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Naturschutz
heute Ausgabe 4/98 vom 6. November 1998
Hilfe aus dem All
Satellitentechnik revolutioniert unser Wissen über Tierwanderungen.
von Stefan Bosch
Telemetrie bei See-Elefanten: Nach dem Fasten auf große
Reise
Satelliten bescheren
uns zahllose Fernsehprogramme, Kommunikation über Kontinente hinweg
und nicht zuletzt eindrucksvolle Wetterkarten. Aber die ursprünglich
für militärische Zwecke entwickelte Technologie wird zunehmend
auch von Zoologen, Natur- und Umweltschützern genutzt und gewährt
so faszinierende Einblicke in das Leben auf unserem Planeten.
Satellitenbilder von der Erdoberfläche liefern unter Umweltschutzaspekten
wertvolle Information. In der Landwirtschaft können aus dem All die
Bodennutzung bis hin zur angebauten Feldfrucht erkannt und danach zum
Beispiel Subventionen gezahlt werden. Für die Forstwirtschaft wird
großflächiger Schädlingsbefall und seine Ausbreitung -
wie beim Schwammspinner 1993/94 - erkundet. Waldbrände oder Überschwemmungen
lassen sich sofort erfassen. Daher ziehen Hilfsorganisationen Satellitenbilder
zu Rate, um ihre Aktionen zu planen.
Positionsbestimmung
für jedermann
Erdbeobachtungsdaten werden kommerziell angeboten, waren bislang aber
eher für großflächige Analysen sinnvoll. Zukünftig
werden noch bessere und detaillierte Auflösung auch für die
Naturschutzarbeit in kleinräumigen Strukturen eine wertvolle Hilfe
sein, auch um Landschaftsveränderungen zu dokumentieren.
Was Militär, Schiffe, Flugzeuge und Speditionen längst nutzen,
steht seit wenigen Jahren nun jedermann zur Verfügung: das Global
Positioning System (GPS). Mit einem Taschenempfänger für wenige
hundert Mark erhält man fast überall Angaben zur aktuellen Position
und zur eigenen Fortbewegung und kann seine Route in Karten speichern.
Voraussetzung ist ein freier "Blick"-Kontakt zu mehreren Satelliten,
was in engen Tälern und Häuserschluchten nicht immer gelingt.
GPS-Empfänger sind ideal zur Orientierung im Gelände und Ermittlung
von Koordinaten bei Kartierungsarbeiten. Punktgenaue Kartierungen von
dicht beieinanderliegenden Vogelbrutplätzen jedoch sind nach eigener
Erfahrung schwer durchführbar.
Eisbären und
Haie als Pioniere
Am beeindruckendsten sind die mittels Satellitenortung gewonnen Erkenntnisse
bei der Verfolgung wildlebender Tiere. Dank zunehmender Miniaturisierung
und Solarbetrieb reisen in den letzten Jahren immer mehr Tiere mit einem
Huckepack-Sender. Die ersten großen Sender eigneten sich für
Eisbären, Karibus, Kamele, Seekühe, Meeresschildkröten
und Haie. Mit weniger als 200 Gramm schweren Sendern kamen ab 1985 in
den USA auch Schwäne, Riesensturmvögel und Weißkopfseeadler,
in Europa Zwergschwäne und Gänsegeier für telemetrische
Untersuchungen in Frage.
Und so funktioniert die neue Dimension der Naturbeobachtung: Ein Minisender
wird mit spezieller Halterung an einem Tier befestigt. In 850 Kilometer
Höhe um die Erde kreisende Satelliten überfliegen den Sender
etwa alle 90 Minuten, registrieren die von ihm minütlich abgegebenen
Signale und funken sie zur Bodenstation. Dort werden sie ausgewertet und
wenige Stunden später ist die Position des Senders abrufbar.
Auf diese Weise erhalten wir erstmals eine Fülle genauer Informationen
über Zugverhalten, Wanderleistungen, Rast- und Winterquartiere einzelner
wandernder Tiere, wie sie mit Beringung oder direkter Verfolgung kaum
gewonnen werden könnten.
Mit Tieren auf
Reisen gehen
Seit Anfang der neunziger Jahre verfolgt die Vogelwarte Radolfzell Weißstörche
auf der östlichen Zugroute und findet Erstaunliches: Störche
wurden über 13.000 Kilometer bis nach Südafrika und über
16.000 Kilometer bis Tansania und retour verfolgt. Manche Störche
folgen tagelang exakt der Luftlinie, andere fliegen ungeahnte Abweichungen.
Tagesrekorde lagen bei 500-Kilometer-Etappen. Ein wichtiges und bisher
völlig unbekanntes Winterquartier wurde an der Grenze von Sudan und
Tschad entdeckt.
Ähnliches gelang bei seltenen Kranicharten. In Amerika wurde der
Pestizidtod unzähliger Präriebussarde im argentinischen Winterquartier
mittels Satellitenortung nachgewiesen. Erstmals gelang unlängst der
Nachweis einer Saharadurchquerung beim Fischadler. Unglaubliche Flugleistungen
vollbringen Albatrosse: Jüngst legte einer in 90 Tagen 40.000 Kilometer
zurück.
Über 40 Vogelarten sind bislang telemetriert worden. Untersuchungen
zeigten, dass besenderte Tiere nicht beeinträchtigt werden und ein
normales Leben führen. Ein Jahr Senderbetrieb kostet derzeit zwischen
5000 und 10.000 Mark. Doch die Sender werden immer kleiner, billiger und
vielseitiger. Bald werden Minikameras Bilder von Flug und Rast übertragen,
Mikrofone werden Geräusche übertragen und Sensoren die Temperatur,
den Herzschlag und mögliche Giftstoffe in der Umgebung des Tieres
messen.
Telemetrie bei See-Elefanten: Nach dem Fasten
auf große Reise
Nicht immer
dösenden See-Elefanten gemütlich am Strand, mitunter unternehmen
sie auch spektakuläre Langstreckenwanderungen und Tauchgänge
im Südpolarmeer. Mit Sendern markierte und über Satellit verfolgte
Tiere aus Südgeorgien entfernten sich schwimmend bis zu 3000 Kilometer
von ihren Kolonien, mit Tagesetappen von knapp 80 Kilometern.
Vor allem die Weibchen wollten schnell und weit weg von den Kolonien,
um bei der Tintenfischjagd auf hoher See neue Kräfte zu sammeln.
Denn nach Jungenaufzucht und Fellwechsel an Land liegt eine Fastenzeit
von gut einem Monat hinter ihnen. Weniger wanderfreudig sind die Männchen.
Mit 2,5 Tonnen Gewicht benötigen sie große Beute, die mehr
küstennah vorkommt. Mit dieser geschlechterspezifischen Teilung nutzen
See-Elefanten die Nahrungsgründe des Ozeans optimal.
90 Prozent ihres Lebens sind See-Elefanten im Wasser, manche der untersuchten
Tiere verbrachten 228 Tage auf See. Dabei tauchen sie bis zu 1500 Metern
tief und über eine Stunde lang. Trotz weiter Wanderungen blieben
die meisten Tiere ihren Nahrungsgründen und Fortpflanzungskolonien
treu.
Naturschutz heute,
Ausgabe 4/98 vom 6. November 1998
Inhaltsverzeichnis Ausgabe
4/98
Naturschutz
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