Naturschutz heute – Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


Vom Todesstreifen zur Lebenslinie
Das Grüne Band der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

von Christian Unselt

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Wie ein grünes Band zieht sich die ehemalige innerdeutsche Grenze heute durch unser Land. Mit einer Länge von 1380 Kilometern zählt der frühere Todesstreifen zum längsten Biotopverbund Deutschlands. Im Schutz der Grenzanlagen haben sich auf großer Länge wertvolle Lebensräume für gefährdete Tier- und Pflanzenarten entwickeln können. Nach dem Abbau der Zäune, Schussanlagen und Stacheldrahtverhaue könnte nun ein durchgängiges Band naturnaher Flächen gesichert werden, auf denen viele Arten der strukturreichen Kulturlandschaft neuen Lebensraum finden. Die deutschen Naturschutzverbände sind seit der Öffnung des eisernen Vorhangs bemüht, dieses Band als Lebenslinie für die heimische Tier- und Pflanzenwelt zu sichern.

Wertvolle Vorarbeiten in Sachsen
Der NABU engagiert sich seit 1990 besonders im sächsischen Teil des "Grünen Bandes". Dieser Abschnitt ist etwa 40 Kilometer lang. Gemeinsam mit den beherzt ans Werk gehenden Naturschutzbehörden aller Ebenen wurde dort zunächst die naturschutzrechtliche Sicherung der Flächen vorangetrieben. Inzwischen wurden entlang der einst innerdeutschen Grenze auf sächsischem Gebiet lückenlos Naturschutzgebiete, Flächennaturdenkmale und Geschützte Landschaftsbestandteile ausgewiesen. Die Umsetzung eines vom Staatlichen Umweltfachamt Plauen erarbeiteten Pflege- und Entwicklungskonzeptes zur weiteren Entwicklung des Gebietes zeigt bereits Erfolge.

Jetzt geht es um die eigentumsrechtliche Sicherung der Schutzgebietsflächen. Um den Schutz der neu entstandenen Lebenslinie langfristig zu gewährleisten, will die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe in Zusammenarbeit mit dem vor Ort agierenden NABU-Regionalverband Elstertal die Naturschutzflächen des Grünen Bandes in Sachsen als durchgängiges Band kaufen. Von den 635 Hektar Schutzgebieten entlang des Grünen Bandes sollen zunächst rund 400 Hektar der besonders wertvollen Lebensräume gekauft werden. So werden die Flächen über den behördlichen Schutz hinaus dauerhaft gesichert und als NABU-Paradies für kommende Generationen gesichert.

Kilometerlanges Biotopmosaik
Der Grenzstreifen an der innerdeutschen Grenze war geprägt von einer erzwungenen Beruhigung, andererseits aber auch von Störungen in einzelnen Bereichen: Entlang des ausgebauten Kolonnenweges, auf dem die Grenztruppen patrouillierten, wurden Spurensicherungsstreifen ständig von Pflanzen frei gehalten. Zwischen Kfz-Sperrgraben und dem so genannten "vorgelagerten Hoheitsgebiet" hinter dem Streckmetallzaun wurden immer wieder Gehölze entfernt, um freie Sicht zu haben.

Seit Ende 1989 ist dies Geschichte. Die Zäune und Wachtürme sind abgebaut, die Minen sind geräumt. Im Kfz-Sperrgraben wachsen Bäume und Büsche. Auf dem Spurensicherungsstreifen hat sich eine langgezogene Brache entwickelt, die in Senken feucht und nass, auf Kuppen steinig und trocken ist. Zwischen den ehemaligen Grenzanlagen findet man über viele Kilometer Hochstaudenfluren, Heideflächen, Feuchtwiesen und Magerrasen, die eng miteinander verknüpft ein wertvolles Biotopmosaik bilden. Überhaupt sind die außergewöhnlich große Strukturvielfalt und die weitgehende Unzerschnittenheit die wichtigsten Werte, den die großflächigen und vielfältigen Lebensräume des künftigen NABU-Paradieses mehr als 200 gefährdeten oder im Rückgang befindlichen Tier- und Pflanzenarten bieten.

Neuntöter und Scheckenfalter
Der NABU hat sich schon in der Vergangenheit darum bemüht, das Grüne Band in Sachsen vor intensiver Bewirtschaftung zu bewahren. Zusammen mit den Naturschutzbehörden wurde bereits erreicht, dass große Flächen ohne Dünger- und Pestizideinsatz extensiv mit Schafen bewirtschaftet werden.

Typische Brutvögel des hier entstandenen Biotopmosaiks sind der Neuntöter und die Dorngrasmücke, beide zuhause in struktur- und gehölzreichen nur extensiv bewirtschafteten Landschaftsteilen. Ein weiterer Charaktervogel des Grünen Bandes, das bundesweit gefährdete Braunkehlchen, besiedelt vor allem die großflächigen Feucht- und Wiesengebiete mit geringem Gehölzaufwuchs.

Mit dem in Sachsen vom Aussterben bedrohte Skabiosen-Scheckenfalter hat hier unter anderem ein europaweit besonders geschützter Schmetterling überlebt. Der hier vorkommende, auf Feuchtwiesen spezialisierte Typ dieses Falters kann sich nur am blaublühenden Teufelsabbiss entwickeln, der auf den mageren Wiesen sowie auf feuchten Heideflächen des Grünen Bandes noch häufig ist.

Einsatz von Schafen
Auf dem ehemaligen Grenzstreifen und in den angrenzenden Flächen leben in zahlreichen Magerrasen, Borstgrasrasen, Heidegesellschaften, Wiesen und Weiden auch anspruchsvolle Arten wie die stark gefährdete Arnika oder die Skabiosen-Flockenblume, zwischen denen sich die Gefleckte Keulenschrecke als relativ seltene Heuschrecke tummelt. Auch die wegen ihres kräftig gebauten Kopfes als Warzenbeißer bezeichnete Heuschrecke lebt hier. Ihr wird nachgesagt, sie könne Warzen herausbeißen. Hier finden sich außerdem der Große Perlmuttfalter und an sonnigen Stellen wärmen sich Waldeidechse und Kreuzotter. In Gräben und kleinen Stillgewässer vermehren sich Amphibien, legen Libellen ihre Eier ab und hält die Ringelnatter Ausschau nach Beute.

Für die Tier- und Pflanzenwelt ist der frühere Todesstreifen eine Lebenslinie geworden, die nicht in erster Linie durch spektakuläre Einzelarten begeistert, sondern durch ihre Vielfalt. Ein Kleinod, das von der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe gerettet werden soll.

Die Natur soll sich nicht selbst überlassen werden. Voraussetzung für die Sicherung der Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten ist hier der Erhalt der kleinräumigen Vielfalt unterschiedlichster Lebensräume. Großtechnische Landwirtschaft würde sie vernichten. Im künftigen NABU-Paradies sind statt dessen die Schafbeweidung sowie die kleinparzellierte Mahd und Heugewinnung. die Kernstücke der Pflege. Die Schafen als vierbeinige Landschaftspfleger tragen in hervorragender Weise dazu bei, das Grüne Band als strukturreichen offenen Lebens- und Ausbreitungsraum für eine artenreiche Tier- und Pflanzenwelt langfristig zu erhalten.


Wir retten Paradiese
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Tragen Sie dazu bei, das Grüne Band in Sachsen als NABU-Paradies zu bewahren. Durch Ihre Spende an die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe helfen Sie, den Flächenkauf so bald als möglich zu vollziehen. Bei den ersten Flächenkäufen mussten für einen Quadratmeter des Grünen Bandes etwa 50 Pfennige bezahlt werden. Bisher hat der Freistaat Sachsen die Flächenkäufe mit großzügigen Zuschüssen gefördert. Wir hoffen, dass er dies weiter tut. Mit einer Spende von nur 500 Mark könnten wir dann bis zu 10.000 Quadratmeter, also einen ganzen Hektar, für unsere Natur sichern.

Spendenkonto 81 57 803 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00.
Für die Zusendung einer Spendenquittung geben Sie beim Verwendungszweck bitte Ihre Anschrift und das Stichwort: "Grünes Band" an.

Oder unterstützen Sie die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe langfristig beim dauerhaften Unterhalt der Flächen. Eine Zustiftung fließt dem Stiftungskapital der NABU-Stiftung zu und bleibt in ihrem Bestand erhalten. Nur die jährlichen Zinseinnahmen werden verwendet, um die laufenden Kosten des Flächeneigentums dauerhaft zu finanzieren. Gerne senden wir Ihnen weitere Informationen zu: NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, Blumberger Mühle 2, 16278 Angermünde, Telefon 03331-260470, E-Mail Naturerbe@NABU.de.


Naturschutz heute, Ausgabe 4/00 vom 22. November 2000


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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