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Naturschutz
heute Ausgabe 2/00 vom 28. April 2000
Text-Langfassung:
Kleine Kobolde
Nach acht Monaten
Winterruhe werden unsere Siebenschläfer jetzt wieder munter.
von Jürgen Huhn
Nicht weit vom Forsthaus,
in dem ich lebe, steht die alte Grenzeiche. Schon vor Jahren hatte ein
Buntspecht seine Bruthöhle in den starken Stamm hineingebaut
fast in Augenhöhe und den Nachwuchs großgezogen. Später
wechselten häufig die Besitzer der Höhle. Mal waren es Kohlmeisen,
dann wieder Stare mit ihrer Brut und im vergangenen Jahr hängte ein
kleiner Hornissenschwarm sein Wabennest darin auf.
Nun sind es quirlige Blaumeisen, die schon seit Tagen emsig die Höhle
mit Futter anfliegen. Doch heute sind sie nicht besonders fleißig.
Eine dreiviertel Stunde beobachte ich nun schon das Einflugloch, aber
kein Altvogel lässt sich blicken. Das ist ungewöhnlich, irgend
etwas stimmt nicht. Am Höhlenloch keine verdächtigen Spuren,
die auf das Eindringen eines Nesträubers hinweisen, und auch unten
am Boden kein herausgeworfenes Nestmaterial. In der Höhle selbst:
Totenstille.
Aber gerade, als ich die kleine Stablampe in das Loch schiebe, um mir
einen Einblick in das Innere zu verschaffen, ertönt darin mit kurzen
Unterbrechungen eine Art Suren, ähnlich dem Lauf einer alten Nähmaschine,
und gleich darauf zeigt sich die weißliche Unterseite eines Kopfes
mit zwei entblößten, kräftigen, gelblichen Nagezähnen:
die beachtliche Drohgebärde eines im Schlaf gestörten Siebenschläfers.
Den jungen Blaumeisen hat er sich in gleicher Weise angenommen, wie auch
andere Nesträuber, so dass es für die Vogeleltern nichts mehr
zu füttern gab. Eines der kleinen Dramen, die sich immer mal wieder
bei Besitznahme einer bewohnten Nisthöhle abspielen und die manchem
Vogelschützer die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Mit aber ist der Siebenschläfer gleichwohl so lieb wie all die kleinen
gefiederten Sänger. Hat er doch, im Gegensatz zum Menschen, noch
keine Vogelart ausgerottet. Immer mal wieder taucht einer dieser kleinen
nachtaktiven auch Bilche genannten Schlafmäuse hier auf, wandert
aber schon nach wenigen Tagen Aufenthalt wieder ab. So vermutete ich,
würde auch dieser Vogeldieb nur ein kurzzeitiger Gast sein, doch
es kam ganz anders.
Nächtliche
Poltergeister
Eine Woche später. Kurz vor Mitternacht werden wir durch laute Geräusche
im Dachboden geweckt. Eigentlich nichts besonderes, denn selten ist es
da oben, einer Art Krankenstation für verletzte Wildvögel, mal
ganz still. Doch dieses poltern, schreien, quieken ist seltsam und gehört
keinesfalls zu den Lautäußerungen unseres derzeitigen Pfleglings
Julchen, der Schleiereule. Vielleicht aber ist sie in Gefahr, denn durch
Futterreste angelockt zeigt sich gelegentlich auch ein Steinmarder, der
den Dachraum leicht über Garage und Heuboden erreichen kann.
Also vorsichtig die letzten Stufen bis zur Bodentür hinauf. Noch
ist das Spektakel in vollem Gange, an dem wohl mehrere der geheimnisvollen
Unruhestifter beteiligt sein müssen. Doch bevor noch die Tür
ganz geöffnet und der Lichtschalter gedrückt ist, ist der ganze
Spuk verschwunden, Stille. Julchen ist nicht zu sehen. Der Beinbruch ist
schon so gut verheilt, dass sie die letzten Nächte draußen
im Freiflug unterwegs ist, zum Tagesschlaf aber noch immer auf den Boden
zurückkehrt. Doch auf dem letzten Balken, fast unter dem Dachfirst,
hebt sich in der dunkelsten Ecke etwas helles ab und im Licht der Taschenlampe
offenbart sich mir ein Siebenschläfer. Kaum habe ich ihn als solchen
erkannt, ist er auch schon hinter der Holzverschalung verschwunden.
Der erste Siebenschläfer, der dem Forsthaus einen Besuch abstattet.
Ob es der aus der Blaumeisenhöhle ist? Auf jeden Fall aber sind es,
wie sich später herausstellt, sogar drei Siebenschläfer, die
jetzt Ende Juni so lautstark ihr Ranzverhalten begleiten. In den zwei
folgenden Nächten machten sie nochmals unüberhörbar auf
ihre Anwesenheit aufmerksam. Danach war von ihnen nichts mehr zu hören,
auch keinerlei Spuren gaben irgend einen Hinweis, dass sie sich noch in
der Nähe aufhielten.
Neugierig und vernascht
Dann, in den Sommermonaten, hatte ich im Schuppen häufig, oftmals
bis in die späte Nacht hinein zu tun. Von den kleinen vor Ort eingelegten
Kaffeepausen blieben immer mal Reste von Süßigkeiten liegen.
Manches Mäuschen hatte sich schon darauf eingestellt und fand natürlich
auch am gefüllten Teller gefallen. Eines abends, nach längerer
Unterbrechung an die Arbeit zurückkehrend, sitzt doch ein Siebenschläfer
am Teller mit dem süßen Gebäck. Da und dort schnuppernd,
hat er doch jetzt noch die Auswahl, zieht mit den Vorderpfötchen
ein Plätzchen aus dem Häufchen heraus, packt es mit den Nagezähnen
und verschwindet blitzschnell durch das offene Fenster im Dunkel des Gartens.
Im Laufe der Zeit wurde der kleine Dieb immer dreister, denn selbst meine
Anwesenheit hielt ihn vom nächtlichen Schuppenbesuch nun nicht mehr
ab. Einen Augenblick beobachtet er mich, noch im offenen Fenster sitzend,
um dann geschwind auf den Balken unter die Decke zu klettern. Von sicherer
Warte, bewegungslos, fast starr, lässt er mich nicht mehr aus seinen
großen Augen. Nur die Ohren sind ständig in Bewegung, werden
abwechselnd gedreht und gekippt und können so auch die leisesten
Geräusche genau fixieren. Der Siebenschläfer wird nun warten,
bis ich den Raum verlasse, denn so oft er meine Nähe auch akzeptiert,
die Fluchtdistanz von rund fünf Metern wird immer eingehalten.
Bin ich lange genug weg, kommt es vor, dass alle Plätzchen abgeräumt
werden, die sich aber später teils als Vorrat in einer Nisthöhle
draußen im Garten wiederfanden. Auch im Wald werden derartige Höhlen
gerne als Vorratslager genutzt, in die aber meistens unverderbliche Nahrung
wie etwa Haselnüsse eingetragen werden.
So hatte sich mein kleiner nächtlicher Freund zu einen beständig
wiederkehrenden Gast entwickelt. Eine Tatsache, die auch aus manchen Jagd-
und Schutzhütten bekannt ist. Eine gewisse Neigung zum Kulturfolger
ist beim Siebenschläfer unverkennbar. Bald hatte er auch das stets
offene Fenster zur Speisekammer entdeckt und fand in der zum Schutz eingesetzten
Fliegengaze keinen nennenswerten Widerstand, so dass sie sofort durch
ein feinmaschiges Drahtgitter ersetzt wurde.
Eine Familie stellt
sich ein
Zu keiner Zeit hatten sich bisher Siebenschläfer in eine der im Forsthausgarten
aufgehängten Nisthöhlen zur Tagesruhe einquartiert. Wie weit
sie dafür Verstecke im Gebäude nutzten, ist möglich, nur
blieb die Suche danach bisher ohne Erfolg. Anfang August dann die große
Überraschung: In einer der etwas verdeckt angebrachten Höhlen,
zwischen frisch eingetragenen Eichenblättern, liegt eine Siebenschläfermutter
mit vier etwa sechs Wochen alten Jungen. Mit Sicherheit gehörte sie
zu den drei Poltergeistern vom Dachboden. Ob sie auch mein Gast aus dem
Schuppen ist?
Halb auf den Rücken liegend versucht das Weibchen, den vermeintlichen
Feind durch die typischen Drohlaute einzuschüchtern und mit schnellen
Schlagen der Vorderbeinchen abzuwehren. Der Nachwuchs aber, noch im silbergrauen
Jugendkleid, drängt sich ängstlich in die hinterste Ecke der
Höhle. Schnell das Quartier wieder schließen, denn Störungen
während der Tagesruhe, werden sehr übel genommen und stets in
der folgenden Nacht mit Wechsel des Schlafplatzes quittiert. Meine Hoffnung,
die kleine Gesellschaft mal bei einen gemeinsamen Ausflug zu erleben,
erfüllte sich leider nicht, da die Jungen bereits selbstständig
waren. Zwar fand man sich zum Tagesschlaf noch gemeinsam zusammen, in
den Nächten aber suchte jeder alleine seinen eigenen Weg in den Baumkronen
zur Nahrungssuche.
Ein Allesfresser,
gewandt und ortstreu
Siebenschläfer passen sich dem jahreszeitlichen Nahrungsangebot gut
an. Von pflanzlicher Kost bis hin zu Insekten, Vögeln, Eiern und,
wo erreichbar, fast alles an menschlicher Nahrung wird aufgenommen. Man
kann ihn fast als einen Allesfresser bezeichnen. Jetzt im Spätsommer
aber suchen die Siebenschläfer bevorzugt nach Eicheln und Bucheckern.
Eine wichtige Nahrung zum Aufbau von Fettreserven für den bevorstehenden
langen Winterschlaf. Häufig gelingt es, den einen oder anderen der
fünfköpfigen Familie beim nächtlichen Früchtesammeln
zu beobachten. Die Jungen sind sehr lichtscheu, verschwinden mit Einschalten
des Scheinwerfers meistens schnell im Dunkel der Baumkronen, während
das Muttertier fast unbeeindruckt die Nahrungsaufnahme fortsetzt. Da es
auch bei meiner Stimme völlig vertraut bleibt, ist sicher, dass sie
der nächtlicher Besucher im Schuppen sein muss.
Gewandt klettern sie in Eichen und Buchen, bis an die äußersten
Spitzen auch kleiner Äste, und überwinden springend oft mehrere
Meter, dabei mit dem buschigen Schwanz balancierend und steuernd. Dünne
Zweige werden mit den Händen und den darauf sitzenden dicken Schwielen
sicher umfasst, während an Stämmen und dicken Ästen die
Krallen an den Zehenspitzen einen festen Halt geben.
Das schnelle und sichere Bewegen in den nächtlichen Baumkronen, auch
auf der Flucht vor ihren flinken Hauptfeind dem Baummarder, ist nur möglich
durch ein harmonisches Zusammenspiel von drei Sinnesorganen: Tasthaare,
Geruch und Gesicht. Die Suche nach Früchten erfolgt durch den Geruch.
Ist eine Eichel entdeckt, wird sie mit Hilfe der Hände und Zähne
aus dem Körbchen gezogen, von den äußeren Schalen befreit
und an Ort und Stelle nagend gefressen.
Ihre besondere Vorliebe für Süßigkeiten führt die
Siebenschläfer jetzt häufig zu den reichlich früchtetragenden
Zwetschenbäumen im Forsthausgarten. Vor dem Ernten wird jede Frucht
einer intensiven Geruchskontrolle unterzogen. Ist genügend Auswahl,
entscheidet man sich erst für die ganz reifen, also besonders süßen
Früchte. Da der Verzehr etwas langwierig ist, schleppt der Siebenschläfer
sie oft mit viel Mühe in ein sicheres Versteck, um sie dort in Ruhe
bis auf den Kern fein säuberlich abzunagen. Dass dafür immer
wieder die gleichen Plätze aufgesucht wurden, zeigten die größeren
Häufchen von Kernen, die ich später im Schuppen entdeckte.
So sind die Nächte jetzt ausgefüllt mit ständigen Suchen
nach Nahrung, wobei die Schläfer mitunter aber auch am Boden heruntergefallene
Eicheln und Bucheckern suchen. Gewicht und Leibesumfang nehmen durch die
angefressenen Fettpolster immer mehr zu. Mit über 200 Gramm Körpergewicht
sind sie jetzt fast dreimal so schwer wie in den Sommermonaten.
Dann kann es schon mal vorkommen, dass das Einschlupfloch einer neu gewählten
Tagesschlafhöhle mit 32 Millimetern nicht mehr ausreicht und der
kleine dicke Kerl beim morgendlichen, schnellen Einschlüpfen auf
halber Länge plötzlich stecken bleibt. Ein solch hilfloses Geschöpf
entdeckte ich eine nachmittags in einer Schwegler-Nisthöhle draußen
im Wald. Kopf und Vorderbeine waren bereits innen, der Rest aber hing,
fast waagerecht noch außerhalb der Nisthöhle. Ab und zu suchten
die in der Luft hängenden Hinterbeinchen zappelnd nach festem Halt,
aber schon recht kraftlos. Befand sich doch der arme Kerl mindestens zehn
Stunden in dieser misslichen Lage.
Sicher hätte er sich, durch die nun eintretende Zwangsdiät in
der folgenden Nacht selbst befreien können, doch so lange wollte
ich das arme Kerlchen nicht mehr leiden lassen. Also hängte ich vorsichtig
die Frontplatte mit dem Eingeklemmten aus, was natürlich sofort ein
heftiges Geschrei und Schlagen der Vorderbeinchen auslöste. Ihn nur
am Schwanz rückwärts rauszuziehen war nicht möglich, da
seine Fettpolster recht fest verkeilt waren und darüber hinaus auch
die sehr zarte Schwanzhaut sich schnell lösen kann eine Schutzmaßnahme
gegen Fressfeinde.
Durch vorsichtiges Drücken gegen den Kopf, aber mit Schal
den er auch sogleich wütend mit den Nagezähnen attackiert
und gleichzeitiges Ziehen am Hinterteil, versuchte ich nun, ihn frei zu
bekommen. Es klappte, mit viel Geduld, auch wenn er dabei, sicher in größter
Todesnot, Zeder und Mordio schrie. Etwas benommen, einen kurzen Moment
noch am Boden sitzend, kletterte er dann in größter Eile auf
die nächststehende hohe Fichte und blieb dort, ab und zu nochmals
schimpfend, eine zeitlang sitzen.
Bis Ende September hielt sich die ganze Familie noch im Forsthausgarten
auf. Siebenschläfer sind bei ausreichender Nahrung, einer größeren
Zahl zur Verfügung stehender Höhlen und wenig Störungen
sehr ortstreu. Die Schlafquartiere innerhalb ihres Streifgebietes werden
aber häufig gewechselt. Auch im Garten finden von den sieben Nistkästen
vier immer wieder abwechselnd als Schlafquartiere Verwendung, während
die restlichen teils als Vorratslager genutzt werden. Anfang Oktober fand
ich das letzte Mal die ganze Familie. Allerdings hatten sich bereits zwei
Junge von der Mutter getrennt und zum Tagesschlaf eine eigene Nisthöhle
aufgesucht. Zwei Tage bewohnten sie noch diese Unterkunft, dann hatten
sie sich abgesetzt, möglicherweise schon in ihr für mich unbekanntes
Winterquartier.
Acht Monate Winterschlaf
Sobald die Außentemperatur häufiger unter 18 Grad Celsius absinkt,
wird beim Siebenschläfer der Reiz zum Winterschlaf ausgelöst.
Darüber hinaus hat auch seine natürliche innere Uhr"
einen besonderen Einfluss auf diesen Zeitpunkt. Bereits im September suchen
die ersten Tiere dafür bevorzugt das Erdreich auf, in das sie sich
etwa einen halben Meter tief eingraben. Aber auch in Baumhöhlen,
Eichhornkobeln sowie Jagd- und Schutzhütten hat man sie schon im
Zustand der Winterlethargie entdeckt.
Der Rest meiner kleinen Familie, Mutter mit zwei Jungen, gehört wohl
nicht zu den frühen Schläfern, denn noch am 5. Oktober fand
ich alle drei im normalen Tagesschlaf, Körpertemperatur und Atemfrequenz
waren noch normal. Allerdings hatten sie jetzt den Nistkasten im Schuppen
bezogen und mit frischen Eichen- und Buchenblättern ausgepolstert.
Am folgenden Nachmittag aber war es dann endlich soweit. Zusammengerollt
zu einer wärmesparenden Kugel, den buschigen Schwanz über den
Kopf gelegt, liegen alle drei nebeneinander, in schon tiefem Winterschlaf.
Zwölf Stunden braucht der Siebenschläfer, um vom normalen Wachzustand
in die Winterlethargie zu fallen. Mit der Umgebungstemperatur, die bei
ungünstigen Winterquartieren der Außentemperatur entspricht,
geht auch die Körpertemperatur zurück, sinkt jedoch nicht tiefer
als plus 0,2 Grad Celsius, denn das würde dann den sicheren Tod bedeuten.
Ein innerer Temperaturfühler" sorgt bei Unterschreiten
dieses Wertes für etwas höheren Stoffwechsel und damit geringfügiges
Ansteigen der Körpertemperatur, ohne dass der Schläfer aus seiner
Lethargie erwacht. In diesem Zustand atmet das Tier nur noch 2 mal pro
Minute im Gegensatz zu 90 Atemzügen im Wachzustand. Das Herz schlägt
jetzt statt 350 nur noch 3 mal pro Minute.
Vorsichtig nehme ich einen in die Hand. Ganz kalt fühlt er sich an
und doch ist sein Körperchen nicht steif, lässt sich leicht
bewegen. Ziellos irren einige Flöhe, die ihn auch selbst im Winterschlaf
nicht verlassen, durch das jetzt besonders dicht Fell. Etwas höhere
Körpertemperatur besitzen nur noch wichtige Organe wie Herz, Gehirn
und Baucheingeweide, die äußere Schale des Tieres aber ist
kalt. Schnell den kleinen dicken Kerl wieder hineingelegt, damit durch
meine Handwärme der Aufwachvorgang nicht vorzeitig angeregt wird.
Auch kann er, selbst in tiefer Lethargie, auf Berührungsreize noch
reagieren und dadurch eine Schlafunterbrechung einleiten.
Das Quartier meiner tief schlafenden Bilche war ein Nistkasten aus Holz,
der im Schuppen frei an der Decke mit einen längeren Draht aufgehängt
war. Die Temperatur im Schuppen selbst lag immer um etwa zwei Grad über
der jeweils herrschenden Außentemperatur. Gelegentliche Kontrollen
noch nach mehreren Wochen zeigten, dass alle drei ihre anfängliche
typische Schlaflage noch inne hatten, es also zwischendurch zu keiner
Unterbrechung oder Störung gekommen war.
Doch bei einer neuerlichen Überprüfung Mitte Januar finde ich
einen der drei unten auf dem Boden sitzend. Unterbrechungen des Winterschlafes
sind nicht häufig, aber auch nicht ungewöhnlich, doch sein Verhalten
gefällt mir ganz und gar nicht. Als der Siebenschläfer eingefangen
ist, sehe ich mit Entsetzen auch warum: Die eine Seite des Kopfes ist
blutig, völlig ohne Fell, Nase und Ohr sind halb angefressen und
das linke Auge herausgerissen. Kannibalismus unter Siebenschläfern?
Ein Blick in den Kasten beruhigt mich für einen Augenblick, denn
die beide übrigen liegen noch fest schlafend in ihrer alten Position.
Was ist aber passiert? Vielleicht ein Wiesel oder Spitzmaus, aber die
ist nicht in der Lage, an einem Draht zu klettern und Ratten gibt
es hier schon lange nicht mehr. In der kommenden Nacht werde ich versuchen,
diesen traurig-mysteriösen Vorgang auf die Spur zu kommen. Die Verletzungen
sind so schwer, dass wir den Siebenschläfer nach einer Untersuchung
in der Tierklinik Gießen leider einschläfern müssen.
In der ersten Nacht tat sich nichts an der Höhle. Gegen zwei Uhr
brach ich den Ansitz ab, verschloss aber vorsichtshalber das Höhlenloch
mit feinmaschigen Draht, die beiden Insassen schliefen nach wie vor fest.
Doch schon der folgende Abend brachte des Rätsels Lösung. Gegen
11 Uhr tauchte eine Waldmaus auf, huschte auf den Balken in dessen Nähre
der Nistkasten hing und begann, nach mehrmaligen schnuppern, langsam aber
sicher am Draht herunter zu klettern. Auf der Höhle angekommen, kurze
Duftkontrolle und dann der Versuch, ins Innere einzudringen. Das war also
der Übeltäter. Ein Geräusch von mir und mit weiten Sprung
auf den Wandschrank bringt die Maus sich schnell in Sicherheit.
Der Nistkasten wurde nun so abgesichert, dass er weder kletternd noch
springend erreicht werden kann und so hoffe ich, dass sie ihre acht Monate
bis zum Mai ohne Störungen durchschlafen können.
Textlangfassung zu
Naturschutz
heute, Ausgabe
2/00 vom 28. April 2000
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