Naturschutz
heute Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002
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Mehr Platz für
den Spatz
Der Haussperling
ist Vogel des Jahres 2002.
von Alexandra Kiefer
& Anna-Katharina Wöbse - mit Beiträgen von Heinz Kowalski,
Dietrich von Knorre und Thorsten Wiegers
Für
eine spatzenfreie Welt * Liederlicher Gassenbub
* Verrohung der Jugend * Leere Felder,
leere Mägen * Zählungen in Hamburg und Berlin
* Nahrung und Nistplätze bieten
"Spatzen
gab es bei uns zu Hause immer. Das ganze Jahr über waren sie zu
sehen und zu hören", erinnert sich NABU-Vogelexperte Heinz
Kowalksi. "Als Junge hatte ich schnell raus, wo die Spatzen ihr
Nest bauten: Unerreichbar für mich und Nachbars Katze unter den
Dachrinnen, besser zu beobachten in den Nischen der zahlreichen Schuppen
hinterm Haus, wo der Großvater Hühner und Bienen hielt, wo
Holz, Kohlen und allerlei Werkzeug lagerte. Der Hühnerhof war ihr
Paradies. Das Körnerfutter schnappten sie den Hühnern vor
der Nase weg. Und kaum bog der Großvater um die Ecke, sauste der
Spatzenschwarm laut schimpfend durch den Maschendraht des Hühnergeheges
in die rettende Weißdornhecke, die den nahen Friedhof umgrenzte.
Wenn nun ein Leichenwagen,
von einem starken Ross gezogen, in unserem Ort die Friedhofstraße
hinauf kam, folgten dem Leichenzug ganze Scharen lärmender Sperlinge,
um die Pferdeäpfel nach Körnern zu untersuchen, bis die alte
Nachbarin von gegenüber mit Eimer und Schaufel anrückte, um
sich den begehrten Dünger in ihren Garten zu holen - die Spatzen
hinterher. Nachbarjungs machten sich einen Spaß daraus, mit ihren
Schleudern auf die Spatzen zu zielen; glücklicherweise meist daneben."
Für
eine spatzenfreie Welt
Nicht nur die Jungs aus Heinz Kowalskis Nachbarschaft waren früher
mit schlechten Absichten hinter den Spatzen her. Ein Blick in die Geschichte
zeigt, dass der Haussperling in Jahrhunderte lang unter seinem schlechten
Image und der Verfolgung des Menschen litt (siehe auch das Spatzeninterview):
Irgendwann
im Laufe der 1870er Jahre hält es Herr Becker, seines Zeichens
Mädchenschullehrer in Jüterbog, einfach nicht mehr aus. Er
muss seinem Unmut Luft machen und veröffentlicht eine kleine Schrift,
um mit Entschiedenheit zur "völligen Ausrottung der Sperlinge"
aufzurufen. Becker ist praktisch orientiert: Damit seine Vision der
sperlingsfreien Welt Wirklichkeit werden kann, zählt er eine ganze
Reihe verschiedener Spielarten der Ausrottung auf: Man könne die
Vögel "mit Säcken schockweise todt schlagen", Gift
legen, "allenthalben ihre Nester zerstören", sie in Fallen
locken und erschießen oder sie gleich massenhaft mit Netzen fangen.
Herr Becker ist
mit seinen Mordphantasien nicht allein. Der Spatz im Erbsenbeet, im
Kirschenbaum, im Weizenfeld - das muss der erklärte Feind eines
jeden redlichen Gartenbesitzers und Kornbauern sein. Die einhellige
öffentliche Meinung lautet: Der Spatz ist schädlich, und was
schädlich ist, soll weichen. Zudem wird ihm ein schlechter Charakter
nachgesagt. Die Debatte um das Wesen des Spatzes wird zum Spiegelbild
menschlicher Gefühlsregungen und Wertvorstellungen.
Liederlicher
Gassenbub
Doch wie ist es nun um das Wesen des Spatzes bestellt? In der aufstrebenden
bürgerlichen Gesellschaft vor hundert Jahren waren Charakterzuschreibungen
wie "Proletarier" oder "Gassenbub" sicher kein Ausdruck
von Wohlwollen. Man trug ihm nach, dass er sein Nest so "liederlich"
und schlampig baut, dass er Staubbäder nimmt, ordentlich Krach
schlägt, und sich in Banden mit seinesgleichen herumtreibt. So
verhält sich kein anständiger Bürger! Auch seine Fähigkeit,
sich den gegebenen Verhältnissen anzupassen, wird mit Argwohn betrachtet:
"Jeder Platz ist ihm zu seinem Neste recht, ein Palast oder eine
Strohhütte, ein herrliches Denkmal von Marmor oder ein alter Topf".
Selbst seine Anhänglichkeit und Treue zu den Menschen wird dem
Spatzen vorgehalten. Man schimpft ihn einen Tunichtgut und Schmarotzer.
Und so schreitet der Kreuzzug voran, der Kampf ist eröffnet. Im
19. Jahrhundert haben die Spatzen keinen Ruf mehr zu verlieren - er
ist längst ruiniert.
Nur vereinzelt
erheben sich Stimmen, die die Massenvernichtung der Sperlinge kritisieren
und ihnen eine wichtige Rolle im Naturhaushalt zusprechen. In der Folge
entbrennt ein Streit, ob der Spatz denn nun eher schädlich oder
nützlich und damit auch schützenswert sei. Aber der Vogel
scheint beide Aspekte in sich zu vereinen und führt so die vorherrschende
Einteilung von Natur in ein Gut-Böse-Raster zur Bewertung der Schutzwürdigkeit
von Vögeln ad absurdum. Ihn einfach um seiner selbst willen zu
schützen, fällt selbst der aufkeimenden Vogelschutzbewegung
nicht leicht, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts allmählich
formiert. Kaum jemand mag sich durchringen, dem Vogel mit dem schlechten
Leumund eine Lanze zu brechen. Die elegante Schwalbe, das eifrige und
dunkeläugige Rotkehlchen und den variantenreich singenden Zaunkönig
schützt man gern, aber diese laut tschilpenden und rüpelnden
Spatzenscharen sind ein Dorn im Auge selbst vieler Naturfreunde. Nur
sehr verhalten wird auch mal die Meinung geäußert, der Spatz
sei doch durchaus ein vielleicht etwas ungehobelter, aber doch treuer
Freund.
Verrohung
der Jugend
Aber
während gegen Anfang des 20. Jahrhunderts Hans Freiherr von Berlepsch
in seinem Standardwerk "Grundlagen des gesamten Vogelschutzes"
noch "Sperlingen nur die schonungsloseste Vernichtung" wünscht
und in den darauffolgenden Jahren überall zahlreiche Sperlingsfallen,
sperlingsfeindliche Futterhäuschen und ähnliches angeboten
werden, liest man im Handbuch des Bundes für Vogelschutz schon
sanftere Töne. Dort heißt es: "Trotzdem muss der Gedanke,
die Sperlinge auszurotten, fern liegen; ein solches Vorgehen wäre
des Menschen unwürdig." Es werden verstärkt Stimmen laut,
die durch Sperlingsbekämpfungen eine Verrohung der Jugend befürchteten.
Im Jahrbuch für Vogelschutz 1927 liest man: "Fort daher mit
dem Vogelschießen! Ein edel gearteter Mensch muss solche Rohheiten
tief verabscheuen. Schießet, wenn Ihr durchaus eure Treffkunst
üben wollt, nach der Scheibe! Aber seid vorsichtig, damit niemand
verunglückt."
In den Jahren nach
dem Zweiten Weltkrieg folgten, bedingt durch Nahrungsmittelknappheit,
dann Vergiftungsaktionen mit strychninhaltigem Weizen ("Grünkorn"),
einer Giftmethode des Schädlingsbekämpfers Frohberg, die 80
bis 90 Prozent der Spatzen umbrachte. Noch im DBV-Jahresheft von 1966
berichtet die Vogelschutzwarte Frankfurt von eigenen Untersuchungen
- die allerdings ergaben, dass sich die Bestände bereits zwei bis
drei Jahre nach einer solchen Vergiftungsaktion wieder vollständig
regeneriert hatten. Zudem stellte man fest, dass der tatsächliche
durch Haussperlinge angerichtete Schaden in den Getreidefeldern im Schnitt
unter einem Prozent des Gesamtertrages lag.
Leere
Felder, leere Mägen
Heute wird das Getreide bereits auf den Feldern mit Mähdreschern
abgefüllt; von den Resten kann kaum ein Spatz leben. Auch Parkanlagen,
in denen im Herbst das Laub und damit gleichzeitig Sämereien und
Insekten mit eigens dafür entwickelten Laubsaugern entfernt wird,
bieten ihm kaum noch Nahrung. Diese Entwicklung hat entscheidend dazu
beigetragen, dass die ehemals großen Spatzenschwärme aus
den Städten und teils auch aus ländlichen Siedlungsbereichen
verschwunden sind. Zwar ernährt sich der Haussperling in der Hauptsache
vegetarisch, seine Jungen aber füttert er in den ersten Tagen mit
Insekten und anderen Kleintieren. Der Einsatz von Pestiziden und artenarme
oder mit exotischen Pflanzen bestückte Gärten führen
zu Nahrungsengpässen und wirken sich negativ auf den Bestand des
Haussperlings aus.
Dass diese Entwicklung
so wenig bemerkt wurde, ist ein deutliches Zeichen für die schleichende
Naturentfremdung, der unsere heutige Gesellschaft trotz anderslautender
Beteuerungen unterliegt. Doch unsere Wegwerfmentalität hat dem
Haussperling auch neue, jedoch nicht so kontinuierlich beschickte Futterstellen
beschert. Heute müssen sich die Spatzen nicht selten mit achtlos
weggeworfenen Brötchen in der Nähe eines Bratwurststandes
begnügen. Dort bietet sich dafür dem aufmerksamen Betrachter
zugleich die Möglichkeit zu interessanten Verhaltensbeobachtungen,
wenn sich Spatzen und verwilderte Haustauben um einen Futterbrocken
streiten. Die pfiffigere Spatzenschar erweist sich meist als Sieger.
Nun ist der Haussperling
im wahrsten Sinne ein "Allerweltsvogel". Von den Tropen bis
über die Polarkreise hinaus kann man ihm begegnen, an Meeresküsten
genauso wie in Großstädten oder auf kleinen Inseln. In den
unwirtlichen Wüsten der Erde und den Tropen fehlt der Spatz allerdings.
Vogelexperten gehen davon aus, dass der Haussperling ursprünglich
aus den baumarmen Steppengebieten Südost- und Vorderasiens stammt.
Die Eroberung anderer Landstriche er vor etwa 10.000 bis 15.000 Jahren
im "Windschatten" des Menschen an. Wo sich die Menschen niederließen,
um Ackerbau zu treiben, richtete sich auch der Haussperling ein.
Zählungen
in Hamburg und Berlin
Noch leben in Deutschland schätzungsweise dreieinhalb bis fünf
Millionen Haussperlinge. Doch ein Beispiel für die eingetretenen
Veränderungen zeigen Erhebungen aus Hamburg. Im Stadtteil St. Georg
ging die Zahl der Spatzen alleine zwischen 1983 und 1987 von 490 auf
80 Vögel pro Quadratkilometer zurück. In Hamburg-Rissen halbierte
sich der Bestand zwischen 1991 und 1997 von 32 auf 15 Vögel pro
Quadratkilometer.

Doch
die Situation hängt sehr stark von den lokalen Bedingungen ab.
In Berlin ermittelten Ornithologen den Bestand an Haussperlingen in
der vergangenen Brutperiode auf verschiedenen Probeflächen. Der
Haussperling konnte dabei auf allen Probeflächen nachgewiesen werden.
In den Altbaubezirken lebten deutlich mehr Haussperlinge als in Vierteln
mit Einfamilienhäusern. In einer ersten Hochrechnung wurde der
Bestand für Berlin auf 170.000 Tiere geschätzt. Das liegt
deutlich über den Schätzbestand von 29.000 Brutpaaren für
Hamburg. Die im westlichen Deutschland festgestellten erheblichen Rückgänge
zeichnen sich in Berlin erst lokal vor allem in Sanierungsgebieten ab,
wo Renovierungsarbeiten an Gebäuden Brutnischen vernichteten und
Brachflächen als Nahrungsgebiete verloren gingen.
Nahrung
und Nistplätze bieten
Dem Haussperling zu helfen und ihm das Leben zu erleichtern, ist gar
nicht so schwer. Vor allem müssen Gärten und Grünanlagen
wieder naturnäher werden. Ideen hierzu liefert der NABU mit seiner
im Herbst gestarteten Mehrjahresaktion "Nachbar Natur" (www.Nachbar-Natur.de).
Mehr Platz für den Spatz kann der Mensch selbst in modernen Siedlungen
schaffen. Bei Gebäudesanierungen sollten an geeigneter Stelle Nischen
und Mauerspalten erhalten werden. Diese benötigt der Haussperling
nämlich für den Nestbau. Möglicherweise kann man bei
der Planung der Sanierungsmaßnahme bereits Nisthilfen berücksichtigen.
Weitere Nistmöglichkeiten für Spatzen und andere Vögel
können auch durch begrünte Fassaden geschaffen werden. Ein
gutes Beispiel übrigens dafür, dass bessere Bedingungen für
Nachbar Spatz auch das Wohnklima für den Menschen verbessern.
Naturschutz
heute,
Ausgabe 1/02 vom 25. Januar 2002
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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