Naturschutz heute – Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999


Glücksvogel im Aufwind
Dank umfangreicher Schutzmaßnahmen hat sich der Kranich in Deutschland wieder gut erholt.

von Ulrike Ziskoven (Text) und Günter Nowald (Fotos)


Buchtipp

In den Mythen und Märchen fast aller Völker spielen Kraniche seit jeher eine große Rolle, denn von Ägypten bis Skandinavien trifft man sie in 15 Arten fast überall auf der Erde an. "Er steht wie ein Kranich", meint man in Russland von einem aufrechten, charakterfesten Menschen. Hoch, schlank, den Kopf stolz zurückgeworfen: So ritzte man den kultisch verehrten "Sonnenvogel" in Ägypten schon vor 4000 Jahren auf königliche Grabplatten. "Vogel des Glücks" heißt er in Schweden, denn mit dem Kranich kommt das Frühjahr zurück und damit Wärme, Licht und Nahrungsfülle.

Zwischenhalt am Bodden
Auch bei uns gilt der Kranich als Frühlingsbote. Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, an der Ostseeküste zwischen den Inseln Rügen und Bock und der Halbinsel Zingst liegen die größten Rastplätze des Grauen Kranichs in Mitteleuropa. Zehntausende Kraniche legen hier gleich zweimal jährlich einen Zwischenstopp ein, im Frühjahr auf dem Weg in die Brutgebiete in Skandinavien und Nordosteuropa und im Herbst auf dem Rückflug in die Winterquartiere in Spanien und Südwestfrankreich. Die Zwischenpausen sind lebensnotwendig für die Vögel, damit sie Fettdepots für den langen Weiterflug anlegen können. Würden sie das schon in den Brut- und Überwinterungsquartieren tun, wären sie zu schwer zum Fliegen. Unsere Kraniche sind mit bis zu 1,30 Metern Höhe und fünf bis sieben Kilogramm Körpergewicht ohnehin schon Riesen.

Der Kranichzug ist eines der letzten großen Naturschauspiele in Deutschland. Bis zu 40.000 Tiere gleichzeitig halten sich auf dem Herbstzug etwa drei Monate lang in der Boddenregion auf. Im Frühjahr kommen sie sporadisch und bleiben nur drei bis vier Wochen. In den flachen Boddengewässern finden die Kraniche ruhige Schlafgewässer und vielfältige Nahrung. Kein Fuchs oder Marder würde sich nachts durch das Wasser anpirschen, weil das zuviel Lärm machen würde. Kraniche sind sehr wachsam, haben "auf jeder Feder ein Auge", wie der Volksmund sagt.

160.000 Kraniche europaweit
Die majestätischen grau-weißen Tiere mit dem auffälligen roten Fleck auf dem Kopf sind die größten Vögel, die in Deutschland überhaupt vorkommen. Sie überragen sogar unsere Störche. Europaweit brüten heute rund 50.000 Paare, also 100.000 Alttiere; einschließlich der Jungvögel und der noch nicht geschlechtsreifen Tiere ergibt das mindestens 160.000 Kraniche. Nach einem absoluten Tief mit weniger als 600 Brutpaaren in den sechziger Jahren hat sich der deutsche Kranichbestand auf wieder 2400 Paare erholt. Dazu haben auch Wiedervernässungsmaßnahmen von WWF und NABU beigetragen. In den letzten dreißig Jahren konnten die Kraniche in Deutschland einiges an verlorengegangenem Terrain zurückerobern und ihr Brutgebiet um hundert Kilometer nach Westen und Nordwesten ausdehnen. Immer noch aber brütet der Kranich vor allem östlich der Elbe, und die Hälfte aller deutschen Brutpaare nistet in Mecklenburg-Vorpommern.

Jahr für Jahr zieht es immer mehr Vogelbeobachter der Kraniche wegen an die vorpommersche Ostseeküste. Im Morgengrauen steht man sich dann Auge in Auge gegenüber: Auf der einen Seite die Kraniche – dichtgedrängt im knietiefen Flachwasser und sich mit trompetenartigen Rufen weckend –, auf der anderen Seite die Beobachter auf den Aussichtsplattformen, fast ebenso dicht geschart und leise schnatternd im kalten Wind.

Den Vögeln folgen die Touristen
Die meisten Kranichtouristen halten sich an die Gebote des Vogelschutzes: Abstand zu den Tieren auf Fluchtdistanz, unauffällige Kleidung und Ruhe. Doch ganz ohne professionelle Hilfe kämen beide Parteien nicht miteinander aus, meint Günter Nowald, Leiter des Kranich-Informationszentrums Groß-Mohrdorf. Seine "Kranichtaufe" erhielt Nowald im Juni 1994 im Brutgebiet bei Augzin im Kreis Parchim. Angesichts eines vor ihm liegenden Nestes ließ er alle Vorsicht fallen und vergaß den obligatorischen Einsatz des Watstocks – was ihm ein Vollbad im sumpfigen Wasser bescherte und zum unfreiwilligen Blutspender für einen Mückenschwarm machte.

Das Kranich-Zentrum wurde 1996 gegründet und befindet sich vierzehn Kilometer nordwestlich von Stralsund, ganz in der Nähe der wichtigsten Rastplätze. Betreiber dieses Besucher-, Schutz- und Forschungszentrums ist die Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland. Ihr gehören der NABU, der WWF Deutschland und als Sponsor die Lufthansa Umweltförderung an. Die Lufthansa fördert den Schutz ihres Wappenvogels bereits seit vielen Jahren, die Unterstützung für das Kranichzentrum reicht von der Finanzierung bis hin zu Freiflügen und dem hauseigenen Elektromobil "Hotzenblitz". Damit fahren die Kranichranger des Zentrums zu ihren Einsatzorten im Freien.

Kranichzentrum Groß-Mohrdorf
Von Groß-Mohrdorf aus werden deutschlandweit Schutzmaßnahmen koordiniert. Ziel des Projektes ist, dem Kranich sichere Brutstätten zu erhalten sowie störungsfreie Rastplätze in Deutschland zu sichern. Auch zum internationalen Kranichschutz trägt man bei und arbeitet eng mit ausländischen Schutzorganisationen zusammen. Die Boddenregion ist Teil des EU-weiten Natura-2000-Schutzgebietssystems zur Bewahrung des gemeinsamen Naturerbes.

Durch Eingriffe der Menschen in die Landschaft ist der Kranich immer noch vielerorts gefährdet. Hauptprobleme sind Trockenlegungen der Brutgebiete und land- und forstwirtschaftliche Veränderungen, die ihm die Nahrung wegnehmen. So frisst der Kranich zur Bildung des Fettdepots für den Weiterzug Tag für Tag rund 300 Gramm energiereicher Körner. Vor der Wende lagen in Mecklenburg-Vorpommern Getreidefelder nach der Ernte noch traditionell als Stoppeläcker brach, bis ins Frühjahr hinein. Die Kraniche fanden so noch genug Futter. Dann wurden moderne Anbaumethoden eingesetzt und heute werden die Äcker schon zwei, drei Tage nach der Ernte umgepflügt. Den Kranichen blieb daraufhin nichts anderes übrig, als an die Wintersaat zu gehen; Gras oder Getreideschösslinge vertragen sie nicht.

Ablenkungsfütterung mit Mais und Weizen
Schäden in der Landwirtschaft waren damit vorprogrammiert. Bis zu 700.000 Mark Schadenersatz zahlte der Staat verärgerten Landwirten. Um dem abzuhelfen, beteiligt sich das Kranichzentrum Groß-Mohrdorf seit 1992 an Ablenkfütterungen. In Zusammenarbeit mit Landwirten, Umweltbehörden und privaten Trägern werden Felder zeitweilig den Kranichen zur Verfügung gestellt. Dort wird geeignetes Futter – hauptsächlich Mais – für ihre Zwischenstopps angebaut. Finanziert wird das Ganze vom Staat, der so viel billiger wegkommt als mit dem Schadenersatzgeld. Seit 1999 unterhält der "Kranichschutz Deutschland" eine eigene, selbstfinanzierte Fütterungsfläche in Boddennähe. Eine weitere Gefahr für die Kraniche sind ruhestörende Wassersportler. Seit zwei Jahren kämpft das Kranichzentrum deshalb für eine klare Befahrensregelung im Bereich der Boddenlandschaft.

Spezielle Veranstaltungen machen auf die Vögel besonders aufmerksam. Ende September zum Beispiel fand in Groß-Mohrdorf erstmals die "Woche des Kranichs" statt. Die Herbstankunft der eindrucksvollen Großvögel wurde gefeiert. Rund 1000 Besucher kamen und waren begeistert.

Der zunehmende Kranich-Tourismus ist ohne vermehrten Personaleinsatz auf Naturschutzseite nicht zu bewältigen. So sausen die Ranger im Frühjahr und Herbst mit dem "Hotzenblitz" durch die Gegend, halten Störenfriede fern und informieren die Besucher auf den Aussichtsplattformen und Beobachtungsplätzen. Günter Nowald sucht hierzu dringend weitere Kranichranger für ein bis drei Jahre, die bei Artenschutzmaßnahmen und im Infozentrum helfen.

Info: Kranich-Informationszentrum, Lindenstraße 27, 18445 Groß-Mohrdorf, Tel. 03 83 23-8 05 40, Mail: gruidae@aol.com.


Buchtipp: Alles über Kraniche

Neu erschienen in der bekannten Reihe von Vogelporträts des Braun-Verlages ist ein Band, in dem der Graue Kranich und seine bunte Verwandtschaft in aller Welt beschrieben wird. Das prächtig illustrierte Buch entstand in enger Zusammenarbeit der Arbeitsgemeinschaft Kranichschutz Deutschland und der Lufthansa Umweltförderung. Den Autoren – Deutschlands renommierteste Kranichforscher und -schützer – gelingt es hervorragend, trotz hoher Informationsdichte unser heutiges Wissen über den Kranich sehr anschaulich zu vermitteln.

Wolfgang Mewes, Günter Nowald, Hartwig Prange: Kraniche – Mythen, Forschung, Fakten. – 108 Seiten. 44 DM. Braun 1999. ISBN 3-7650-8195-7.


Naturschutz heute, Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999

Inhaltsverzeichnis Ausgabe 4/99


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