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Naturschutz
heute Ausgabe 2/99 vom 2. Mai 1999
Ausgesucht
leckere Bissen
In früheren
Jahrhunderten galt die Goldammer als Delikatesse.
von
Karl Wilhelm Beichert
Langfassung
* Goldammerverse
Die
Auffassung des Ornithologen Bernhard Christian Otto, der 1796 glaubte,
auf eine genaue Beschreibung der Goldammer verzichten zu können, weil
sie „einer der gemeinsten Vögel in Deutschland“ sei, gilt heute leider
nicht mehr für alle Landstriche. Der NABU hat sie deshalb zum Vogel
des Jahres 1999 gewählt.
In der Hochsaison
im Frühjahr mit Nachtigall, Mönchsgrasmücke und all den anderen Sängern
hat die Goldammer kaum die Chance, beachtet zu werden. Und so möchte man
ihr fast Absicht unterstellen, wenn sie nicht nur länger im Jahr singt
als die Konkurrenz, sondern schon auch an den ersten warmen Sonnentagen
Ende Februar anfängt.
Die zahlreichen
existierenden Textunterlegungen des Goldammergesangs sind teils recht
handfester Natur. So heißt es im Fränkischen: „Michel, Michel, friss Dreck!“
oder im Mecklenburgischen gar: „Lick, lick, wat ik schiet.“ Auf das Wetter
bezieht sich die Umschreibung von Victor Wendland: „Wie, wie, wie ist
es doch so schwüüül!“. Eher nüchtern sah im 18. Jahrhundert die Sache
der französische Ornithologengraf Buffon: „Ihr gewöhnliches Geschrei besteht
aus sieben Tönen, von welchen die sechs ersten gleichförmig, und die letzte
feiner und gezogener ist.“
Wundermittel
gegen Gelbsucht
Die Goldammer
trägt ihren Gesang von weithin sichtbaren Singwarten aus vor. Das goldgelbe
Gefieder des Männchens ist auffällig, und man würde erwarten, dass die
Spätantike und das Mittelalter mit ihrer Vorliebe für allegorische Deutungen
sich des Goldes als Ausgangspunkt für lehrhafte Interpretationen angenommen
hätten. Aber dem ist nicht so, im „Physiologus“ etwa, dem um 200 nach
Christus entstandenen und im Mittelalter in seiner Wirkung nur mit der
Bibel vergleichbaren Standardwerk allegorischer Tierbeschreibung, kommt
der Jahresvogel gar nicht vor. Erst Hildegard von Bingen erwähnt sie in
ihrem Arzneibuch „Physica“, ohne allerdings allzu viel mit ihr anfangen
zu können: „Die Ammer ist warm, und sie fliegt gerne in reiner Luft, und
sie taugt weder für gesunde noch für kranke Menschen zum Essen, weil ihre
Nahrung rein und unrein und bitter ist.“
In der Volksmedizin
wird oft Gleiches mit Gleichem behandelt, und so wundert es nicht, dass
der goldgelbe Vogel bei der Behandlung der Gelbsucht eine Rolle gespielt
hat. Caspar Schwenckfeld berichtet im 16. Jahrhundert von der Überzeugung,
man brauche zur Heilung von der Gelbsucht nur eine Goldammer anzusehen.
Diese übernehme dann mit der Farbe auch die Krankheit und müsse sterben,
während der Mensch gesund werde.
Scharweis
wie die Spatzen
Conrad Gesner
wusste 1555 in seinem Vogelbuch schon eine ganze Menge von der Goldammer:
„Zur Winterszeit soll dieser Vogel seine Nahrung im Rosskoth suchen. Sie
fliegen scharweis wie die Spatzen umb die Meyerhöff, Scheuren und Ställ,
dann sie essen Gersten, Korn, Brot, etc. Er wird zuweilen seines Gesanges
wegen in einen Kefich verschlossen. In dessen Nest wird bissweilen der
Guckguck gefunden, daher das Sprichwort von einem undanckbaren Menschen
gesagt wird: Du lohnest mir wie der Guckguck dem Gorse: dann dieser Vogel
auch ein Gorse oder Gurse genenet wird.“
Ihr wenig scheues
Verhalten auf den winterlichen Höfen hat man früher weidlich ausgenutzt,
um die Ammern mit allerlei Fallen, mit Netzen, Sieben und Schlingen zu
jagen. Der Ornithologe Naumann berichtet um 1800 sogar von der Goldammerjagd
mit dem Blasrohr. Die Jagd mit dem Gewehr beschreibt er so: „Wenn man
im Winter nahe bei den Gehöften auf einem Längsstreif den Schnee wegkehrt,
und ihn mit Stroh, Spreu und Körnern bestreuet, wo sie haufenweise auffallen,
so kann ein einziger Schuss eine große Menge zu Boden strecken.“ Eine
andere Methode des Winterfangs war, die Ammern an ihrem gemeinsamen Schlafplatz
aufzusuchen, sie dort mit einer Kienfackel zu blenden und „mit einem Stocke
herabzuschlagen.“
Gemästet
mit Hafer und Hirse
Auch im
Herbst machte man Jagd auf die Ammern, in den man die umherstreifenden
Vögel mit Hilfe von singenden Artgenossen anlockte. Dazu fing man im Frühjahr
ein Männchen, „dämpfte es ein“, setzte es also in einen finsteren Kasten
und verwahrte es darin bis in den Herbst. Erst dann durfte der Gefangene
wieder an das Tageslicht: „Es glaubt nun, es sei so lange Nacht gewesen
und nun Frühling, singt wieder und den ganzen Herbst hindurch. Ein solcher
Sänger ist besser am Heerde, als die besten Lockvögel, weil die andern
dem Gesang weit mehr nachgehen, als allem Gelocke“, urteilt Naumann.
Die Ammern –
neben der Goldammer besonders der heute sehr selten gewordene und der
auch früher nicht häufige Ortolan – wurden gern verzehrt, besonders im
Herbst, weil da ihr Fleisch „mit gelbem Fett überzogen“ war. Wem die Jagd
auf die Ammern zu mühsam oder zu unsicher war, der konnte sie auch für
den Verzehr mästen. Wie der Ortolan wurde auch die Goldammer „in ein dunkles
Zimmer gesetzt, in welches kein Licht von außen kommen kann; man erleuchtet
dieselben mit Lampen, die beständig unterhalten werden, damit sie Tag
und Nacht nicht unterscheiden können“, so Buffon. „In diesem Zimmer, darinn
man hinreichend Hafer und Hirse gestreuet hat, lässt man sie laufen. Bei
dieser Behandlung werden sie außerordentlich fett, so dass sie endlich
für Fett sterben, wenn man solchem nicht dadurch zuvorkommt, dass man
sie zu rechter Zeit tödtet. Wenn man die rechte Zeit wählt, sind sie ausgesucht,
leckere, fette Bissen.“
Nur einen
Groschen wert
Die gemästeten
Vögel erreichten dabei oft das doppelte Gewicht von nicht gemästeten.
Allerdings, so fährt der Kenner fort, könne man nicht allzu viele davon
essen, denn die allezeit weise Natur habe dem Überflusse einen Widerwillen
beigelegt, um uns Menschen gegen unsere eigene Unmäßigkeit zu schützen.
Während Naumann die Goldammer dem Ortolan gleichstellt und der Feldlerche
sogar vorzieht, war die allgemein verbreitete Ansicht bei den Feinschmeckern,
Ortolane seien die schmackhaftesten Vögel überhaupt. Ihre Seltenheit mag
bei dieser Einschätzung eine Rolle gespielt haben. Dementsprechend bezahlte
man für einen Ortolan auch den stolzen Preis von einen Dukaten, während
man für eine Goldammer kaum mehr als einen Groschen anlegen wollte.
Heute ist die
Goldammer vor unseren Kochtöpfen sicher. Aber die Art, wie wir unsere
„Alternativnahrung“ produzieren, schadet der Goldammer und vielen Mitbewohnern
der Feldflur nachhaltiger als die direkte Verfolgung durch unsere Vorfahren.
Wir wissen zwar: Der Anblick der Goldammer heilt nicht von der Gelbsucht.
Wir sollten aber auch im Bewusstsein behalten: Wo wir die Goldammer noch
regelmäßig antreffen, dort ist die Feldflur noch in Ordnung. Und das dient
auf jeden Fall der Gesundheit.
Ähnliche
Beiträge des Autors zu den Jahresvögeln Nachtigall
(1995), Buntspecht
(1997), Feldlerche
(1998) und Rotmilan
(2000)
Goldammerverse
Auf
den Aufruf in Heft 4.98 sind haben die NH-Leser zahlreiche Goldammerverse
eingeschickt, manche „aus dem Volksmund“ und manche selbstgedichtet. Hier
eine Auswahl:
Mien
Nees, Nees, Nees sitt siet
(plattdeutsch
für ‘Mein Nest, Nest, Nest sitzt niedrig’)
Johann Gerken,
27404 Heeslingen
Mädele,
Mädele... deck’s Knie zu!
(aus dem Wildruffer
Land bei Meißen)
Günter Herschel,
01257 Dresden
een,
to, tre, fire, fem, seks, syo
(von eins bis
sieben auf dänisch)
Marianne
Sørensen, 37085 Göttingen
Ratet
doch mal, wer ich bin...
Arnd Weiske,
09217 Burgstädt
‘s
is, is, is, is früh
(bei der Brutvogelerfassung
am frühen Morgen)
Werner Blaschke,
01979 Lauchhammer
Ich,
Du, wir zwei: ein Paar?
Barbara Stenzel,
91586 Lichtenau
Ich
bin so allein, komm doch - heim
Komm und mach
mir das Leben schön
Gib mir Strauch
und gib mir Land
Ich brauche
die Freiheit genau wie Du
sämtlich
von Sandra Dunkel, 21029 Hamburg
Wie,
wie, wie bin ich so müd
Die Kirschen
sind besser als der Stil
Nie, nie, nie
wieder Krieg
sämtlich
aus dem Buch „Vogelstimmen nach Volksmundversen erkannt“ von NABU-Mitglied
Klaus Philipp. Bezug für 15 Mark beim Fauna-Verlag, Eichenweg 8, 85757
Karlsfeld, Tel. 08131-96852.
Naturschutz
heute, Ausgabe
2/99 vom 7. Mai 1999
Inhaltsverzeichnis Ausgabe
2/99
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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