Naturschutz heute – Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


"Papier, Papier, was ist das schon..." Seminar des NABU Nordrhein-Westfalen zum Thema Recyclingpapier am 21. und 22. März 2001. Weitere Infos


Verbrauchermacht nutzen
NABU, Hersteller und Handel wollen gemeinsam Recyclingpapier fördern.

von Helge May

Recyclingpapiere sind solchen aus frischen Holzfasern in praktisch allen Umweltbelangen überlegen, auch wenn die Frischfaserpapiere chlorfrei gebleicht wurden. Außerdem ist es wesentlich umweltverträglicher, Altpapier zu recyceln und daraus wieder Papier zu machen, als Altpapier zu verbrennen, um daraus Energie zu gewinnen. Altpapier auf Abfalldeponien zu beseitigen, ist schließlich aus Umweltschutzsicht die schlechteste Lösung.

Papierengel im Sturzflug
Umwerfend neu klingt das nicht, doch jetzt ist es wissenschaftlich fest untermauert. Das Umweltbundesamt hat hierzu eigens eine große Ökobilanz für grafische Frischfaser- und Recyclingpapiere durchgeführt, also für Papiere, die beschrieben oder bedruckt werden sollen. Die Ökobilanz fällt für Recyclingpapier sowohl bei der Naturbeanspruchung besser aus, wie auch bei den Klima-Auswirkungen, beim Nährstoffeintrag in Wasser und Boden, bei der Giftigkeit für die Umwelt und für den Menschen.

Die Ökobilanz des Umweltbundesamtes kommt zum rechten Zeitpunkt, denn in manchen Bereichen sind Recyclingpapiere schwer in die Defensive geraten. Bei Schulheften und Blöcken zum Beispiel hat es Einbrüche bis zu 70 Prozent gegeben. Viele Geschäfte führen schon keine Recyclinghefte mehr, musste NABU-Papierexpertin Barbara Maué feststellen. Dabei sind Recyclingpapiere in den letzten Jahren immer besser geworden: Kein Füller verläuft mehr, kein Filzstift schreibt durch, radieren ist problemlos. Recyclingpapiere erreichen heute hohe Weißegrade, können über hundert Jahre lang archiviert werden und kosten zudem meistens weniger als Frischfaserpapiere. Alle Papierprodukte mit dem blauen Umweltengel garantieren hohe Qualität bei geprüfter Herstellung aus 100 Prozent Altpapier.

Urwälder weiter in Gefahr
Doch eine "Ranzen-Razzia" brächte es ans Licht: Nur wenige Schulkinder tragen Recyclingpapiere in der Tasche. Stattdessen prangen auf vielen Heften die von der Papierindustrie einführten Alibizeichen "Aqua pro natura" und "Weltpark Tropenwald". Dem Käufer wird Umweltverträglichkeit vorgegaukelt, obwohl das Papier oft auf Kosten der Urwälder in Russland und Kanada hergestellt wird. Immer noch ziehen riesige Kahlschläge katastrophale Folgen für die dort lebenden Menschen und die letzten intakten Ökosysteme der Erde nach sich. Auch chlorfrei gebleichtes Papier trägt zur Vernichtung der Urwälder bei. Der blaue Engel dagegen garantiert nicht nur hohe Produktqualität, sondern auch umweltschonende Herstellung aus 100 Prozent Altpapier statt aus einstigen Urwaldriesen.

Wenn Schreibwarenläden keine Recyclinghefte mehr führen sollten, Wenn Schreibwarenläden keine Recyclinghefte mehr führen sollten, empfiehlt der NABU, bei der Geschäftsleitung aktiv nach Heften mit dem blauen Engel zu fragen, damit sie wieder in die Regale kommen. Noch wirkungsvoller ist es, wenn Nachbarn, Schulkameraden und Freunde dasselbe tun. Noch haben alle namhaften Hersteller von Brunnen über Herlitz bis Staufen Recyclinghefte im Programm. Wie lange noch, hängt maßgeblich von der Nachfrage und damit den Verbrauchern ab. "Die Kunden müssen ihre Macht nutzen und ihren Käuferwillen in die Waagschale werfen, damit der Papierengel wieder Auftrieb bekommt", ruft Barbara Maué auf.

Initiative Pro Recyclingpapier
Aus den Reihen der Wirtschaft gibt es Unterstützung. In einer "Initiative Pro Recyclingpapier" haben sich Unternehmen verschiedener Branchen zusammengeschlossen, um auf die Vorteile des umweltfreundlichen Papiers aufmerksam zu machen. Die Gründungsmitglieder der Initiative – darunter auch einige große Warenhäuser – sind davon überzeugt, dass angesichts der weltweit wachsenden Papiernachfrage, der Abholzung von Urwäldern, knapper werdender Energievorräte sowie der problematischen Entsorgungssituation die Möglichkeiten beim Recyclingpapier noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist.

Umso unverständlicher ist es, dass jetzt zum Beispiel einzelne Bundesländer laut darüber nachdenken, wieder verstärkt auf frischfaserhaltiges Papier zurückzugreifen. Das wäre ein umweltpolitischer Rückschritt um eine ganze Generation. Der NABU hat die Gründung der Initiative Pro Recyclingpapier deshalb ausdrücklich begrüßt. In einer gemeinsamen Erklärung appellieren Umweltbundesamt, NABU und Initiative Pro Recyclingpapier, wieder verstärkt Recyclingpapier einzusetzen. "Wenn Nachhaltigkeit mehr als ein Schlagwort sein soll, ist es höchste Zeit umzudenken und den Worten Taten folgen zu lassen. Wir haben heute mehr wissenschaftliche Belege für die ökologischen Vorteile von Recyclingpapier als je zuvor", so Franz Winterer, Sprecher der Initiative.

Eine weitere Initiative zur Förderung von Recyclingpapieren läuft seit fast einem Jahr in Nordrhein-Westfalen. Unter dem Motto: "Recyclingpapiere an Schulen stark machen" hat sich dort der NABU NRW mit sieben Umweltschutz- und Verbraucherverbänden zusammengeschlossen und Aktionen wie Lehrerfortbildungen und Schülerwettbewerbe gestartet. Jeder Papierverbraucher, ob Behörde, Wirtschaftsunternehmen oder Schulkind, kann zur Schonung von Umwelt und Natur beitragen.


Naturschutz heute, Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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