NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2008 Heft 2 Leuchtturm-Projekte

Leuchtturmprojekte: Vier von Vielen

Beispiele ehrenamtlicher Arbeit im Dienst der Artenvielfalt

von Alexandra Kiefer & Bernd Pieper


Projekt Elmeere, Föhr | Projekt Oberweser, Holzminden | Projekt Emsauen, Münster | Projekt Streuobstwiesen Darmstadt


Es ist viel geredet und geschrieben worden im Vorfeld der Bonner UN-Artenschutzkonferenz - über die Verpflichtung der Europäischen Gemeinschaft, den Verlust an biologischer Vielfalt in der EU bis zum Jahr 2010 aufzuhalten, über die Notwendigkeit wirksamer Beschlüsse, über mangelnde Kompromissfähigkeit und über die besondere Verantwortung des Gastgebers Deutschland. Alles richtig.

Doch noch besser als kluges Reden ist richtiges Handeln, und diese Einsicht stand Pate bei dem Projekt "Von der zündenden Idee zum Flächenbrand", das der NABU im vergangenen Sommer mit der Unterstützung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) ins Leben gerufen hat. Gesucht wurden herausragende nationale Beispiele für die erfolgreiche Arbeit zum Schutz der Biodiversität, die den Delegierten aus aller Welt in Bonn präsentiert werden sollen. Aus über 60 Bewerbungen, einer Leistungsschau des praktischen Naturschutzes in Deutschland, wurden schließlich vier Projekte ausgewählt, die sowohl die thematische als auch die geografische Bandbreite moderner Naturschutzarbeit repräsentieren.

Im Rhythmus der Gezeiten
Der 1993 gegründete Verein "Elmeere - Förderkreis landschaftstypischer Naturräume" auf der Nordseeinsel Föhr, inmitten des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer gelegen, hat sich dem Schutz der ökologischen Vielfalt in der Föhrer Marsch verschrieben. Auf den Marschflächen, dem flachen, landeinwärts gelegenen und sehr fruchtbaren Schwemmland, brüten Bekassine, Uferschnepfe, Löffler, Rohrdommel und Kampfläufer, finden Ringelgans oder Austernfischer einen Rastplatz auf ihrem weiten Weg ins Winterquartier.

Doch Zersiedelung und intensive Landwirtschaft bedrohen wertvolle Lebensräume, so auch das namensgebende Gewässer Elmeere, das längst von der Insel verschwunden ist. Deshalb wurden bis heute über 70 Hektar, beinahe ein Prozent der gesamten Inselfläche, erworben, um besonders wichtige Flächen schützen zu können. "Nach der Formel € = m² verwendet Elmeere jeden gespendeten Euro zum Kauf und zur Renaturierung Föhrer Marschflächen", betont Helmut Finckh vom Verein Elmeere. In unzähligen Arbeitsstunden haben die Vereinsmitglieder seither die Flächen renaturiert. Die extensive landwirtschaftliche Nutzung der Marschwiesen sorgt dafür, dass die Flächen nicht wieder zuwachsen. So finden heute Moor- und Grasfrosch, Schwanenblume und Krebsschere in den Feuchtwiesen wieder ihren Platz.

Elmeere möchte möglichst vielen Nordseetouristen die Naturschönheiten der Insel Föhr nahe bringen. Deshalb werden regelmäßig naturkundliche Exkursionen angeboten. Eine Besonderheit sind die Beobachtungsmöglichkeiten des Andelhofes, wo die Besucher aus Verstecken völlig störungsfrei die Vogelwelt auf einer sieben Hektar großen Fläche mit dem Fernglas beobachten können.

Neue Dynamik an der Oberweser
Auenwälder in ihrer ursprünglichen Form sind typische Landschaften der Flussniederungen. Der Wechsel zwischen Hoch- und Niedrigwasser, die Entwicklung von Altarmen und Seitengewässern lassen eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt entstehen. Pirol und Storch, Biber und Fischotter können hier ideale Bedingungen vorfinden.

Soviel zum Idealbild, die Realität sieht leider vielerorts anders aus. So auch an der Oberweser, wo die alten Auenniederungen durch den Menschen und seine Nutzungsinteressen nachhaltig verändert wurden. Da aber Hochwasserschutzdämme fehlen, ist die natürliche Abflussdynamik an vielen Stellen erhalten geblieben. Ein Glücksfall für den NABU Holzminden, der seit 1991 mit Unterstützung der Fachhochschule Höxter und weiterer lokaler Akteure daran arbeitet, Abschnitte der Oberweser wieder in ihren natürlichen Zustand zu überführen. Dabei konzentrieren sich die Naturschützer auf die Rinnensysteme, durch deren Wiederbelebung soll der Fluss auf Dauer wieder selbst zum Auenarchitekten werden.

Die Vertiefung der Flutrinnen und die Anpflanzung auentypischer Gehölze haben zu ersten Erfolgen geführt: Jungfische finden einen geschützten Lebensraum, in den Wintermonaten legen zahlreiche Wat- und Wasservögel an der Oberweser wieder eine Rast ein und die Zahl der Libellenarten hat sich innerhalb weniger Jahre von acht auf 23 erhöht. Der NABU Holzminden hofft, dass die bislang renaturierten Flächen als Trittsteine für die Ausbreitung seltener Arten entlang der Weser dienen: "Wir sehen uns nur als Wegbereiter, indem wir der Weser den nötigen Freiraum schaffen und dem Wasser erste Angriffspunkte bieten. Die eigentliche Gestaltung der Aue übernimmt der Fluss selbst."

Wildpferde in der Emsaue
Direkt vor den Toren der Stadt Münster liegt ein europaweit einzigartiges Naturparadies. Über die Jahrhunderte ist durch Beweidung eine parkähnliche, von Sumpfgebieten und Wasserstellen durchzogene Landschaft mit Wiesen, Weiden und lichten Waldbereichen entstanden. Die stellenweise noch ungezähmte Ems ließ auf sandigem Untergrund Sandbänke und strukturreiche Uferabschnitte entstehen, wo heute nicht nur der Eisvogel zuhause ist. Doch auch hier hat die moderne Landwirtschaft vielerorts ihren Tribut gefordert, intensive Beweidung die ursprüngliche Artenvielfalt reduziert.

Um eine Trendumkehr zu erreichen hat die NABU-Naturschutzstation Münsterland im Jahr 2004 ein Modellprojekt ins Leben gerufen. Rinder und Pferde haben die ursprüngliche Beweidungsfunktion der ausgestorbenen Auerochsen und Waldtarpane übernommen, in ausgewählten Bereichen der Emsaue weiden Heckrinder und Wildpferde. Die Tiere haben viel Platz und bleiben auch im Winter auf den Flächen sich selbst überlassen. Daraus resultiert ein natürlicher Prozess der Landschaftsentwicklung mit strukturreichen Wiesenflächen, Waldrändern und lichten Waldbereichen.

Die Artenvielfalt ist imponierend. Auf den sandigen Wiesenböden wachsen Heidenelke und Berg-Sandglöckchen, in den Stillgewässern finden sich Laubfrosch und Sumpfschrecke. Darüber hinaus sind die Emsauen ein Paradebeispiel für die wechselseitigen Beziehungen in der Natur: Im Dung der Weidetiere gedeihen viele Insekten, die wiederum als Nahrungsgrundlage für Neuntöter, Dorngrasmücke und verschiedene Fledermausarten dienen. "Mit der Ganzjahres-Freilandhaltung von Weidetieren ohne Zufütterung wird ein Naturschutzansatz verfolgt, der die Rolle von pflanzenfressenden Tieren in mitteleuropäischen Ökosystemen ganz neu einordnet", so Michael Steven von der NABU-Naturschutzstation Münsterland.

Artenvielfalt in der Kulturlandschaft
Im Osten von Darmstadt, am Rand des wärmebegünstigten Rheingrabens, findet sich ein ökologisches Kleinod. Da das große, zusammenhängende Streuobstwiesengebiet auf eiszeitlichen Flugsanden liegt, befinden sich dort zwischen den Wiesen echte Dünen mit zahlreichen wärmeliebenden Insekten. Hier ist der Tisch für Specht und Wendehals reichlich gedeckt, das einmalige Vegetationsmosaik aus Streuobstwiesen und kargen Sandböden bietet auch der Ödlandschrecke und vielen seltenen Bienenarten eine gute Lebensgrundlage.

Seit 1995 kümmert sich der Freundeskreis Eberstädter Streuobstwiesen um diese artenreiche Kulturlandschaft. Beinahe 2000 Bäume wurden neu gepflanzt, alte Bäume saniert und weite Flächen von wuchernden Brombeeren und Schlehen befreit. 350 Schafe beweiden die rund 70 Hektar unter hochstämmigen Ostbäumen und verhindern so eine erneute Verbuschung.

Um die wertvolle Landschaft zu sichern, bemühen sich die Freunde der Eberstädter Streuobstwiesen darum, möglichst vielen Menschen durch Exkursionen oder Kräuterwanderungen die einzigartige Obstwiesen-Natur nahe zu bringen. Beim Honigfest im Sommer oder beim Kelterfest im Herbst kann man zudem die geschmackliche Vielfalt der Streuobstprodukte genießen. Und seit 2005 gibt es einen Naturkindergarten, wo schon die Kleinsten spielerisch die Natur erforschen können. "Wir möchten die Eberstädter Ostwiesen für alle Darmstädter mit allen Sinnen erlebbar machen", betont Bettina Orthmann. "Und bei uns kann sich jeder Stadtbürger engagieren und so unbürokratisch vor der eigenen Haustür die einzigartige Kulturlandschaft und ihre Vielfalt bewahren helfen.

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