare von Mecklenburg "übernommen hat", sind es nahezu 120 Paare. Zur Zeit hält der Wachstumstrend noch an, der zunächst mehr zu einer Verdichtung des Brutbestandes führte, aber inzwischen auch langsam zu seiner räumlichen Ausdehnung. Nur wenige Paare schafften bisher den Sprung in andere Bundesländer, und leider verschwinden solche Vorposten auch leicht wieder, wenn man ihnen keinen optimalen Schutz bietet.

Eine Ursache für das Verschwinden kann der Verlust des Horstes sein, der mit dem Horstbaum von winterlichen Stürmen umgeworfen wurde. Aber auch allgemein leiden Fischadler unter einem schlechten Nistplatzangebot, weil es in den Wirtschaftsforsten kaum geeignete Nistbäume gibt. Kurzfristige Abhilfe kann hier das Anbringen von Nisthilfen schaffen, was in den Brutgebieten Ostdeutschlands schon seit vielen Jahren erfolgreich praktiziert wird. Langfristig wird aber die moderne Forstwirtschaft durch naturnahen Waldbau wesentlich Einfluss darauf haben, ob zukünftig genügend beruhigte Waldstücke und gealterte Horstbäume mit Totholz als Nistmaterial für den Fischadler vorhanden sein werden.

Rückkehr in den Westen?
Seit kurzem wird nun in mehreren Regionen Deutschlands, vom Bodensee bis zur Nordsee, der Versuch unternommen, durchziehende Fischadler mit vorbereiteten Horsten zur Brut anzulocken. Durchgeführt werden solche Projekte in Zusammenarbeit von NABU-Mitgliedern, Mitarbeitern der Vogelschutzwarten, Naturschutz- und Forstverwaltungen bis hin zu Elektrizitätswerken. Erste Erfolgsaussichten für die Projekte gibt es in Thüringen und Hessen, wo Fischadler die Nisthilfen bereits beflogen haben, bislang allerdings ohne zu brüten. Schnelle Erfolge lassen sich also mit Nisthilfen sicher nicht erzielen.

Dass die Rückkehr des Fischadlers in seine ehemaligen Brutgebiete Mitteleuropas eine sehr langfristiger Prozess sein wird, ist nicht nur wegen der großen Ortstreue der Vögel verständlich. Neuansiedler unter den Fischadlern sind auch sehr viel scheuer als alteingesessene Paare. Die Beunruhigung vieler Waldgebiete durch Besucherströme schränkt die Auswahl geeigneter Horstplätze deshalb zusätzlich ein.

Der Lebensraum wird eng
Und es stellen sich noch andere Probleme: Die Kanalisierung der Flüsse hat zur weitgehenden Vernichtung der Auen geführt und damit zur Verkleinerung des potentiellen Lebensraums der "Flussadler", wie sie früher an Rhein und Donau genannt wurden. Auch die vielen inzwischen entstandenen Baggerseen können da nur wenig Ersatz leisten, zumal wenn sie für die Freizeitnutzung vorgesehen werden. Eine häufige Vogelart kann der Fischadler in Westdeutschland also kaum werden. Somit ist auch ausgeschlossen, dass er jemals einen merklichen Einfluss auf Fischbestände oder gar Fangerträge von Fischern haben könnte.

Als Endglied in der Nahrungskette von Gewässern ist der Fischadler ein hervorragender Bioindikator für chemische Schadstoffe in Flüssen und Seen ist, und somit auch für die Belastung unseres Trinkwassers. Schließlich ist der Fischadler auch ein ursprüngliches Element der Fauna unserer Seen- und Flusslandschaften. Noch ist die Chance für seine Rückkehr gegeben, solange der Brutbestand im Osten wächst. Wie schnell unvorhergesehene Bedrohungen zum Zusammenbruch großer Vogelpopulationen führen können, hat die Geschichte oft bewiesen. Noch immer werden Fischadler auf ihren Zugwegen über Südeuropa von Jägern in großer Zahl sinnlos abgeschossen. Wer kann die Folgen der Landschaftsveränderung im westafrikanischen Überwinterungsgebiet des Fischadlers abschätzen? Welche Auswirkungen werden neue Umweltgifte wie etwa die Chlorparaffine haben?

Wenn dem Fischadler jetzt effektiv geholfen wird, kann ein größerer Bestand in Zukunft neuen Gefahren besser entgegensehen. Der große amerikanische Ornithologe Roger Tory Peterson hat einmal geschrieben: "Von all den Greifvögeln ist es der Fischadler, der mit dem modernen Menschen am glücklichsten zusammenleben kann, wenn man ihm eine Chance gibt."


aus: Naturschutz heute, Ausgabe 4/1994, S. 40-41


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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