Naturschutz
heute Ausgabe 1/01 vom 26. Januar 2001
Haubentaucher
historisch
Kostbarer Taucherpelz
von Karl Wilhelm
Beichert und Claus Mayr
Artikel
"Torpedo los!" zum Jahresvogel Haubentaucher...
"Der Lappentaucher
lebt am Meere, und wenn er sich in die Tiefe stürzt, bleibt er
solange unter Wasser, wie ein Mensch braucht, um 35 Meter zurückzulegen",
stellte der griechische Naturforscher und Philosoph Aristoteles bereits
300 vor Christus in seiner Historia animalium fest. Auch Conrad Gesner
berichtet in seinem Vogelbuch 1557 ausführlich über Körperbau
und Biologie des Haubentauchers sowie über sein Vorkommen auf den
Schweizer Seen.
Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Rituale des Haubentauchers Auslöser
und Objekt bahnbrechender verhaltenskundlicher Studien, die erstmals
den genauen Balzablauf beschrieben. Auf diesen Grundlagen der Verhaltenskunde
und -beschreibung bauten später Konrad Lorenz und Niko Tinbergen
auf, die für ihre Leistungen sogar den Nobelpreis erhielten.
Eine der schönsten Schilderungen findet sich bei Hermann Löns,
dem Altmeister der Tiernovelle: "Mitten auf dem See schwimmt er,
nicht ungeschickt und plump wie die Wasserhühner und Enten, die
weit aus dem Wasser ragen, sondern wie ein Torpedoboot saust er dahin,
nur einen schmalen Strich des Rückens, den langen Hals und den
Kopf zeigend. Aber was für ein Kopf auch! Erstens die langen, dunklen
Federhörner über der Stirn, und dann der fuchsrote, schwarzbraun
gesäumte Kragen um das silberweiße Gesicht, der ihm ein fremdes,
unheimliches Aussehen gibt, und darin der dolchspitze, lange, rosenrote
Schnabel. Mögen die anderen leidliche Taucher und annehmbare Schwimmer
sein, an ihn reichen sie nicht heran. Hat einer von ihnen so praktische
Schwimmfüße wie er? Wie ein Messer, so scharf sind die Läufe.
Und dann der Leib! Platt und zugespitzt ist er, so dass er das Wasser
wie ein Torpedo durchschneidet, und kein unnützer Ballast von Flügeln
und Schwanz beschwert ihn. Wie Schuppen liegen die Federn an, und so
dicht und fest sind sie, dass kein Wassertröpfchen auf die Haut
gelangt. Der Pinguin und der Alk allein können mit ihm wetteifern
an Zweckmäßigkeit des Körperbaues für die Taucherarbeit".
Den Jägern der vergangenen Jahrhunderte bereitete die Fähigkeit
des Jahresvogels zum schnellen Untertauchen große Probleme. "In
demselben Augenblicke, in welchem beim Abdrücken eines gewöhnlichen
Feuerschlosses das Feuer auf der Pfanne blitzt, ist er auch schon unter
Wasser und der Schuss schlägt auf die leere Stelle, dies ganz gleich
auf 5 oder 50 Schritt Entfernung, ganz gleich, ob vorher der Taucher
den Schützen bemerkt oder von ihm unbesehen beschlichen war",
schildert der Vogelkunde-Pionier Johann Friedrich Naumann zu Beginn
des 19. Jahrhunderts.
Warum aber schoss man überhaupt auf den Haubentaucher? Naumann
selbst tat es hauptsächlich aus wissenschaftlichen Gründen,
zum Beispiel um Daten über die genaue Größe oder über
den Mageninhalt des Vogels zu bekommen. Er wusste aber auch, dass das
Fleisch, wenn man die Haut und das Fett entfernte und es zuvor "in
Essig beizte", zart und nicht allein genießbar wurde, sondern
wirklich wohl schmeckte. Mit Netzen und Garnen zum Essen gefangen wurden
die Taucher noch im 16. Jahrhundert an einem Tag Mitte August auf dem
Greifensee in der Nähe von Zürich, wenn sie wegen der Mauser
flugunfähig waren. Der Tag hieß denn auch "Täucheltag",
und das Mahl, das anschließend von den Jägern zusammen im
Haus des Bürgermeisters eingenommen wurde, "Täuchelmahl".
Auch wegen seines strahlend weißen und sehr dichten Brust- und
Bauchgefieders wurde der Haubentaucher lange Zeit intensiv verfolgt.
Die Federpartien verarbeitete man wie Pelz zu Muffen, Kragen und Verbrämungen
verschiedener Kleidungsstücke, hauptsächlich für wohlhabende
Damen. Alfred Brehm meint dazu Mitte des 19. Jahrhunderts, der Federpelz
des Haubentauchers sei "in der That ein so kostbares Kleidungsstück,
dass man die Verfolgung, welche der Vogel erdulden muss, wenigstens
entschuldigen" könne. Allein eine Firma soll im Jahr die unglaubliche
Zahl von 800 000 Taucherhäuten benötigt haben.
Naturschutz heute,
Ausgabe 1/01 vom 26. Januar 2001
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