Naturschutz heute – Hintergrundinfo zu Ausgabe 2/01 vom 27. April 2001


Die Position des NABU
zur Wasserkraftnutzung in Deutschland

Auszug aus dem energiepolitischen Grundsatzprogramm des NABU von 1999 (Kapitel 5.2.2, Seite 29).

Das vollständige Grundsatzprogramm "Auf dem Weg zum Solarzeitalter" ist als Broschüre erhältlich beim NABU-Infoservice, Postfach 30 10 54, 53190 Bonn, NABU@NABU.de.



Mit Hilfe der Wasserkraft werden derzeit rund 4,3 Prozent des deutschen Strombedarfs gedeckt. Kleine Wasserkraftanlagen mit einer Kapazität von bis zu 1.000 Kilowatt - es gibt derzeit rund 6.000 dieser Anlagen in Deutschland - stellen davon rund 9 Prozent, die großen über 10 Megawatt fast 70 Prozent zur Verfügung.

Im Spannungsfeld "Wasserkraftnutzung zur Energieerzeugung" besteht der Konflikt zwischen zwei verschiedenen umweltpolitisch bedeutsamen Zielen, nämlich der Förderung der erneuerbaren Energiequelle Wasserkraft und der Erhaltung bzw. Wiederherstellung naturnaher Gewässer und Gewässerlandschaften. Beiden Zielen kommt ein hoher Stellenwert zu. Kleinwasserkraftanlagen sind als dezentrale Anlagen zu begrüßen, können jedoch nur einen verhältnismäßig geringen Teil zur Stromversorgung beitragen.

Heute werden etwa zwei Drittel des bestehenden verfügbaren Potentials an Wasserkraft bereits genutzt; theoretisch steht somit noch ein Drittel für einen Ausbau zur Verfügung. Allerdings sind die sogenannten "guten", also wirtschaftlich interessanten Stellen für die Nutzung bereits ausgebaut. Würden heute noch Anlagen gebaut, würden diese deutlich teurer als die bisherigen, zusätzlich würde dies mit Beeinträchtigungen im Naturhaushalt verbunden sein.

Zur Lösung des Konfliktes müssen Richtlinien aufgestellt werden, die zum einen eine sachgerechte Entwicklung der Wasserkraftnutzung ermöglichen, gleichwohl aber auch den berechtigten Interessen des Naturschutzes Rechnung tragen. Dem Wesen des Kompromisses entsprechend wird es nicht möglich sein, für jede Seite eine optimale Lösung zu erreichen.
Bei der Abwägung sind folgende Kriterien zu berücksichtigen und zu gewichten:

1. Aufgrund der natürlichen Gebietsstruktur sind die meisten guten Standorte für den Zubau von Wasserkraftanlagen bereits verbaut. Wo ältere Wasserkraftanlagen wichtige Gewässerfunktionen beeinträchtigen, ist es Aufgabe der Wasserwirtschaft, auf eine Anpassung der Wasserkraftnutzung an die veränderten wasserwirtschaftlichen Gegebenheiten hinzuwirken.

2. Unberührte Fließgewässerstrecken und Wildflusslandschaften sind Tabuzonen für jegliche Eingriffe, d.h. insbesondere auch für neue Wasserkraftanlagen. Sie müssen als naturschützerische Vorrangflächen wirksam geschützt werden.

3. Bei der aus ökologischen Gründen sinnvollen Steigerung des Energieanteils aus der Wasserkraftnutzung sollten die folgenden Gesichtspunkte Berücksichtigung finden:

- Dem Ausbau und der Modernisierung bestehender Wasserkraftwerke muss der Vorrang vor dem Neubau von Anlagen gegeben werden.

- Revitalisierung stillgelegter Stromerzeugungsanlagen, wobei die ökologischen Auswirkungen (Strömung und Turbulenzen) zu berücksichtigen sind.

- Beim Neubau von Anlagen sind ökologische Anforderungen (Längsdurchgängigkeit, Aufstiegshilfen, Mindestabflussmenge) in der Form zu berücksichtigen, dass diese bei Nichterfüllung zur Ablehnung des Vorhabens führen.

Wasserkraft ist nicht gleich Wasserkraft. Es gibt kleine (bis ein MW), mittlere und große Wasserkraftwerke (ab zehn MW), Laufwasserkraftwerke, Speicherwasserkraftwerke, Pumpspeicher-, Gezeiten und Wellenkraftwerke. Darüber hinaus unterscheidet man nach Fallhöhe zwischen Niederdruckanlagen und Hochdruckanlagen. Im folgenden werden nur die bedeutsameren Kraftwerktypen genannt.

Kleine Wasserkraftanlagen werden in den letzten Jahren zunehmend wieder in Betrieb genommen. Dies ist aus klima- und energiepolitischer Sicht zu begrüßen, sofern gewährleistet ist, dass dadurch keine ökologischen Schäden entstehen.

Laufwasserkraftwerke werden in Nieder-Staustufen der Flüsse eingebaut, wobei der Fluss oft gleichzeitig zu einer Schifffahrtsstraße ausgebaut und das Hochwasser reguliert wurde. Diese Anlagen erzeugen über 50 Prozent des gesamten Wasserkraftstroms. Kraftwerksbetreiber und die Schifffahrtsämter fordern die Förderung des weiteren Ausbaus, zum Beispiel an Oder und Elbe. In der Vergangenheit wurden diese Ausbaumaßnahmen häufig ohne Rücksicht auf eventuelle ökologische Schäden ausgeführt; Ausgleichsmaßnahmen, funktionsfähige Aufstiegshilfen usw. waren häufig nicht vorgesehen.

Speicherwasserkraftwerke dienen vor allem als Trinkwasserreservoire. Hierfür werden Flusstäler querverbaut und mit Beton- oder Erddämmen gestaut. Die durch überflutete Flussauen und Hochwasserregulierung im Unterlauf entstehenden ökologischen Auswirkungen werden zumeist nicht berücksichtigt.

Pumpspeicherkraftwerke dienen ausschließlich der Abdeckung des Spitzenstrombedarfs, indem zu Zeiten geringer Nachfrage Wasser aus einem nahegelegenen Fluss oder See hochgepumpt wird und zu Zeiten hoher Stromnachfrage "rückwärts" durch die Pumpen läuft und somit wieder Strom erzeugt.

Gezeitenkraftwerke sollen die Wassermassen von Ebbe und Flut nutzen. Bis auf ein solches Kraftwerk in Frankreich scheitert der Ausbau solcher Anlagen an zu geringem Tidenhub, Gezeitenverschiebung und der (durch aggressives Salzwasser, Muschel- und Algenbildung) mangelnden Wirtschaftlichkeit. Wellenkraftwerke werden derzeit versuchsweise vor allem an den Steilküsten der skandinavischen Länder getestet; auch hier werden die Erfolgsaussichten eher skeptisch eingeschätzt. Für Deutschland haben beide Kraftwerkstypen keine Bedeutung.

Deshalb:

- Bei allen (neuen und alten) Anlagen ist sicherzustellen, dass die Lebensräume gesichert oder wiederhergestellt werden.

- Die zum Teil erheblichen ökologischen Altlasten vorhandener Laufwasserkraftwerke sind zu beseitigen. Hier gibt es viel Nachholbedarf an Rekultivierungsarbeit und ökologischen Ausgleichsmaßnahmen.

- Pumpspeicherkraftwerke unterstützen als Speichermedium den Wandel der Energieversorgung in Richtung Erneuerbare Energien, indem sie die Spitzennachfrage nach Strom abdecken können. Ein weiterer Bedarf an Neuanlagen besteht derzeit jedoch nicht.


Naturschutz heute, Hintergrundinfo zu Ausgabe 2/01 vom 27. April 2001


Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de.

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