Naturschutz
heute Vorschau auf Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002

Hilfe für Menschen
und Flamingos
Fünf
Jahre NABU-Arbeit in Kasachstan.
von Martin Lenk
Die
kasachische Augustsonne scheint unerbittlich auf die längst verdorrten,
von leichtem Wind bewegten, gelblichen Gräser der baumlosen Ebene.
Der schwere Duft der Steppenkräuter parfümiert die endlose
Weite. Gemächlich treiben zwei aus leeren Plastikflaschen gefertigte
Flöße auf der Nura, dem einzigen dauerhaften Zufluss des
Tengiz-Sees.
Während der
Sowjetzeit hatten Industriebetriebe jahrzehntelang große Schadstoffmengen
in den Oberlauf der Nura eingeleitet, darunter hochgiftige Quecksilberverbindungen.
Die Flößer transportieren eine Ausstellung über die
Gefährdung und den Schutz von Feuchtgebieten in die am Fluss gelegenen
Dörfer und diskutieren mit den Bewohnern. Mit dieser etwas abenteuerlichen
Art von Öffentlichkeitsarbeit erregen sie nicht nur bei den Kindern
viel Aufmerksamkeit. Das vom NABU unterstützte Projekt der kasachischen
Partnerorganisation "Ökomuseum" gemeinsam mit drei deutschen
Stipendiaten der Carl-Duisberg-Gesellschaft verdeutlicht, dass der Tengiz-See
und sein Einzugsgebiet von den Quellen an ein zusammengehöriges
System bildet.
Drei
mal so groß wie der Bodensee
Tengiz ist das kasachische Wort für Meer und diese Bezeichnung
trifft durchaus zu. Nichts fließt hier wieder heraus, denn drei
mal so groß wie der Bodensee füllt der schier uferlose Tengiz
die tiefste Stelle eines Beckens, das zugleich sein Einzugsgebiet ist.
Hierin gleicht der salzige Tengiz seinem noch größeren Bruder,
dem vom Austrocknen bedrohten Aralsee. Glücklicherweise haben hydrologische
Besonderheiten, die Vernunft der Behörden und nicht zuletzt der
Einsatz lokaler und internationaler Naturschützer den Tengiz bislang
vor einer katastrophalen Entwicklung á la Aralsee bewahrt.
90 Prozent des Zuflusswassers
strömt innerhalb eines Monats nach der Schneeschmelze in den Tengiz.
Enorme jährliche Schmelzwasserschwankungen sind typisch für
diese Erdregion und haben einen stark wechselnden Wasserspiegel zur
Folge, der zum Charakter dieses im Sommer hochproduktiven Ökosystems
gehört.
Pelikane
und Steppenkiebitze
Seit mehr als drei Jahrzehnten ist der Tengiz einschließlich
einiger vorgelagerter Süßwasserseen Kasachstans größtes
Naturschutzgebiet und ein Paradies für Millionen von Brut- und
Zugvögenl. Neben rund 18.000 Brutpaaren des Rosaflamingo brüten
etwa zehn Prozent der Weltpopulation des Krauskopfpelikans und bis zu
zwanzig Prozent der extrem seltenen Weißkopfruderente am Tengiz-See.
Steppenkiebitz und Wermutregenpfeifer gehören zu den Hauptattraktionen
der den Tengiz umgebenden Steppen. Am
Tengiz verenden jährlich unzählige, vor allem große
Vögel an Stromleitungen, da diese mit gefährlichen, in Deutschland
mittlerweile verbotenen Isolatoren ausgerüstet sind. Es konnte
ein beachtlicher Anteil der Leitungen im Schutzgebiet selbst stillgelegt
werden, nachdem im letzten Sommer mit Unterstützung des Global
Nature Fundes eine Rangerstation mit Solarstrom ausgerüstet wurde.
Dort wo ein Abriss nicht möglich ist, sollen die Leitungen nachgerüstet
werden, um die Vögel in Zukunft im gesamten geplanten Biosphärenreservat
vorm Stromtod zu schützen.
Landflucht
und Verarmung
Vom radikalen Wandel, der sich in Kasachstan seit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion vollzieht, ist der ländliche Raum besonders betroffen.
Heute liegt das Einkommensniveau bei unter 40 Prozent der übrigen
Wirtschaftszweige - und das bei allgemein stark gesunkenen Reallöhnen.
Zudem hat der Wegfall der Agrarsubventionen dafür gesorgt, dass
die Rentabilitätsgrenze für die Hauptfrucht Weizen von fünf
auf etwa zehn Doppelzentner je Hektar gestiegen ist. Großflächiger
Weizenanbau lohnt sich am Tengiz kaum mehr, die meisten Äcker sind
bereits brach gefallen.
Die Umstellung
auf eine schonende Viehhaltung wäre sinnvoll, gestaltet sich aber
schwierig, da die Viehbestände auf unter ein Viertel geschrumpft
sind. Die Folgen sind Massenarbeitslosigkeit, geschlossene Kindergärten,
fehlende Fachlehrer, Perspektivlosigkeit. Allein in den vergangenen
sechs Jahren führte dies zu einer Landflucht von rund 40 Prozent
der Bevölkerung aus der Tengizregion in fruchtbarere Gegenden oder
in die nahe gelegene Hauptstadt Astana. Die verbliebene, teils stark
verarmte Bevölkerung muss ihre ganze Aufmerksamkeit auf die eigene
Existenzsicherung richten. Dies schließt Wilderei und illegalen
Fischfang im Naturschutzgebiet mit ein.
Ökotourismus
schafft Einkommen
Die Partnerschaft zwischen dem kasachischen Umweltministerium,
der Schutzgebietsverwaltung am Tengiz und dem NABU besteht seit 1996
und hat das Ziel, ein UN-Biosphärenreservat am Tengiz-See aufzubauen.
Da bislang allerdings die notwendigen finanziellen Mittel zur Ausweisung
des Biosphärenreservates am Tengiz-See weder vom Umweltministerium
noch vom NABU aufgebracht werden konnten, hat das Projekt im Ministerium
das Stadium einer Idee kaum je überschritten.
Allerdings wird
der Ansatz nachhaltiger Entwicklung, wie ihn das Biosphärenreservatskonzept
vorschlägt, nach fünf Jahren NABU-Arbeit von den Menschen
vor Ort zunehmend positiv aufgegriffen. Vielleicht kann ein lebendiges
Biosphärenreservat, das eben nicht nur auf dem Papier steht, nur
durch Basisarbeit von unten erfolgreich aufgebaut werden. Immerhin wurde
die Pufferzone um das Schutzgebiet, in dem vor allem Jagd limitiert
ist, bereits um einige Kilometer erweitert.
Seit 1998 haben
einige NABU-Reisen an den Tengiz stattgefunden. Sanfter Ökotourismus
als eine Form nachhaltiger Entwicklung soll helfen, eine breit orientierte
Wirtschaftsstruktur aufzubauen. So hat der NABU 1998 und 1999 den Aufbau
der infrastrukturellen Grundlagen finanziell unterstützt. Um die
internationale Bedeutung des Feuchtgebietes zu unterstreichen, wird
das Gebiet im Frühjahr 2002 als erstes kasachisches UN-Weltnaturerbe
nominiert. Dieses Prädikat wird die Anziehungskraft der Region
für Touristen erhöhen.
Naturschutzorganisation
gegründet
Erzählt man in Kasachstan, wie viele Mitglieder der NABU hat,
versetzt man die Menschen in Staunen und wird vielleicht sogar für
einen Märchenerzähler gehalten. Zivilgesellschaft, Naturschutz
und Ehrenamt haben in Kasachstan kaum Tradition. Deshalb war es sehr
schwierig, Menschen auch außerhalb der Schutzgebietsverwaltung
dazu zu ermuntern, sich für Ziele wie Naturschutz, Umweltbildung
und umweltverträgliche Entwicklung zu engagieren. Jetzt ist es
geschafft, die kleine lokale Nichtregierungsorganisation Rodnik - zu
deutsch: Quelle - wurde gegründet und hat in diesem Sommer mit
Unterstützung des NABU ein erstes ökologisches Kindersommerlager
auf die Beine gestellt. Zwei Rodnik-Aktivisten waren im Herbst 2001
zu vom NABU mitorganisierten Ökotourismus- und Umweltbildungsseminaren
in Deutschland.
Die Arbeit des
NABU in Kasachstan verlangt einen langen Atem. Aber als Verband aus
einem reichen Industrieland ist es wichtig, dass der NABU dort seine
moralische Verantwortung wahrnimmt. Durch das Teilen von Erfahrungen
und Ressourcen kann in wirtschaftlich schwachen Ländern beim Erhalt
einzigartiger Naturoasen sehr viel erreicht werden. Die Menschen am
Tengiz baten darum, allen NABU-Mitgliedern zu danken und zu versichern,
dass sie in ihrem Herzen wissen, wie sehr sie auf ihren Naturreichtum
am Tengiz-See stolz sein können.
Zum Nachlesen:
Tengiz - See in
der Steppe in NH 4/96, S. 42-43.
Naturschutz
heute,
Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
Inhaltsverzeichnis
Ausgabe 1/02 * Themenübersicht
Archiv Naturschutz heute * Home