NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2008 Heft 3 Natur & Umwelt
Natur & Umwelt
Bienensterben durch Beizmittel | Zäher Kormoran-Nachwuchs | Ökostrom mit Gütezeichen | Turmfalkenzählung | Wolfsnachrichten | Vogel-Pisa in Bayern | Rote Liste weltweit | Seeadler stirbt Stromtod
Umweltskandal in Baden
Mai-Beize lässt Bienen sterben
Anfang Mai meldeten zahlreiche badische Imker massive Zusammenbrüche ihrer Bienenvölker - trotz milder und bienenfreundlicher Witterung. Bald wurde aus Vermutungen Gewissheit: Verantwortlich für das Sterben der Bienenvölker war das Nervengift Clothianidin, da unter anderem in mit dem Mittel "Poncho" der Bayer AG gebeiztem Mais-Saatgut enthalten ist. Beim Ausbringen des Saatguts mit pneumatischen Sämaschinen war hoher Abrieb entstanden und der gifthaltige Staub legte sich großflächig über die Landschaft, ging über Äckern ebenso nieder wie über blühenden Obstwiesen. Nach offiziellen Angaben waren insgesamt 11.500 Honigbienenvölker betroffen. Bayer hat den Imkern inzwischen zwei Millionen Euro als Entschädigung angeboten.
Niemand jedoch kennt die Zahl der zusätzlich vergifteten Wildinsekten und über die Langzeitfolgen des Nervengifts weiß man wenig. Trotzdem hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) Mitte Juni vier ebenso wie Poncho Clothianidin enthaltende Raps-Beizmittel - Antarc, Chinook, Cruiser OSR und Elado - wieder zugelassen. Für Poncho selbst ruht die Zulassung zunächst weiter. Das BVL begründet die Wiederzulassung damit, dass die Insektizide nun mit einem zusätzlichen Haftmittel ans Rapskorn gebunden werden müssten, "so dass ein Abreiben des Pflanzenschutzmittels vom Saatgut vermieden wird".
"Angesichts der zahlreichen immer noch bestehenden Wissenslücken ist die Wiederzulassung von Clothianidin-Beizmitteln unverantwortlich. Wenn nun das Gift wieder ausgebracht werden darf, dürfte das nächste Massensterben nur eine Frage der Zeit sein", warnt NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller. "Wir fordern das BVL auf, den Schutz der Bienen und anderer Blütenbestäuber deutlich sorgfältiger zu prüfen. Eine Bundesbehörde darf auch vor dem massiven Lobbydruck der Herstellerfirma nicht einknicken, sondern muss das Vorsorgeprinzip ernst nehmen", so Miller.
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Zäher Kormoran-Nachwuchs
Tötungsaktion am Bodensee weitgehend fehlgeschlagen
Trotz vieltausendfachem Protest von NABU-Mitgliedern haben Mitarbeiter des Regierungspräsidiums Freiburg am 9. April die Kormorankolonie am Bodensee mit Laserscheinwerfern heimgesucht. Ziel war es, dass die Altvögel ihre Nester verlassen und so die Eier auskühlen und absterben, damit der Kormoranbestand abnimmt. Angler und Fischer werfen dem Kormoran vor, den Rückgang der Fischbestände zu verursachen - ein Vorwurf, für den es keinerlei wissenschaftliche Belege gibt.
Wenige Wochen später zeigte sich allerdings, dass die Aktion nur begrenzt Erfolg hatte. Unklar ist, ob es an den zu hohen Temperaturen an jenem April-Abend lag oder an der durch den massiven Protest zu geringen Aktionsdauer. Fakt ist: Zahlreiche Kormoranküken haben die Störung überlebt und wachsen nun in den Nestern heran. NABU-Experten haben die Kolonie intensiv beobachtet und festgestellt, dass im Schnitt rund zwei bis drei Jungkormorane in den Nestern sitzen. Normal wären drei bis vier.
Traurig stimmt indes, dass inzwischen bereits ein neuer Antrag der Fischer beim Regierungspräsidium eingegangen ist, in dem sie die massive Tötung von Kormoranen beantragen.
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Was Ökostrom-Kunden wissen sollten
NABU fordert bessere Informationspolitik der Anbieter
Verbrauchertäuschung durch Ökostrom-Anbieter? Lichtblick, dem größten Anbieter von Ökostrom in Deutschland, wird vorgeworfen, auch Kohle- und Atomstrom zu liefern. Der Hintergrund: Für Großkunden muss in Ausnahmefällen zusätzlicher Strom aus nicht- erneuerbaren Energien bereitgestellt werden. Die Bedingungen im Strommarkt lassen derzeit kaum andere Lösungen zu.
Derzeit enthält der durchschnittliche Strommix in Deutschland nur rund 14 Prozent Erneuerbare Energien. Wenn zur kurzfristigen Bereitstellung zusätzlicher Strommengen für Großkunden Ökostromanbieter auf das gesamte Jahr bezogen weniger als ein Prozent Regelenergie aus nicht-erneuerbaren Energiequellen einkaufen, ist das aus NABU-Sicht akzeptabel.
Im Idealfall kommt für diesen geringen Anteil Strom aus hocheffizienten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zum Einsatz, die meistens mit Erdgas betrieben werden. Allerdings fordert der NABU alle Ökostrom-Anbieter auf, die Kunden in Zukunft besser über ihre Strom-Bezugsquellen zu informieren.
Ökostrom-Anbieter wie Lichtblick, Greenpeace Energy, Naturstrom und den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) leisten einen aktiven Beitrag zum weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien. Für den Kunden lässt sich das am besten über eine Zertifizierung nachvollziehen. Der NABU unterstützt daher das Grüner-Strom-Label, bei dem mindestens ein Cent pro Kilowattstunde verkauften Stroms in neue Anlagen investiert wird.
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In Nistkästen mehr Nachwuchs
Jahresvogel-Zählung beim Turmfalken
Im Rahmen der traditionellen Bestanderfassung des jeweiligen Jahresvogels wurden beim Turmfalken im vergangenen Jahr bundesweit insgesamt 498 Untersuchungsgebiete mit 2.581 Falkenrevieren erfasst. Bezogen auf 100 Quadratkilometer erzielte Hessen mit im Mittel 45,9 Revieren auf 100 Quadratkilometern den höchsten Wert. In landschaftlich überwiegend großräumig strukturierten Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Brandenburg wurden deutlich weniger Turmfalken registriert. Hier lagen die Zahlen zwischen 7,1 und 11,8 Revieren.
Die Auswertung zeigt auch, dass bei mehr als 96 Prozent der Turmfalken der Nachwuchs - oder zumindest ein Teil davon - flügge wurde. Dabei war die Erfolgsquote mit je Nest 4,07 aufgezogenen Jungvögel in Nistkästen deutlich besser als bei Naturnestern mit 3,38 Jungvögeln.
Die Ergebnisse deuten auf eine intakte Vermehrungsrate hin, auch wenn nur Daten aus einem einzigen Kalenderjahr ausgewertet werden konnten. Bei Turmfalken ist der Bruterfolg immer auch stark vom Beuteangebot abhängig: in ländlichen Regionen vor allem von Feldmäusen, im städtischen Bereich auch von der Kleinvogeldichte.
Unter den Brutstandorten waren Kirchtürme am beliebtesten, gefolgt von anderen höheren Gebäuden. Im ländlichen Raum wurden auch vielfach Scheunen landwirtschaftlicher Betriebe bezogen. Rund zwölf Prozent der Turmfalken brüteten auf Bäumen. Da die Falken keine eigenen Nester bauen, handelt es sich bei den meisten Baumbruten um Nachfolgebruten in alten Nestern von Krähen, Kolkraben oder auch nestbauenden Greifvögeln wie Mäusebussarden.
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Wolfsnachrichten
Vor acht Jahren wurden in Deutschland nach 150 Jahren wieder die ersten Wölfe in freier Wildbahn geboren. Auch in diesen Jahr gibt es wieder Nachwuchs. Im westlichen Teil des Biosphärenreservates Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft wurde im Juni ein etwa vier Wochen alter Wolfswelpe gesichtet. Das ist der erste Beleg für Wolfsnachwuchs 2008. Gegenwärtig begeben sich die kleinen Wölfe auf die ersten Erkundungstouren außerhalb ihrer Höhle.
Unterdessen ist auch Hessen erstmals kein weißer Fleck mehr auf der Wolfslandkarte. Ein Einzeltier streift wohl schon seit ein paar Monaten durch den Reinhardswald nördlich von Kassel. Von einem Jäger konnte das Tier fotografiert und die vermeintlichen Sichtungen damit bestätigt werden.
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Der Spatz, das unbekannte Wesen
"Vogel-PISA": Ernüchternde Ergebnisse bei bayernweiter Schülerbefragung
Nachdem bayerische Schüler bei der Pisa-Studie der OECD gut abgeschnitten hatten, führte die Fachhochschule Weihenstephan nun in Zusammenarbeit mit dem bayerischen NABU-Partner LBV ein "Vogel-Pisa" durch. Hierzu wurden Schüler der vierten, siebten und zwölften Klassen in allen bayerischen Regierungsbezirken befragt. Die über 3.000 Schülerinnen und Schüler gaben auch Auskunft, woher sie die Arten kennen, wie interessant sie Vögel finden und wie oft sie sich in der Natur aufhalten.
Die Schüler wurden nach den zwölf häufigsten Gartenvögeln befragt. Das sind Amsel, Buchfink, Buntspecht, Elster, Gimpel, Grünfink, Haussperling, Kleiber, Kohlmeise, Rotkehlchen, Star und Zaunkönig. Bei Vorlage von Bildern erkannten sie im Durchschnitt 4,2 Arten. Ernüchternd: 7,4 Prozent der Schüler kennen keinen einzigen dieser Vögel. Nicht einmal jeder hunderste Schüler konnte dagegen alle zwölf Arten richtig bestimmen. Die Amsel ist mit großem Abstand am bekanntesten, Bayerns häufigster Vogel, der Buchfink, ist der unbekannteste der zwölf. Den Haussperling kennt nur noch jeder dritte Schüler. Schüler mit höherer Schulbildung haben eine größere Artenkenntnis, Mädchen verfügen über etwas höheres Wissen als Jungen.
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Auswirkungen des Klimawandels
Neue weltweite Rote Liste der Vögel
Zum Start der Bonner UN-Konferenz über biologische Vielfalt haben BirdLife International - der weltweite Dachverband des NABU - und die Internationale Naturschutzunion IUCN ihre neue Rote Liste der bedrohten Vogelarten der Welt vorgestellt. Demnach sind derzeit über 1.200 Vogelarten weltweit gefährdet.
Die Liste belegt erstmalig, dass sich der Klimawandel negativ auf die Vogelbestände auswirkt, insbesondere durch lange Dürreperioden, die Ausbreitung der Wüsten und extreme Wettersituationen. Im Vergleich zur vorherigen Fassung von vor vier Jahren mussten in der höchsten Kategorie acht Arten, darunter der Tristan-Albatros, der Löffelstrandläufer, und die Floreana-Spottdrossel zusätzlich als vom Aussterben bedroht eingestuft werden. Zudem steigen 24 Arten in eine höhere Gefährdungskategorie auf, darunter der auch in Deutschland vorkommende Große Brachvogel und die in Spanien, Frankreich und Italien lebende Provencegrasmücke.
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E.ON stoppt Bundesadler
Bayrischer Seeadler stirbt an ungesichertem Strommast
2006 am Altmühlsee, dieses Frühjahr am Chiemsee: Deutschlands Wappenvogel, der Seeadler, versucht nun auch im Freistaat Bayern wieder Fuß zu fassen. Doch die Ansiedlung eines dritten Paares im Landkreis Schwandorf ist zunächst gestoppt, weil der Stromversorger E.ON das Naturschutzgesetz nur schleppend umsetzt.
Anfang Mai verendete der männliche Seeadler an einem ungesicherten Strommast. Der Revierförster hatte den Seeadler wehrlos, fast bei lebendigem Leib verfault gefunden und in die Pflegestation Regenstauf des bayerischen NABU-Partners Landesbund für Vogelschutz (LBV) gebracht. "Verbrennungen nach einem Stromschlag", so die klare Aussage von Stationsleiter Karl Büchl. In diesem Jahr sind bereits zwei Wanderfalken, zwei Uhus, ein Weißstorch, ein Rotmilan und mehrere Falken unter Strommasten gefunden worden.
Seit 2002 sind Stromversorger gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Strommasten zu sichern, sie haben dazu eine Zehnjahresfrist bis 2012. Bereits 2004 hatte der LBV ihnen für Bayern die Strecken gemeldet, entlang denen besonders gefährdete Vögel vorkommen oder Schutzgebiete liegen. Die Masten in diesen Bereichen sind jedoch noch längst nicht gesichert. So auch der Todesmast im Versorgungsgebiet der E.ON, an dem nun der Seeadler verunglückte.
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