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Der Kolkrabe - ein Überlebenskünstler kehrt zurück von Siegfried Schuch, Vorsitzender des NABU Rheinland-Pfalz
Noch Mitte des 19. Jahrhunderts war der Kolkrabe ein verbreiteter Brutvogel bei uns. Danach brachen aber die Bestände ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war er bereits zu einer Seltenheit geworden. So brütete beispielsweise 1905 in Trier das letzte Brutpaar, im Kreis Bernkastel-Wittlich erlosch 1912 das letzte Vorkommen. Im Hunsrück hielt er sich bis 1939, aber 1952 war sein Schicksal in Rheinland-Pfalz endgültig besiegelt. Letztendlich haben Konkurrenzneid, Vorurteile und Aberglaube den Kolkraben ausgerottet. Als vermeintlicher Jagd- und Landwirtschaftsschädling wurde er intensiv verfolgt. Abschuss, Schlagfallen und Giftköder dezimierten die Bestände von Kolkraben erheblich. Neben Tellereisen kamen auch Gifte wie Strychnin zum Einsatz, so dass der Kolkrabe schließlich in weiten Teilen Mitteleuropas ausgerottet wurde. Mit verantwortlich dafür war sicher der schlechte Ruf, den die Raben seit dem Altertum hatten. Götterbote, Galgenvogel und Hans Huckebein, Raben haben sich vielfach in Mythologie, Literatur und in unserem Sprachschatz "eingenistet", sei es als Rabenaas, Rabeneltern oder Unglücksrabe. Ihr schlechtes Image verdanken Raben der Bibel. Im Alten Testament heißt es, sie seien schlechte Eltern und kümmerten sich nicht um den Nachwuchs. Zu Unrecht. Dennoch spielt der schwarze Vogel in der christlichen Symbolik seither die Rolle des Bösen, Ungläubigen, Abtrünnigen und taucht in alten Darstellungen als Genosse von Teufel und Hexen auf. Sein Krächzen, behauptete man im Mittelalter, klänge wie "Grab, Grab", und wenn der Vogel ums Haus zog, galt er als Todesbote. In diesem Sinn machte auch Edgar Allan Poe den Raben in seiner gleichnamigen Erzählung 1845 zum fliegenden Mittler aus dem Jenseits. In anderen Kulturen hatte der Rabe stets einen besseren Ruf: Griechen und Römer verehrten ihn als Gefährten des Gottes Apoll, bei den Maya galt er als Entdecker der Maisfrucht und für die Indianer Nordamerikas symbolisierte er göttliche Kraft. Heute unterscheidet kaum jemand zwischen den einzelnen Arten aus der Familie der Corviden. So werden Krähen, Kolkraben und Elstern umgangssprachlich ganz allgemein Rabenvögel genannt. Rabenvögel sind nicht die bösartigen, schwarzen Gesellen - manche gebrauchen auch das Wort "schwarzes Gesindel" -, sie sind auch nicht die "Mörder, die Singvogel ausrotten", sie zählen im Gegenteil zu den intelligentesten, lernfähigsten und vielseitigsten Vögeln. Sie sind auch nicht die Rabenväter und Rabenmütter im Sinne dieses Sprichwortes, sondern im Gegenteil genauso liebevolle Vogeleltern wie alle anderen Singvögel auch. Und an der Spitze aller Rabenvögel steht der Kolkrabe, der dieser Vogelgruppe den Namen gegeben hat. Mit 65 Zentimetern Größe (wie etwa der Mäusebussard) und fast anderthalb Kilogramm Körpergewicht ist er unser größter Singvogel. Sein rein schwarzes Gefieder hat je nach Sonneneinstrahlung einen metallischen Schimmer. Im Flug ist der sehr kräftige Kopf mit dem großen Schnabel und der keilförmige Schwanz ein gutes Bestimmungsmerkmal. Kolkraben vereinigen in sich hervorragende körperliche Fähigkeiten (Fliegen, Laufen, Wehrhaftigkeit, kräftiger Schnabel) mit einer hohen Intelligenz. Sie können sich exzellent an geänderte Umweltbedingungen anpassen und sind deshalb den meisten anderen Vögeln überlegen. Brehms Tierleben spricht von Alleskönnern und Allesfressern. Tatsächlich ist ihre Nahrung sehr vielseitig: Von pflanzlicher Nahrung (Samen, Eicheln, Bucheckern) und landwirtschaftlich angebauten Früchten (Obst, Kartoffeln, Getreide) reicht sie über Kleinsäuger, Reptilien, Amphibien, Regenwürmer bis hin zu Aas. Auch die Nachgeburt zum Beispiel von Schafen wird sehr gerne aufgenommen. Dass dabei auch ab und an einmal tote oder sehr schwache Lämmer gefunden werden, hat den Kolkraben das Vorurteil der "Lämmer tötenden Bestie" eingebracht. Studien belegen, dass kein gesundes Lamm von Rabenvögel gefressen wird. So vielseitig wie seine Nahrung sind auch die Lebensräume des Kolkraben. Er ist Felsbrüter aber auch Baumbrüter und bewohnt in Europa viele unterschiedliche Biotope, von den Felsküsten über die halboffenen Landschaften mit kleinen Gehölzgruppen, über Wälder bis zu den Hochgebirgslandschaften. In Rheinland-Pfalz wird er sich bevorzugt in ungestörten Wäldern niederlassen. Erst mit drei Jahren werden Kolkraben geschlechtsreif. Bis dahin streifen sie teilweise weit umher und suchen sich ein geeignetes Revier. Da in Rheinland-Pfalz in letzter Zeit immer wieder Kolkraben gesehen werden, können wir eine baldige Zunahme der Bestände erwarten. Ein einmal gewähltes Revier behält der Kolkrabe gerne beständig bei. Beständigkeit zeigt er auch bei seinem Ehepartner. Er lebt, anders als die meisten anderen Singvogelarten, in einer monogamen Dauerehe. Bereits im Januar beginnen die Kolkraben mit dem Bau ihres Nestes auf hohen Bäumen oder im Gebirge in Felsnischen. Als Horstbaum bevorzugt er bei uns hohe Buchen oder Fichten in der Nähe von guten Nahrungsbedingungen. Diese findet er in Offenlandschaften, weshalb die Brutplätze überwiegend in Waldrandlagen liegen. Meist Anfang März beginnt die Eiablage. Die Jungen können bis Anfang Juni das Nest verlassen. Nach dem Verlassen des Nestes bleiben die Jungen dann aber in der Regel noch vier bis fünf Monate im Familienverband bei den Eltern. Viel länger als bei den meisten anderen Singvögeln kümmern sich also die Eltern um ihre Jungen, woran man sieht, dass der Begriff "Rabeneltern" auf die Kolkraben nicht zutrifft. Kolkraben können sehr alt werden. In der Natur sind 21 Jahre nachgewiesen, in der Gefangenschaft wurde ein Vogel sogar 69 Jahre alt. Das Verhalten der Kolkraben ist teilweise sehr auffällig. Sie veranstalten oft soziale Flugspiele, kreisen gemeinsam, packen sich gegenseitig an den Fängen, fliegen dabei auch einmal auf dem Rücken, veranstalten wilde Verfolgungsjagden mit Sturzflügen, Schleifenflügen und dichtem Übereinanderfliegen. Dieses Verhalten ist eine gute Voraussetzung dafür, dass eine Neubesiedlung schnell beobachtet wird. Damit konnten wir jetzt den ersten Brutnachweis in Rheinland-Pfalz erbringen, mit einer weiteren Ausbreitung ist zu rechnen. Links Kolkraben in Hessen. Ausführliche Infos zur Ökologie, zur Verfolgungs-Geschichte und zur Wiederausbreitung des Kolkraben. |
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