Naturschutz heute – Ausgabe 2/01 vom 27. April 2001


Der König braucht Hilfe
Das LBV-Hilfsprogramm für den Steinadler.

von Bernd Pieper

Greifvogelschutz wird beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) ganz groß geschrieben. Es gibt drei staatlich geförderte Hilfsprogramme für den Wanderfalken, den Steinadler und die Wiesenweihe, seit einigen Jahren werden die bayerischen Greifvogelbestände in vielen Gebieten möglichst genau erfasst. Dabei gibt es durchaus Erfolge zu vermelden. So erlebt etwa die stark bedrohte Wiesenweihe im Raum Mainfranken eine echte Renaissance, zwischen 1994 und 1999 steigerte sich die Zahl der ausgeflogenen Jungvögel von vier auf 80. Der Wanderfalke ist wieder in allen bayerischen Mittelgebirgen zu Hause und schreckt auch vor der Eroberung der Landeshauptstadt nicht zurück. Außerhalb der Alpen wurden im Jahr 2000 über 60 besetzte Reviere gezählt, aus denen 85 Jungfalken ausflogen.

Anders sieht es dagegen bei den Steinadlern aus. Einstmals bis weit ins Tiefland und die Mittelgebirge hinein verbreitet, wurde der Bestand der mächtigen, mit einer Spannweite von über 2,20 Meter ausgestatteten Vögel zum Ende des vorigen Jahrhunderts durch intensive Bejagung drastisch dezimiert. Im Gegensatz zu Braunbär, Wolf, Luchs oder auch Bartgeier überlebte der Steinadler den Vernichtungsfeldzug gegen das so genannte Raubwild, durch Schutzmaßnahmen seit Beginn des 20. Jahrhunderts erholte sich der Bestand langsam und schien stabil zu sein. Für den gesamten Alpenbogen gehen Fachleute heute von über 1000 Brutpaaren aus. Allerdings haben systematische Bestandsaufnahmen und Revierkontrollen der etwa 44 in Bayern lebenden Steinadler-Paare seit 1987 einen extrem niedrigen Bruterfolg ergeben.

Alarmierende Ergebnisse
Worauf lässt sich der geringe Bruterfolg des Steinadlers in Bayern zurückführen? Per Landtagsbeschluss vom 3. Juni 1996 wurde das bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen mit der Untersuchung dieser Frage beauftragt. In Zusammenarbeit von Ministerium, LBV, dem Nationalpark Berchtesgaden und der staatlichen Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen wurde das Artenhilfsprogramm Steinadler ins Leben gerufen. Dabei wurden die bayerischen Alpen in drei Untersuchungsgebiete aufgeteilt: Nationalpark Berchtesgaden mit Umland, der mittlere Alpenabschnitt mit Werdenfelser Land sowie das Ost- und Oberallgäu.

Der LBV übernahm das Betreuung des über 1000 Quadratkilometer großen Gebietes im Allgäu südlich von Kempten, in dem seit 1997 detaillierte Untersuchungen am Steinadler durchgeführt werden. Die ersten Ergebnisse sind alarmierend. Zwar konnten die LBV-Aktiven im Allgäu zehn Steinadlerreviere in einer Größe zwischen 29 und 135 Quadratkilometern kartieren. Allerdings brüteten dort zwischen 1987 und 1998 pro Saison nur durchschnittlich 4 Paare, die jährlich zwei Jungadler zum Ausfliegen brachten - viel zu wenig, um auf Dauer den Bestand aus eigener Kraft zu sichern, obwohl Steinadler locker über 20 Jahre alt werden können. 1994 war im Allgäu erstmals seit Beginn der Untersuchungen überhaupt kein Bruterfolg zu verzeichnen. LBV-Steinadlerexperte Max Jakobus führt die relativ hohe Zahl an Steinadler-Paaren in Bayern denn auch auf die Zuwanderung aus anderen Ländern zurück.

Zu viel Stress
Für definitive Aussagen ist es noch zu früh, aber die bisherigen Untersuchungen der LBV-Aktiven lassen einige begründete Vermutungen zu. "Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass Steinadler sehr empfindlich auf Störungen durch den Menschen reagieren", so Max Jakobus. Erst wenn Wanderer, Mountainbiker oder Gleitschirmflieger am Abend verschwunden sind, ergreift der Steinadler wieder von seinem Revier Besitz. Hier dürfte es künftig darauf ankommen, durch ein effektives Schutz-Management die unterschiedlichen Interessen von Naturschutz, Landwirtschaft, Freizeit und Tourismus zum Schutz der letzten Steinadler im Allgäu sinnvoll miteinander zu verknüpfen.

Im Brutjahr 2000 sind im Untersuchungsgebiet drei Jungadler ausgeflogen. November 2000 ist es den LBV-Aktiven erstmals gelungen, einen männlichen Steinadler mit einem Sender zu versehen. Mit Hilfe der Telemetrie kann nun der Tagesablauf eines Steinadlers lückenlos dokumentiert, können wertvolle Erkenntnisse über Revierverhalten und Nahrungssuche für die Entwicklung eines wirkungsvollen Schutz- und Besucherlenkungskonzeptes gewonnen werden.

Dafür ist es auch allerhöchste Zeit, wie Max Jakobus betont: "Wenn wir nicht bald den katastrophalen Trend der Brutergebnisse umkehren können, weiß ich nicht, ob wir eine eigene Steinadlerpopulation in Bayern halten können." Und es wäre wirklich eine Schande, wenn dieses majestätische Tier, seit Urzeiten Symbol für Kraft, Freiheit und Würde, bei uns nur noch als Legende existieren könnte.

Weitere Informationen: Max Jakobus, LBV-Bezirksgeschäftsstelle Schwaben, Tel. 08331-901182.


Naturschutz heute, Ausgabe 2/01 vom 27. April 2001


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