Naturschutz heute – Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


Ins Netz gegangen
100 Jahre wissenschaftliche Vogelberingung.

von Stefan Bosch

Zusatzinfo: Was tun beim Fund eines Vogels?, mit Adressen und Literaturtipps
Hintergrundbeitrag "Vogelbewegungen fest im Griff" über den Einsatz neu entwickelter Software bei den Vogelwarten Radolfzell und Wilhelmshaven.
Lesetipp: "Hilfe aus dem All - Satellitentechnik revolutioniert unser Wissen über Tierwanderungen" in Ausgabe 4/98.

Behutsam greift Andreas Schmidt in das Netz und befreit einen Teichrohrsänger aus den Maschen. Dann verstaut er ihn vorsichtig in einem Stoffbeutel, um ihn mit den anderen Fänglingen dieses Kontrollganges mitzunehmen.

Auf der Halbinsel Mettnau am Bodensee gehen der Wissenschaft alljährlich zwischen Juni und November etwa 6000 Kleinvögel verschiedener Arten ins Netz. In der Station am Rande des Schilfgürtels wird jeder Vogel bestimmt, untersucht, vermessen, gewogen, mit einem Vogelwartenring versehen, im Computer registriert - und schwupps geht es durch eine Klappe in der Hüttenwand wieder ins Freie.

Vögel pflücken im Eiltempo
Die Prozedur soll möglichst schonend und schnell vonstatten gehen. An Tagen wie heute ist von "Vogelwart-Romantik" in der Beringerhütte wenig zu spüren: Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang geht es stündlich auf dem schmalen, schwankenden Bohlenweg durchs Ried, jedes Mal über ein Dutzend Vögel "pflücken", untersuchen, beringen, zwei Bissen ins Butterbrot und wieder los. "Bei Regen müssen wir halbstündlich raus, damit die Vögel nicht auskühlen" erklärt Andreas Schmidt, während er eine Mönchsgrasmücke vor dem Weiterflug trocken föhnt.

Die individuelle Kennzeichnung von Vögeln mit Ringen hat 1899 der dänische Lehrer Hans Christian Mortensen eingeführt, um zunächst die Wanderungen von Staren und Sperlingen zu erforschen. Maßgeblich entwickelt wurde die heute weltweit etablierte Standardmethode der Vogelforschung von Johannes Thienemann in der ostpreußischen Vogelwarte Rossitten (heute Rybatschij). Dazu werden Vögel an den Beinen mit leichten Aluminiumringen beringt, die eine fortlaufende Nummer sowie Namen und Adresse der Beringungszentrale tragen. Größere Arten bekommen auch Farbringe mit Ziffern, Buchstaben oder Farbkombinationen, die mit dem Fernglas ablesbar sind.

Freizeit-Forscher unverzichtbar
Vogelberingung wird in der Forschung immer dann eingesetzt, wenn es im Rahmen bestimmter Studien wichtig ist, einen Vogel individuell wiederzuerkennen. Deshalb wird es erst richtig interessant, wenn die Vögel erneut gefangen oder gefunden werden. Doch Wiederfunde sind ziemlich selten. Beringungspionier Mortensen erhielt nach zwei Jahren und 600 Beringungen ganze zwei Rückmeldungen. Heute liegt die Quote bei Kleinvögeln bei 0,5 bis 1 Prozent, bei Greifvögeln bei 10 und jagdbaren Enten bei 20 Prozent.

Die Forschung ist so faszinierend wie das Phänomen Vogelzug selbst - eines der klassischen Einsatzgebiete der Beringung. Da Vögel politische Grenzen ignorieren, arbeiten Beringer weltumspannend zusammen. Und Beringung wäre ohne ehrenamtlichen Einsatz undenkbar. In einer in der Zoologie einmaligen Kooperation arbeiten Profis und Amateure Hand in Hand: Europaweit beringen 8600, bundesweit etwa 840 Personen, darunter viele NABU-Mitarbeiter in Artenschutzprojekten. An Beringer werden höchste Ansprüche bezüglich Technik, Datenqualität und Sicherheit der gefangenen Tiere gestellt. Dazu müssen sie besonders ausgebildet sein, in Prüfungen Kenntnisse über Vogelarten, Fang und sachgerechte Handhabung nachweisen und sie benötigen eine offizielle Genehmigung.

Spannende Rückmeldungen
3,8 Millionen Vögel bekommen jährlich in Europa einen Ring. In Deutschland waren es seit 1900 vermutlich 17 Millionen Vögel, von denen über 450.000 Rückmeldungen vorliegen. In der Datenbank der Europäischen Union für Vogelberingung (EURING) in den Niederlanden sind europaweit 1,5 Millionen Wiederfunde erfasst. Damit ist das europäisch-afrikanische Zugsystem das am besten erforschte. "Meilensteine" dieser Forschungen finden Ausdruck in Standardwerken von Johannes Thienemann (Vogelzug in auf der Kurischen Nehrung), Ernst Schüz (Weißstorchzug), Gerhardt Zink und Franz Baierlein (Zug europäischer Singvögel) oder Peter Berthold (Vogelzug). In Deutschland sind historisch bedingt derzeit drei Beringungszentralen zuständig: die Vogelwarten Helgoland (Wilhelmshaven), Hiddensee (Neuenkirchen) und Radolfzell (vormals Rossitten).

Beringung liefert eine Fülle von Informationen, die auch für den Naturschutz von größter Bedeutung sind: Wir kennen Lebensläufe einzelner Tiere und ganzer Populationen, Partnerschaftsverhältnisse, Nachwuchsraten, Altersstrukturen, Sterblichkeit, Zugwege, Brutstätten, Rastplätze, Winterquartiere und Ortstreue. Wir erhalten Einblick in die Biologie von Vogelbeständen, ihre Veränderungen und die darauf einwirkenden Faktoren. Von jedem Vogel werden nach international standardisierten Methoden Alter, Geschlecht, Körpermaße, Fettreserven, Mauserstadien, Lebensraum und Populationszugehörigkeit registriert.

Immer noch Wissenslücken
Wiederfänge zeigen bei Zugvögeln, welche Ansprüche sie an ihre Route stellen, welche Biotope sie bei Rast und Überwinterung wählen. Die Gewichtsentwicklung rastender Zugvögel zeigt, wie sich die Tiere auf die weite Reise vorbereiten, welche Biotope und Nahrung sie zum "Auftanken" benötigen, und unterstreichen die Notwendigkeit eines kontinentüberschreitenden Schutzgebietssystems. Beringung konnte aufklären, dass der Seggenrohrsänger wegen Änderungen im Winterquartier abnimmt oder dass die Probleme der Sahelzone Einfluss auf Weißstorch, Purpurreiher und Schilfrohrsänger nehmen.

Ursprünglich wollte die Beringung Vogelwanderungen aufklären. Heute erforscht sie in europaweiten Programmen ökologische Fragen, trägt zum Verständnis der klein- und großräumigen Entwicklung von Vogelpopulationen bei.

Trotzdem ist unser Wissen noch lückenhaft. In Zukunft kann die Beringung weitere Daten zur Überwachung (Monitoring) von Vogelpopulationen, zum Ansiedlungsverhalten vor allem in einer immer intensiver beanspruchten Landschaft mit zunehmender Lebensraumzerstückelung sowie zu Änderungen im Zug- und Brutverhalten unserer Vogelarten liefern. Auch weiterhin werden internationale Kooperation, ehrenamtliche Mitarbeit und die einfachen Metall-Ringe nötig sein. Daran haben auch teure "High-Tech-Methoden" wie Satellitentelemetrie oder Transponder nichts geändert.


Naturschutz heute, Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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