Naturschutz heute – Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Wiedergutmachung für die Oster
Eine erfolgreiche Bach-Renaturierung im Saarland.

von Gunther Kopp (Text & Fotos)

Im Mittelalter hat man Brunnenvergifter zum Tode verurteilt und ohne Gnade hingerichtet. Denn ohne sauberes Wasser kann der Mensch bekanntlich nicht überleben und das ist altbekannt.

Seitdem keine Enthauptung mehr drohte, ging man mit dem Wasser und mit den Bächen und Flüssen immer unbedenklicher um. Einer der verheerendsten und im schlimmen Sinne nachhaltigsten Eingriffe ist dabei die Kanalisierung von Fließgewässern. Es gehen nicht nur Lebensräume verloren, sondern auch die wichtigsten Speicher für überschüssiges Niederschlagswasser. Anstatt sich bei Starkregen kräftig voll zu saugen, leiten die dränierten Feuchtgebiete das Wasser nur mit unbedeutenden Zeitverzögerungen in die begradigten Bäche und Flüsse ab, wo es sich stromabwärts, zu einer Hochwasserschwelle aufbaut, die nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist. Heutzutage genügen schon zwei Tage Dauerregen, um gefährliche Hochwasser entstehen zu lassen.

Wieder-Erweckung Stück für Stück
Erhalt und Wiederherstellung ökologisch intakter Bach- und Flusssysteme samt den daraus resultierenden Feuchtgebieten haben deshalb größte Bedeutung. Ein Vorteil dieser Ökosysteme liegt darin, dass sie sich schneller als andere Lebensräume regenerieren können. Ein Paradebeispiel dafür ist das Entwicklungsprojekt Osterrenaturierung im saarländischen Kreis St. Wendel. Hier hat man die Zeichen der Zeit erkannt und ein Modell mit Vorzeigecharakter in die Tat umgesetzt, das in den nächsten Jahren und Jahrzehnten das Ökosystem Ostertal zumindest abschnittsweise wieder zu neuem Leben erwecken wird.

Die Oster entspringt bei Oberkirchen und mündet nach 28 Kilometern bei Wiebelskirchen in die Blies. Mit hohem finanziellen Aufwand hat man in früheren Jahren den Bach begradigt und gepflastert. Zunächst versuchte sich in den 30er Jahren der Reichsarbeitsdienst und in den 60er Jahren nahm sich die Flurbereinigungsbehörde ein zweites Mal der Sache an. Bachbegleitende Bäume und Sträucher, Wasserpflanzen, Uferröhrichte und Flutmulden fehlten danach vollständig.

"Trostlose sumpfige Einöde"
Die Laufverkürzung um ein Drittel und die damit viel höhere Fließgeschwindigkeit nahmen den Bach fast vollständig seine Selbstreinigungskraft. Die zunehmende Verschmutzung durch Abwassereinleitung ließ die Oster bald zur Kloake verkommen. Das Leben im Bach selbst kam vollständig zum Erliegen. Nicht viel besser war es um die Ökologie in unmittelbarer Nähe der Oster bestellt. Die Bachaue wurde komplett dräniert und somit entwässert, was zur Folge hatte, dass die typische Flora und Fauna fast ausnahmslos verschwand. In den Zeitungen konnte man damals vom "Gewinn fruchtbaren Kulturlandes" lesen und von der "Beseitigung einer trostlosen sumpfigen Einöde, mit dem sich dort zahlreich ansammelnden Ungeziefer". Rückblickend ist offensichtlich, dass hier eine schwerwiegende Biotopzerstörung stattfand mit einem drastischen Rückgang von Tier- und Pflanzenarten, die den Anliegern am Unterlauf noch dazu verstärkt Hochwasserprobleme bescherte.

Aus dieser Einsicht heraus wurde beschlossen, die Oster Stück für Stück in den alten Zustand zurück zu versetzen. 1990 hatten die Behörden dann den langwierigen Prozess des Grunderwerbs abgeschlossen, die erste Projektphase konnte beginnen. Vor der praktischen Umgestaltung untersuchten Fachplanungsbüros sowie Wissenschaftler der Universitäten Kaiserslautern, Saarbrücken und Trier das Gebiet. Tier- und Pflanzenwelt wurden erfasst, der Boden ebenso analysiert wie die Wasserverschmutzung, Niederschlagsmenge und Grundwasserentwicklung verfolgt. Ziel war es, den Zustand vor und nach der Renaturierung in möglichst vielerlei Hinsicht miteinander zu vergleichen zu können. Auf die so gewonnenen Erkenntnisse kann später bei Renaturierungen anderer Mittelgebirgsbäche in ganz Mitteleuropa zurückgegriffen werden. Auch Experten aus anderen Bundesländern und dem europäischen Ausland verfolgen die Daten mit großem Interesse. Finanziert werden die Untersuchungen komplett vom Bundesumweltministerium.

Mehr Platz im neuen Bett
1995 ging das Projekt in die zweite Phase. Auf einer Länge von knapp fünf Kilometern wurde der Oster ihr ursprüngliches Bett wiedergegeben. Verbauungen und Wanderhindernisse wurden entfernt, ehemalige Mäander und Schleifen rekonstruiert, Stillgewässer, Biotope und Inseln wurden angelegt, Dränagen verschlossen und die Wiesen in schonendere Nutzung überführt. Zusätzlich wurden mehr als 15.000 Bäume und Sträucher sowie mehrere Tausend Röhrichtsetzlinge gepflanzt.

Die Lauflänge wurde dabei um rund 30 Prozent erhöht und die Durchfließzeit verdoppelt, wodurch sich auch die Selbstreinigungskraft der Oster wesentlich erhöhte. Die Bepflanzungen verhindern nicht nur das Wegspülen des Bodens, sie helfen gleichzeitig mit, das Wasser zu reinigen und bieten zudem zahlreichen Tierarten einen neuen Lebensraum. Parallel dazu wurde mit Phase drei, dem Bau von Kläranlagen begonnen, was bis zum Jahre 2002 abgeschlossen sein wird. Dann erwarten die Experten einen weiteren positiven Schub in punkto Wasserqualität und einen weiteren merklichen Aufschwung der Artenvielfalt.

Wie die Untersuchungen zeigen, hat sich die Wasserqualität auch ohne weitere Kläranlagen schon enorm gebessert. Sie liegt aber noch nicht im gewünschten Bereich. Anders bei Tieren und Pflanzen. In den vielen offenen Wassergräben, Flutmulden und Tümpeln hat sich schon wieder reichhaltiges Leben eingestellt. Frösche, Kröten und Molche haben den neu entstandenen Lebensraum besiedelt und sogar der Seefrosch ist inzwischen flächendeckend vertreten. Bei den Insekten, allen voran den Libellen, ist die Entwicklung noch erfreulicher. Einige Arten haben sich nach kürzester Zeit geradezu explosionsartig vermehrt, wovon wiederum die Vogelwelt profitiert. Unter diesen Umständen wird sogar an die Rückkehr des Bibers gedacht - er ist mit Hilfe des NABU immerhin ins Saarland schon wieder eingezogen.

Hoffnung auf Rückbau
Die 7,5 Millionen Mark teure Osterrenaturierung verdeutlicht, dass die meisten der hoffnungslos erscheinenden Fließgewässer mit Erfolg renaturiert werden können. "Rückbau" in einen natürlichen Zustand muss die Devise einer modernen Wasserwirtschaft lauten. Das Bewusstsein hat sich gewandelt und das gibt Hoffnung. Sumpfige Stellen werden nicht mehr nur als "Ödland" ohne Wert betrachtet, sondern als Zentren der Vielfalt, die es zu erhalten gilt.

Wer sich näher für die Entwicklung der renaturierten Oster interessiert, dem sei ein Spaziergang entlang des dort eingerichteten Lehrpfades empfohlen; Schautafeln bieten einen tieferen Einblick in die Ökologie der "neuen" Osteraue. Am spannendsten ist es aber sicher, all dies mit wachen Augen und einem Fernglas in Augenschein zu nehmen.


Naturschutz heute, Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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