Naturschutz heute – Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz vom zweiten Arbeitsmarkt
ABM-Kräfte beim NABU-Regionalverband Burg.

von René Sievert

Der ersehnte "Aufschwung Ost" lässt auf sich warten. Das spüren besonders die Menschen in Sachsen-Anhalt, wo die Arbeitslosenquote deutschlandweit am höchsten ist, zum Beispiel in der Stadt Burg. Da hilft es auch nicht, dass die Landeshauptstadt gar nicht weit weg ist - "Burg bei Magdeburg" steht am Bahnhof der Kreisstadt des Jerichower Landes. Etwa jeder Fünfte in der 24.000-Einwohner-Stadt ist ohne Job, und ohne die vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) wäre die Zahl noch größer.

Achtzig Köpfe starke Truppe
Mit einer ABM bekommen Arbeitslose keinen neuen Job, sondern nur vorübergehend eine ABM-Stelle, im Einzelfall aber gelingt der Sprung zurück ins Berufsleben. Für die Betroffenen ist es in jedem Fall ein Gewinn, wenn sie wieder einer Tätigkeit nachgehen können und nicht selten profitiert auch die Allgemeinheit davon, manchmal Natur und Umwelt. Das zeigt Winfried Lippoldes, Geschäftsführer des NABU-Regionalverbandes Burg und Chef von rund 80 ABM-Kräften. Seine Leute sind für Natur- und Umweltschutz im Einsatz: Pflanzarbeiten, Renaturierung, Umweltbildung. Zwölf der ABM-Kräfte bilden zudem die Landschaftswacht.

In dieser Truppe gibt es Artenschutzspezialisten, die sich bestens mit Fledermäusen, Eulen und Greifvögeln auskennen. Aber auch arbeitslose Maurer, Gärtner oder Kraftfahrer sind mit Eifer dabei. Sie bauen Wege und Teiche im ehemaligen Burger Jugendwerkhof. In der DDR waren hier straffällige Jugendliche untergebracht. Die ABM-Leute pflanzen heute dort Bäume und rücken mit der Sense dem üppig sprießenden Gras zu Leibe. Vorher haben sie den Stacheldraht von den Mauern geholt und die alten Gewächshäuser abgerissen. "Mehr als zweitausend Tonnen Schutt haben wir im ersten ABM-Jahr hier weggeräumt", berichten die Männer, die alle über 50 sind.

Nun sind sie im zweiten Jahr beim NABU und pflanzen, gießen, graben und hämmern. "Man bekommt eine ganz neue Sicht auf die Natur, auf die Tiere und Pflanzen", schwärmt einer von ihnen. Wenn alles fertig ist, gibt es mitten in Burg einen 40 Hektar großen Natur-Erlebnis-Park. Das Gelände des ehemaligen Jugendwerkhofs gehört jetzt dem Diakonischen Werk und heißt Cornelius-Werk. Hier werden Jugendliche, Kinder, pflegebedürftige Senioren und Behinderte betreut. Sie sollen bald das umgestaltete Gelände nutzen, genau wie Schulklassen aus Burg. "Der NABU hat nicht nur eine Verantwortung für Natur und Umwelt, sondern auch für die Menschen", so Winfried Lippoldes. "Der NABU muss umweltpolitisch aktiv sein und naturschutzfachlich topp, aber er hat auch eine sozial-ökologische Aufgabe."

Natur-Erlebnispark in der Elbtalaue
Diese Philosophie versucht Lippoldes auch in die Öffentlichkeit zu tragen, und seine ABM-Leute mit Harke und Schaufel oder Fernglas und Lupe unterstützen ihn dabei. "Unsere Arbeit hier ist doch was wert", sagen sie. "Da kann man stolz sein. Es macht die Stadt ein Stück schöner und ist etwas für die Menschen hier, besonders für die Jugend."

Das bisherige Glanzstück ihrer Arbeit ist der andere NABU-Naturerlebnispark, der ein Stück außerhalb der Stadt im Ortsteil Blumenthal in den Elbtalauen liegt. Dort können schon jetzt Schulkinder viel über Natur und Umwelt lernen. Im Garten wird gezeigt, wie man Vögeln, Fledermäusen und Insekten die passenden Unterkünfte baut. Das Haus der Öko-Domäne hat eine ganze Batterie von Solarzellen auf dem Dach und wird demnächst mit einer Holzvergasungsanlage beheizt. Die Pflanzen in den Gewächshäusern werden mit Regenwasser gegossen und in Kürze kommen noch weitere Häuser hinzu - sie müssen aber noch saniert werden. Dort kann man dann auch übernachten und es soll Ställe und einen Biomarkt geben.

Auf dem großen Gelände steht auch ein "Igel-Hotel", wo Tiere überwintert werden, die das ohne Hilfe nicht schaffen würden. Ziegen und Schafe laden Familien zum Streicheln ein. "Selbst Kinder vom Dorf kennen solche Haustierrassen kaum noch", hat Winfried Lippoldes festgestellt. Besonders beliebt bei den Gästen ist "Charly", der dreijährige Chef der kleinen Herde von Walliser Schwarzhalsziegen mit seinen beeindruckenden Hörnern. Gleich daneben findet man die Schafe um den Hammel "Hoppel". Sie führen aber nicht nur ein Dasein als Streicheltiere, die 120 Schafe werden hauptsächlich zur Landschaftspflege in die Natur geschickt.

Verhinderer-Image abgelegt
25 Jugendliche ohne Ausbildung sind jetzt ein Jahr lang beim NABU in Blumenthal. "Einige von ihnen werden danach sicher eine Lehrstelle bekommen", sagt Winfried Lippoldes voraus - er habe da so seine Kontakte. In Blumenthal gehen die Jugendlichen im Garten zur Hand und einige bauen Blockhütten, in denen künftig Schulklassen eine Nacht im Stroh verbringen können.

Das alles kann nur mit Hilfe von Sponsoren und Spenden finanziert werden, und ohne die ABM-Kräfte wäre es undenkbar. "Die Zusammenarbeit mit Sponsoren klappt gut", berichtet Lippoldes. Baumschulen spenden Bäume, Förster spenden Holz - "Es gibt so viele Kooperationsmöglichkeiten", schwärmt der 48-Jährige, "und das in einer strukturschwachen Region". Man müsse manchmal umweltpolitische Standfestigkeit beweisen, erklärt er, aber meist müsse der Dialog im Vordergrund stehen. Nur so gebe es Erfolge für den Naturschutz. "Sonst bleibt man der ewig nörgelnde grüne Miesmacher". Auf diese Art kann Lippoldes auf Kooperationen verweisen, die wohl nicht überall funktionieren, wo Naturschützer und Naturnutzer aufeinander treffen. Lippoldes: "Wir haben das Image der Verhinderer abgelegt."

Sachsen-Anhalt-Tag 2002
Seit der Gründung des NABU-Regionalverbands 1995 waren dort mehr als 470 Arbeitslose in ABM beschäftigt. "Das hilft nicht nur dem einzelnen Arbeitslosen, nein seine Arbeit hier bei einem gemeinnützigen Verband kommt allen Menschen in der Region zugute", betont Winfried Lippoldes - "anders als bei vielen der großen ABM-Gesellschaften in Sachsen-Anhalt", fügt er kritisch hinzu. Darum sei es wichtig, dass die ABM-Stellen von Jahr zu Jahr erneut bewilligt und weiter vom Arbeitsamt finanziert würden. Kontinuität sei wichtig bei Biotoppflegearbeiten, Kartierungen und Umweltbildung. "Die Menschen hier honorieren das", freut sich Lippoldes. Sein besonderer Dank gilt dabei dem Arbeitsamt, das die Arbeit des NABU-Regionalverbandes immer wieder unterstützt hat.

Im nächsten Jahr wird mit dem Sachsen-Anhalt-Tag in Burg ein landesweites Volksfest stattfinden. Der NABU will dann auf seiner Blumenthaler Domäne Gäste aus dem ganzen Land über nachhaltige Energie- und Abfallwirtschaft informieren. Winfried Lippoldes ist zuversichtlich: Eine umweltverträgliche Bewirtschaftung wird in der Region mehr Arbeitsplätze schaffen als so manch ein Großinvestor, der von der Landesregierung herbeigesehnt wird.

Kontakt: Natur-Erlebnis-Park, Burger Straße 1, OT Blumenthal, 39288 Burg, Tel. 03921-985216.


Naturschutz heute, Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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