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Hintergrundinfo zu Naturschutz heute Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999 Ökologische und
soziale Herausforderungen von Prof. Dr. Konrad
Ott, Greifswald I. Einführung I. Einführung Das Verbum "herausfordern" macht Dringlichkeiten geltend und bezieht sich auf Aufgabenstellungen, die es zu lösen, zu bewältigen oder zu überwinden gilt. Herausforderungen wecken Fähigkeiten, Ehrgeiz und Engagement und richten sich gegen Verzagtheiten, Gleichgültigkeit, Lethargie, Defätismus und Zynismus. Eine Herausforderung ist etwas, an dem man wachsen kann oder auch nicht. Scheitern und Versagen zählen zum Möglichkeitsraum. Ernst Bloch hat gesagt, man solle ins Gelingen und nicht ins Scheitern verliebt sein Der Historiker Arnold Toynbee legte seiner Kulturtheorie ein einfaches Schema zugrunde: "challenge-response". Man kann das "challenge-response"-Schema mit Auffassungen verbinden, die von möglichen langfristigen Lernprozessen ausgehen. Das Bewältigen einer Herausforderung wäre demnach immer auch ein Lernprozess. Auch auf die globale Umweltkrise könnte dies zutreffen. Phasen, in denen ein Problemdruck wächst und in denen Gesellschaften sich selbst alarmieren, kann man als Krisen bezeichnen. Sprachlich gedeutete Herausforderungen sind somit kritische Gegenwartsdiagnosen. Bei diesen soll es sich um analytisch präzisierte Beschreibungen handeln, zum anderen um den Aufweis von Relevanzen, aus denen sich Aspekte einer "Signatur des Zeitalters" herausheben lassen sollen. Wer seine eigene Zeit diagnostiziert, wählt aus der Überfülle der Begebenheiten anhand von Signifikanzkriterien aus. Daher sollte keiner beanspruchen, seine Zeit "vorurteilsfrei", "neutral" oder "objektiv" zu diagnostizieren. Wir beobachten unsere eigene Zeit nicht von außen (gleichsam vom Mond aus), sondern wir sind teilnehmende Zeitzeugen. Dass Diagnosen nicht mit einem Unfehlbarkeitsanspruch auftreten können, sondern der kritischen Stellungnahme, der Korrektur usw. bedürfen, bedarf daher keiner langen Ausführung. Eine solche Diagnose, die ethische Reflexionen mit einschließt, möchte ich bei der Gelegenheit dieses Zukunftskongresses präsentieren. Ansatzweise soll es hierbei um eine Verhältnisbestimmung von "ökonomischer Globalisierung" (als empirischer Prozess) und "Nachhaltigkeit" (als normatives Konzept) gehen. Ich vertrete die These, dass sich die Ziele des Umwelt- und des Naturschutzes nicht ohne ein Verständnis makroökonomischer Prozesse realisieren lassen. Beginnen möchte ich mit einem kurzen historischen Rückblick.
II. Kurzer Rückblick auf die Geschichte des Naturschutzes Der Naturschutzgedanke gewinnt um 1900 allmählich Einfluss auf Politik, Verwaltung und Jurisprudenz. Er ist eine geistige und praktische Antwort ("response") auf Folgeprobleme, die sich durch Industrialisierung, veränderte Landnutzungsformen, Technisierung usw. ergeben hatten. Worum es um 1900 inhaltlich ging, lässt sich anhand der Schriften von Ernst Rudorff studieren. Viele Dinge, die uns heute kaum ernstlich empören, sind für Rudorff Anlass einer leidenschaftlichen Zivilisationskritik: Steinbrüche, Telegraphenmaste, Eisenbahnlinien, eiserne Brücken, Flachdächer, Wasserkraftwerke, Zahnradbahnen im Gebirge, Tourismus, Reklameschilder in der Landschaft, "Verkopplungen", die Begradigung von Bächen und Feldwegen, die Sprengung der Stromschnellen bei Lauffenburg. Rudorff führt seine Kritik zeitdiagnostisch zurück bis zur geistigen Wurzel, die er in der "materialistischen" oder "realistischen Lebensauffassung" seiner Zeit sieht. Seine Beschwörungen des "Idealischen" wirken jedoch hilflos. Die realistische Lebenseinstellung hat sich im 20 Jh. weitgehend durchgesetzt. Daher lässt sich vermuten: Weder eine naive Beschwörung des "Geistigen" oder der "ewigen Werte" noch die idealische Schilderung vormoderner Lebensformen werden tragfähige Antworten auf heutige Problemstellungen sein. Folgende "response"-Begriffe werden in der frühen Naturschutzbewegung verwendet: "Ursprünglichkeit", "Unberührtheit", "Heimat", "Eigentümlichkeit", "Naturdenkmal". Das Naturdenkmalkonzept verlieh dem Naturschutzgedanken konservative, museale und reaktive Züge. Die Konzepte "Heimatschutz" und "Naturdenkmalpflege" gingen vielfältige Verbindungen miteinander ein. Der Naturschutz wird zum Bestandteil einer konservativen Utopie der Bewahrung von Heimat und unberührter Natur. Der Zeitbezug des frühen Naturschutzes ist rückwärtsgewandt. Dies wird jedoch der Prozesshaftigkeit von Natur nicht gerecht. Heute dürfte dieses Konzept nicht mehr als Kern einer umweltethisch reflektierten "response"-Strategie im Bereich des Naturschutzes taugen. Wir benötigen im Naturschutz neue, zukunftsweisende Kriterien, die es uns ermöglichen, die Gebiete unter Schutz zu stellen, die uns aufgrund unserer besten Argumente und Einsichten als schützenswert erscheinen. Wir sollten nicht bloß konservieren wollen, sondern aufwerten, Schäden heilen, gestalten usw. Man denke hierbei bspw. an Bergbaufolgelandschaften. Zwischen der Naturschutz- und der frühen Umweltschutzbewegung bestanden um 1900 kaum Berührungspunkte. Die Umweltschutzbewegung thematisierte die "soziale Frage", während die Naturschutzbewegung gegen Gewerkschaften und Sozialdemokratie Stellung bezog. Die späteren Verstrickungen des Naturschutzes in der NS-Zeit erklären die Geringschätzung des Naturschutzes in den ersten Jahrzehnten der BRD und der DDR. Der Naturschutz hatte sich in den Augen kritischer Intellektueller moralisch diskreditiert. Für den heutigen Naturschutz kann die Devise nur heißen, sich ihrer ambivalenten Geschichte rückhaltlos zu stellen und hellhörig zu sein, da die Neue Rechte in Verbindung von alter Heimatschutzideologie und neuer Soziobiologie sich des Naturschutzthemas anzunehmen beginnt. Ich sehe keine moralisch und politisch tragfähige Alternative zu der Konzeption, Naturschutz als ein zentrales Anliegen zu verstehen, das innerhalb einer demokratischen und rechtsstaatlichen Grundordnung zur Geltung gebracht wird.
III. Umrisse einer Gegenwartsdiagnose Entscheidend für den Aufschwung der Ökologiebewegung waren ihre dramatischen Diagnosen und Prognosen ("Erst stirbt der Wald, dann der Mensch"). Die Klassiker alarmierten die Öffentlichkeit: Carlson, Meadows, Gruhl, Lorenz, von Dithfurth, Illich u.v.a. Mittlerweile liegen 30 Jahre Umwelt- und Naturschutz hinter uns. Die Ökologiebewegung war durchaus erfolgreich. Ihre Diagnosen, Analysen, Forderungen wurden in Parteiprogramme übernommen und in staatliches Routinehandeln und in Expertendiskurse transformiert. Durch diese Institutionalisierung wird der Einzelne entlastet. Aus dem dramatisch inszenierten Protest wurde das Fachgespräch. Aus Hüttendörfern wurden staatliche Ämter, aus den Rufen nach einer "Neuen Ethik" wurden ein Teilgebiet der angewandten Ethik ("Umweltethik", s.u.), aus der Forderung nach "Rechten für die Natur" ergaben sich der Art. 20a GG und anspruchsvollere Interpretationen des staatlichen Vorsorgeprinzips. Die grünen Menschheitsthemen werden in Verbandsarbeit umgesetzt und werden von Politikern als Interessenvertretung wahrgenommen. Ich möchte von den Ambivalenzen der Normalisierung sprechen. In den reichen Industrieländern kann man neben allen ungelösten Problemen (Wald, Versäuerung der Böden, Verkehr, Landschaftsverbrauch, "Rote Listen" usw.) auch einige Erfolgsbilanzen aufmachen: technischer Umweltschutz, saubere Arbeitsplätze, verbesserte Gewässerqualität, Ausweisung von Schutzgebieten, Sanierung von Industriebrachen, Zertifizierungen von Produkten, Ökologisierung vieler Forschungseinrichtungen, elf Nationalparke und einige weitere in Vorbereitung, Truppenübungsplätze zu Naturschutzgebieten (eine schöne Variante von "Schwerter zu Pflugscharen"), Ankauf von Land durch Naturschutzverbände (Projekt "Lieberose"), Erfolge im Artenschutz (Luchs, Biber, Seeadler usw.). Heute sind die reichen Industrieländer "sauberer" und "grüner" als die armen Entwicklungsländer. Statt "arm und sauber" versus "reich und schmutzig" gilt heute vielfach "reich und sauber" versus "arm und schmutzig". Viele Ökonomen erklären dies mit letztlich segensreichen Folgen wachsenden Wohlstandes, während Kritiker vom Export von Umweltbelastungen, von Ökokolonialismus und von strukturell asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen sprechen ("unequal exchange"). Die Diagnosen und die aus ihnen entwickelten Vorschläge könnten konträrer kaum sein. Ich komme darauf zurück. Umwelt-, Tier- und Naturschutz finden im Kontext einer geschichtlichen Epoche statt, in der sich auch andere Themen geltend machen. Folgende Themen, die allesamt Herausforderungen sind, sind in den Rahmen einer Gegenwartsdiagnose zu stellen. Das folgende ist eine Liste, keine Hierarchie. 1. Die funktionale
Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften ad 1. Für Niklas Luhmann sind moderne Gesellschaften hierarchie- und mittelpunktlose Ensembles von funktional ausdifferenzierten Subsystemen. Kein System steuert "die" Gesellschaft. Jedes System besitzt einen zweiwertigen Code. Die Wirtschaft codiert auf Haben und Nichthaben, die Wissenschaft auf wahr und falsch, die Politik auf Macht und Opposition usw. Jedes System versteht nur die Botschaften, die es gemäß seines Codes "lesen" kann. Alles Übrige ist das Rauschen einer überkomplexen Umwelt. Das Thema "Umwelt" oder "Natur" muss also in eine Form gebracht werden, die mittels des Codes der Ökonomie, des Rechts, der Politik lesbar ist (Monetarisierung von Umweltgütern, Verlust von Wahlen usw.). Daher bedarf es eines langen Atems, wenn man für ökologische Ziele Resonanz in den Systemen erzeugen möchte. Die unteren Systemebenen, sog. Programme, müssen umprogrammiert werden. Umwelt- und naturschützerische Anliegen erscheinen in systemtheoretischer Perspektive als moralisch codierte ("gut"-"schlecht" für die Umwelt) Umprogrammierungsvorschläge. Das Anliegen des Umwelt- und Naturschutzes erfordert daher Menschen, die sich nicht nur kurzfristig über irgendwelche Skandale empören oder sich sporadisch engagieren, sondern die ihren Lebensweg (die kostbare Ressource Lebenszeit) mit den langen, frustrierenden, mit faulen Kompromissen gepflasterten Wegen durch die Infrastrukturen komplexer Systeme zu verbinden bereit sind, um Umprogrammierungen in die Wege zu leiten. Luhmann sah am Ende seines Lebens vor allem beunruhigende Realitäten hervortreten: die Armut in der "Dritten Welt" und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Luhmann war skeptisch, ob hochgradig ausdifferenzierte Gesellschaftsformationen diese Herausforderungen bewältigen können. Er sah allerdings zu den Errungenschaften sozialer Differenzierung keine grundlegende Alternative und hierin stimme ich ihm zu. ad 2. Individualisierung der Lebensstile meint, dass vergleichsweise mehr als je zuvor ein Individuum die Möglichkeit besitzt, über sein Leben selbst zu bestimmen. Herkunft verliert an Bedeutung, Karrieren stehen offen, Zugehörigkeiten werden wählbar, Identitäten flexibler. Diese Individualisierung hat emanzipatorischen Gehalt, könnte aber auch in den faden Hedonismus einer "fun"-Kultur münden. Angesichts des Pluriversums von Lebensformen wird es fraglich, ob die Kohäsionskräfte der Gesellschaft den in der Individualisierung angelegten zentrifugalen Tendenzen auf Dauer Paroli bieten können. Die Konservativen beschwören in dieser Situation die Reste tradierten Gemeinsamkeiten (Familie, Vereine, Religion); die Linksliberalen favorisieren den Verfassungspatriotismus der Menschen- und Bürgerrechte, die Ultra-Liberalen modellieren Menschen als glückliche Konsumenten der schönen neuen, mit etwas Rechtsordnung garnierten Warenwelt, während die postmoderne Intelligenz die Dezentrierung des Subjekts, das Fragmentarische, die Patchwork-Biographie, das Heterogene usw. feiert. Jede dieser Positionen findet Fürsprecher unter Philosophen. Individualisierung könnte u.a. auch bedeuten, dass jeder Lebensstil "seine Moral" und seine Auffassung von Umwelt- und Naturschutz entwirft. Die Umweltethik hat demnach u.a. die Aufgabe, zu begründen, dass Naturschutzziele nicht nur auf eine Sondermoral unter vielen zurückgehen. Individualistische Kulturen sind permissiv; in ihnen werden moralische Ansprüche als lästige Zumutungen interpretiert, die der Selbstverwirklichung mehr oder weniger hinderlich sind. Die Individualisierungstendenzen sind gegenwärtig so stark, dass Forderungen nach Verzicht, nach schlichteren Lebensstilen ("voluntary simplicity"), nach postmaterialistischen Lebensformen usw. in den Horizont des Strebens nach Selbstverwirklichung eingepasst werden müssen. Die wachsenden Segmente der Gesellschaft, die einen hedonistisch-individualistischen Lebensstil pflegen, stehen Umweltfragen keineswegs ablehnend gegenüber. Man ist für Umwelt, wenn dies "lifestyle"-kompatibel ist aber eben nur dann. ad 3. Die biologischen Wissenschaften sind zu technischen Disziplinen geworden. Die Zugriffe auf Lebendiges haben ungeahntes Ausmaß und Eingriffstiefen erreicht. Die diversen Grenzen erscheinen wie Dämme, die bereits beim Aufrichten von Unterspülung bedroht sind. Präimplantationsdiagnostik, Xenotransplantation, Embryonenforschung, Keimbahntherapie, das Klonieren von Menschen sind die gegenwärtigen "Frontlinien". Angesichts der Individualisierungstendenzen kann jeder weitergehende Schritt in diese Richtung mit den Interessen (Präferenzen) von Personen gerechtfertigt werden. Sofern x technisch machbar ist, jemand x wünscht und niemand direkt geschädigt wird, scheint es im Rahmen einer säkularen Minimalmoral kaum Gründe zu geben, jemandem x vorzuenthalten. Wer wird durch das Klonieren eines Menschen geschädigt oder in seinen Rechten verletzt. Warum soll der Wunsch, einen 50 Jahre jüngeren eineiigen Zwillingsbruder aufwachsen zu sehen, verwerflich sein. Warum soll man sich nicht die Eizelle eines Fotomodells oder den Samen eines Nobelpreisträgers kaufen dürfen, wenn man eine starke Präferenz nach einem schönen und klugen Kind verspürt? Das Unbehagen bleibt, lässt sich aber in vielen Konzepten von Ethik, die sich betont "nach-metaphysisch" geben, nicht mehr klar artikulieren. Die "grüne" Gentechnik hat sich in den USA etabliert, obwohl Monsanto durch den unerwarteten Widerstand der europäischen Verbraucher angeschlagen ist und versprechen musste, sein (nicht keimfähiges) "Terminator"-Saatgut nicht zu vermarkten. Die kommerzielle Aneignung des genetischen Materials tropischer Biodiversität durch die westlichen Konzerne schreitet voran. Gewiss könnte die "grüne" Gentechnik auch segensreiche Wirkungen entfalten. Gegenwärtig jedoch arbeiten Konzerne in erster Linie für die Märkte der westlichen Welt und nicht an Biotechnologien, die den Armen zugute kommen könnten. Eine "Finalisierung" der Biotechnologien für die "Dritte Welt" ist möglich (Sorgum, Hirse, Reis), aber ökonomisch uninteressant. Angesichts des Klimawandels (s.u.) stellt die Gentechnik für viele Technokraten eine Anpassungstechnologie dar, die es uns erlauben wird, mit veränderten ökologischen Bedingungen zurecht zu kommen. Die Patentierung von Leben lässt sich kaum mehr verhindern. Weitgehend unbeobachtet haben die Industrielobbys ihre Interessen durchgesetzt. Die schöne Rede, die Biodiversität sei ein Erbe der gesamten Menschheit ("common heritage of mankind"), führt in der Praxis dazu, dass westliche Konzerne sich biotisches Material kostenlos aneignen, technisch manipulieren, die Produkte durch Patente absichern usw. Hier muss die Ethik darauf achten, welche Strategien sich hinter hochmoralisch klingenden Floskeln verbergen. Eine Herausforderung des nächsten Jahrhunderts wird darin liegen, die Überführung der Bio- und Medizintechnologien in konkrete Techniken zu gestalten. ad 4. Vor zwanzig Jahren war die Rüstungs-Sprirale und der drohende atomare Krieg die Herausforderung, auf die die Friedensbewegung reagierte. Die atomare Apokalypse scheint zur Zeit keine unmittelbare Bedrohung mehr, obwohl keiner sagen kann, wie viele Schritte die Menschheit vom nuklearen Abgrund zurückgetreten ist. Die Proliferation von kernwaffentechnischem "know-how" schreitet voran. Der prinzipielle Pazifismus dürfte für uns ein moralischer Konsens sein; das Problem ist, dass sich die Anlässe häufen, bei denen Interventionen auch für pazifistisch gesonnene Menschen in den Bereich des Diskussionswürdigen rücken (Kuwait, Kosovo, Ost-Timor). Statt des apokalyptischen atomaren Infernos drohen viele kleinere, "normale" konventionelle kriegerische und bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen. Die neue Herausforderung ist uralt: Verhinderung und Eindämmung des Krieges und der Gewalt. Wir sind Zeugen von Tribalismen, neuen Nationalismen, Annektionismus, Separatismus, Aufstand und seine Bekämpfung, militant religiösen Regimes, Terrorismus, Vermischungen von Krieg und Kriminalität, dem Regime von "war-lords" und Beutepolitik. Diktatoren stürzen zwar, aber das Neue verspricht nichts. Befreiungsbewegungen sind kaum noch auszumachen. Eine Reihe von Konflikten werden Verteilungskonflikte um knapper werdende Ressourcen (Trinkwasser) sein. Für Konfliktparteien sind Hunger und Vertreibung rationale Schachzüge in ihrem Kalkül. Eine Folge von Gewalt ist Migration entweder durch direkte Vertreibung politische Verfolgung i.e.S. Zerstörung von Dörfern, Äckern, Wäldern usw. Schaffung unerträglicher Lebensbedingungen Drohung, Diskriminierung, Einschüchterung, Missachtung usw. Vertreibungen und Ökomigration werden eine wachsende Herausforderung darstellen. Wir sehen immer häufiger Menschen auf Lastwagen, die alles verloren haben und nun an irgendwelchen Grenzen warten oder in Zeltstädten notdürftig untergebracht werden. Unsere Gefühle schwanken zwischen Mitleid und der Angst, mit Zuwanderungsschüben konfrontiert zu werden. Die Trennlinie den Migrations- und Fluchtgründen: politische Verfolgung, ökonomische Marginalisierung, soziale Diskriminierung und ökologische Verwüstung sind nicht klar zu ziehen. Keiner kann trennscharf nach "echten" und "unechten" Flüchtlingen sortieren. Jedes Schicksal ist individuell und muss gleichwohl über den Leisten rechtlicher Kriterien geschlagen werden. Was ist Migration, was ist Flucht, was ist "politische Verfolgung", hat jemand einen Rechtsanspruch oder ist er von Quoten und Barmherzigkeit abhängig? Größtenteils ist Migration Binnenmigration innerhalb von Entwicklungsländern und insofern Migration der Elenden zu den Armen; es existieren aber auch legale und illegale Routen in Richtung Norden. Dies hat einen Markt sowie eine Dienstleistungsbranche an Schlepperbanden ins Leben gerufen. Der Migrant wird eine "Figur" des nächsten Jahrhunderts werden. Als "response" auf diese "challenge" favorisieren viele das Einigeln in der "Festung Europa". Ähnlich wie in den Städten der "Dritten Welt" oder an der Grenze zwischen USA und Mexiko könnten die Wohlhabenden sich durch Zäune und Patrouillen separieren. Latente Xenophobie und offener Rassismus der Mitbürger, die von ökonomischer und sozialer Deklassierung bedroht sind, werden durch Migrationsschübe infektiös und epidemisch. Natürlich sind daran nicht die Migrantinnen schuld. Es sollte ein vordringliches Ziel politischen Handelns sein, Migration zu verhindern und zu begrenzen, ggf. zu steuern. Migrationspräventionspolitik liegt auch im wohlverstandenen Selbstinteresse reicher Industriestaaten, ist aber auch zentrale Komponente einer globalen Nachhaltigkeitsstrategie.
ad 5. Das Schlagwort von der "Globalisierung der Ökonomie" ist in aller Munde. Grundzüge dieser Tendenz kapitalistischer Gesellschaften wurden bereits im "Kommunistischen Manifest" hellsichtig diagnostiziert. Die Globalisierung der Ökonomie ist ein langdauernder Prozess, der durch den Zusammenbruch des östliche Staatssozialismus rapide beschleunigt wurde. Genauer versteht man unter ökonomischer Globalisierung folgende Trends: Internationalisierung
des Welthandels Globalisierung ist in erster Linie eine "Kontinentalisierung". Es haben sich drei große Binnenmärkte gebildet (Amerika, Asien, EU), die von einer Peripherie derer umsäumt sind, die Zutritt begehren (z.B. Osteuropa). Beim Handel und bei den Direktinvestitionen findet der Austausch hauptsächlich zwischen den entwickelten Regionen statt. Der internationale Handel mit Gütern ist nicht neu; neu ist der Standortmarkt. Die Globalisierung des Standortmarktes verschiebt die Machtverhältnisse zugunsten multinationaler Konzerne ("global player"). Für diese bietet der Standortwettbewerb Möglichkeiten, Standortoptionen abzuwägen. Sie diktieren zunehmend die Bedingungen (Steuerlast, Subventionen usw.) und kaum noch einer empört sich darüber. Gewiss sind Unternehmen keine Nomaden, die ihre Fabriken wie Zelte auf- und abschlagen, aber das Risiko von Abwanderung und Verlagerung besteht. Die Drohpotentiale der Konzerne sind angesichts von Arbeitslosigkeit und staatlicher Finanznot kaum zu überschätzen. Man kann die Drohpotentiale auch dann politisch effektiv einsetzen, wenn die Drohungen nicht ernst gemeint sind. Für Politiker sind die Drohungen ein Risiko. Das Stichwort "Globalisierung" wirkt, selbst wenn es nahezu argumentfrei eingesetzt wird, disziplinierend gegen ökologische und soziale Ansprüche. Der sozialstaatliche Kompromiss der Bonner Republik wird zunehmend in Frage gestellt. Die Befürchtungen betreffen ein Absenken der Sozial- und Umweltstandards, einen Verlust kultureller Vielfalt sowie eine Kommerzialisierung aller Lebensverhältnisse. Die Fähigkeiten der Politik, diese Prozesse zu steuern, seien zunehmend begrenzt; alles, was zu tun bliebe, sei die Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit gegenüber den großen Investoren, die über Werbung und Massenmedien die öffentliche Meinung, über Lobbys die organisierte Politik und über Mäzenatentum die Kulturindustrie beeinflussen können. Das Kapital ist mobiler als der "Faktor Arbeit" oder der "Faktor Umwelt". Hier droht die Gefahr, dass man die Kulturlandschaften, die 150 Jahre Industrialisierung (halbwegs) überstanden haben, den anonymen ökonomischen Imperativen des globalen Standortmarktes opfert. Seit einigen Jahren flimmern Börsenkurse über den Bildschirm. Dies ist symptomatisch für den Übergang zum "shareholder-value"-Kapitalismus. In der Unternehmenstheorie konkurrieren "stakeholder-value"- und "shareholder-value"-Ansatz miteinander. Die "stakeholder"-Theorie erkennt die Berechtigung von Ansprüchen verschiedener Gruppen an, was eine eindeutige Priorisierung von Unternehmenszielen erschwert. Unterschiedliche Ansprüche müssen in (fairen) Verhandlungen ausbalanciert werden. Die "shareholder-value"-Theorie dagegen begreift unternehmerische Aktivitäten als eine Funktion, um aus Kapital mehr Kapital zu machen. Waren und Güter werden nebenbei produziert, Löhne und soziale Aufwendungen sind nur Kosten usw. Der alte Zweck ökonomischer Produktion: die Herstellung von Gebrauchswerten wird nebensächlich; entscheidend ist die Wertsteigerung des Unternehmens an der Börse. Für Menschen, die in eindeutigen Mittel-Zweck-Schemata zu denken trainiert worden sind, bietet diese Theorie eindeutigere Handlungsanweisungen. Da der höchste Zweck ökonomischen Handelns feststeht, bleiben nur noch Probleme der optimalen Zweckerfüllung. Moralische Probleme unternehmerischer Verantwortung können abgeschoben werden. Zugleich werden die Einkommen der Manager an die Aktienkurse gekoppelt. Dadurch entstehen perverse Anreize: der Fokus der Aufmerksamkeit richtet sich auf den Börsenwert. Im "shareholder-value"-Ansatz dominiert instrumentelle Rationalität im Sinne unbegrenzter Kapitalakkumulation. Dass dieser Ansatz in den letzten Jahren an Boden gewonnen hat, zeigt den Verlust des Einflusses kritischer Theorie. ad 6. Die Verteilung des weltweiten Wohlstandes gleicht der Form nach einem Champagnerglas. 1997 verfügten die reichsten 20 Prozent der Weltbevölkerung über 86 Prozent des Vermögens bzw. der produzierten Güter und Dienstleistungen. Entsprechend hoch ist der Lebensstandard mitsamt des Verbrauchs an Stoffen, Energie, Fleischprodukten, Süßwasser usw. Das ärmste Fünftel der Weltbevölkerung verfügt nur noch über 1-2 Prozent des Reichtums. Selbst wenn man das gestiegene Weltbruttosozialprodukt in Rechnung stellt, hat sich die Lage der Ärmsten verschlechtert, während sich ihre Zahl erhöht hat. Die globale Ungleichverteilung hat sich erhöht. Absolute Armut wurde nicht verringert. Arme Menschen sind extrem verwundbar gegenüber Änderungen der Lebensmittel-, Wasser- und Energiepreise sowie gegenüber Änderungen von Umweltbedingungen. Sie verfügen kaum über Zugänge zum Rechts-, Gesundheits- oder Bildungssystem. Die wachsende Zahl (relativ oder absolut) armer Menschen setzt sich in armutsbedingte Umweltzerstörung um. Wer sich kein Öl leisten kann, schlägt Brennholz; wer hochverschuldet vom Pachtland vertrieben wird, geht in agrarökologisch marginale Areale oder verdingt sich als Holzfäller, in Minen usw. Es gibt weiterhin klare statistische Korrelationen zwischen Armut und hoher Kinderzahl. Insofern sind die oligarischen und luxuriösen Lebensstile der Reichen und die durch Überlebenskampf getriebenen Verhaltensweisen der Armen ökologisch fatal. Nur sind die Verhaltensweisen moralisch nicht gleichzusetzen. Dass der westliche Lebensstandard aus Gründen der Tragfähigkeit der Ökosphäre nicht verallgemeinerbar ist, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Das Konzept nachholender Industrialisierung ist m. E. gescheitert. Aus der Perspektive der Armen, denen dieses Konzept über Jahrzehnte hinweg gepredigt wurde und die u.a. mit Versprechungen auf zukünftigen Wohlstand in die heutige Schuldenfalle getrieben wurden, muss es wie Hohn in den Ohren klingen, wenn ihnen mitgeteilt wird, sie dürften unser Wohlstandsmodell aufgrund ökologischer Grenzen nicht kopieren, während gleichzeitig keine Anzeichen zu registrieren sind, dass der Norden seinen "way of life" ändert.
IV. Heutige Umweltprobleme Unsere "alten" Umweltprobleme waren augenfälliger, lebensweltlich erfahrbarer, räumlich konzentriert, die Medien konnten sie in ihre "frames" einfügen, Protestbewegungen konnten Konflikte durch Akte zivilen Ungehorsams inszenieren. Smog, Müllhalden, Atomkraftwerke (Tschernobyl), Ausbau von Flughäfen (Startbahn West), Rodungen von Wäldern, Giftmüllverklappung in der Nordsee, Robbensterben, "Waldsterben", Flüsse als Abwasserkanäle, Gift in Lebensmitteln usw. Die "neuen" Umweltprobleme sind globaler, erfordern die Verarbeitung hoher Mengen von wissenschaftlicher Information, sind vom Alltag der meisten Menschen weit entfernt und entziehen sich der Beeinflussbarkeit durch individuelles Handeln. Diese "neuen" Probleme erscheinen in Modellen, Simulationen, Szenarien und insofern als ferne Risiken. Angesichts unsere Fokussierung auf anschauliche Themen aus unserem sozialen Mesokosmos und innerhalb einer Massenkultur, die das Bewusstsein der Menschen mit "trash" verklebt, sinkt die Bereitschaft, sich auf die Analyse derartiger Probleme überhaupt einzulassen. Die Fachkreise, die diese Probleme analysieren, sind von breiten Öffentlichkeiten isoliert. Ich nenne einige dieser neuen Probleme: Klimawandel
1. Zur Klimaproblematik Für viele Forscher wird der Klimawandel eines der größten Umweltprobleme des 21. Jh. sein. Der Kampf um die Reduktion der Treibhausgase (Green-House-Gases: GHG) ist zu einer Herausforderung der internationalen Politik geworden. Das Verbot der FCKWs war dagegen ein Kinderspiel. Dass die Industriestaaten die Hauptemittenten der GHG sind (75-80 Prozent), ist bekannt. Ob und inwieweit die vergangenen Emissionen seit 1850 als historische Schulden bei heutigen Reduktionszielen anzurechnen sind, ist umstritten, weil die ethischen Prämissen unklar sind. Die Klimaforschung bietet das Bild einer Mischung aus Sicherheiten und Ungewissheiten (Houghton 1997). Am physikalischen Mechanismus des "Treibhauseffektes" zweifelt kaum noch einer. Die Erhöhung des Kohlendioxid-Gehalts in der Atmosphäre gegenüber vorindustriellen Zeiten sowie ihre Ursachen sind unstreitig. Wir besitzen hochentwickelte Klimamodelle. Allerdings kann keiner sagen, welches Modell das "beste" ist. Viele Wissenschaftler glauben, dass es gelungen ist, einen menschlichen "Fingerabdruck" aus dem Hintergrundrauschen des natürlichen und dynamischen Klimageschehens herauszufiltern. Der Begriff des Nachweises ("detection") ist pragmatisch zu verstehen. Es geht nicht um Beweise, sondern um Grade der Plausibilität. Versteht man die Debatte um "detection" und "attribution" als eine Art von Indizienprozess, so häufen sich die Indizien, die für einen beginnenden anthropogenen Klimawandel sprechen. Dissense in der Klimaforschung betreffen Aerosole, Wolken, Niederschläge, die Wirkungen von positiven und negativen "feed-backs", die Aufnahmegeschwindigkeit und Senkenkapazität der Ozeane, Stabilität von Eisgebieten, Verhalten unterschiedlicher Ökosystemtypen ("Düngungseffekt", Temperaturerhöhung) vulkanische Aktivität u. dergl. Die Unsicherheiten in der Klimawirkungsforschung sind noch größer. Es werden folgende Arten möglicher Schadensereignisse genannt: Überschwemmung von Inseln und Deltagebieten, partielle Desertifikation des Mittelmeerraumes und des semiariden Trockengürtels (von Mexiko bis Iran), Versalzung von Grundwasserreserven, Verlust von Ackerland durch Erosion, höhere Rate von Extremereignissen (Stürme, Hitzeperioden), Verschiebung von Klimazonen (auch vertikal in Gebirgsregionen), Ernteertragseinbußen (aber auch zusätzliche Erträge in anderen Regionen), vermehrte Waldbrände, Vordringen tropischer Krankheiten nach Norden, Veränderungen der globalen Meeresströmungen, Abschwächung des Golfstromes usw. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Schadensereignisse tatsächlich eintreffen, kann niemand mit Gewissheit sagen. Zwischen Klimamodellen und Schadensszenarien liegen eine Fülle zusätzlicher Annahmen. Die Sensitivitätsanalysen der Klimamodelle zeigen, dass eine Verdopplung des Kohlendioxid-Gehalts der Atmosphäre gegenüber 1850 im globalen Mittel zu Temperaturerhöhungen zwischen 1,5 und 4,5 Grad führen können. Werte außerhalb dieses Korridors gelten als unwahrscheinlich. Häufig wurde daraus ein Mittelwert von 2,5 Grad konstruiert ("best guess"). Man darf aber das "worst-case"-Szenario nicht im Mittelwert verschwinden lassen, sondern muss es sich gesondert vor Augen führen: Bei einer globalen durchschnittlichen Erhöhung von 4,5 Grad würden sich die Temperaturen in den höheren Breitengraden um bis zu 8-10 Grad erhöhen. Die Konsequenzen könnten dramatisch sein. Dieses Problem führt zu einer ethischen Frage, die Hans Jonas aufgeworfen hat: Soll man vom Primat der schlechten Prognose ("Heuristik der Furcht") ausgehen, um zukünftigen Generationen mögliche Katastrophen mit Sicherheit zu ersparen? Bei Risiken dieser Größenordnung muss die Antwort Ja lauten. Nun sind viele Akteure Emittenten. Das Problem ist globaler Natur. Jede Emission ist mit anderen Nutzenprofilen verbunden. Keiner der Akteure kann durch seine Handlungsweise das kollektive Optimum erreichen. Jedem wäre es also lieber, wenn er mehr emittieren könnte und die anderen weniger emittierten. Da dies aber für alle gilt, darf keiner erwarten, dass die übrigen freiwillig weniger emittieren werden, sondern muss vom Gegenteil ausgehen. Man kann daher die globale Klimaproblematik in die Form eines sog. "prisoner-dilemma"-Spiels bringen. Die Klimarahmenkonvention 1988 forderte die Stabilisierung der GHG-Konzentrationen in der Atmosphäre auf einem ungefährlichen Niveau. Es ging um die Stabilisierung der atmosphärischen Konzentration, nicht um die der Emissionen. Das Ziel war nicht Katastrophen-, sondern Gefahrenvermeidung. Davon kann auch nach dem Kyoto-Protokoll keine Rede sein. Man konnte über die vergangene Dekade hinweg beobachten, wie Reduktionsziele verkleinert wurden und Schlupflöcher wuchsen. Dies war, wie "Realisten" meinen, der Preis für ein völkerrechtlich bindendes Vertragswerk (statt bloßer Deklarationen und "soft law"). Um die Ausgestaltung internationaler Verträge wird hart verhandelt. Insofern sind im besten Fall lange und zähe Verhandlungen um Reduktionsquoten erwartbar. Die Logik von Verhandlungen ist die der intelligenten Durchsetzung eigener Interessen. Das Menschheitsthema "Klimaschutz" wird zu einem Gefeilsche um "bubbles", Anrechnung von Senken, die Einführung "flexibler" marktkonformer Mechanismen ("joint implementation"), um den Status von Schwellenländern usw. Die Klimaverhandlungen erscheinen somit als ein undurchschaubares Geflecht von strategischen Verhaltensweisen egoistischer Akteure. Ohne den Rio-Prozeß und das Kyoto-Protokoll wäre es jedoch für alle Akteure rational gewesen, ihre GHG-Emissionen ungebremst zu steigern. Also gibt es zu derartigen Verhandlungen keine Alternative. Den Zuwachsraten der globalen Emissionen wird, falls das Kyoto-Protokoll realisiert wird, die Spitze abgebrochen; die Emissionskurve bleibt im Zuwachsbereich. Von der Zielbestimmung (minus 20 Prozent bis 2005 gegenüber 1990) sind 5,2 Prozent Reduktion für die Industriestaaten geblieben, die sich durch Schlupflöcher weiter reduzieren werden. Das Kyoto-Protokoll enthält zudem falsche Anreize hinsichtlich der Anrechnung von Senken (Rodung tropischer Primärwälder und Aufforstung mit Sekundärwäldern). Gleichwohl ist die Ratifizierung dieses mangelhaften Protokolls ein möglicher erster Schritt auf einem "langen Bremsweg". Dieser Bremsweg könnte im günstigsten Fall eine allmähliche Reduktionskurve bei den Emissionen bewirken, so dass sich die GHG-Konzentration der Atmosphäre am Ende des nächsten Jahrhundert bei circa 400 ppm einpendeln könnte. Wohlgemerkt: im günstigsten Falle.
2. Biodiversität Man unterscheidet zwischen Biodiversität auf der a) genetischen Ebene, b) der Ebene der Spezies, c) der ökosystemaren Ebene. Ungewissheiten betreffen Ausmaß und Geschwindigkeit der Verringerung von Biodiversität. Kontroversen beziehen sich auf die Fragen, von wie viel existierenden Arten man ausgehen soll, wie rasch der Artenschwund fortschreitet, welche Rolle Sekundärwälder spielen, wie Habitateinengung und Extinktion von Arten miteinander korreliert sind, ob das so genannte Insel-Modell auf tropische Regenwälder angewendet werden kann, wie die "hot spots" einzustufen sind. Dass Biodiversität in globalem Maßstab durch menschliche Eingriffe verringert wird, kann als gesichert gelten. Seriösen Schätzungen zufolge wird der Verlust an Arten im nächsten Jahrhundert eine zweistellige Prozentzahl des heutigen Artenbestandes ausmachen. Biodiversität wird verringert durch: Intensivierung der
Landnutzung Dass wir Biodiversität verringern, ist unstreitig aber was ist daran moralisch falsch? Wozu brauchen wir bspw. alle tropischen Insektenarten? Häufig wird der Erhalt von Biodiversität anthropozentrisch-funktional mit der Stabilität von Ökosystemen begründet. Ökologisch strittig ist, ob eine Korrelation zwischen Biodiversität auf der Artenebene und der Resilienz von Ökosystemen besteht. Etliche Spezies könnten für das Funktionieren von Ökosystemen sowie für deren Resilienz entbehrlich sein. Die Beziehungen zwischen Arten und ökosystemaren Gefügen sind ungeklärt. Wahrscheinlich wird es nur kontext-, ökosystemtyp- und skalenspezifische Antworten auf diese Frage geben. Gewiss wachsen bei einem Rückgang an Biodiversität Risiken in bezug auf den Verlust lebenswichtiger ökosystemarer Funktionen. Diese Risiken sind kaum zu quantifizieren und wären besser als Ungewissheiten zu bezeichnen. Dennoch ist fraglich, ob eine anthropozentrische (auf Menschen bezogene) Konzeption von Umweltethik den Schutz der gesamten Biodiversität zu begründen vermag. Hier nun wird der Grundlagenstreit um Anthropozentrik und Physiozentrik relevant. Vielleicht ist die Frage, wozu Arten und Ökosysteme nützlich sein mögen, die grundlegend falsche Art, die Natur moralisch zu betrachten. Womöglich kommt Arten, Ökosystemen usw. so etwas wie "inhärenter moralischer Wert" zu.
V. Umweltethik als "Retterin in der Not"? Häufig hörte man sagen, dass die Herausforderungen nur durch eine "Neue Ethik" zu bewältigen sein werden. Wie eine solche Ethik aussehen sollte, war schon weniger klar. Sollte es eine "Ethik der Verantwortung" sein (Hans Jonas), eine des Diskurses (Jürgen Habermas), der Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer), ein religiöses "Weltethos" (Hans Küng) oder eine konsequente Anwendung bekannter Ethiktheorien (wie des Utilitarismus) auf neue Problemlagen. Ansätze gibt es zuhauf: Eigenwerte der Natur, klare Grenzen, neue Tugenden, Weltbilder, "Überwindung des Anthropozentrismus", ganzheitliches Denken, Wiederverzauberung der Welt usw. Quacksalber und Scharlatane gibt es auch unter dem Etikett "Ethik". Schopenhauer wusste: "Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer". Die Ethik ist eine Reflexionsdisziplin, die sich mit moralischen Rechtfertigungsstrategien beschäftigt, kein "deus ex machina", der hereinschwebt und alles zum Guten wendet. Die Ethik trifft keine Entscheidungen (wie die Politik). Sie reguliert nicht mit der Verbindlichkeit des Rechts. Sie motiviert nicht so stark wie die Gewinnerwartung in der Ökonomie. Sie wirkt allenfalls indirekt und langfristig durch den zwanglosen Zwang guter Gründe. Sie appelliert an Einsicht und Vernunft und wirkt insofern unterkühlt ("rationalistisch"). Die Ethik kann engagierte soziale Bewegungen, kritische Öffentlichkeiten, kluge, zielführende und zähe Politik, Verantwortungsinitiativen in den aufgeklärten Kreisen ökonomischer Eliten usw. weder ersetzen noch erzeugen, sondern allenfalls begleiten und bestärken. Die Ethiker wissen, dass mit Ethik allein nicht viel bewirkt wird.
1. Zum Argumentationsraum Die Umweltethik ist gleichwohl als geistige Antwort auf die Herausforderungen der globalen ökologischen Krise zu verstehen. Die Gesamtheit der ethisch reflektierten Argumente, die zugunsten von Umwelt-, Tier- und Naturschutz vorgebracht werden können, bezeichnet man als den Argumentationsraum der Umweltethik. Sollen Umweltprobleme diskursiv gelöst werden, dann haben die, die sich für den Schutz von Umwelt, Tiere und Natur einsetzen, zu einem Rückgriff auf diesen Argumentationsraum keine Alternative. ARGUMENTE DER UMWELTETHIK 1. Pflichten
gegenüber zukünftigen Generationen (E. Partridge) 6. "Menschenrecht-auf-Natur"-Argumente
(W. Blackstone) 8. Pathozentrische
Argumente (P. Singer, T. Regan) Die Entfaltung dieses Argumentationsraumes sowie die Bezugnahme unterschiedlicher Begründungsmuster auf unterschiedliche Umweltkonflikte kann im Rahmen dieses Vortrags natürlich nicht erfolgen. Eine zentrale Frage der Umweltethik ist es, welchen Wesen gegenüber jedermann direkte moralische Pflichten anzuerkennen hat. Hier unterscheidet man die Positionen von Personalismus, Humanismus, Pathozentrismus, Biozentrismus, Ökozentrismus und Holismus. Der Personalismus bezieht nur Personen, der Humanismus alle menschlichen, der Pathozentrismus alle leidensfähigen, der Biozentrismus alle lebendigen und der Holismus alle existierenden Wesen in den Kreis dieser Wesen (die "moral community") ein. Der Humanismus umfasst auch zukünftige Generationen. Die hinter all diesen Positionen stehende Frage bezieht sich auf die Ausweisung einer moralisch relevanten Eigenschaft. Ob diese Grenze moralischer Berücksichtungswürdigkeit auf eine nicht-willkürliche, also allgemein verbindliche Weise gezogen werden kann, ist nicht entschieden. Anerkannt ist jedoch die Unterscheidung zwischen "Pflichten gegenüber" und "Pflichten in Ansehung von". "Pflichten gegenüber" sind direkte Pflichten, "Pflichten in Ansehung von" sind indirekte Pflichten, die direkte Pflichten voraussetzen. "Pflichten in Ansehung von x" können begründet werden, indem man zeigt, dass x für ein Wesen y, dem gegenüber direkte Pflichten bestehen, ein hohes Gut ist. Umstritten ist, ob und inwieweit anthropo- und physiozentrische Positionen in Anwendungsfragen zu gleichen oder ähnlichen Konsequenzen gelangen ("Konvergenzproblem"). Wenn man von den Prämissen eines weitgefassten Anthropozentrismus zu den gleichen Konsequenzen gelangen würde wie von den physiozentrischen Positionen, so könnte man erstere im politischen Raum verwenden und letztere als private Weltanschauung dahingestellt sein lassen. Es ist von einer partiellen, keiner völligen Konvergenz auszugehen. Bereits eine partielle Konvergenz der Positionen dürfte zur Beantwortung vieler Fragen hinreichen, zumindest was Schritte in die "richtige Richtung" betrifft. Wir könnten die oben genannten ökologischen Herausforderungen in die folgende Struktur bringen: Es könnten moralische Pflichten gegenüber zukünftigen Generationen in Ansehung von Klimaveränderungen, Verlust an Biodiversität, Verknappung von Grundwasser und Böden usw. bestehen.
2. Konzept Nachhaltigkeit Selbst eine moderate Interpretation des Argumentationsraumes impliziert eine Rechtfertigung des normativen Konzepts bzw. der regulativen Idee von "Nachhaltigkeit". Nachhaltigkeit ist demnach ein kollektives Ziel, das anzustreben eine moralische Pflicht gegenüber zukünftigen Generationen in Ansehung globaler Umweltgüter ("Naturkapital") ist. Zwei Ziele sind in dieser regulativen Idee enthalten: intergenerationelle
Gerechtigkeit Häufig wurden Zielkonflikte zwischen diesen beiden Zielen geltend gemacht. Ich glaube aber, dass eine genauere Analyse vieler Umweltnutzungskonflikte ergibt, dass sich beide Zielsetzungen langfristig in Übereinstimmung befinden und die eigentlichen Konflikte anders gelagert sind (s.u.) (Attfield 1999, Guha & Martinez-Alier 1997). Das Nachhaltigkeits-Konzept muss konzeptualisiert und operationalisiert werden. Die Konzepte entscheiden bereits darüber, welche Indikatoren zur Operationalisierung herangezogen werden müssen. Ich werde mich hier auf die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit konzentrieren. Da wir mit zukünftigen Generationen nicht in direkte Interaktionsbeziehungen treten können, erfüllen wir unsere Verpflichtungen ihnen gegenüber, indem wir Hinterlassenschaften bilden. Diese bestehen aus "Gütern" bzw. "Kapitalien" verschiedener Art. Die Frage nach der Relationierung verschiedener "Kapitalien" steht im Mittelpunkt nachhaltigkeitstheoretischer Überlegungen. Man unterscheidet a. reales Kapital (Sachwerte), b. Naturkapital (unterteilt in "resources", "services", "information"), c. "cultivated natural capital" (Viehherden, Lachsfarmen, Forste usw.), d. Sozialkapital (moralisches Orientierungswissen, Institutionen), e. Humankapital ("education", "literacy", "skills"), f. Wissenskapital. In der Antwort auf die Frage nach der Struktur der obligatorischen Hinterlassenschaft ("bequest package") unterscheiden sich die Ansätze von "starker Nachhaltigkeit" ("strong sustainability") und "schwacher Nachhaltigkeit" ("weak sustainability"). Das Konzept von "weak sustainability" vertritt die Position einer weitgehend "unstructured bequest package", in der nur das Gesamterbe an Kapitalien groß genug sein muss, damit der Nutzen zukünftiger Personen nicht gegenüber dem heutigen Durchschnittsnutzen dauerhaft absinkt. "Sustainable development becomes equivalent to some requirement that well-being should not decline through time" (David Pearce). Somit gibt es keinen Grund, etwas Bestimmtes zu erhalten und zu vererben. "Weak sustainability" verlangt es nicht, alle Spezies, bestimmte Ökosysteme, Klimafaktoren, ein bestimmtes Ausmaß an Biodiversität, Landschaften usw. zu erhalten. Dieses unter Ökonomen beliebte Konzept geht vom Grundsatz einer weitgehenden Substituierbarkeit aller Sorten von Kapitalien aus. In diesem Konzept trägt der die Begründungslast, der Grenzen der Substituierbarkeit geltend machen möchte. Wissen wird als Ressource für neuartige Problemlösungen angesehen. Man dürfte bspw. Arten ausrotten, wenn gleichzeitig die Gentechnik das Wissen bereit stellt, wie neue (schönere, nützlichere, weniger gefährliche) Arten zu erzeugen sind. Wir könnten schöne Landschaften zerstören und von dem Erlös Museen und Theater finanzieren, wenn Kunst ein Substitut für das Naturschöne wäre. Wir könnten veränderte Klimabedingungen durch bessere Klimaanlagen, höhere Deiche, gentechnisch veränderte Pflanzen und Wälder usw. kompensieren ("adaptation"). Vertreter von "strong sustainability" (Daly 1999) plädieren aufgrund von angenommenen Grenzen der Substituierbarkeit zwischen Kapitalien sowie aufgrund von Vorsichtsstandards ("precautionary approach") für eine "structured bequest package". "Strong sustainability" fordert, alle Formen von Kapitalien gesondert und intakt zu erhalten. Hier wird vor allem die Nichtsubstituierbarkeit von Naturkapital betont. Das Verhältnis von künstlichem und natürlichem Kapital wird als Komplementaritätsbeziehung gedeutet. Beispiele für Komplementarität sind die Beziehungen von Fischen und Fischerbooten, Wäldern und Sägemühlen, Autos und Straßen usw. Im Konzept starker Nachhaltigkeit trägt der das onus probandi, der behauptet, etwas, das prima facie zum Naturkapital rechnet, sei vollständig und adäquat substituierbar. Ein Argument gegen Substituierbarkeit bezieht sich auf die Multifunktionalität vieler ökologischer Systeme. Die Leistungen und Assimilationskapazitäten ökologischer Systeme und der globalen Stoffkreisläufe dürften nicht technisch substituierbar sein. Gleiches gilt für die Ozonschicht und den Golfstrom, die Fotosynthese und das Plankton. Zunehmend häufig wird der Faktor der Ungewissheit betont. Atkinson et al. (1997) meinen, dass die Ungewissheiten und Risiken auf eine "constant natural capital rule" (S. 15) hinauslaufen müssten. Ich favorisiere aus ontologischen und aus moralischen Gründen "strong sustainability" und damit einen gewiss näher zu fassenden Begriff von nichtsubstituierbarem Naturkapital. Es erscheint mir sinnvoll, Böden, Wälder, Atmosphäre, globale Kreisläufe, Klimabedingungen, Biodiversität und Trinkwasserressourcen hypothetisch zum Begriff des Naturkapitals zu rechnen. Es ist in diesem Konzept falsch, nur in eine Kapitalform zu investieren; die Akkumulation von Realkapital verdient keinerlei Priorität. Daly (1999) sagt, ursprünglich war Kapital knapp und Natur im Überfluss vorhanden. Investition in Realkapital war sinnvoll. Gegenwärtig ist es umgekehrt: Kapital und Technik sind im Überfluss vorhanden, Naturkapital wird zum limitierenden Faktor. Die ökonomische Logik verlangt es nunmehr, in den limitierenden Faktor zu investieren, folglich gegenwärtig und zukünftig in Naturkapital. In vielen Fällen ist die ökonomische Sprechweise "Investition in Naturkapital" nur ein anderer Ausdruck für "Naturschutz". Wenn wir in Naturkapital investieren, schützen wir Natur und umgekehrt. Die sog. Managementregeln sind ein nächster Konzeptualisierungsschritt des Nachhaltigkeitsbegriffs. Die wichtigsten Regeln lauten: 1. Regenerierbare lebende Ressourcen dürfen nur in dem Maße genutzt werden, wie Bestände natürlich nachwachsen. Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll deren Regenerationsrate nicht überschreiten (Fischbestände, Wälder usw.). 2. Erschöpfbare Rohstoffe und Energieträger dürfen nur in den Mengen (und Zeiträumen) verbraucht werden, wie simultan funktionsgleicher bzw. gleichwertiger Ersatz an regenerierbaren Ressourcen geschaffen wird. 3. Schadstoffemissionen dürfen die Aufnahmekapazität der Umweltmedien und Ökosysteme nicht übersteigen. 4. In der sog. Aarhaus-Deklaration wurde in Bezug auf Städte eine vierte Regel formuliert, die es den Städten als Pflicht auferlegt, die von ihren verursachten Umweltprobleme innerhalb der Städte selbst zu lösen, also sie nicht immer in ländliche Gegenden zu exportieren. 5. Das Zeitmaß der menschlichen Eingriffe muss in einem ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß der natürlichen Prozesse stehen. 6. Die Umsätze von Energie und Stoffen müssen auf ein risikoarmes Niveau abgesenkt werden.
VI. Zum Verhältnis von Nachhaltigkeit und Globalisierung Was sollten wir unter diesen Prämissen hinsichtlich des Schutzes von Klima und Biodiversität tun? Ich unterscheide drei Ebenen der Antwort: Dass Unter den genannten Voraussetzungen erweist sich eine kollektive moralische Pflicht als anerkennungswürdig, Naturschutz zu intensivieren bzw. stärker in Naturkapital zu investieren (Dass). Rechnet Biodiversität zum Naturkapital, so gilt eine prima-facie-Verpflichtung, möglichst viel Biodiversität zu erhalten, sofern keine zwingenden Gründe dagegen sprechen (Beweislastverteilung). Wenn wir von dieser Pflicht ausgehen, so sollten wir sowohl national Artenschutz betreiben als auch (und vorrangig) die "Megadiversitätsgebiete" und "endemic hotspots" schützen sollten (Was). Dies führt zur Frage nach dem "Wie" und diese Frage führt zurück in Fragen politischer Ökonomie. Eine individualethische Deutung der Pflicht zum Schutz von Biodiversität ist absurd. Auf der nationalen Ebene erhalten wir Biodiversität durch Schutzgebiete, ein Biotopverbundsystem sowie Änderungen der Forst- und Landwirtschaft, wobei in bezug auf die Landwirtschaft derartige Naturschutzleistungen angemessen zu honorieren sind. Gewiss steckt hier häufig der Teufel im Detail; grundsätzlich erscheinen die Probleme als lösbar und die Lösung als finanzierbar. Auf der globalen Ebene wachsen die Herausforderungen und die Antworten müssen tiefer ansetzen. Folgende Faktoren sind hier zu nennen: Zwang, mittels "cash
crops" Devisen zu erwirtschaften (Schuldentilgung) Naturschutz muss den Armen eine Lebensperspektive bieten. Es müssten Anreizsysteme zugunsten der Erhaltung von Biodiversität geschaffen werden (z. B. Ökotourismus). Es müsste darum gehen, "win-win"-Situationen herzustellen, die den Armen und der lokalen Biodiversität gleichermaßen zugute kommt. Der Schutz von Biodiversität führt daher in Fragen der politischen Ökonomie zurück. In der Abwandlung eines Satzes von Max Horkheimer gilt: Wer ethisch von Biodiversität sprechen möchte, darf politisch von Fragen ökonomischer Gerechtigkeit nicht schweigen. Es gibt signifikante statistische Korrelationen zwischen Verschuldung und Entwaldung (und damit dem Verlust von tropischer Biodiversität). Naturkapital wird zur Schuldentilgung verschleudert. Die "Structural-Adjustment"-Vorgaben des IWF fordern höhere Exporte und Kürzungen der Sozialbudgets. Dies trägt zur Entwaldung, zur "cash-crop"-Plantagenwirtschaft, zur großstädtischen Umweltverschmutzung, zur armutsbedingten Umweltzerstörung usw. bei. Die Koalitionen aus westlichen Konzernen und korrupten lokalen Beutepolitikern betreiben ein lukratives Geschäft mit den Lizenzen für Waldrodungen, Goldminen, Abbaurechten, Errichtung von Hotelanlagen usw. Wir müssen die Länder des Südens aus den Teufelskreisen befreien, in die sie sich nicht zuletzt durch unser Zutun verstrickt haben. Stationen dieser Teufelskreise sind: großzügige Kreditvergabe (1965-1980), Kredite, die gerne genommen, aber nicht produktiv investiert wurden ("Weiße Elefanten"-Projekte, Rüstung, Repräsentation usw.), Zinserhöhungen (z. B. 1979), steigende Verschuldung, Kapitalknappheit, günstige Konditionen für Investoren (z. B. kurze Kündigungsfristen), kurzfristiger Kapitalabzug, Finanzkrisen, Abwertung der nationalen Währung, Verteuerung der Importe (besonders Öl), Verbilligung der Exporte, Überangebot an Rohstoffen, Verfall der Rohstoffpreise, Rückgang der Außenhandelserlöse, Devisenknappheit, Inflation, Kreditaufnahme zur Schuldentilgung, strikte Auflagen durch IWF und Weltbank, Verkauf von Naturkapital, Import von Giftmüll, Budgetkürzungen im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich, Verarmung, armutsbedingte Umweltzerstörung, Landflucht, Urbanisierung usw. Es bestehen Zusammenhänge zwischen fallenden Währungen und fallenden Bäumen. Gewiss gibt es keine einfachen Kausalbeziehungen, aber viele statistische Korrelationen und strukturelle Kopplungen. Die Vorschläge gehen nahezu unisono in Richtung auf eine Art von Schuldenerlass. Angesichts der ökologischen Konsequenzen der Verschuldung sollten wir das Recht, gleichsam einen neuen Anfang machen zu dürfen, höher bewerten als das rechtliche "entitlement" zur Rückzahlung von Krediten. Umstritten sind die näheren Modalitäten. Ich plädiere nicht für einen pauschalen und vollständigen Schuldenerlass, der für manche Regimes nur eine unverdiente Belohnung für Misswirtschaft, Korruption, Aufrüstung und schiere Beutepolitik wäre. Ein Schuldenerlass, der diese politischen Strukturen intakt lässt, ändert langfristig nichts. Konzepte wie "debt for swamps" weisen in die richtige Richtung. Das "Wie?" muss kontextspezifisch verhandelt werden. Was den Klimaschutz anbetrifft (s.o.), so sahen es kritische Beobachter der Verhandlungen von Rio über Berlin, Kyoto, Buenos Aires mit Empörung, welche Bremser-Rolle der mit Anstand größte Emittent USA spielt. Die USA fordern von den Entwicklungsländern substantielle Beiträge in näherer Zukunft als Bedingung für ihre Ratifikation des Kyoto-Protokolls, was diese unter Verweis auf die Emissionen der Industrieländer ablehnen. Wenn Kyoto "platzt" (was ohne die Ratifikation der USA sicher ist), werden sich alle Akteure neu positionieren. Dann hat man wieder ein Jahrzehnt verschenkt und statt des umweltethisch zu fordernden "langen Bremsweges" gerät man in ein unakzeptables "business-as-usual"-Szenario. Gegenwärtig geht es darum, das Kyoto-Protokoll trotz all seiner Unvollkommenheiten zu realisieren. Gewiss müssen die Industrieländer substantielle Vorleistungen erbringen, um ihre hohen Emissionen zu verringern, und gegenüber den Entwicklungsländern glaubwürdig zu sein. Langfristig müssen Staaten wie China und Indien in ein globales Klimaregime eingebunden werden. Die normative Leitlinie der Klimapolitik sollte das WEC-C-Szenario sein (Houghton 1997, S. 35). Man muss jedoch hinzufügen, dass Deutschland eine treibende Kraft bei diesen Verhandlungen darstellt. Ohne Deutschland wäre der EU-"bubble" nicht zu realisieren gewesen, da Portugal und Griechenland ihre Emissionen steigern dürfen. In absoluten und Pro-Kopf-Zahlen liegt Deutschland nach wie vor im vorderen Feld der Emittenten, aber Deutschland lässt wenigstens "guten Willen" erkennen. In anderen Staaten, die von den Klimafolgen (Desertifikation, Wassermangel) weitaus stärker betroffen sein könnten (z.B. Spanien), ist weitaus weniger Problembewusstsein spürbar. Die Globalisierung der Ökonomie ist eine Insignie unserer Zeit. Wenn man wie die "unequal-exchange"-Theorie (Wallerstein) behaupten auf theoretisch überzeugende Weise zeigen könnte, dass das kapitalistische Weltsystem mitsamt seinen transnationalen Regimes gleichzeitig bzw. uno actu Luxus auf der einen, Elend auf der anderen Seite produziert, also dass es eine interne Beziehung zwischen den Extrema gibt, so wäre man moralisch verpflichtet, sich dieser Herausforderung zu stellen. Der Prozess der Globalisierung ist verstehbar als ein Prozess, der die Ungleichheit der Menschen vertieft. Es kommt darauf an, das Ausmaß sozialer Ungleichheit auf globaler und auch auf nationaler Ebene zu begrenzen und zwar unanhängig von der eher philosophischen Frage, ob Gleichheit (in bestimmten Hinsichten) als ein eigenständiger oder eher als ein abgeleiteter Wert zu verstehen ist. Die hektische und neurotische Form, in der die Globalisierungsdebatte verläuft, verstellt den Blick auf Gestaltungsspielräume. Die Globalisierung könnte auch eine Chance für gegenläufige Regionalisierungen sein (Hey & Schleicher-Tappesser). Viele Produkte und Dienstleistungen widersetzen sich von Hause aus der Globalisierung. Eine Verteuerung der Energiepreise, die wirklich Lenkungswirkung hätte, würde die Anreizsysteme zugunsten regionaler Produkte und Dienstleistungen bis hin zum Tourismus verändern. Transparenz der Produkte begünstigt lokale Produktion und Vermarktung. In den Regionen (und ich denke hier u.a. an die neuen Bundesländer) wird sich diese Alternative häufig stellen: Anbindung an den Weltmarkt oder Regionalisierung, Bewahrung von lokalem Zusammenhalt, Traditionen, autonomem Zugang zu Ressourcen. Die Hoffnung auf die Stärkung von Regionen ist gewiss keine naive Autarkie- oder "self-reliance"-Romantik. Möglich scheint es jedoch, die Chancen und Vorteile von Globalisierung mit den Vorteilen einer ökologisch akzentuierten ("nachhaltigen") Regionalisierung zu vermitteln. Hierzu braucht es konzeptionelle Phantasie, intelligente Politik, lokales staatsbürgerliches Engagement ("lokale Agenden") und (manches kann man nicht oft genug wiederholen) eine bewusste Wahrnehmung der Konsumentenrolle. Nur die Konsumenten sind stärker als die Multis, wie sich anhand der Fälle Nestlé, Shell und Monsanto belegen lässt. Der tägliche Warenkorn ist ein kleines Politikum. Der "mündige Konsument" ist eine notwendige Fiktion und die "Konsumentensouveränität" ist ein zentrales normatives Prinzip, auf die die neoklassische Ökonomik nicht verzichten können. Nichts ist so marktkonform wie das Konsumieren. Konsumentensouveränität bedeutet heute vor allem Widerstand und Orientierung an der gewiss vagen Idee eines nachhaltigen Konsums. Die Steigerung der materiellen Güterproduktion ist nicht mehr mit der Steigerung an Lebensqualität verknüpft. Wenn man einerseits das BSP sowie andererseits eine Indikatorenliste für Lebensqualität zugrundelegt, dann steigen BSP und "quality of life" für eine gewisse Zeit parallel. Immer aber gerät man an einen Punkt, jenseits dessen zunehmendes Wirtschaftswachstum nicht mehr in Lebensqualität übersetzt wird. Bei weiterem Wirtschaftswachstum sinkt die Lebensqualität (Max-Neef 1995). Wenn diese sog. "threshold-hypothese" zuträfe, wäre das BSP in Bezug auf Industrieländer für die weitere Zukunft als Messgröße von Wohlfahrt wenig aussagekräftig. Wir müssen Wohlstand anders verstehen und anders messen. Hierfür gibt es Ansätze, die sogar dem Statistische Bundesamt imponieren. Es ist falsch, die höchst begrenzte Messgröße BSP als zentralen Maßstab des Erfolges politischen Handelns anzusehen. Parallel zur Globalisierung der Ökonomie bilden sich globale Umweltregimes wie das Biodiversitäts-"Regime" und das "Klimas"-Regime heraus. Wir leben in einer Epoche, in der die zwischenstaatlichen Beziehungen noch kein wirklicher Rechtszustand, aber auch kein rechtsfreier Raum mehr sind. Wir sollten uns nach Kräften darum bemühen, politische Formen der Globalisierung zu entwickeln: Ein globales Völkerrecht,
das die Rechte der Individuen wirksam schützt und Verstöße
sanktioniert (internationale Gerichtshöfe). Wenn man die Ziele zu global formuliert und insofern "zu hoch" steckt, wirkt dies häufig frustrierend. Aber es gibt viele sinnvolle nationale, regionale und lokale Ziele, die sich in Reichweite staatsbürgerlichen Engagements befinden und ein solches Engagement lohnen, wie etwa: Technische Effizienzsteigerung
(Faktor x > 4) Hintergrundinfo zu
Naturschutz
heute, Ausgabe
4/99 vom 5. November 1999 Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
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