Naturschutz heute – Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


NABU-Reise ins Stechlinseegebiet vom 13. bis 16. September...

Still ruht Fontanes See
Die NABU-Stiftung will die Stechlinsee-Region bewahren helfen.

von Tom Kirschey & Christian Unselt

Stechlin heißt der berühmte See. Der slawische Name Steklo = Glas verrät, was das 68 Meter tiefe Gewässer in Nordbrandenburg noch heute ausmacht: Der Stechlin ist glasklar. Der Dichter Theodor Fontane beschrieb den buchtenreichen, von urigen Buchenwäldern umsäumten See in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und ließ sich zu seinem Spätwerk "Der Stechlin" inspirieren.

Schutz für Rohrdommel und Juchtenkäfer
Kostbarste Juwelen gefährdeter und seltener Tier- und Pflanzenarten haben sich im Stechlinseegebiet erhalten können: Fisch-, See- oder Schreiadler ebenso wie Rohrdommel, Schwarzstorch und Kranich, Sumpfschildkröte und Fischotter oder auch der eher unscheinbare, aber europaweit bedeutsame Juchtenkäfer. Schellenten nutzen die stillen Seen zur Aufzucht ihrer Jungen. Sie brüten in den Schwarzspechthöhlen der angrenzenden Wälder, wo die Küken kurz nach dem Schlüpfen aus oft bis zu zehn Metern Höhe zu Boden purzeln, bevor sie schließlich das Wasser erreichen. Die Schellente verkörpert damit wie kaum eine zweite Art das natürliche Nebeneinader der alten Wälder und der Klarwasserseen im Stechlinseegebiet.

So begeistert Fontane den See an der heutigen Grenze zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern und seine Umgebung beschrieb, so begeistert war auch die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, gerade in dieser hochsensiblen Landschaft wichtige Wälder, Moor- und Seeflächen für den Naturschutz vor der drohenden Privatisierung retten zu können. Denn auch hier wurden durch die vom Bundestag geänderten Vorschriften zum Verkauf des ehemals volkseigenen Vermögens große Flächen zunächst aus der Privatisierung herausgenommen. Und wegen der besonderen Bedeutung des Stechlinsee-Gebietes für unser nationales Naturerbe will sich die NABU-Stiftung - neben zahlreichen anderen großen und kleinen Naturparadiesen - hier engagieren.

Wachsendes Naturschutzgebiet
Wegen seines Naturreichtums und seiner kulturellen Bedeutung wurden Stechlin und seine engere Umgebung mit 1.800 Hektar bereits 1938 zum Naturschutzgebiet erklärt. Vor allem die Ufer der Seen waren zudem durch Polizeiverordnung vor Bebauung geschützt. Schon damals genoss der Tourismus im Gebiet einen besonderen Stellenwert, so dass auch die Forstnutzung überaus behutsam und zurückhaltend ablief. Das Stechlinseegebiet bestimmen bis zu 250 Jahre alte Laubmischwaldbestände mit Rotbuche und Traubeneiche. 1970 wurde das Naturschutzgebiet auf 2.150 Hektar vergrößert, ab 1990 wuchs es weiter auf heute sogar 8.500 Hektar. Davon sind alleine 1.000 Hektar Seen. Da die Region neben zahlreichen Durchzüglern und Wintergästen auch europarechtlich geschützte 24 Brutvogelarten beherbergt, wurde es 1997 zunächst als Europäisches Vogelschutzgebiet und 1999 aufgrund weitere seltener Arten und Lebensraumtypen als Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes "Natura 2000" gemeldet.

Wegen seiner Bedeutung sowohl für die Natur wie auch für die Erholung in der Natur wurde zudem die Region um das Naturschutzgebiet am 7. Juli 2001 zum 80.000 Hektar großen Naturpark Stechlin/Ruppiner Land erklärt. Die Privatisierung der ehemals volkseigenen Flächen im Stechlinseegebiet hätte den Naturpark an einer seiner sensibelsten Stelle erwischt. Denn mit den unkalkulierbaren Interessen eines möglichen privaten Eigentümers wären die sensiblen Lebensräume in den Mooren, den Uferzonen der Seen und den schützenswerten Wäldern nur schwer vereinbar.

Kaufpläne für Wälder und Seen
Die NABU-Stiftung bemüht sich, wichtige Teile dieser Schätze des nationalen Naturerbes in ihre Obhut zu nehmen und sie dauerhaft zu sichern. Sie will hier zunächst rund 700 Hektar Wälder aus dem ehemals volkseigenen Vermögen übernehmen, für die nur die Erwerbsnebenkosten aufzubringen sind. Sofern ausreichend Spendengelder eingeworben werden können, will die NABU-Stiftung darüber hinaus bis zu 280 Hektar der störungsarmen Seen kaufen, um auch diese vor naturfeindlichen Interessen bewahren zu können.

Dabei sollen weder die schonende Nutzung der Seen noch der Wälder gänzlich eingestellt werden. Die Waldbestände sollen unter der Regie der NABU-Stiftung künftig mit dem FSC-Zertifikat für eine naturgemäße Bewirtschaftung genutzt werden. Lediglich die ausgewiesenen Totalreservate, die nassen Moor- und Bruchwälder, die Seeufer und die sehr nährstoffarmen Standorte sollen ganz aus der Nutzung genommen werden, um hier die Natur wieder ganz Natur sein zu lassen. Die Schönheit des Gebietes soll sich dem Besucher von den Wegen aus erschließen, wo noch heute der von Fontane beschriebenen Zauber sichtbar ist.

Partner des Roten Hahns
Theodor Fontane erzählt die Sage vom Roten Hahn im Stechlinsee, der das Seewasser schaumig schlägt und das Fischerboot angreift. Der Rote Hahn taucht immer dann auf, wenn der Fischer in die sensiblen Bereiche des Sees eindringt oder der Natur zu viele Fische entnimmt. Die NABU-Stiftung will künftig als Partner des Roten Hahns auch außerhalb der Seen dafür sorgen, dass auf ihren Eigentumsflächen die sensiblen Lebensräume als Paradiese unserer heimischen Tier- und Pflanzenwelt bewahrt werden und bei einer naturgemäßen Bewirtschaftung schonend mit den artenreichen Waldbeständen umgegangen wird.

Doch um diese Vision umzusetzen, sind noch umfangreiche Spendenmittel erforderlich. Schließlich sind die unentgeltlichen Flächen nicht kostenlos. Auch wenn kein Kaufpreis zu bezahlen ist, so fallen allein für die Erwerbsnebenkosten der 700 Hektar Wald im Stechlinsee-Gebiet rund 40.000 Mark Steuern und Gebühren an. Da die NABU-Stiftung auch in anderen Schutzgebieten zur Sicherung von insgesamt bis zu 5.000 Hektar unentgeltlicher Waldflächen beitragen will, benötigt sie mindestens 300.000 Mark alleine für die Erwerbsnebenkosten. Wollen wir darüber hinaus auch noch die nur zum Verkehrswert ankaufbaren Seen des Stechlinsee-Gebiet vor der Privatisierung bewahren, so müssen hierzu nochmals rund 900.000 Mark aufgebracht werden. Nur gut, dass der Stechlinsee selbst mit seinen 500 Hektar im Eigentum der öffentlichen Hand bereits gesichert ist.

Zur Rettung der Naturparadiese im Stechlinsee-Gebiet und weiteren Schutzgebieten der neuen Bundesländer hat die Stiftung Nationales Naturerbe ein Spendenkonto eingerichtet: Kontonummer 81 57 803 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, BLZ 370 205 00. Spenden sind steuerlich absetzbar.


Naturschutz heute, Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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