Naturschutz heute – Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Erfolgreiche Lobbyarbeit
Tafelsilber zur Hälfte gesichert

von Tom Kirschey

Den Reichtum an seltenen Tier- und Pflanzenarten und die wertvollen Landschaften in den neuen Bundesländern nannte der damalige Bundesumweltminister Töpfer das "Tafelsilber der deutschen Einheit". Weit über 100.000 Hektar dieser Naturschätze in den ostdeutschen Nationalparken und Naturschutzgebieten waren zu DDR-Zeit volkseigenes Vermögen. Mit der deutschen Einigung gingen diese Flächen in das Eigentum des Bundes über, die es durch die Treuhandanstalt privatisieren ließ.

Der NABU hat bereits früh darauf hingewiesen, dass durch die Privatisierung von Naturschutzflächen das nationale Naturerbe in den neuen Ländern bedroht wird. Denn jeder Private, der mit seinem Geld Flächen erwirbt, verfolgt damit bestimmte Ziele, die in aller Regel nicht vorrangig mit denen des Naturschutzes übereinstimmen.

Der NABU ist natürlich nicht grundsätzlich gegen die Privatisierung. Diese sollte nur dort unterbleiben, wo die Notwendigkeit zum besonderen Schutz der Natur durch eine Schutzgebietsverordnung zum Ausdruck kommt. Es ist schließlich nicht einzusehen, dass die öffentliche Hand in Form der Bundesländer alljährlich erhebliche Haushaltsmittel aufwendet, um über Flächenkäufe oder Entschädigungszahlungen an private Grundeigentümer die Natur in ihren Schutzgebieten zu erhalten. Und dass gleichzeitig die öffentliche Hand in Gestalt des Bundes die in ihrem Eigentum befindlichen Flächen in den Schutzgebieten an Private veräußert.

Uneigennützige Eigentümer gesucht
Der NABU hat seine Argumente in zahlreichen Lobbygesprächen, Briefen und Pressekonferenzen vorgetragen. Die stichhaltige Argumentation des NABU fand schließlich Gehör bei der Bundesregierung. Bundestag und Bundesrat haben mit dem Vermögensrechtsergänzungsgesetz die Privatisierungsvorschriften für ehemals volkseigene Flächen geändert. Das Gesetz mit dem bürokratischen Namen ist für unsere heimische Tier- und Pflanzenwelt von größter Bedeutung, waren doch Hunderte von Schutzgebieten der neuen Länder unmittelbar von der Privatisierung bedroht.

Die bisher nicht privatisierten Flächen in den Naturschutzgebieten und Nationalparken umfassen noch stolze 100.000 Hektar. Sie werden nun zunächst den Bundesländern und den Naturschutzorganisationen zum Kauf angeboten. Dabei wurde dem Bundesfinanzminister in zähen Verhandlungen abgerungen, dass bis zu 50.000 Hektar Waldflächen unentgeltlich abgegeben werden. Die Länder und die Naturschützer müssen für diese Flächen nur die Erwerbsnebenkosten wie Notargebühren, Grundbuchgebühren und Grunderwerbsteuer bezahlen, die sich bei diesem Flächenumfang gleichwohl in Millionenhöhe bewegen.

Weitere 50.000 Hektar unklar
Die übrigen 50.000 Hektar, überwiegend landwirtschaftlich nutzbare Flächen und Gewässer, gibt der Bund nur zum normalen Verkehrswert ab. Bei einem durchschnittlich anzunehmenden Preis von 3.000 bis 5.000 DM je Hektar sind dafür immerhin zwischen 150 und 250 Millionen Mark erforderlich. Da noch völlig unklar ist, woher diese Mittel kommen sollen, ist das so genannte Tafelsilber zunächst auch erst zur Hälfte gesichert.

"Es ist einer unserer größten Erfolge, dass diese wichtigen Teile des nationalen Naturerbes jetzt nicht verscherbelt werden" so Christian Unselt, NABU-Vizepräsident und Vorsitzender der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe. "Und gleichzeitig ist es für uns die bislang größte Herausforderung, die wir nur mit Hilfe unsere Spender und Förderer meistern können", betont Unselt. Der Haken der neuen Privatisierungsregelung ist, dass die Flächen nur zunächst den Ländern und Naturschutzorganisationen angeboten werden. Können diese eine Fläche nicht übernehmen, wird sie wie bislang gehabt zum Verkauf ausgeschrieben.

Unentgeltlich, aber nicht kostenlos
Über die Verteilung der ersten 50.000 Hektar, den unentgeltlichen Waldflächen, wird in diesen Tagen entschieden. Die Länder Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern werden große Teile der auf sie entfallenden Flächen übernehmen. In Brandenburg, das mit gut 20.000 Hektar den Löwenanteil abbekommt, soll aber der Großteil von gemeinnützigen Naturschutzstiftungen übernommen werden. Hier wollen sich neben der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe vor allem der WWF und Greenpeace engagieren.

Die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe will in Brandenburg bis zu 5.000 Hektar unentgeltlicher Flächen übernehmen, wofür sie etwa 300.000 Mark an Erwerbsnebenkosten zahlen muss. An diese Waldflächen schließen sich 830 Hektar Landwirtschafts- und Gewässerflächen an, für die weitere 1,8 Millionen Mark notwendig sind. "Das ist für uns viel Geld. Wenn ich aber sehe, dass wir hier mit etwa einem halben Pfennig pro Quadratmeter wertvolle Naturparadiese am Stechlinsee, in der Havelniederung oder am Nationalpark Unteres Odertal sichern können, dann müssen wir uns jetzt unserer Verantwortung stellen", appelliert Christian Unselt. Die mühsame Lobbyarbeit der letzten Jahre wäre umsonst gewesen, wenn jetzt die Umsetzung scheitert.

Die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe hat ein Spendenkonto unter der Nummer 81 57 803 bei der Bank für Sozialwirtschaft Köln, Bankleitzahl 370 205 00 zur Rettung des ostdeutschen "Tafelsilbers" eingerichtet. Spenden sind als Zuwendung an eine gemeinnützige Stiftung steuerlich absetzbar.


Naturschutz heute, Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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