Naturschutz
heute Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
Europäische
Fledermausnacht am 25./26. August * Fledermausnachrichten
* Fledermaus-Sonderseiten
Konkurrenz unterm
Kirchturm
Wenn Eulen und Fledermäuse aufeinander treffen
von Dirk Bernd
Fledermäuse
fliegen mit den Händen und "sehen" mit den Ohren. Im
Mittelalter glaubte man, Fledermausblut im Schießpulver erhöhe
die Treffsicherheit von Pistolenkugeln. Bis heute hält sich der
Aberglaube, Fledermäuse würden Menschen beißen und in
die Haare fliegen. Doch Stück für Stück setzt ein Imagewandel
zum Guten ein und das ist nicht zuletzt der Arbeit zahlreicher NABU-Gruppen
zu verdanken.
Besonders aktive Fledermausschützer gibt es auch beim NABU
Bergstraße, wo man sich zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft
Fledermausschutz in Hessen seit mehr als einem Jahrzehnt intensiv um
den Erhalt der stark bedrohten Fledermäuse kümmert. So werden
regelmäßig die Kirchen der Landkreise Bergstraße, Darmstadt-Dieburg
und des Odenwaldes auf Fledermausvorkommen untersucht. Dabei erhalten
bisher für Fledermäuse unzugängliche Kirchen Öffnungen,
die nur von Fledermäusen, nicht aber von verwilderten Haustauben
genutzt werden können.
Ausflug
der Mausohren
Zu den beeindruckendsten Erlebnissen der Naturschützer gehört
die Visite der großen Mausohrkolonien an warmen Sommerabenden.
Nach einer Ausflugzählung der auf Nahrungssuche gehenden Alttiere
werden die Jungen im Quartier erfasst. Dicht gedrängt hängen
die noch teilweise nackten und blinden Jungtiere frei im First. So auch
in einer der ältesten Kirchen am Neckar. Beinahe 700 Jungtiere
und 1000 Alttiere wurden dort im vergangenen Jahr gezählt. Das
macht die Kolonie zu einer der bedeutendsten Vorkommen bundesweit. Die
Jagdlebensräume der Kolonie sind Laubmischwälder, Wiesen und
Viehweiden, in denen die Mausohren in niedrigem Suchflug Jagd auf Laufkäfer
und Wiesenschnaken machen. Diese Gebiete wurden nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie
als Vorrangfläche für den Natur- und Artenschutz an die Europäische
Kommission nach Brüssel gemeldet. In einer dreijährigen telemetrischen
Untersuchung, in der einzelne Mausohren mit einem Minisender von knapp
einem Gramm Gewicht ausgestattet wurden, konnten gezielt Daten über
Lebensraumansprüche, Jagdverhalten und Aktionsradius der Kolonie
ermittelt werden.
Die
Kirchenverwaltung hilft
Auch andere auf Gebäude spezialisierte Arten wie die Langohren,
die Hufeisennasen sowie Fransen- und Zwergfledermaus bevorzugen Dachstühle
von Kirchen. Mit den Kirchenverwaltungen wollen die Fledermausschützer
in Zukunft eng zusammenarbeiten. Gerade bei der Sanierung von Kirchen
wurde in Vergangenheit nur selten Rücksicht auf die Fledermäuse
genommen. Inzwischen leiten die Bauämter der Kirchenverwaltungen
die zur Sanierung anstehenden Kirchengebäude an die Artenschutzgruppe
weiter. Danach werden die örtlichen Fledermauskundler informiert,
um die zuständigen Baufirmen zu kontaktieren. Verwaiste oder bisher
unbesetzte Kirchendachstühle werden erstaunlich schnell von Fledermäusen
besiedelt. Im Dom von Heppenheim sogar von drei Arten gleichzeitig:
der Zwergfledermaus, dem Grauen Langohr und der Mausohrfledermaus.
Eine weitere Ursache für Quartierverluste der Fledermäuse
ist die Ansiedlung der Schleiereule. Selbst wenn die Eule auf einen
Kasten im Turm begrenzt bleibt, reicht ihre Anwesenheit meist aus, Fledermauskolonien
zur Aufgabe ihres Quartiers zu bewegen. Häufig spezialisieren sich
die Eulen auf das Abfangen frei hängender Fledermäuse oder
aus dem Quartier ausfliegender Tiere. Gerade aber die stark bedrohten
Großen Mausohren und Grauen Langohren finden heute ihre letzten
Rückzugsgebiete in den geräumigen und weitgehend störungsfreien
Dachstühlen und Türmen von Kirchen. Ihr Überleben hängt
entscheidend vom Vorhandensein solcher Quartiere ab.
Eulen und Fledermäuse
trennen
In drei von nur noch fünf südhessischen Fortpflanzungskolonien
des Mausohrs veranlassten die Schleiereulen eine Abwanderung der Fledermäuse.
In zwei Fällen gelangte die Eule in den Dachboden der Kirche und
erbeutete die im First hängenden Mausohren. Nach dem Verkleinern
der Einflugöffnungen und dem Fernbleiben der Eule wurden die Kirchen
im darauffolgenden Jahr wieder von einem Teil der Koloniemitglieder
besetzt. An anderer Stelle wurde in einem Mausohrquartier eine Schleiereule
in einem Kasten angesiedelt. Die wenigen Mausohren pflanzten sich nur
noch gelegentlich fort. Da die Kolonie zu erlöschen drohte, wurde
die Eule umgesiedelt. Der Bestand an Mausohren verdreifachte sich im
darauffolgenden Jahr.
In Zukunft sollten Kirchen weitgehend für die Ansiedlung der stark
bedrohten und speziell auf diesen Quartiertyp angewiesenen Fledermausarten
mit kleinen Öffnungen präpariert werden. Für die anpassungsfähigere
und geringer gefährdete Schleiereule reichen Schutzmaßnahmen
in Scheunen, Ställen und Lagerhallen. Hier treffen die Eulen auch
im Winter am leichtesten ihre Hauptbeutetiere, die Mäuse an. So
kann beiden geholfen werden, Fledermäusen in Kirchen und den Schleiereulen
in Scheunen.
Naturschutz heute,
Ausgabe 3/01 vom 27. Juli 2001
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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