Naturschutz
heute Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002
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"Wir sind weniger
verklemmt"
Interview mit
dem Haussperling.
Der
NABU hat den Haussperling zum Vogel des Jahres 2002 gekürt. Wie
hat Ihre Familie auf diese Auszeichnung reagiert?
Wir haben uns sehr gefreut. Es ist für uns natürlich
eine große Ehre, in den illustren Kreis der bislang 31 Vögel
des Jahres aufgenommen zu werden. Allerdings hörten wir aus der
Nachbarschaft von Amsel und Hausrotschwanz eher zurückhaltende
Reaktionen. Der Vorwurf lautete, "Rüpel" wie wir seien
einer solchen Auszeichnung unwürdig.
Ihre Familie
hat im Laufe der Jahrhunderte mehrmals den Namen geändert. Das
reicht von "Korndieb" über "Dreckspatz" bis
zum "Vogelproletarier".
Das ist richtig. Diese Bezeichnungen haben ihren Ursprung darin,
dass wir uns bereits vor über 10.000 Jahren entschlossen haben,
Seite an Seite mit dem Menschen zu leben. Da unser Speiseplan dem des
Menschen stark ähnelt, wurden wir bei jeder Hungersnot oder ähnlichen
Engpässen als Korndiebe verfolgt. Die Bezeichnung "Dreckspatz"
ist allerdings völlig falsch. Die Staubbäder, die wir regelmäßig
nehmen, dienen ausschließlich unserer Gefiederpflege.
Vorbei also auch
die Zeiten, in denen man Ihre Verwandten als Heilmittel für zahlreiche
Gebrechen verwendete?
Zum Glück ja. Dem menschlichen Aberglauben sind ja bekanntlich
kaum Grenzen gesetzt. Bereits in der Antike empfahl Plinius gegen Zahnweh
frischen, mit Öl aufgewärmten Spatzenmist. Das war die für
uns harmlosere Variante. In einem persischen Rezept wurde verordnet,
unsereiner in Essig zu kochen, um einer ungesunden Hautfarbe oder Sommersprossen
entgegenzuwirken. In der Pfalz schlug man sogar vor, Sperlingsblut bei
Hornhautleiden ins Auge zu träufeln.
Wie erklären
Sie sich, dass die Zahl Ihrer Familienmitglieder in den letzten Jahre
abgenommen hat? Man sagt Ihrer Familie schließlich, salopp formuliert,
eine gewisse Unkeuschheit nach.
Wenn ich mal ebenso salopp antworten darf: Wir tun es auch nicht
öfter als andere Vogelarten. Bloß sind wir weniger verklemmt.
Das hat uns allerdings auch schon eine Menge Ärger eingebracht.
1559 zum Beispiel verhängte man über uns Haussperlinge einen
Kirchenbann, da wir die Gläubigen durch "unaufhörliches
verdrießlich großes Geschrei und ärgerliche Unkeuschheit"
ablenken würden.
Was Ihnen auf
Dauer aber doch sicher mehr zusetzte, waren die gezielten Vernichtungsaktionen.
Genau. Friedrich der Große setzte im 18. Jahrhundert sogar
ein Kopfgeld auf unsere Familie aus, um uns von den preußischen
Getreidefeldern zu vertreiben. Allerdings stellte er diese Maßnahme
auch schon bald wieder ein. Er hatte nicht damit gerechnet, dass wir
zur Aufzucht unserer Jungvögel derart viele Insekten benötigen
und auf diese Weise die Felder und Gärten von lästigen Schädlingen
freihalten. Allerdings dachte man sich bis in 1960er viele Dinge aus,
um uns aus dem Siedlungsraum fernzuhalten. Doch so leicht lassen wir
uns nicht unterkriegen. Heute haben wir es mit ganz anderen Attacken
zu tun. Was uns nun zusetzt, sind versiegelten Flächen, glatt sanierte
Fassaden und artenarme Ziergärten. Wohnungsnot und Nahrungsmangel
sind die Probleme, mit denen wir heute zu kämpfen haben.
Wie gehen Sie
diese Probleme an? Wie lauten Ihre politischen Forderungen?
Wissen Sie, wir haben einen schweren Stand, wenn es darum geht,
unsere Interessen im Stadtleben zu verteidigen. Man nimmt uns zu wenig
wahr. Und noch immer herrscht die Meinung vor, es gäbe reichlich
Mitglieder in der Familie der Haussperlinge. Doch das stimmt nicht.
Wir fordern daher Untersuchungen, die zeigen, wie es um unsere Zahl
wirklich steht. Außerdem brauchen wir natürlich mehr Nistmöglichkeiten
und ein besseres Nahrungsangebot. In diesem Anliegen unterstützt
uns der NABU mit seiner aktuellen Kampagne "Nachbar Natur".
Mit Passer domesticus
sprachen Anna-Katharina Wöbse und Alexandra Kiefer.
Naturschutz
heute,
Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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