|
Hintergrundinfo zu Naturschutz heute Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999 Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Zukunftskongresses des Naturschutzbundes Deutschland am 15. Oktober 1999 in Hamburg I. Bei Ihrem Jubiläumsakt
im Frühjahr dieses Jahres haben Sie zurückgeblickt auf 100 Jahre
Arbeit für den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen.
Der heutige Kongress ist der Zukunft gewidmet. Was müssen wir tun,
damit die Vielfalt der Arten nicht weiter abnimmt, damit nachhaltiges
Wirtschaften selbstverständlich wird, damit Luft, Boden und Wasser
nicht länger als Zwischenlager oder Endlager für Schadstoffe
missbraucht werden? II. Erfreulich finde ich,
dass sich in Ihrem Verband auch so viele junge Leute engagieren. Dieses
Engagement sehe ich auch an meiner Post. Gerade Kinder und Jugendliche
schreiben aus Sorge um das Aussterben von Tieren und Pflanzen, über
umweltzerstörenden Energieverbrauch, über Waldschäden und
andere Themen der Natur und Umweltpolitik. III. In der öffentlichen Diskussion hat die Arbeitslosigkeit fast alle anderen Themen in den Hintergrund gedrängt. Aber: Die umweltpolitischen Probleme sind keineswegs zweitrangig. Umweltschutz ist kein Modethema, aber ein modernes Thema. Wie wir mit unserer Umwelt, mit unseren Ressourcen umgehen, das betrifft und trifft nicht nur unsere Generation, sondern alle nachfolgenden Generationen. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass heute die Weichen neu und richtig gestellt werden. IV. Wir sprechen oft und viel über Globalisierung. Zum globalen Denken gehört die Einsicht, dass wir nur diesen einen Globus haben, der uns trägt und ernährt. Globale Umweltgefahren, wie Klimaveränderungen, Bodenerosion und Versteppung, Mangel an trinkbarem Wasser, abnehmende Vielfalt von Fauna und Flora machen besonders augenfällig, dass wir weltweit gültige Umweltstandards brauchen. Nur durch einen ökologischen Rahmen – auch für die Weltwirtschaft – können wir unsere natürlichen Lebensgrundlagen auf Dauer erhalten. Wer Natur und Umwelt schützen will, darf nach meiner Überzeugung nicht den Ausstieg aus der Industriegesellschaft predigen. Ökologische Erneuerung hat nichts zu tun mit Askese und Verzicht. Es geht nicht um rückwärts gewandte Idylle. Richtig verstandene Umweltpolitik nutzt die technischen Möglichkeiten, damit wir die Belastung von Natur um Umwelt vermindern können. V. In der Vergangenheit
ist die Diskussion über Arbeit und Umwelt häufig sehr defensiv
geführt worden. Es hat lange gebraucht bis zu der Erkenntnis, dass
auf Dauer ökonomisch nicht vernünftig sein kann, was ökologisch
nicht verantwortbar ist. Das sind Einsichten, die sich in den vergangenen
Jahren in den Programmen aller politischen Parteien gefunden haben. Ich
sehe keinen Anlas dafür, dass wir hinter diese Einsichten zurückfallen:
Nicht auf dem Papier und schon gar nicht in der politischen Praxis. VI. Ende September hat
das Statistische Bundesamt seine "umweltökonomische Gesamtrechnung"
vorgelegt. Sie bringt für die Jahre 1991 bis 1997 wichtige Erkenntnisse:
Wirtschaftswachstum und Umweltbeanspruchung haben sich weiter entkoppelt,
aber: Die Arbeitsproduktivität ist in dieser Zeit um 15 Prozent gestiegen,
die Produktivität beim Einsatz von Energie um 8 Prozent, und die
Produktivität beim Einsatz von anderen Rohstoffen um 9 Prozent. VII. Ein gutes Beispiel
ist dafür ist die Sonnenenergie in ihren verschiedenen Formen. Manche
werfen unserer Gesellschaft pauschal vor, sie sei technikfeindlich. Dieser
Vorwurf ist durch viele Untersuchungen widerlegt. Aber manchmal ist es
schon erstaunlich: Kaum irgendwo begegnet einem soviel Skepsis, ja Technikfeindlichkeit
wie bei der Diskussion über erneuerbare Energiequellen. Da hört
man, die Solarenergie sei noch nicht ausgereift, sie werde für den
breiten Einsatz nie rentabel sein und bleibe für immer eine Nischentechnologie.
Ich frage mich: Woher kommt dieser Kleinmut? Warum diese Verzagtheit?
Warum reden so viele soviel von den Problemen und so wenig von den Chancen?
Warum sehen wir nicht die große technologische Herausforderung und
die Chancen für Arbeitsplätze und für den Export? IX. Das Thema Ökologische Steuerreform ist in der politischen Diskussion zu einem Reizwort geworden. Das ist eigentlich unverständlich. Denn alle politischen Parteien sind sich im Grundsatz einig: Das Steuersystem soll so umgestaltet werden, dass Energie teurer wird und Arbeit weniger belastet wird. Gewiss: Man soll und kann darüber streiten, wie eine solche Reform gestaltet werden soll. Es darf aber nicht der Eindruck entstehen, dass die ökologische Steuerreform nur auf dem Papier gefordert wird und in der Hoffnung, dass nie tatsächlich etwas passiert. X. Natur und Umwelt sind
Themen für die ganze Gesellschaft. Wir sind verantwortlich für
uns, aber auch verantwortlich für zukünftige Generationen. Darum
ist es gut, dass es Menschen wie Sie gibt, die sich ganz besonders um
diese Aufgaben kümmern. Sie tun das engagiert, kenntnisreich und
sie ergreifen deutlich Partei. Wer Ihre Arbeit einseitig nennt, sollte
nicht vergessen, dass es in unserem Land viele gibt, die ihre eigenen
Interessen mindestens genauso einseitig vertreten. Ich wünsche mir,
dass Ihr Zukunftskongress den umweltpolitischen Diskussionen kräftige
Anstöße gibt. Hintergrundinfo zu
Naturschutz
heute, Ausgabe
4/99 vom 5. November 1999 Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
|