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Naturschutz
heute Ausgabe 1/00 vom 4. Februar 2000
Flöhe und andere
Untermieter
Einblicke in den Lebensraum Nistkasten.
von Stefan Bosch,
Peter Havelka & Hans-Walter Mittmann
Nistkästenaufhängen
ist eine der populärsten, einfachsten und meist sofort erfolgreichen
Artenschutzmaßnahmen. Starenkästen fanden bereits im 16. Jahrhundert
Anwendung, damals allerdings noch mit der Absicht, Fleisch zu gewinnen.
Später benutzte man Nistkästen im Forst zur gezielten biologischen
Schädlingsbekämpfung. Heute hängen viele Menschen gerne
Nistkästen auf, weil sie Spaß am Beobachten und am Erleben
von werdendem Leben haben.
Typische gefiederte Nisthöhlenbewohner sind Meisen, Kleiber, Fliegenschnäpper
und Sperlinge in "Vollhöhlen" und der Hausrotschwanz in
halboffenen Höhlen. Gelegentlich finden sich Fledermäuse oder
auch Schlafmäuse wie Siebenschläfer und Haselmaus ein.
Brummende Hornissen,
dösende Florfliegen
Doch diese Aufzählung ist unvollständig. Wer jemals Nistkästen
kontrolliert hat, kennt Flöhe, die einen beim Öffnen anspringen,
Hornissen, die den Kasten umschwärmen, oder Florfliegen, die in der
Ecke dösen. Derartige Bekanntschaften sind typisch für den Lebensraum
Nistkasten, der weit mehr als nur Vögel beherbergt. Höchst interessantes
Kleingetier zählt zu den natürlichen Mitbewohnern und Nachmietern
in natürlichen und künstlichen Bruthöhlen. Leider entsprechen
diese nicht immer unserem Reinlichkeitsdenken und ästhetischen Empfinden,
so dass ihnen zu Unrecht mit Ekel und Vorurteilen begegnet wird. Dabei
gewähren sie uns Einblick in spannende ökologische Beziehungen.
Nistkästen können Tagesunterschlupf, Schlafplatz, Kinderstube
und Überwinterungsplatz sein. Von den Säugetieren sind Siebenschläfer,
Haselmaus, Wald- und Gelbhalsmaus bekannt. Sie beziehen oft nach der ersten
Meisenbrut den Kasten. Artenreicher sind die wirbellosen Nestbewohner
(in der Fachsprache: Nidicolen) vertreten: 120 Arten können im Winter
in Nistkästen festgestellt werden. Wabenbauten finden sich von Hummeln,
Wespen, Hornissen und andere Wildbienen. Schmetterlinge wie der Große
Fuchs schlafen nachts, die Pyramideneule tagsüber im Kasten.
Vögel als
Quartiermeister
Die in den Kästen brütenden Vögel schaffen allerlei Bewohnern
Quartier. Mit dem Nistmaterial gelangen Trauerfliegenlarven, Asseln, Springschwänze
und Hornmilben in den Kasten und damit in einen idealen Lebensraum. Kommen
Motten, Aas- und Speckkäfer hinzu, ist das Recyclingsystem in der
Bruthöhle perfekt, denn sie bauen organisches Material im Kasten
wieder ab - eine sinnvolle Einrichtung in Naturhöhlen.
Meistens leben all diese Tierarten friedlich neben- und miteinander. Zu
Störern des Vogelbrutgeschäftes können allerdings Wespen-
und Hornissenköniginnen, Hummeln und Mörtelbienen, aber selbst
Waldschnecken und Schwammspinnerraupen werden. Auch Fledermäuse führen
zur Brutaufgabe, ebenso menschliche Störungen oder der Wendehals
und andere Vögel, die den Kasten in Beschlag nehmen und das Vorgängernest
einfach überbauen. Außerdem vereiteln manchmal Zugriffe durch
Spechte, Marder, Eichhörnchen oder Waldmäuse den Bruterfolg.
Prima Wohnklima
für Parasiten
Ein spannendes Kapitel sind die Parasiten. Ihr gesamter Entwicklungszyklus
vollzieht sich im Nistkasten, denn sie finden in dessen feucht-warmem
Milieu ideale Bedingungen. Vögel meiden wegen solcher oft in großer
Zahl auftretender Bewohner den Nistkasten, andernfalls kann Parasitenbefall
Nistkastenbewohner schwächen oder in ihrer Entwicklung beeinträchtigen.
Bekannt sind Hühner- oder Vogelflöhe, die oft in Scharen am
Einflugloch lauern, oder die leicht zu übersehenden Vogelmilben.
In Ritzen und Spalten sitzen Schild- und Lederzecken, Vogelblut- und Lausfliegen
sowie Wanzen. Auf die gefiederten Kastenbewohner spezialisiert haben sich
unter anderen Milben und Federlinge. Letztere "Vögelläuse"
kommen mit 40 Arten vor und ernähren sich von Bestandteilen der Vogelfedern.
Auffressen verboten
Alle erwähnten Arten zählen ebenso zum Lebensraum Nistkasten
wie die Singvögel, die wir damit fördern wollen. Die Besiedlung
von Brutplätzen durch Wanzen, Federlinge und Zecken ist ein völlig
natürlicher Vorgang. Interessanterweise nutzen Vögel die Mitbewohner
am Nest nicht als Nahrungsquelle, da sie am Brutplatz kein Nahrungserwerb-Verhalten
entwickeln.
Nur ein übermäßiges Auftreten der Parasiten kann Nachteile
für die Vogelbrut haben. Um dies zu vermeiden, ist bei Nistkästen
eine gewissen Pflege unumgänglich. Im Herbst oder Winter sollte die
Brutstätte von Nistmaterial und anderem gereinigt werden.
Eine 46-seitige, reich bebilderte Broschüre "Nistkasten - ein
Lebensraum und seine Pflege" gibt es für drei Mark in Briefmarken
bei der Staatlichen Vogelschutzwarte Baden-Württemberg, Kriegstraße
5a, 76137 Karlsruhe.
Naturschutz heute,
Ausgabe 1/00 vom 4. Februar 2000
Inhaltsverzeichnis Ausgabe
1/00
Naturschutz
heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes
Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten
unter www.NABU.de.
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