Naturschutz heute – Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Natur in NABU-Hand
Erste bundesweite Bestandsaufnahme
der NABU-Schutzgebiete.

von René Sievert

Saalbachniederung: Rückkehr des Kantigen Lauchs
Schwarzstörche im Planetal
Größte Schutzflächen an der Küste
Lina-Hähnle-Auwald im Besitz der NABU-Stiftung


Die Schleswig-Holsteiner haben die größten und die Schwaben tun es am häufigsten. Jedenfalls soweit es Schutzgebiete und deren Betreuung durch NABU-Gruppen angeht.

Herausgefunden hat dies in mühsamer Arbeit das NABU-eigene Institut für Ökologie und Naturschutz im brandenburgischen Eberswalde, unterstützt vom Arbeitsamt, das dafür eine ABM-Stelle finanzierte. Mehrere Jahre lang haben die Eberswalder unter der Leitung von Christian Unselt bundesweit Daten über die NABU-Schutzgebiete gesammelt. An rund 1400 NABU-Gruppen gingen Fragebögen, außerdem wurden sämtliche Katasterämter angeschrieben.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die NABU-Aktiven betreuen bundesweit mehrere tausend unterschiedliche Biotope. Insgesamt macht das eine Fläche von rund 120.000 Hektar, davon sind etwa 3500 Hektar in NABU-Eigentum. "So weit jedenfalls können wir die Flächen momentan flurstücksgenau in unserer Datenbank belegen. Es stehen aber noch zahlreiche Antworten aus", macht Christian Unselt Hoffnung auf mehr: "Nach unseren Hochrechnungen werden es am Ende wohl rund 5000 Schutzgebiete in NABU-Hand sein, die 210.000 Hektar umfassen. Beim NABU-Eigentum ist sogar eine Verdreifachung auf 10.000 Hektar zu erwarten, da wir bereits eine Reihe größerer Gebiete kennen, die noch nicht offiziell erfasst sind."

Seit drei Jahren werden die Daten im Rahmen der ABM ständig aktualisiert. Neben Größe und Eigentumsverhältnis sind auch Biotoptypen, Schutzstatus, Betreuungsaufwand und Artenschutzmaßnahmen erfasst. Auf einer Deutschland-Karte in Unselts Büro bilden die bereits erfassten Gebiete einen bunten Flächenteppich: Einige rote Flecken mit Flächen über 50 Hektar sowie mehr als 2500 schwarze Punkte, die kleinere NABU-Schutzgebiete kennzeichnen. Jeder dieser Punkte ist ein Stück Natur unter NABU-Schutz und, erfasst in der Eberswalder Datenbank, Argumentationsgrundlage für die Naturschutzarbeit.

Rückkehr des Kantigen Lauchs
Eines dieser Stücke Natur ist die Saalbachniederung, ein Landschaftsschutzgebiet zwischen Karlsruhe und Heidelberg. In der Obhut des NABU Hambrücken gedeihen dort heute wieder Pflanzen wie der Teufelsabbiss oder die Heidenelke. "Besonders stolz sind wir auf den Kantigen Lauch", berichtet NABU-Aktivist Franz Debatin. Diese Pflanze, typisch für die so genannten Wässerwiesen, galt in der Saalbachniederung schon als verschwunden. Doch im vorigen Jahr fanden die Naturschützer zu ihrer freudigen Überraschung etwa 200 Exemplare.

"Früher waren solche Pflanzen hier häufig", erzählt Debatin. Doch in den sechziger Jahren wurden die Wässerwiesen dann umgebrochen und zu Ackerland. 1985 war nur noch ein kleiner Wiesenrest übrig und da entschloss sich Franz Debatin zu handeln. Er kaufte die Fläche, rund 20 Hektar, und das war der Anfang des NABU-Engagements als Grundbesitzer in der Saalbachniederung.

Heute gehören dem NABU dort 34 Hektar, 300 weitere Hektar hat man gepachtet. Franz Debatin ist stolz: "Es ist uns gelungen, ein durch Umbruch zerstörtes großes Wiesengebiet wieder herzustellen." Die Wiesen werden nun vom NABU betreut. Es wurde eine schonende Beweidung durch Pferde organisiert und in regelmäßigen Arbeitseinsätzen werden Flächen gemäht. "Zur Zeit sind es noch nicht die artenreichen Wässerwiesen, die es einst hier gab; im Moment wächst uns eher das Gras über den Kopf", erzählt Debatin, und betont: "Das ändert sich jedoch in erstaunlichem Tempo." Inzwischen rasteten auf den renaturierten Flächen schon einige ziehende Kraniche und auch Schwarzstörche testeten ab und an die NABU-Wiesen in der Saalbachniederung.

Aktien-Fieber am Saalbach
Um die Flächen zu kaufen, musste der NABU erhebliche Mittel zusammentragen. Damit das gelingt, haben sich die Naturschützer immer wieder neue Anreize für Spender und Sponsoren ausgedacht. Im vorigen Jahr, passend zum Börsenfieber in Deutschland, haben sie zum Beispiel "Saalbachwiesen-Aktien" im Wert von 50 Euro ausgegeben - gegen eine entsprechende Spende. "Das war eine hervorragende Aktion", bilanziert Franz Debatin und erklärt: "Der Wert der Aktie selbst wird zwar nicht steigen, aber die Investition in die Natur wird sich rentieren - und zwar für uns alle."

Erleichtert hat die Wiesen-Kaufaktion auch das Land Baden-Württemberg mit seinem Extensivierungs-Programm. Das hat nun sogar zur Folge, dass der selbe Landwirt, der einst die artenreichen Wiesen zu Ackerland machte, den Naturschützern entgegen kommt. Im Rahmen des Extensivierungsprogramms hat er seinen gesamten Betrieb auf die Landschaftspflege umgestellt. Das brachte der Natur 206 Hektar.

Somit gibt es heute wieder ein großes Wiesengebiet als wertvolles Refugium für die Tier- und Pflanzenwelt. Und Dank des NABU-Engagements wird es sich noch weiter in dieser Richtung entwickeln können. Im dichtbesiedelten Nordbaden ist das besonders wichtig. Darum haben sich die sieben Städte und Gemeinden, die an die Saalbachniederung angrenzen, zum "Wiesen-Arbeitskreis" zusammengeschlossen - laut Debatin das erste derartige Modell in Baden-Württemberg.

Die NABU-Aktiven in Hambrücken haben aber schon weitere Pläne: Im Zuge eines so genannten "Flurbereinigungsverfahrens" wollen sie Flächen tauschen und somit das Ufer des Saalbachs erwerben. Dann hätten sie die Möglichkeit, den Bach zu renaturieren, dessen Ufer derzeit noch stark vom Menschen geformt sind.

Schwarzstörche im Planetal
Auch im Osten der Republik, im Planetal südwestlich von Berlin, kümmert sich der NABU um einen Bach. In seinem Einzugsgebiet gibt es Feuchtwiesen, Moorflächen und Bruchwald, aber auch Halbtrockenrasen, Gebüsche und Hecken. Mehr als 100 Hektar betreut hier der Kreisverband Hoher Fläming/Planetal, rund ein Drittel davon gehören dem NABU.

Obwohl der Fläming gerade mal als Hügelland bezeichnet werden kann, hat die Plane Ähnlichkeit mit einem Gebirgsbach. Wasseramsel, Moorfrosch und Bergmolch sind hier zu finden; im Wasser leben Bachneunauge und Edelkrebs; am Ufer und über den Wiesen jagen Libellen wie der Kleine Blaupfeil, das Granatauge und verschiedene Quelljungfern. Der Schwarzstorch, der sich in der Saalbachniederung nur mal probeweise sehen lässt, ist in den Wäldern und auf den Wiesen des Brandenburger Planetals noch beständig zu Hause.

Für den Flächenkauf vor zehn Jahren kam das Geld vom Naturschutzfonds des Landes Brandenburg. "Aber jetzt fehlt Geld für die kontinuierliche Betreuung des Gebietes", bedauert Petra Paul. Im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme war sie Tag ein, Tag aus im Planetal unterwegs, um Tiere und Pflanzen zu kartieren. Nach dem Auslaufen der ABM macht sie nun ehrenamtlich weiter. Doch weil sie demnächst einen neuen Job bekommt, wird sie dafür wohl keine Zeit mehr finden. "Zu den Pflegeeinsätzen des NABU kommen manchmal nur noch vier Leute; das ist auf die Dauer etwas anstrengend", berichtet Petra Paul.

Größte Schutzflächen an der Küste
Eine gänzlich andere Landschaft steht im Norden Deutschlands unter NABU-Obhut. Der Landesverband Schleswig-Holstein kümmert sich hier insgesamt um mehr als 36.000 Hektar und ist damit einsamer Spitzenreiter im NABU-Schutzgebietssystem. Eines der Refugien ganz im Norden ist das Naturschutzgebiet "Geltinger Birk" direkt an der Ostsee. Es liegt an der nordöstlichen Landspitze Angelns, am Ausgang der Flensburger Förde und hat eine Fläche von 773 Hektar. Hier kann man Salzwiesen, verlandende Schilfsümpfe, Seegraswiesen und geröllbedeckten Strand bewundern. Der Küstensaum stand bereits ab 1934 unter Naturschutz, seit 1977 gehören die Flächen der landeseigenen Stiftung Naturschutz. Betreut werden sie aber ausschließlich vom NABU Flensburg.

Die Naturschützer sind hier vor allem damit beschäftigt die Vögel zu zählen. "Es ist zwar nicht mit der Nordsee zu vergleichen", sagt NABU-Referentin Ilse Boysen, "aber immerhin kommen wir auf 70 Brutvogelarten." Besonders stolz ist Ilse Boysen auf "ihre" Graugänse: "Wir freuen uns sehr, dass die Vögel hier immer wieder erfolgreich ihre Jungen aufziehen können."

Das Schutzgebiet dient vor allem dem Erhalt der Küstenlandschaft. Rund 380 Pflanzenarten finden hier noch die Standorte, die an den deutschen Küsten immer seltener werden. Zu leiden haben sie meist unter dem Ansturm der Menschen, die in ihrer Freizeit an die Ostsee strömen. Davor sind sie im Geltinger Birk geschützt. Doch die reizvolle Landschaft steht Besuchern offen. "Wir bitten die Naturfreunde nur, auf den Wegen zu bleiben", merkt Ilse Boysen an. "Wer Vögel beobachten möchte, kann das am besten vom Deich aus." Beim Naturschutzwart kann man sich dafür ein Fernrohr ausleihen und außerdem bietet der NABU Führungen durch das Gebiet an.

"In Zukunft haben wir sogar noch mehr zu tun", freut sich Ilse Boysen. Das Naturschutzgebiet soll nämlich bald noch um 400 Hektar wachsen. Die Flächen hat die Stiftung Naturschutz bereits gekauft, und der NABU wird dann auch dort Natur und Besucher gleichermaßen unter seine Fittiche nehmen.

Deutschland grüner machen
"Man sieht, wie vielfältig die Biotope im NABU-Schutzgebietssystem sind", ist Christian Unselt begeistert, wenn er am Computer in Eberswalde die Daten aus der ganzen Republik auswertet. Die Aktivitäten spiegeln dabei gleichzeitig das breite Spektrum der Verbandsmitglieder wieder. Da gibt es den klassischen Vogelfreund, den Hobby-Botaniker, ohne den manche seltene Pflanze verborgen bliebe, Menschen, die ehrenamtlich ein komplettes Biotopmanagement auf die Beine stellen oder eben Leute, die für all das die Geldgeber suchen.

Nur zwei Prozent der Fläche Deutschlands stehen unter staatlichem Naturschutz. Das ist viel zu wenig, um der heimischen Flora und Fauna wirklich ungestörte Rückzugsgebiete zu geben. Wollte der NABU alleine durch Flächenkäufe direkt dafür sorgen, das dies anders wird, er könnte es wohl kaum leisten. Alleine der Kaufpreis würde die finanziellen Möglichkeiten weit übersteigen. Was der NABU aber tun kann, ist Vorbild für staatliches Handeln zu sein: Hier wird demonstriert, wie man naturschonend wirtschaften kann, wie Gewässer zu renaturieren sind und vieles mehr.

Manchmal ist es nur eine ganz kleine Fläche, um die sich eine NABU-Gruppe kümmert. "Doch das Naturerleben, das dadurch möglich wird, ist für die Menschen genau so wichtig, wie die Biotope für die Tier- und Pflanzenwelt", ist Unselt überzeugt. "Ich hoffe, dass das NABU-Schutzgebietssystem hilft, deutlich zu machen, wie der NABU sich überall im Lande für Natur und Umwelt engagiert." Mit jedem neuen Schutzgebiet in NABU-Hand wird die Karte in Christian Unselts Büro bunter - und Deutschland grüner.


Lina-Hähnle-Auwald im Besitz der NABU-Stiftung

Der Schutz wertvoller Lebensräume durch Flächenkauf besitzt im NABU lange Tradition. Schon 1908 erwarb der damalige Bund für Vogelschutz Flächen auf einer Flussinsel bei Lauffen am Neckar, um die dort lebenden Nachtigallen zu schützen. Die Initiative für den Schutz der Insel ging von der Verbandsgründerin Lina Hähnle aus, die den Kauf privat finanzierte. So wurden die Flächen auch nicht Eigentum des Bundes für Vogelschutz, sondern befanden sich bis heute in der privaten Obhut von Lina Hähnles Nachfahren.

Nun hat die Erbengemeinschaft die Flächen der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe geschenkt. Einzige Auflage für den neuen Eigentümer ist, die Insel künftig unter der Bezeichnung "Lina-Hähnle-Auwald" zu führen und so das Andenken an die Verbandsgründerin zu bewahren. (uns)


Naturschutz heute, Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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