Naturschutz
heute Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
Eisvogel-Links
Botschafter
für lebendige Flüsse
Der Eisvogel benötigt naturnahe Fließgewässer.
von Margret Bunzel-Drüke
(Text und Bilder)
Fast jeder in Deutschland
kennt den Eisvogel zumindest aus der Werbung. Und in den letzten Jahren
wurden die Chancen, den "blauen Blitz" in Natura zu sehen,
immer besser. Dafür gibt es mehrere Gründe: eine Folge milder
Winter, die allmähliche Verbesserung der Wasserqualität und
die zunehmende Befreiung von Bach- und Flussabschnitten aus ihrem Ausbau-Korsett.
Extreme Lebensweise
Wenige europäische Vögel leben so extrem wie der Eisvogel.
Er baut kein Nest, sondern brütet in einer Erdhöhle, die er
in einen ein bis drei Meter hohen, lotrechten Uferanriss oder den Wurzelteller
eines umgestürzten Baumes gräbt. Mit so einem Brutplatz ist
er auf dynamische Landschaften angewiesen, auf Flüsse, die immer
wieder ihren Lauf verändern und dabei Ufer abbrechen und Bäume
umreißen.
Im allgemeinen besteht ein Eisvogelgelege aus sieben, seltener aus sechs
Eiern. Bei erfolgreichen Bruten fliegen fünf bis sieben Junge aus.
Die meisten Paare brüten zwei mal im Jahr, manche auch drei mal;
selbst vier erfolgreiche Bruten in einem Sommer sind möglich. So
dauert denn die Brutsaison des Eisvogels von Ende März bis Ende
September, und ein Paar kann in dieser Zeit durchaus 20 Jungvögel
aufziehen. Oft werden die Bruten geschachtelt, das heißt die Eiablage
einer Folgebrut beginnt, bevor die Jungvögel der vorigen Brut flügge
sind. Dazu braucht das Eisvogelpaar natürlich zwei Bruthöhlen,
die in der selben Steilwand oder auch in einiger Entfernung voneinander
liegen können. Das Männchen kümmert sich dann meist um
die Fütterung der Nestlinge, während das Weibchen das neue
Gelege bebrütet.
Frühe
Brut und früher Tod
Der ungewöhnlich hohen Vermehrungsrate steht eine hohe Sterblichkeit
gegenüber. Wenige Vögel werden älter als drei Jahre,
und rund 70 Prozent aller Brutvögel ist erst im vorangegangenen
Jahr geboren. Die meisten Eisvögel sorgen also schon vor ihrem
eigenen ersten Geburtstag für Nachwuchs und erleben ihren zweiten
Geburtstag nicht mehr. Mit seiner kurzen Lebensdauer und der hohen Fortpflanzungsrate
ist der Eisvogel an eine hohe Variabilität seines Lebensraumes
- auch der Witterung - angepasst.
Der Bestand in Mitteleuropa ist vor allem witterungsabhängig großen
Schwankungen unterworfen. In nassen Sommern mit häufigen Hochwässern
ertrinken oder verhungern viele Bruten. Kältewinter kosten zahlreiche
Eisvögel das Leben; so kommt es zu dramatischen Bestandseinbrüchen
wie in Deutschland 1962/63, 1978/79 oder 1995/96. Dank der hohen Nachwuchsrate
genügen nach einem Eiswinter jedoch wenige gute Jahre, bis der
Brutbestand wieder seine alte Höhe erreicht. Diese Bestandsschwankungen
sind völlig natürlich, allerdings würden sie in der vom
Menschen unbeeinflussten Naturlandschaft auf viel höherem Niveau
verlaufen.
Fischen
im Sturzflug
Eisvögel ernähren sich und ihre Brut überwiegend von
drei bis acht Zentimeter langen Fischen, die sie von Ansitzen aus im
Sturzflug erbeuten. In England gilt die Elritze als die typische Eisvogelnahrung,
in Deutschland das Moderlieschen. Tatsächlich verzehren Eisvögel
beide Fischarten, aber an den meisten Brutplätzen bei uns füllen
andere Arten den größten Teil des Speisezettels. Es sind
verständlicherweise die häufigsten Fischarten, die besonders
zahlreich gefangen werden. Im Tiefland gehören dazu Rotauge (Plötze),
Ukelei, Flussbarsch und die beiden Stichlingarten, im Mittelgebirge
auch die Groppe (Bild oben) und die Bachforelle. Mit Ausnahme des Aals
finden sich jedoch auch alle anderen Fischarten und sogar Bachneunaugen
auf der Beuteliste des Königsfischers wieder.
Besonders günstig sind schlanke Arten, die nicht zu schnell wachsen
oder Zeit ihres Lebens nicht groß werden und daher Kleinfische
heißen. Hochrückige Formen wie Brachsen (Brassen, Blei) oder
sehr schnell wachsende Arten wie Hecht und Quappe (Rutte) stehen dem
Eisvogel jedes Jahr nur in ihren Jugendstadien für kurze Zeit zur
Verfügung. Außer Fischen erbeutet der Eisvogel in geringerer
Zahl andere Wassertiere, zum Beispiel Schwimmkäfer- und Großlibellenlarven,
Wasserwanzen und ausnahmsweise auch junge Frösche.
Naturnahe
Gewässer, insbesondere Flussauen, bieten die besten Möglichkeiten
für den Fischfang. Viele Fischarten benötigen zur Eiablage
oder als Kinderstuben ganz bestimmte Lebensräume wie überströmte
Kiesbänke, pflanzenreiche Buchten, sonnenbeschienene Flachwasserzonen
oder nicht durchflossene, verlandende Altarme. Was gut für die
Fische ist, nutzt auch dem Fischer: In den verschiedenen Auengewässern
findet der Eisvogel stets Nahrung in passender Größe. Ist
der Fluss bei Hochwasser getrübt, herrscht im Altarm noch klare
Sicht; trocknet ein Stichlingstümpel aus, sind die Jungfischschwärme
in der nahegelegenen Flutrinne durch den niedrigen Wasserstand vielleicht
besonders gut erreichbar.
Hilfe für
den Eisvogel
Verschiedene Hilfsmaßnahmen für den Eisvogel wurden schon
erprobt: das Abstechen von Steilufern, das Aufschütten von sogenannten
Nistblöcken, der Bau von Beton- oder Holzwänden, der Einbau
von künstlichen Bruthöhlen, die Anlage von Nahrungsteichen
oder gar beheizte Winterfütterungen. Von den genannten Möglichkeiten
ist das lotrechte Abstechen sandiger oder lehmiger Bach- und Flussufer
als schnelle und erfolgversprechende Sofortmaßnahme zur Linderung
des in vielen Regionen herrschenden Brutplatzmangels zu empfehlen. Die
anderen Maßnahmen sind allenfalls ausnahmsweise sinnvoll: Sie
sind aufwändig, wenig naturnah und für den Bestand von geringer
Bedeutung.
Mit weitem Abstand die wichtigsten und auch langfristig wirksamen Maßnahmen
sind der Schutz bestehender Lebensräume und die Renaturierung ausgebauter
Gewässer. Unter den vorhandenen Brutplätzen sind diejenigen
besonders wichtig, die jedes Jahr, also auch nach harten Wintern, besetzt
sind. An solchen Brutplätzen sind die Zahl der Jahresbruten und
der Bruterfolg hoch und es werden wesentlich mehr Jungvögel flügge
als an selten zur Brut genutzten Plätzen.
Notfalls muss
der Bagger ran
Der Schutz des gesamten Eisvogel-Lebensraumes muss Vorrang vor Einzelmaßnahmen
haben. Der Eisvogel braucht vielgestaltige, sich immer wieder verändernde
Gewässerlandschaften. Flüsse und Bäche, die ihren Lauf
verlagern dürfen und dabei Steilufer, Flachwasserzonen und Altarme
immer wieder neu schaffen, bieten reiches Nahrungsangebot, Ansitze und
Brutmöglichkeiten. Davon profitiert nicht nur der Eisvogel, sondern
eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen der Auen. Wir müssen den
Gewässern durch Flächenankauf und Nutzungsverzicht nur genügend
Raum geben und - wenn nötig auch mit dem Bagger - die Ausbausünden
der Vergangenheit rückgängig machen. Den Rest erledigt die
Natur ganz von allein.
Anschrift der Autorin:
Dr. Margret Bunzel-Drüke, Mester Godert-Weg 8, 59494 Soest, info@abu-naturschutz.de.
Naturschutz
heute,
Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
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Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
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