Naturschutz
heute Ausgabe 4/01 vom 26. Oktober 2001
zur
aktualisierten Fassung dieses Beitrages...
Leben auf Sparflamme
Wie Tiere im Winterschlaf die kalte Jahreszeit überstehen.
von Stefan Bosch
Geheimnisvoll hallt jeder Tropfen, der in die Wasserlache am Ende der
Höhle fällt. Feuchte Kühle empfängt mich, als ich
hinein krieche und die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit.
Draußen ist Hochwinter mit tiefem Frost und geschlossener Schneedecke.
Aber hier drinnen liegt die Temperatur bei wenigen Graden über
Null. Nach einigen gebückten Schritten werde ich fündig: Fledermäuse!
Wie leblose, taubenetzte Tropfen hängen sie kopfunter in ihre Flughäute
gehüllt - sie halten Winterschlaf.
Strategie für
schlechte Zeiten
Winterschlaf ist eine faszinierende Strategie, um strenger Witterung
und Nahrungsknappheit zu entgehen. Anstatt wie die Zugvögel abzuwandern,
Futter zu deponieren oder sich ein dickes Fell anzulegen, verschlafen
Winterschläfer einfach die kalte Jahreszeit und setzen alle Lebensfunktionen
auf Sparflamme.
Unterschieden werden Winterschlaf, Winterruhe und Winterstarre. Echte
Winterschläfer sind Fledermäuse, Siebenschläfer, Hamster,
Murmeltiere. Sie senken ihre Körpertemperatur und alle Körperfunktion
drastisch ab. Winterruhe ohne Absenkung der Körpertemperatur halten
Dachs, Eichhörnchen, Waschbär und Braunbär. Einen Sommer-
oder Trockenschlaf bei Wärme und Wassermangel kennt man von Weinbergschnecken,
Zieseln, Krötenfröschen und tropischen Igeln. Kleine Tiere
mit hohem Stoffwechsel schieben bei Kälte und Nahrungsknappheit
kurzfristige Schlafphasen ein, wie Mauersegler, Kolibris, Ziegenmelker,
Meisen, Spitzmäuse oder Fledermäuse im Sommer. In Winterstarre
fallen Amphibien und Reptilien. Ihr Körper passt sich der Umgebungstemperatur
an - sie fallen in Kältestarre und können selbst aktiv nichts
für ihren Wärmehaushalt tun.
Kurze Tage machen
schläfrig
Wie Winterschläfer schlafen gehen, ist nicht eindeutig geklärt.
Den Impuls zum Schlafen geben nicht herbstliche Temperaturen oder Nahrungsmangel.
Vielmehr spielen der Jahresrhythmus der "inneren Uhr", hormonelle
Umstellungen und die Tageslänge eine Rolle. Letztere beeinflusst
die Bildung von Fettdepots und diese wiederum die Schlafbereitschaft.
Winterschlaf ist kein Tiefschlaf von Oktober bis März, er verläuft
in Abschnitten. Meistens wechseln sich Ruhephasen ab mit kurzen Wachphasen,
in denen die Tiere aktiv sind. Sie geben mitunter Kot und Urin ab oder
wechseln den Schlafplatz. Winterruher sind häufig wach und wechseln
die Schlafposition, Winterschläfer haben tage- bis wochenlange
Schlafperioden.
Sprichwörtliche Winterschläfer sind Murmeltiere. In ihren
unterirdischen Höhlen verbringen sie 90 Prozent des Lebens, davon
sechs Monate schlafend. Wenn draußen bei minus fünf Grad
Celsius der Wind über die Almwiesen pfeift, hat es im Winterbau
in über zwei Metern Tiefe kuschelige 5 bis 10 Grad Celsius Dazu
werden alljährlich neu bis 15 Kilogramm Gras als Polstermaterial
eingetragen. Zusätzlich brauchen Murmeltiere Fettreserven. Im September
haben fünf Kilogramm schwere Tiere ein Kilogramm Depotfett angelegt.
Über den Winter zehren sie 30 bis 50 Prozent ihres Körpergewichtes
auf.
Murmeltiere halten sozialen Winterschlaf: Pro Bau ruhen bis zu 20 Tiere
und wärmen sich. Das erhöht die Überlebenschancen der
Jungen, deren Sterblichkeit im ersten Winter wegen geringer Reserven
und höherem Wärmeverlust am größten ist. Da Winterschläfer
unbeweglich sind, verschließen Murmeltiere Winterbaue mit einem
langen "Zapfen" aus Erde, Steinen und Polstermaterial. Früher
wurden die hilflos schlummernden Murmeltiere ausgegraben, um Fleisch
und Öl gegen Gicht und Rheuma zu gewinnen. Murmeltiere legen keine
Nahrungsdepots an und gehen mangels geeigneter Nahrung bereits im Oktober
schlafen.
Anstrengende
Not-Thermostate
Braunbären könnten in nördlichen Regionen ohne Winterruhe
nicht überleben. Dort verbringen sie bis zu sieben Monaten in der
Bärenhöhle in echtem Schlaf ohne zu koten, urinieren, fressen
oder trinken. In Mitteleuropa verlassen sie mehrfach die Höhle
über den Winter und bringen im Januar bis zu zwei Jungbären
zur Welt. Im warmen Zoo mit ständigem Futterangebot halten Bären
keinen Winterschlaf.
Fledermäuse
legen im Herbst 20 bis 30 Prozent an Gewicht zu. Schon am späten
Nachmittag kann man oft große Scharen intensiv jagender Abendsegler
sehen. Zum Schlafen suchen sie Höhlen und Verstecke auf, in denen
es nicht kälter als ein bis zwei Grad Celsius wird. Obwohl Winterschläfer
ihre Temperatur drastisch absenken, bleibt die Temperaturregulation
erhalten. Und wenn die Umgebungstemperatur unter die Schlaftemperatur
sinkt, springt der Thermostat an und gibt Signal zum "Nachheizen"
um nicht zu erfrieren - allerdings auf Kosten der begrenzten Fettreserven.
Deshalb verkriechen sich viele Arten in Ritzen und Spalten und die kopfunter
Freihängenden hüllen sich einem Mantel gleich in die Flughaut,
um Oberfläche und Wärmeverluste zu verringern.
Störungen
können zum ungeplanten, energiezehrenden Aufwachen führen.
Fledermäuse benötigten bis zum Normalbetrieb 30 bis 60 Minuten.
Winterschläfer mobilisieren zunächst die Depots des braunen
Fettgewebes im Schulter- und Nackenbereich um Energie bereitzustellen.
Später kommt Muskelzittern zur Wärmeerzeugung hinzu.
Reduzierter Stoffwechsel
Igel wiederum schlafen von November bis April, wobei regionale Unterschiede
vorkommen. Sie drosseln ihren Stoffwechsel auf ganze ein bis zwei Prozent
des normale Grundumsatzes. Fällt die Körpertemperatur unter
den Nullpunkt, setzt die Wärmebildung ein. Lebenswichtige Organe
und Sinnesorgane funktionieren auch bei Kälte. Deshalb können
Störungen zum Erwachen führen. Mit Hilfe des Fettes steigt
die Körpertemperatur in wenigen Stunden um 30 Grad Celsius an.
Bei über 30 Grad unternehmen Igel Gehversuche. Für Igel hat
man errechnet, dass ein Tag Leben bei Normaltemperatur zehn Tagen Winterschlaf
entspricht.
Ziemlich verschlafen sind Siebenschläfer. Von September bis Mai
oder sogar Juni ruhen sie in Erdlöchern, Felsspalten und Wurzelstöcken.
Ihre Schlafphasen dauern 20 bis 29 Tage. Werden Gebäude als Winterquartier
gewählt, sind Winteraktivitäten möglich. Hamster haben
eine lange Winterschlafperiode, erwachen aber häufiger um zu fressen.
Ihre Nahrungsdepots hat man früher genutzt, indem man die Baue
der damals weit verbreiteten Hamster aufgegraben und die Korndepots
geplündert hat. Goldhamster dagegen bleiben in der Wohnung putzmunter,
denn in der Wärme unterschreiten sie nie die niedrige schlafauslösende
Temperaturschwelle.
Aufwärmen
durch Muskelzittern
Rätselhaft wie das Einschlafen ist das Erwachen. Möglicherweise
geben Stoffwechselprodukte und steigende Umgebungstemperaturen Wecksignale.
Die volle Harnblase ist es jedenfalls nicht. Aufwachen heiß Aufwärmen.
Das vegetative Nervensystem setzt Hormone, Gefäßregulation
und zitterfreie Wärmebildung über das Fettgewebe in Gang.
Sind 15 Grad Celsius überschritten, kommt Muskelzittern hinzu.
Brust und Kopf werden schnell, der Hinterkörper langsam erwärmt.
Um die begrenzten Fettspeicher zu schonen, sollten Winterschläfer
möglichst wenig gestört werden. Aus diesem Grund werden viele
Fledermaushöhlen über den Winter für Besucher geschlossen.
Gartenbesitzer können mit Hecke, Wiese und Gartenteich dafür
sorgen, dass sich Winterschläfer im Herbst Winterspeck anfressen
können, sowie mit Stein- und Reisighaufen Winterquartiere für
Amphibien, Reptilien und Igel schaffen.
Dem
Tode näher: Körpertemperatur und Herzschlag
Durch die Reduktion
aller lebenswichtigen und Kraftstoff zehrenden Funktionen sind Winterschläfer
dem Tode näher als dem Leben. Bewegungslos verbringen sie den Winter
in einem hilflosen Starrezustand, ausgekühlt, mit unregelmäßiger,
seltener Atmung und drastisch abgesenktem Stoffwechsel und Herzschlag.
Wie extrem die Veränderungen im Körper der Winterschläfer
sind zeigen folgende Zahlen: Bei Murmeltieren fällt die Körpertemperatur
von 39 auf 7 bis 9 Grad Celsius, der Herzschlag von 100 auf manchmal
nur 2 bis 3 Schläge pro Minute, die Atempausen werden minutenlang.
Igel atmen statt 40 bis 50 mal pro Minute noch 1 bis 2 mal, das Herz
schlägt statt 200 noch 5 mal pro Minute. Die Körpertemperatur
sinkt von 36 Grad auf 1 bis 8 Grad Celsius. Fledermausherzen schlagen
normal 240 bis 450 Schlägen pro Minute, im Winterschlaf noch 18
bis 80 mal, zwischen zwei Atemzügen können 60 bis 90 Minuten
vergehen.
Naturschutz
heute,
Ausgabe 4/01 vom 26. Oktober 2001
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
Inhaltsverzeichnis
Ausgabe 4/01 * Themenübersicht
Archiv Naturschutz heute * Home