Naturschutz
heute Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
Mehr über Liberia:
"Geheimnisvoller
Regenwald" aus Heft 5/97
Hilfe
zur Selbsthilfe
Der NABU unterstützt Naturschützer im westafrikanischen Liberia.
von Wulf Gatter
Sachspenden
gesucht
Erreicht man nach
einstündiger Fahrt vom Flughafen her Monrovia, die Hauptstadt Liberias,
so fällt es in dunkler Tropennacht schwer zu glauben, dass hier
fast eine Million Menschen lebt. Seit vor einem Jahrzehnt ein blutiger
Bürgerkrieg das Land heimsuchte, leben die Bewohner Monrovias ohne
Elektrizität und fließendes Wasser. Zigtausende Kerzen und
Öllämpchen sowie die trüben Scheinwerfer der gelben Taxis
sind die einzige Beleuchtung. Einzige Ausnahme: das schwer bewachte
und hellerleuchtete Anwesen des Staatspräsidenten.
In diesem einst von freigelassenen amerikanischen Sklaven gegründeten
Land Liberia liegen heute 43 Prozent der verbliebenen Urwälder
des einst riesigen Regenwaldgebietes zwischen Ghana und Sierra Leone.
Liberia ist damit ein Kerngebiet tropischer Artenvielfalt mit globaler
Bedeutung. Deshalb unterstützt der NABU seit fünf Jahren die
Naturschutzgesellschaft des Landes, die Society for the Conservation
of Nature in Liberia (SCNL).
Nahrungsgrundlage
"Buschfleisch"
Neben Weltraritäten wie dem weitgehend auf Liberia beschränkten
Zwergflusspferd und dem fast sagenumwoben seltenen Jentinck's Ducker,
einer Waldantilope, leben hier auch Vogelarten, die weitgehend nur in
diesem Land vorkommen. Drei neue Vogelarten und mehrere Unterarten wurden
seit 1980 aus Liberia beschrieben. Zehn Affenarten und neun Antilopenarten
leben in den Regenwäldern, doch viele dieser Arten sind inzwischen
selten geworden, weil sie alle - den Schimpansen eingeschlossen - bejagt
und verzehrt werden. Viehzucht ist wegen der extrem hohen Niederschläge
und wegen der Tsetsefliege kaum möglich und der Handel mit "Buschfleisch"
hat daher eine lange Tradition.
Von der Naturschutzseite weitgehend ignoriert waren bisher Liberias
Vögel. Dabei beherbergt das Land über 600 Vogelarten, wie
eine 1997 vom Verfasser publizierte Avifauna ausweist. Wetlands International
beauftragte deshalb die Arbeitsgruppe Afrika im NABU-Bundesfachausschuss
Internationales mit der Durchführung eines Lehrgangs zur Fortbildung
der einheimischen Naturschützer. Nach einem zweitägigen Einführungskurs
war ich mit 25 begeisterten jungen Leuten zehn Tage lang unterwegs.
Die Teilnehmer kamen aus verschiedenen Regierungsbehörden, aus
Naturschutzverbänden und von der University of Liberia. Innerhalb
dieses Trainings wurden während der Trockenzeit im Februar und
März 2001 die wichtigsten Feuchtgebiete entlang der Küste
aufgesucht und deren Vogelbestände erfasst.
Mühsamer
Weg über holprige Pisten
Dank der von NABU-Mitgliedern gespendeten Ferngläser und Spektive
waren alle gut mit Optik ausgerüstet. Als problematisch erwies
sich dann, die Exkursionsziele zu erreichen. Für den von der Hauptstadt
Monrovia umgebenen Mesurado River, ein ausgedehntes Mangrovengebiet
mit großem Reichtum an Reihern und Watvögeln, ließ
sich keine Beobachtungsgenehmigung erhalten, weil das Gebiet fast überall
im Blickfeld der am Hang liegenden festungsähnlichen Villa des
Staatspräsidenten liegt.
Für
die 70 Kilometer von der Hauptstadt bis zum Lake Piso, Liberias größter
Lagune, benötigt man vier Stunden. Die oft felsige Piste erlaubt
maximal 30 Stundenkilometer, Brücken überquert man sicherheitshalber
besser zu Fuß und steigt anschließend wieder ein. Zeitaufwändig
ist auch das Passieren von fünf Kontrollpunkten, die jeweils mit
Polizisten, Soldaten, "Anti-Terror-Einheiten", Einwanderungsbeamten
und Zöllnern besetzt sind.
Höhepunkt des Kurses war zweifellos die Bucht von Robertsport am
Lake Piso. Dort hatte schon vor über hundert Jahren der Zoologe
Johann Büttikofer gewirkt. Sein zweibändiges Werk "Reisebilder
aus Liberia" ist ein Klassiker der Westafrikaforschung. Mit einem
angemieteten 16 Meter langen Einbaum der Fischer des Fantee-Stammes
erkundeten wir in verschiedenen Exkursionen die Mangrovensümpfe
der Lagune, wo sich sechs Eisvogel- und neun Reiherarten tummelten.
Meeres-Exkursion
per Einbaum
Aufregender wurde der nächste Tag, der den Seevögeln in der
flachen Meeresbucht galt. Beim Durchqueren der zugegeben rauen Brandung
sank die Stimmung schlagartig. Ein mutiger Student klammerte sich an
den Mast und betete laut. Die anderen stimmten mit traurig religiösen
Gesängen ein. Auf offener See wurde die Laune nur mäßig
besser und eine sofortige Umkehr konnte nur knapp per Abstimmung verhindert
werden. Die Ursache war schnell gefunden: Keiner konnte schwimmen und
keiner war jemals vorher auf dem Meer gewesen.
Hier
in der Bucht rasteten fast 5000 Seeschwalben. Neben geläufigen
Arten aus Europa waren es Rosenseeschwalben und die afrikanische Königsseeschwalbe.
Auf offener See blieb das Artenspektrum zunächst ähnlich.
In pausenloser Folge zogen Brand- und Königsseeschwalben, meist
paarweise nach Nordwest, ihren Brutplätzen entgegen. Nach langer
vogelarmer Strecke tauchten 15 Meilen vor der Küste neben Delphinen
auch die ersten Sturmvögel und Raubmöwen auf. Eindruckvoll
waren aber auch die in großer Zahl in der Dünung treibenden
Portugiesischen Galeeren, staatenbildende Quallen, die unter einer farbenprächtigen
gasgefüllten Blase, die als Segel dient, über den Ozean treiben.
Als es landwärts ging und die Aussicht, den Tag zu überleben,
sprunghaft stieg, schlug die Stimmung schlagartig um. Mehrstimmig und
professionell wurden frohe Lieder gesungen und die Wasserkanister zu
Trommeln umgewandelt.
Papageienart
wiederentdeckt
Als erstes Ergebnis der Exkursion wurden vier Schutzgebiete für
eine kurz- bis mittelfristige Umsetzung vorgeschlagen. Dazu gehören
neben der größten Nehrung des Landes weitverzweigte Systeme
von Mangrovenflüssen und Lagunen sowie ein Labyrinth von Sumpfwäldern
und von den Gezeiten beeinflussten Flussarmen, die selbst heute in unmittelbarer
Nähe der Hauptstadt noch Reste von Primärwäldern tragen.
Die Wiederentdeckung des seit über hundert Jahren als verschollen
geltenden kleinen Grünköpfchen-Papageis Agapornis swinderniana
war ein weiterer Höhepunkt und Ansporn, in ein vogelkundliches
Überwachungsprogramm der wichtigsten Feuchtgebiete einzusteigen.
In Zukunft sind Zählungen an den wichtigsten Wat- und Wasservogelrastplätzen
in regelmäßigen Abständen geplant. Überdies sollen
in weiteren Schulungen das ökologische Verständnis und die
Artenkenntnisse der Teilnehmer vertieft werden. Als Multiplikatoren
sollen diese bei ihrer zukünftigen Arbeit als Lehrer oder Beamte
Nachhaltigkeit bei der Behandlung ihrer Umwelt vermitteln.
Zur
weiteren Unterstützung der liberianischen Naturschützer sind
Sachspenden hoch willkommen. Benötigt werden vor allem weitere
Ferngläser und Spektive sowie englischsprachige Fachliteratur (z.B.
"Handbook Birds of Africa") und Computer, besonders auch Laptops
für die Feldarbeit. Kontakt: Wulf Gatter, Buchsstraße 20,
73252 Lenningen, Tel./Fax 0 70 26-21 04.
Buchtipp: "Birds of Liberia" von Wulf Gatter, erschienen 1997
im Aula Verlag (300 Seiten, 32 Farbfoto-Tafeln. 98 DM. ISBN 3-89104-615-4).
Naturschutz
heute,
Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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