Naturschutz heute – Ausgabe 3/00 vom 28. Juli 2000


Naturschutz nach Gutsherrenart

Unsere letzten Schreiadler sind in Gefahr.

von Klaus Hart

Weder Fisch- noch Seeadler fliegen so elegant, balzen so spielerisch-tänzelnd in enormer Höhe ums Weibchen wie die Schreiadler - die es früher in ganz Deutschland gab, bis man sie gnadenlos verfolgte, fast ausrottete.

Bereits lange vor der Wende lebten die letzten über 130 Brutpaare des Aquila pomarina nur noch in der DDR - die meisten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, ganz wenige in Sachsen-Anhalt. Ingenieur Joachim Matthes fahndete mit seinem Freund Martin Neubauer 1968 im damaligen Bezirk Rostock erstmals nach Schreiadlern - seitdem forschen beide gemeinsam mit wenigen anderen Fachleuten, haben lückenlose Statistiken. "Wir sind sogar wie die Partisanen in die Staatsjagden vom Politbüro rein", so Matthes, "manchmal haben sie uns mit vorgehaltener Waffe wieder rausgescheucht."

Nahrungsangebot sinkt
Dann kommt 1989, der Einschnitt. "Bis dahin war's für die hochsensiblen Schreiadler kurioserweise besser", sagt Neubauer, Artenexperte im Rostocker Umweltamt. "Seit der Wende geht der Bestand stetig zurück", stimmt Joachim Matthes zu. "Viele Brutreviere wurden endgültig aufgegeben. Die Lebensbedingungen für den extrem störempfindlichen Adler verschlechtern sich dramatisch, das Nahrungsangebot sinkt." Im vergangenen Jahr zog nur noch jedes zweite bis dritte Paar erfolgreich ein Junges groß.

Die Gründe liegen auf der Hand: Die neuen Privatbesitzer der Schreiadlerwälder, nicht wenige davon Blaublütige, wirtschaften anders - das ganze Jahr über ist jetzt Unruhe, was die Adler vertreibt - und die angrenzenden Nahrungsreviere werden häufig durch starken Chemieeinsatz und Monokulturen wie den vielgespritzten Raps wertlos. Mecklenburg-Vorpommern, adlerreichstes Bundesland, ist neuerdings beim Rapsanbau Deutschlands Nummer eins. Die von der EU geförderte Monokultur wird bis zu zehnmal mit hochkonzentrierten Agrargiften behandelt, die das auch für den Menschen gefährliche Nervengift Parathion enthalten. "Dort im Raps lebt nichts mehr, gibt's nichts mehr zu jagen", sagt Matthes. Greife und andere Tiere haben enorme Nahrungsprobleme, geben Nachwuchs auf, ziehen weg. Hinzu kommen auch für den Schreiadler neuartige, empfindliche Störungen durch Verkehr, Autobahn- und Straßenbau.

Ein Graf und ein Freiherr
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Wolfgang Methling (PDS) erklärt, der Bestand sei in den letzten Jahren nahezu unverändert geblieben. Doch nicht nur Joachim Matthes wirft Methling vor, die Situation zu beschönigen, Probleme zu verschweigen. Gundolf Renze, NABU-Landesgeschäftsführer: "Die letzten deutschen Schreiadler sind in großer Gefahr, höchste Zeit, dass die Politiker in Berlin und Schwerin endlich wirkungsvoll handeln, die Zerstörung der letzten Brutgebiete verhindern."

Eigentlich sollte die Nordvorpommersche Waldlandschaft, ein wichtiges Schreiadlerrefugium, wie vom NABU gefordert komplett als euopaweit bedeutsames Gebiet nach Brüssel gemeldet werden. Doch Minister Methling wurde im Kabinett überstimmt. Der Hauptgrund: Ein Graf und ein Freiherr, denen die Wälder jetzt größtenteils gehören, drohen mit hohen Schadenersatzforderungen. Das Umweltministerium bestätigt, dass die Waldbesitzer gegen Naturschutzgesetze verstoßen, darunter den Horstschutz für Schreiadler.

Abschuss im Nahen Osten
Gundolf Renze weist noch auf andere Probleme: "Es muss endlich politischer Druck auf die Länder ausgeübt werden, in denen die bedrohten Adler immer noch oder neuerdings abgeschossen werden." Auf dem Herbstzug mit Ziel Botswana, Tansania, Zimbabwe oder Mocambique feuern in Syrien, vor allem aber im Libanon Soldaten, Freischärler und Jägerscharen sogar mit Maschinengewehren auf seltene Greifvögel, holen stets auch tausende Weißstörche vom Himmel.

Dr. Bernd-Ulrich Meyburg aus Berlin, Leiter der Weltarbeitsgemeinschaft für Greifvögel und Eulen, bringt seit 1992 fünfzig Gramm schwere Sender auf dem Rücken von jungen Schreiadlern an, um deren Zugverhalten zu erforschen. Doch nur zu viele werden bereits im Nahen Osten auf dem ersten Zug abgeschossen - und so ein Sender kostet immerhin fast fünftausend Dollar.

In Brandenburg - mit fünfundzwanzig bis dreißig Paaren - beobachtet der international renommierte Greifvogelexperte Paul Sömmer von der staatlichen Naturschutzstation Woblitz seit Jahrzehnten die Schreiadler: "Nur etwa die Hälfte der Brutpaare hatte 1999 ein Junges, die Ergebnisse werden immer schlechter." Für den Schreiadler tödlich sei das rapide Ausräumen der Feldflur nach der Wende. In einem Brutrevier mähte die ABM-Brigade für eine Firma mit nervigen Motorsensen am Horst - das Aus für das Schreiadlerkind, im nächsten Jahr blieb der Platz verlassen. "Niemand nimmt auf Schreiadler irgendwelche Rücksichten."

Rücksichtslose Jäger
Hinzu kommt laut Dr. Torsten Langgemach, Leiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Buckow die rücksichtslose Jagdausübung: "Trotz gesetzlichen Verbots, im Umkreis von fünfhundert Metern Jagdkanzeln zu errichten und zu benutzen, beträgt der mittlere Abstand zum Horst in sehr vielen Schreiadlerrevieren nur einhundertfünfzig Meter." Doch Brandenburgs Umwelt- und Landwirtschaftsminister Wolfgang Birthler (SPD), dem auch die Oberste Jagdbehörde untersteht, schweigt zu den Problemen.

Natürlich verlangen auch Brandenburgs Artenschützer von der Berliner Regierung, gegen die Adlermassaker im Nahen Osten vorzugehen. Auf Anfrage wies das Bundesumweltministerium die Forderungen des NABU aber klar zurück. Fachleute wie Paul Sömmer betonen, dass sich der Bund nicht heraushalten darf: "EU-weit brüten Schreiadler nur in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Wir haben deshalb eine riesige Verantwortung."

Naturschutz heute, Ausgabe 3/00 vom 28. Juli 2000

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