NABU.de NABU Naturschutz heute Jahrgang 2008 Heft 1 Die Mistel
Die Mistel
Klebrige Zauberpflanze
Die Mistel beginnt bereits im Februar zu blühen
von Helge May
Extras: Drei Unterarten | Schutz vor Geistern | Artikel-Langfassung und Mistel-Links
Laubholzmistel
Die gelbgrüne Mistel mit den länglichen, immergrünen Blättern und den runden weißen Beeren fällt vor allem im Winter auf. Denn Misteln leben als Schmarotzer auf Bäumen und ihre Zweige bilden dort typische, auf den winternackten Bäumen weithin sichtbare Kugeln.
Zur Vermehrung der Mistel hat sich die Natur einen ganz besonderen Trick ausgedacht: Ihre weißen Früchte sind so klebrig, dass ein Teil davon an Vogelschnäbeln haften bleibt. Früher wurden sogar Vögel gefangen, indem man Ruten mit aus Misteln gewonnenem "Vogelleim" bestrich.
Leben huckepack
Misteldrossel
Vor allem Misteldrosseln und Seidenschwänze naschen gern von den Beeren. Wetzen sie ihren Schnabel an einem Zweig oder Ast oder hinterlassen dort ihren Kot, kleben die Mistelsamen an der Rinde des künftigen Wirtsbaumes fest. Treibt dann der Samen aus, bildet sich zunächst eine Haftscheibe, um der Jungpflanze Halt zu garantieren. Der Spross ändert dann seine Wuchsrichtung und bohrt sich in die Rinde des Wirtsbaumes ein. Die Mistel zapft als Halbschmarotzer so Wasser und Mineralstoffe ab, die der Baum aus der Erde zieht.
Bis die Mistel endlich an den Leitungsbahnen des Wirtes andockt, vergeht rund ein Jahr. Die Jungpflanze hat also eine lange Durststrecke zu überstehen. Die Mistel wächst überhaupt recht langsam. So können die kaum einen halben Meter im Durchmesser großen Mistelbüsche auf dem Wochenmarkt leicht 20 oder 30 Jahre alt sein.
Misteln sind zweihäusig, es gibt also rein weibliche und rein männliche Pflanzen. Sie blühen bereits früh im Jahr ab Februar, bis in den Mai hinein. Für die Befruchtung sorgen vor allem Fliegen. Und wenn es im Frühjahr noch zu kalt für Insekten ist, dann bestäubt der Wind. Die weißen bis cremefarbenen Beeren reifen schließlich im Spätherbst heran.
Lästig auf ungenutzten Obstwiesen
Ihren Wirtsbäumen fügt die Mistel durch den Wasser- und Mineralienentzug in der Regel keinen dauerhaften Schaden zu. Allerdings kann dichter Mistelbewuchs zu verminderter Wuchsleistung des Baumes führen. In Streuobstwiesen, die nur noch sporadisch genutzt und gepflegt werden, vermehren sich die Misteln auf Apfelbäumen manchmal geradezu explosionsartig, wodurch nicht nur der Fruchtansatz leidet, sondern auch die Bäume als Ganzes ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen werden können.
Laubholzmistel
Misteln sind Wildpflanzen und damit generell größeren oder kommerziellen Sammelaktionen nicht zugänglich, die Entnahme der geschützten Pflanze aus der freien Natur ist zudem nur mit besonderer Genehmigung möglich. Von Stürmen heruntergeworfene Misteln aber können bedenkenlos auch in größeren Mengen gesammelt werden. In Kulturen wie Gärten oder Streuobstwiesen ist das "Ernten" von Misteln in Abstimmung mit dem Bewirtschafter ebenfalls unproblematisch.
Zwischen Himmel und Erde
Die Menschen waren von den "Lebewesen zwischen Erde und Himmel" schon früh von der Mistel fasziniert. Besonders bei den Germanen und den Kelten galt sie als wundertätige Pflanze. Den keltischen Druiden sei "nichts heiliger als die Mistel und der Baum, auf welchem sie wächst", schreibt Plinius in seiner Naturgeschichte.
Die Verehrung für die Mistel blieb auch in späteren Jahrhunderten erhalten und wurde in christliche Gebräuche integriert. Nun galt die Mistel als segnende und friedensstiftende Pflanze. Unter ihr versöhnte man sich und gab sich den Friedenskuss. Vom Friedenskuss war es nicht weit zum Liebeskuss, so dass vor allem in Skandinavien, Großbritannien und Nordamerika ein Mistelzweig über der Türschwelle Liebenden bereits vor der Ehe erlaubte, sich ungestraft zu küssen - nicht nur zur Weihnachtszeit.
Drei Unterarten
Es gibt drei Unterarten der Mistel, die sich äußerlich kaum unterscheiden, jedoch immer nur auf bestimmten Bäumen wachsen. Hoch spezialisiert auf jeweils nur eine Art sind die Kiefernmistel und die Tannenmistel. Ein wesentlich breiteres Spektrum deckt die Laubholzmistel ab. Sie schmarotzt auf Weiden und Pappeln genauso wie auf Apfelbäumen, Linden, Robinien oder Ahorn. Buchen dagegen werden ebenso gemieden wie Eichen.
Kiefernmistel
In Deutschland kommt die Laubholzmistel fast flächendeckend vor. Die Tannen- und die Kiefernmistel findet man vor allem im natürlichen Verbreitungsgebiet ihrer Wirtsbäume. Bei der Weißtanne also Alpen und Voralpengebiet sowie die südlichen Mittelgebirge, bei der Kiefer die nördliche Oberrheinebene, Franken, Nordbayern und Brandenburg.
Auch wenn die Vorkommen nach Norden hin spärlicher werden, gilt die Mistel bestenfalls regional als gefährdet, so zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich sogar deutlich ausgebreitet, da sie in den vom Sauren Regen und Abgasen lichter gewordenen Baumkronen bessere Wuchsbedingungen vorfindet. Die Laubholzmistel zeigt zudem eine interessante Vorliebe für aus Amerika importierte Ziergehölze wie Tulpenbaum und Schwarznuss, so dass sie gerade in städtischen Parks und in Friedhöfen besonders große Bestände hat.
Schutz vor Geistern
Unsere Vorfahren hängten Mistelzweige zum Schutz vor Feuer und bösen Geistern an die Hauswand. Die heilkundigen Druiden verwendeten sie zudem als Arzneipflanze gegen Epilepsie und Schwindelanfälle. Dann war sie lange in Vergessenheit geraten, heute macht die alte Zauberpflanze Mistel bei uns eine neue Karriere als trendiger Winterschmuck. Auch werden Blattextrakte - die weißen Beeren sind giftig - in zahlreichen Arzneien zur Blutdrucksenkung, bei Altersbeschwerden und Arteriosklerose, ja sogar zur Krebsbehandlung eingesetzt.
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