NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2008 Heft 4 Atomausstieg

Atomausstieg - Kein Weg zurück

Kein Weg zurück

Die Energiewende ist nur mit Atomausstieg möglich

von Carsten Wachholz und Bernd Pieper

Atomkraftwerk Biblis

Atomkraftwerk Biblis


Ein Untoter versucht sich seit einiger Zeit an einem Comeback: Die Atomenergie soll die Welt vor dem Klimawandel und die deutschen Bürger vor Strompreiserhöhungen retten. So sehen das zumindest die Unionsparteien, aber auch Teile der SPD und sogar einige Grüne – von den Energiekonzernen war sowieso nichts anderes zu erwarten.

Die Palette der Vorschläge reicht vom Totalausstieg aus dem Atomausstieg über den Bau neuer Anlagen und die bedingungslose Laufzeitverlängerung bestehender Meiler bis hin zur Bindung dieser Laufzeitverlängerung an die grundsätzliche Festschreibung des Atomausstiegs in der deutschen Verfassung oder die Investition daraus resultierender Gewinne in Erneuerbare Energien.

Internationaler Druck
Laut einer aktuellen EU-Umfrage ist die Zahl der Atomkraftbefürworter in Deutschland in den letzten drei Jahren um acht Prozentpunkte gestiegen und liegt mit 46 Prozent nur noch knapp hinter der Zahl der Gegner (47 Prozent). Damit zeichnet sich ab, dass Atomenergie ein zentrales Thema im Bundestagswahlkampf 2009 werden könnte. Beim Weltwirtschaftsgipfel im japanischen Hokkaido Anfang Juni hatten die USA Deutschland unter Druck gesetzt, den Atomausstieg zu stoppen. Wer es mit dem Klimaschutz ernst meine, müsse auch die Kernkraft nutzen.

Der NABU dagegen ist und bleibt überzeugt, dass es vom Atomausstieg und der verstärkten Nutzung Erneuerbarer Energien keinen Weg zurück geben darf. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke drohen die notwendige Energiewende ausgerechnet jetzt zu blockieren, da sie richtig in Fahrt kommt.

Keine Versorgungslücke in Sicht
Die Argumente der Atombefürworter stehen nach wie vor auf tönernen Füssen. So ist das Mantra von der drohenden Versorgungslücke angesichts des anhaltenden Exportüberschusses bei deutschem Strom – 19 Milliarden Kilowattstunden im Jahr 2007 – bestenfalls ein Beleg für die gelungene PR der Atomlobby. Die träge Atomenergie ist angesichts der tages- und jahreszeitlichen Schwankungen von Stromnachfrage und -angebot nicht in der Lage, flexibel auf den unterschiedlichen Bedarf zu reagieren. Dabei mangelt es nicht an zukunftsfähigen Alternativen: Ein breiter Mix aus Erneuerbaren Energien einschließlich grundlastfähiger Biomasse und Geothermie, dezentrale Blockheizkraftwerke und hocheffiziente Gas- und Dampfturbinen, verbunden mit intelligenten Steuerungs- und Speichertechnologien.

Die Sicherheit einer wirtschaftlichen Energieversorgung hängt direkt mit der deutschen Importabhängigkeit bei Uran, Kohle, Öl und Gas zusammen. Angesichts der weltweit steigenden Nachfrage und der anhaltenden politischen Instabilität vieler Energieexportländer sind verschärfte Konflikte um die knapper werdenden Ressourcen nahezu zwingend.

Begrenzte Uranvorräte
Daher ist eine wachsende dezentrale und alternative Versorgung vorrangig auf Basis der heimischen Energieträger Wind, Biomasse, Solar, Wasser und Erdwärme unumgänglich. Schon innerhalb der nächsten zehn Jahre werden Erneuerbare Energien günstiger als fossile und nukleare Ressourcen nutzbar sein. Und es sei in diesem Zusammenhang noch einmal daran erinnert, dass bereits heute 250.000 Menschen in Deutschland im Umfeld der Erneuerbaren Energien arbeiten, während Beschäftigtenzahl und Investitionen im konventionellen Energiesektor deutlich rückläufig sind.

Der angebliche Beitrag der Atomenergie zum Klimaschutz ist bestenfalls kurzfristiger Natur. Auf lange Sicht kann die Atomenergie schon wegen der begrenzten Uranvorräte keinen nennenswerten Beitrag zur Kohlendioxidminderung leisten. Im Gegenteil: Ein Festhalten an der Atomkraft würde den Umbau unserer Energieversorgung entscheidend hemmen und die langfristig notwendigen Minderungsziele unerreichbar machen. Als reine Kondensationskraftwerke haben Atommeiler zudem einen schlechten Wirkungsgrad: Fast zwei Drittel der eingesetzten Primärenergie verpuffen als Abwärme in die Atmosphäre oder heizen unsere Flüsse auf.

Kein Endlager, nirgends
Weltweit gibt es bis heute kein Endlager für hochradioaktive Abfälle. In Deutschland wurde in den 70er Jahren eher zufällig mit dem Erkundungsbergwerk in Gorleben ein Salzstock ausgewählt, der auch aus geologischer Sicht keineswegs erste Wahl war. Vieles spricht dafür, dass er völlig ungeeignet ist. Die Probleme bei der Entsorgung wurden durch die jüngst bekannt gewordenen Vorfälle im Atommülllager Asse II noch einmal bestätigt. „In der Asse wurde die sichere Einlagerung in einem Salzstock erprobt – und das ist offensichtlich schief gegangen“, konstatiert NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Die vorzeitige und unkritische Festlegung von CDU/CSU und der Atomindustrie auf das Endlager Gorleben sei damit gescheitert, notwendig sei vielmehr eine ergebnisoffene, bundesweite Suche nach einem geeigneten Endlager für den hochradioaktiven Müll.

Der NABU plädiert zudem dafür, die Stromkonzerne stärker an den immensen Folgekosten ihrer Risikotechnologie zu beteiligen. Statt unberechtigte Hoffnungen auf niedrigere Energiepreise zu schüren, müssen die Atomkonzerne endlich die vollen Kosten für Sicherheit, Betrieb und Entsorgung übernehmen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass andere Energieträger wie Öl und Gas besteuert werden, der Einsatz von nuklearen Brennstoffen aber steuerfrei bleibt.

Effektiver Klima- und Ressourcenschutz braucht keine Atomenergie, sondern erfordert eine deutliche Senkung des Stromverbrauchs, den beschleunigten Ausbau der dezentralen und hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplung sowie den Einsatz eines möglichst breiten Mixes an Erneuerbaren Energien. Da in den nächsten 20 Jahren ein Großteil der deutschen Kraftwerke erneuert werden muss, bietet sich die einmalige Chance, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Diese sollten wir nutzen.

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