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Naturschutz heute Ausgabe 2/00 vom 28. April 2000 Vogel des Jahres 2000 Betrachtungen zum Rotmilan von der Antike bis zur Gegenwart, gesammelt von Karl Wilhelm Beichert.
Kampf mit Sperber
und Falke In der Antike war der Milan gut bekannt und offensichtlich weit verbreitet. Der Komödiendichter Plautus erzählt, um die Knauserigkeit eines Menschen zu schildern, von dem folgenden kuriosen Verhalten: Ein Milan habe dem Geizigen ein Stück mageres Fleisch entrissen, und der Mann sei daraufhin zum Prätor also Richter gelaufen und habe einen Prozess gegen den Vogel verlangt. Und Cicero schildert an einer Stelle, an der er die Mannigfaltigkeit der Tierwelt beschreibt, in seiner Schrift Vom Wesen der Götter", wie die Gabelweihe mit dem Raben gleichsam von Natur aus Krieg führe und der eine Vogel die Eier des anderen zerbreche, wo immer er ihrer habhaft werden könne. Tyrannischer Tauben-König Vor kurzem wurde in England nach dem Aussterben des roten Milans ein Wiedereinbürgerungsprogramm gestartet, dem Erfolg beschieden zu sein scheint. Damit kehrt der Rote Milan in ein Land zurück, in dem er in früheren Jahrhunderten sehr häufig war. William Turner (um 15001568), Theologe und Mediziner und als solcher mit Botanik und Zoologie vertraut , berichtet von geradezu dreistem Verhalten der Milane. Sie nahmen den Kindern das Brot weg, den Marktfrauen die dargebotenen Fische, holten sogar die gewaschenen Taschentücher von den Zäunen und raubten in der Brutzeit den Männern die Hüte von den Köpfen, die letzteren Dinge offensichtlich, um sie in die Horste einzubauen. Städtischer
Gesundheitspolizist Thomas Pennant (17261798) schreibt über die Zeit Heinrichs VIII, dass damals über der britischen Hauptstadt viele Milane umhergeflogen seien, welche von den verschiedenen Auswurfsstoffen (Abfall) in den Straßen herbeigezogen worden und so furchtlos waren, dass sie ihre Beute inmitten des größten Getümmels aufhoben. Es war verboten, sie zu töten."(zitiert nach Brehms Tierleben" II 1, 1878) Dieses wohl, weil man ihre Rolle als Gesundheitspolizei schätzte. Aus derselben Zeit wird berichtet, dass der Milan sich besonders gern in der Nähe von Schlachthäusern herumgetrieben hat, wo er die hinausgeworfenen Fleischabfälle verzehrte. An solchen Orten wurden sie damals so zahm, dass sie auf einen Pfiff hin herbeiflogen und ihnen zugeworfenes Fleisch im Flug auffingen. Vorliebe für
junge Gänse und Hühner Eine Erzählung des rumänischen Schriftstellers Mihail Sadoveanu (18801961) handelt dagegen von einem Rotmilan, der eine große schwarze Henne" aus einem Hühnerhof geraubt hat und der deswegen von dem Bauern erlegt wird. Der Junge, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist allerdings über den Tod des Hühnerdiebs nicht glücklich und beendet die Geschichte mit dem Satz: Mit Tränen in den Augen sah ich um mich und begriff, dass unser Feind, der aus der Himmelshöhe gekommen war und nun zerschmettert dalag, kein gewöhnlicher Vogel gewesen" (aus Durch die Wimpern"). Kulturlandschaft"
der speziellen Art Mit der Vorliebe des Milans für Aas wird auch in Verbindung gebracht, dass er, früher ein Zugvogel, seit den 60er Jahren eine zunehmende Tendenz zum Überwintern entwickelt. In dieser Zeit nämlich wuchs die Zahl der wilden Hausmüllkippen in der freien Landschaft enorm an, wodurch dem Rotmilan eine zusätzliche Nahrungsquelle entstand, die allerdings nicht nur in den dort abgelagerten Abfällen bestand, sondern auch in den Ratten, die sich dort aufhielten. Das Vordringen der Hygiene in diesem Bereich in der Folgezeit wird man ebenfalls nicht bedauern, selbst wenn man Fan von Greifvögeln und speziell des Roten Milans ist. Um so wichtiger ist es, dem Jahresvogel wieder eine natürlichere Lebens- und Ernährungsweise zu verschaffen: eine reich strukturierten Kulturlandschaft, in der die Ackerschläge klein sind und in der sich viele nur extensiv genutzte Flächen finden, sowie der Erhalt von Altholzbeständen mit einem ganzjährigen Schutz von Horstbäumen. Sterbehilfe auf
Milan-Art Während eines Spätwinters, als das Bauernhaus der Alten ganz eingeschneit war, verfütterte sie an den immer zahmer werdenden Nahrungsgast alles Fleisch, das sie im Haus hatte. Schließlich fraß ihr der Milan aus der Hand. Sie selbst kam dadurch in immer größere Schwierigkeiten. Als das Fleisch alle war und sie sich vor Schwäche kaum noch auf den Beinen halten konnte, setzte sie sich in den Garten an den Tisch, an dem sie gewöhnlich den Milan erwartete, und der letzte Eintrag in ihr Milan-Tagebuch lautete: Es stimmt nicht, dass der Vogel mit dem Fressen wartet, bis das Beutetier verendet ist....". Für die Verwandten setzte sie tröstend hinzu: Seid nicht traurig. Ich habe es selbst so gewollt."
Naturschutz heute,
Ausgabe 2/00 vom 28. April 2000 Inhaltsverzeichnis Ausgabe 2/00 Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.nabu.de. Themenübersicht
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