|
Hintergrundinfo zu Naturschutz heute Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999 NABU-Zukunftskongress
Hamburg Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich freue mich, Sie hier zum Zukunftskongress des NABU begrüßen zu dürfen und heiße Sie herzlich willkommen in Hamburg. Als Erstes will ich im Hinblick auf den Veranstalter meinen Respekt vor dem Alter kundtun. Auch wenn der 100. Geburtstag selbst vorbei ist, so steht der NABU doch immer noch im Jubiläumsjahr. Schon ein kurzer Blick in die Chronik lässt erkennen, wie aufschlussreich es ist, dieses beinahe abgelaufene Jahrhundert vom Anfang bis zum Ende im Spiegel der eigenen Vereinsgeschichte betrachten zu können. So gehen Sie mit einer Fülle an Erfahrung in das 21. Jahrhundert, das für den NABU das zweite ist. Das Spektrum der Themen auf diesem Kongress scheint mir jedenfalls das Gegenteil von Altersstarrsinn anzuzeigen. Auf dem Programm steht die offene Reflexion der eigenen Arbeits- und Erfolgsbedingungen. Von der Frage des Ehrenamtes als innerer Arbeitsgrundlage bis hin zur Globalisierung ökologischer Probleme als dem äußeren Handlungsrahmen. Dabei geht es nicht allein um klassischen Naturschutz, sondern in voller Breite um Ökologie. Eine solche Reflexion ist angezeigt, da sich die Situation in letzter Zeit stark verändert hat. Zum einen erleben wir, dass ökologische Themen im öffentlichen Bewusstsein an Wichtigkeit verloren haben gegenüber wirtschaftlichen Fragen. Das Umwelt-Interesse ist dabei nicht erloschen, aber es wird überlagert durch die vordringliche Sorge um den eigenen Arbeitsplatz und Lebensstandard. Insofern ist die "Konjunkturschwäche" der Ökologie auch Folge der ökonomischen Globalisierung; gleichzeitig müssen wir umgehen lernen mit einer ökologischen Globalisierung: Die entscheidenden umweltpolitischen Herausforderungen sind im nationalen Maßstab nicht mehr adäquat zu bearbeiten. Örtlicher Naturschutz bleibt selbstverständlich sinnvoll auch in Zeiten der Klimaveränderung; er kann aber nicht mehr völlig losgelöst von solchen globalen Prozessen betrieben werden, die wiederum untrennbar auch mit der Entwicklungsfrage verbunden sind. In dieser Dimension können die Umweltprobleme übermächtig und die Arbeit daran als hoffnungslos erscheinen – auch von dieser Seite ist die Motivation und die Bereitschaft bedroht, sich ökologisch zu engagieren. Die Agenda 21 stellt einen Ansatz dar, diesen erschwerten und komplexer gewordenen Bedingungen gerecht zu werden. Sie basiert auf der Einsicht, dass ökologische und soziale Interessen nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, sondern Seiten einer Medaille sind. Es gilt nicht nur zu verdeutlichen, dass der Schutz der Natur im buchstäblich vitalen Interesse der Menschen liegt. Wichtig ist auch, dass dieser Schutz nur gelingen wird, wenn er die ökonomischen Interessen von Menschen nicht missachtet, sondern mit den konkurrierenden Belangen in Ausgleich bringt. In Entwicklungsländern ist das evident; es gilt aber auch hier zu Lande. Dies entspricht auch den Erfahrungen, die ich als grüne Politikerin in Hamburg mache. In einer Großstadt wie dieser stehen die Belange des Naturschutzes insbesondere zu wirtschafts- und wohnungspolitischen Bedürfnissen in besonders enger Konkurrenz um die verfügbaren Flächen.
Dabei ist der Naturschutz in Hamburg durchaus kein Randthema. Schon die Bevölkerungsdichte, die um gut 40 Prozent niedriger liegt als in Berlin oder München, deutet auf vergleichsweise große siedlungsfreie Gebiete hin; zum Teil handelt es sich dabei um wertvolle Naturräume (Vielleicht haben Sie ja die Gelegenheit, sich davon an Ort und Stelle zu überzeugen). Immerhin 6 Prozent der Hamburger Fläche stehen unter Naturschutz, etwa 1000 Hektar sind in dieser Legislaturperiode neu hinzugekommen. Als Landschaftsschutzgebiete sind weitere 22 Prozent ausgewiesen. Im Hinblick auf das Natura 2000 Programm der Europäischen Union hat Hamburg als erstes Bundesland seinen Beitrag vollständig geleistet. Gerade vorgestern hat der Senat die Anmeldung der letzten von insgesamt 15 Flächen im Rahmen dieses Programms beschlossen. Ohne den großen Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer, der außerhalb der eigentlichen Stadtgrenzen liegt, umfassen sie über 3500 Hektar und eine große Vielfalt unterschiedlichster Lebensräume. Insofern hat die Natur in Hamburg also ihren Platz – einen Platz, der allerdings kontinuierlich behauptet werden muss. Im Konfliktfall hilft es nicht weiter, das Naturschutzinteresse absolut zu setzen. Wenn die konkurrierenden Ansprüche etwa im Bezug auf Wohnungen oder Arbeitsplätze plausibel und gewichtig sind (und öffentlich auch so wahrgenommen werden), kommt es vielmehr darauf an, mehrheitsfähige Kompromisse zu schließen oder – noch besser – Alternativen zu entwickeln, die diesen Interessen gerecht werden und die Zerstörung von Natur vermeiden. Das gelingt nicht immer, aber auch unter den Bedingungen des Ballungsraums gibt es durchaus Alternativen zur Versiegelung der letzten oder vorletzten "grünen Wiesen". In Hamburg ist es eine einst hafenwirtschaftlich genutzte Fläche mitten in der Stadt, die umgewidmet und so vorbereitet wird, dass dort unter dem Namen Hafen-City ein komplettes neues Viertel entstehen kann. Auch dank dieses Projekts haben wir auf geplante Großsiedlungen in ökologisch wertvollen Gebieten am Rand der Stadt verzichten können – kurz gesagt Verdichtung im Innern statt Flächenfraß an den grünen Rändern. Freilich sind solche Lösungen regelmäßig etwas aufwändiger – zumindest planerisch, oft auch finanziell. Sie werden daher nur gefunden und verwirklicht, wenn der Naturschutz als Notwendigkeit und als hohes Gut öffentlich wahrgenommen wird. Die Bereitschaft dazu ist nach meinem Eindruck bei der Mehrheit der Menschen vorhanden. Gerade das Großstadtleben schafft ja ein Bedürfnis nach Natur und ein Gefühl für deren Kostbarkeit. Damit solche Bereitschaft aber auch wirksam wird, muss der Naturschutz den Menschen nahe gebracht werden. Bei dieser Aufgabe ist eine ökologisch orientierte Politik auf Privates Engagement in Gruppen und Vereinen angewiesen. Es ist daher wichtig und ermutigend, dass auch solches Engagement in Hamburg an vielen Stellen vorhanden ist. Das betrifft nicht nur den NABU mit über 8500 Hamburger Mitgliedern und nicht nur den Naturschutz, ich meine vielmehr all das, was sich im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung auf die Arbeit an der Agenda 21 bezieht. Unter dem Dach des Hamburger Zukunftsrates sind damit derzeit 80 Institutionen verschiedenster Art beschäftigt, von der kleinen Initiative bis hin zum DGB. In fünf von sieben Hamburger Bezirken gibt es eigene Lokalbüros, die die bezirkliche Verwaltung in Kooperation mit verschiedenen Akteuren betreibt. In einem gemeinsamen Beratungskreis arbeiten Studierende, Lehrende und Verwaltungen aller Hamburger Hochschulen an Konzepten der Zukunftsfähigkeit. Der große, breit gefächerte – und überwiegend ehrenamtliche – Einsatz, der solche Netzwerke hervorbringt, gibt mir Zuversicht. Er schafft die Voraussetzungen, um auch unter schwierigen Bedingungen weiter zu kommen mit der Aufgabe, die auch dieser Veranstaltung als Motto dient: Die Zukunft zu gestalten für Mensch und Natur. Ich danke Ihnen und wünsche dem Kongress eine guten Erfolg. Hintergrundinfo zu
Naturschutz
heute, Ausgabe
4/99 vom 5. November 1999 Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
|