Hintergrundinfo zu Naturschutz heute – Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999


Rede von NABU-Präsident Jochen Flasbarth
zur Abschlussveranstaltung des NABU-Zukunftskongresses
am 15. Oktober 1999 in Hamburg

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Frau Kommissarin, meine sehr geehrten Damen und Herrn, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich zur Abschlussveranstaltung unseres zweitägigen Zukunftskongresses "Zukunft gestalten für Mensch und Natur". Herr Bundespräsident, es ist uns eine große Freude und eine besondere Ehre, dass Sie zu uns gekommen sind, um ein Grußwort an die Tagungsteilnehmer zu richten und einen Teil der Abschlussdiskussion zu verfolgen. Zum einen weisen Sie mit Ihrer Anwesenheit auf die herausragende Bedeutung des Natur- und Umweltschutzes für das bevorstehende 21. Jahrhundert hin. Zum anderen verstehen wir Ihre Teilnahme an diesem Abschlusskongress im hundertsten Jubiläumsjahr des NABU auch als Anerkennung des jahrzehntelangen Engagements unzähliger ehrenamtlicher Natur- und Umweltschützer, die häufig genug belächelt wurden, ja deren Warnungen und Mahnungen sie über lange Zeit auch zu Außenseitern der Gemeinschaft hat werden lassen.

Dieses kurzsichtige Denken, das im Umweltschutz mehr Verhinderung als Chance sah, schien viele Jahre überwunden zu sein. Mit großer Sorge sieht der NABU aber, dass wir in vielerlei Hinsicht wieder in die Frühphase der Umweltpolitik zu Beginn der 70er Jahre zurückfallen. Immer häufiger werden wieder wirtschaftliche Belange als vermeintlich vordringlicher angesehen als die Bewältigung der umweltpolitischen Herausforderungen. Immer häufiger werden die Ängste der Menschen um ihren Arbeitsplatz gegen den Schutz der Natur ausgespielt und immer häufiger wird übersehen oder – schlimmer noch – wissentlich beiseite geschoben, dass die Umweltbedrohungen am Ende dieses Jahrhunderts ein weitaus größeres Ausmaß angenommen haben als je zuvor, dass die Gefahren etwa des Klimawandels und des Artensterbens eine erdumfassende und zunehmend irreversible Dimension erreicht haben.

Das Ignorieren oder Verharmlosen von Problemen führt aber sicher zu keiner guten Zukunft. Sicherlich ist die Lösungssuche heute sehr viel schwieriger und komplexer geworden als noch vor 20 oder 25 Jahren, als es – man möchte fast sagen "lediglich" – darum ging, dass der Himmel über der Ruhr wieder blau wird. Zum einen sind die Probleme heute für viele Menschen zu abstrakt, räumlich und zeitlich zu weit entfernt und in ihrer Tragweite kaum zu überschauen. Damit wird zwangsläufig die Mobilisierung von Mehrheiten für ein Gegensteuern schwieriger. Zum anderen müssen in der Tat die Auswirkungen der Umweltpolitik auf andere gesellschaftliche Herausforderungen, wie etwa die Überwindung der drückenden Arbeitslosigkeit beachtet werden.

Aber eins steht auch fest: Wer den Menschen weismachen will, dass wir beliebig so weiterwirtschaften können, vergeht sich an der Zukunft unserer Kinder: Jede heute aufgeschobene Abwehr von Umweltgefahren wird morgen nicht nur zu gewaltigen ökologischen Katastrophen führen, sondern mit jedem Jahr unzureichenden Handelns wird es für die Gesellschaft auch immer teuer, Umweltschäden zu beseitigen. Wenn in diesen Tagen – wie ich meine zurecht – darauf hingewiesen wird, dass eine sozial ausgewogene Politik auch dafür sorgen muss, dass künftigen Generationen kein drückender Schuldenberg überlassen wird, dann muss man auch erkennen, dass solche Schuldenberge nicht nur durch eine unsolide Haushalts- und Finanzpolitik entstehen, sondern auch und künftig zunehmend durch eine unzureichende Umweltpolitik.

Ich halte es vor diesem Hintergrund beispielsweise für absolut unverantwortlich, wenn jetzt vom BdI gefordert wird, dass Deutschland das vom früheren Bundeskanzler Helmut Kohl gegenüber der Weltgemeinschaft gegebene Versprechen, unsere Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent zu senken, aufgegeben werden solle, weil dies unserer wirtschaftlichen Entwicklung schade. Dies, meine Damen und Herren, wäre die umweltpolitische – und nebenbei auch entwicklungspolitische – Bankrotterklärung Deutschlands. Es wäre das Eingeständnis, dass wir hinter den Stand von Rio zurückfallen, entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Anforderungen handeln und damit eine Schuldenmacherei betreiben, deren Zinsen von kommenden Generationen kaum abgezahlt werden können!

Die Darstellung, Deutschlands Wirtschaft leide unter einem anspruchsvollen Klimaschutzziel ist zudem auch ökonomischer Humbug. Wenn wir in Deutschland – oder sagen wir lieber in Europa – für das kommende Jahrhundert wirtschaftlich gut gerüstet sein wollen, dann geht dies nur, wenn wir unsere Ökonomie jetzt Schritt für Schritt, zügig und zielgerichtet auf die Prinzipien der Nachhaltigkeit umrüsten, wenn wir jetzt auf Einspar-Technologien, auf Produkte und Produktionsverfahren setzen, die mit einem Bruchteil des heutigen Ressourcenverbrauchs auskommen und wenn wir endlich den Schutz der uns anvertrauten Natur, sagen wir einmal beispielhaft des Wachtelkönigs oder des Schierlingswasserfenchels ebenso ernst nehmen wie sich dies in wohlfeilen Bekenntnissen zum Schutz der Regenwälder oder des sibirischen Tigers so schön - und für uns so unverbindlich - ausdrückt.

Ganz in diesem Sinne hat der Chef der UN-Umweltbehörde Klaus Töpfer vor wenigen Wochen bei der Festveranstaltung zum 25-jährigen Bestehen des Umweltbundesamtes, von der deutschen Wirtschaft mehr Mut zu nationalen umweltpolitischen Alleingängen gefordert, weil nur diejenigen die sich heute schon auf die Herausforderungen von morgen einrichten, auf Dauer am Weltmarkt eine Chance haben werden.

Meine Damen und Herren, die heutige Abschlussdiskussion soll sich damit beschäftigen, welche Perspektiven und Lösungsansätze die Politik entwickelt, um den Herausforderungen des Natur- und Umweltschutzes unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Das klingt zunächst vielleicht etwas banal und jedenfalls sehr allgemein. In Wirklichkeit scheint mir dies eine der entscheidenden Fragestellungen zu sein. Es ist in den letzten Jahren sehr viel über die Eigenverantwortung des Einzelnen, der Verbraucher wie der Unternehmen, gesprochen worden. Dies ging einher mit der Überlegung, dass der Staat letztlich nicht alles regeln kann. Ganz gewiss ist zutreffend, dass das klassische Ordnungsrecht dort an Grenzen stößt, wo es nicht mehr um einige Punktquellen der Umweltbelastung geht, sondern wo diffusen Quellen, der Ressourcenverbrauch insgesamt das Problem darstellen. Wer wollte schon per Gesetz vorschreiben, wie viel Wasser oder Strom man für welche Tätigkeiten verbrauchen darf, wie viel Autokilometer oder wie viel Flüge in den Urlaub einem zustehen. In einem freiheitlichen Gemeinwesen sind solche Vorschriften durch den Staat schlicht undenkbar.

Die Kehrseite dieser Medaille ist aber auch, dass die Rahmensetzung durch die Politik immer wichtiger wird. Allein der Appell an Moralität, Vernunft und Verantwortung werden nicht ausreichen, um die Menschen zu einem zukunftsfähigen Umgang mit unserer Umwelt zu bewegen. Deshalb sieht der NABU die Notwendigkeit für eine Renaissance der Politik im Umweltschutz – nicht in einem veralteten, maßregelnden Verständnis, sondern in einer neuen Dimension, die den Rahmen so steckt, dass verantwortliches Verhalten des einzelnen wie auch der Wirtschaft überhaupt möglich ist, gefördert und jedenfalls nicht behindert wird. Dass dies auch angesichts der zunehmenden Globalisierung sowohl der wirtschaftlichen Abläufe als auch der Umweltgefahren keine leichte Aufgabe ist, will ich nicht verhehlen. Gerade deshalb hoffe ich auf eine anregende, streitbare und fruchtbare Diskussion.

Zunächst aber freuen wir uns, sehr geehrter Herr Bundespräsident, auf Ihr Grußwort!


Rede des Bundespräsidenten

Hintergrund-Info zu Naturschutz heute, Ausgabe 4/99 vom 5. November 1999

Übersicht Hintergrundinfos zu Ausgabe 4/99


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

Themenübersicht Archiv Naturschutz heute

Home