Naturschutz
heute Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000
Moby Dicks kleiner
Vetter
Schweinswale an unseren Küsten.
von Sven Koschinski
So funktioniert Echo-Ortung
Der Schweinswal
oder Kleine Tümmler ist der einzige heimische Wal an unseren Küsten.
Er gehört neben den Delphinen und Pottwalen zu den Zahnwalen. Deutlich
sind die Tiere an ihrer fast dreieckigen Rückenflosse zu erkennen.
Der Schweinswal hat einen rundlichen Kopf ohne den schnabelartigen Vorsprung,
wie er typisch für Delphine ist. Selten sieht man mehr als die
Rückenflosse der Tiere, da Schweinswale sich weit unauffälliger
verhalten als die Delphine, die ja für ihre Luftsprünge und
Kapriolen bekannt sind. Doch auf Sylt lassen sich Schweinswale bei ruhigem
Wetter ganzjährig sogar direkt vom Strand aus beobachten.
Den Heringen
hinterher
Schweinswale sind in den gemäßigten Zonen fast auf der gesamten
Nordhalbkugel verbreitet. Sie führen jahreszeitliche Wanderungen
durch, die sowohl durch Eisbildung im nördlichen Bereich ihres
Verbreitungsgebietes als auch durch Wanderungen von Nahrungstieren begründet
sind. So folgen die Tümmler im Frühjahr oft den Laichzügen
der Heringe.
Seit
einigen Jahren werden nun alarmierend viele dieser bis zu knapp zwei
Meter langen Wale tot am Strand angeschwemmt. In manchen Gebieten weisen
rund die Hälfte dieser Totfunde Abdrücke von Fischereinetzen
oder Messerschnitte auf. Die Belastung mit Schadstoffen sowie Nahrungsmangel
durch Überfischung der wichtigen fettreichen Beutefische Hering
und Makrele sind wesentliche Gründe für den Bestandsrückgang
der Schweinswale. Der direkte Fang, der noch bis in die vierziger Jahre
in Dänemark praktiziert wurde, spielt heutzutage für die nordostatlantischen
Populationen keine größere Rolle mehr.
Weltweit betrachtet ist wohl der unbeabsichtigte Beifang in Grundstellnetzen
der wichtigste Grund für die fast überall zu beobachtenden
Bestandsrückgänge. Diese am Meeresgrund verankerten Netze
bestehen aus feinen Nylonfasern, die die Tiere mit ihrem Echoortungssystem
kaum wahrnehmen können. Es ist jedoch auch denkbar, dass die Schweinswale
von in den Netzen zappelnden Fischen angelockt werden oder durch Beute
oder Artgenossen abgelenkt werden, so dass sie auf die schwachen Echos
der Netze nicht reagieren.
Tümmler
fischen im Trüben
Die Augen spielen bei Schweinswalen, die ja überwiegend in trüben
Küstengewässern leben, kaum eine Rolle. Insbesondere wenn
die Tiere in großen Tiefen jagen in der kanadischen Bay
of Fundy wurden 226 Meter Tauchtiefe gemessen! kommt dort ohnehin
kein Licht mehr an. Die Stellnetze bilden direkt über dem Boden
teils über 7,5 Kilometer lange und in der westlichen Ostsee 1,5
Meter hohe Barrieren, in denen Dorsche oder Plattfische gefangen werden.
Es wird geschätzt, dass an der deutschen Ostseeküste zu jeder
beliebigen Tages- und Nachtzeit pro 100 Kilometer Küstenlinie 1000
Kilometer Stellnetze ausgebracht sind.
Diese Fischereimethode ist allerdings nicht sehr selektiv. Neben unerwünschten
Fischarten fallen unzählige Meeresenten vor allem Trauer-,
Eis- und Eiderenten und jedes Jahr eben auch rund 10.000 Schweinswale
allein in der Nordsee der Fischerei zum Opfer. Das sind beim Schweinswal
2,5 bis 5 Prozent des geschätzten Bestandes von 200.000 bis 400.000
Tieren.
Für die Ostsee gibt es weder verlässliche Bestandsschätzungen
noch Beifangschätzungen. Die deutsche Küstenfischerei fängt
vermutlich jedes Jahr nur 20 bis 30 Tiere, aber hier ist der Bestand
inzwischen auch so gering, dass selbst diese geringe Beifangzahl für
die Restbestände vor der schleswig-holsteinischen und mecklenburgischen
Küste wahrscheinlich bestandsgefährdend ist. Auch in der restlichen
Ostsee sieht es düster für den Schweinswal aus. Überall
sind die Bestände auf dem Rückzug. In der zentralen Ostsee
gibt es praktisch keine Schweinswale mehr. Noch in den fünfziger
Jahren wurden Schweinswale regelmäßig bei den Alandinseln
beobachtet. Vor der polnischen Küste wurden um 1930 sogar noch
jährlich 100 Tiere gejagt. Heute sind die Tiere südlich und
östlich der Eckernförder Bucht nur noch selten zu sehen.
Warnung
vor tödlichen Netzen
Verschiedene Wissenschaftlerteams arbeiteten fieberhaft an einer technischen
Lösung des Beifangproblems. Sie entwickelten "Warnglocken"
elektronische Pieper, die die Tiere mit lauten, unangenehmen
Geräuschen von den Netzen fernhalten sollen. In Dänemark wurde
bei Testfängen mit diesen Piepern die Beifangrate um rund 95 Prozent
verringert. Daher hat man dort gerade ein Gesetz verabschiedet, das
diese akustischen Warneinrichtungen in bestimmten Fällen vorschreibt.
So müssen an allen Stellnetzen in der Wrackfischerei einer
besonderen Fangmethode in der Nähe von Schiffswracks Pieper
an den Netzen angebracht sein. Gerade bei der Wrackfischerei waren die
Beifänge früher sehr hoch, da an Schiffswracks viele Fische
leben. Das wissen die Fischer und eben auch die Schweinswale.
Allerdings ist bislang nicht geklärt, ob diese Warneinrichtungen
nicht auch neue Probleme hervorrufen. Ob die Wale sich an die Geräusche
gewöhnen, wollen die Kieler Meereszoologen Boris Culik und Sven
Koschinski demnächst in Kanada untersuchen. Sie fanden in Freiland-Verhaltensuntersuchungen
bereits heraus, dass Schweinswale die Pieper aus der dänischen
Studie weiträumig umschwammen. Ein Radius von 150 Metern um den
Pieper wurde vollständig gemieden, in bis zu 500 Metern Entfernung
war das Verhalten beeinträchtigt. Die Biologen beobachteten, dass
die Bucht, in der der Pieper ausgebracht war, zur Nahrungssuche vollständig
gemieden wurde.
Zu viel
Krach unter Wasser
Eine Dauerbeschallung sämtlicher Netze in Nord- und Ostsee könnte
sich negativ auf den Schweinswalbestand auswirken. Wohin sollen Schweinswale
ausweichen, wenn die Tiere aus Ihren Nahrungsgebieten vertrieben werden?
Mit einem 7,5 Kilometer langen beschallten Stellnetz könnte man
zum Beispiel die gesamte Eckernförder Bucht absperren. Es könnte
sich als Irrweg herausstellen, den durch Schiffsverkehr, Bohrplattformen,
militärische Aktivitäten und seismische Untersuchungen ohnehin
überhöhten Lärmpegel in unseren Meeren noch zu verstärken
und so möglicherweise die Ortung der Wale zu beeinträchtigen.
Denkbar ist daher allenfalls ein punktueller und zeitlich begrenzter
Einsatz der Pieper in Gebieten mit hohem Beifang - sofern gleichzeitig
große Meeresschutzgebiete ausgewiesen werden, in denen sich überfischte
Fischbestände regenerieren können und Meeressäuger vor
den Netzen der Fischer sicher sind. Die Erweiterung des Nationalparks
Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer im Oktober letzten Jahres um ein
Walschutzgebiet westlich von Sylt und Amrum ist ein Schritt in die richtige
Richtung. Allerdings müssen in absehbarer Zeit auch überall
selektive Fischereimethoden eingesetzt werden. Nur so lässt sich
der Bestand von Moby Dicks kleinem Vetter für zukünftige Generationen
erhalten.
So
funktioniert Echo-Ortung
Das Ortungssystem von allen Zahnwalen funktioniert ähnlich wie
die Beutewahrnehmung bei Fledermäusen. In ihren Nasensäcken
nahe des Blaslochs werden Ultraschalllaute erzeugt, die über eine
akustische Linse aus verschiedenen Fettschichten gebündelt und
nach vorn projiziert werden. An Grenzflächen zum Beispiel
an den gasgefüllten Schwimmblasen von Fischen wird ein Echo
reflektiert, das der Wal mit Hilfe der Unterkieferknochen empfängt
und zum Innenohr weiterleitet. Aus der Laufzeit des Schalls vom Wal
zur Beute und zurück kann der Wal die Entfernung ermitteln und
aus geringen Laufzeitunterschieden am rechten und linken Ohr auch die
Richtung. Dieses ausgeklügelte System hat sich im Laufe der Jahrmillionen
dauernden Evolution herausgebildet und ist zum Beutefang perfektioniert.
Da Netze in der Umwelt ein neueres Phänomen sind, können sich
die Tiere nicht darauf einstellen.
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